Karte 44: Die amerikanische Wüste im deutschen Schlager der 70er Jahre

Wie ich auf dieses Thema kam Ich habe mir alte Platten angehört. Schlagersammlungen. In den 70ern gab es regelmäßig Platten, auf denen die aktuellen Schlager zusammengefasst wurden. Diese wurden dann zugunsten der Deutschen Sporthilfe oder der Aktion Vergissmeinnicht verkauft (2 Mark aus dem Erlös gingen dann an die jeweilige Organisation).

  • Arizona

Auf der Platte xxx findet sich der Schlager Arizona Man von Mary Roos. Der Komponist Giorgio Moroder schuf hier den ersten deutschsprachigen Song, in dem ein Synthesizer verwendet wurde, und das auch in einer eingängigen Melodie. Im Text von Michael Holm begehrt sie einen Herrn aus Arizona, den sie jedoch wegen ihrer Eltern nicht treffen darf. Nunja, 1970 eben. Nachdem der Text durch ist, darf sich Moroder nochmal am Synthesizer austoben. Wenn Mary Roos – oder andere Sängerinnen –  das Lied heute noch ziemlich ironiefrei zum besten geben, wirkt es etwas peinlich.

  • New Mexico

Also weiter nach Albuquerque. Das liegt in New Mexico. Auf dem Marktplatz dort lebte jahrelang ein Mann. Er ist der Ansicht, dass die Menschen zu traurig sind und möchte sie erheitern. Deswegen schnitzt er Puppen und spielt mit ihnen Geschichten für die Menschen, mal traurige, mal frohe, und „nicht immer endet ein Spiel im Glück“. Der „Puppenspieler von Mexico“ ist also eigentlich aus New Mexico, und auf diesem Schleichweg wäre Roberto Blanco mitten in der amerikanischen Immigration-Problematik gelandet. Ich unterstelle ihm keine Absicht.

Aber es ist Anlass, mir das Original anzuhören. Auch der „Young New Mexican Puppeteer“ von Tom Jones spielt in Albuquerque. Auch er sieht, dass mit den Menschen was nicht stimmt, dass sie mit angstvollen Gesichtern („frowns and worries in theier faces“) umherlaufen. Dann erfindet er einige Figuren aus Holz und spielt den Menschen Geschichten vor, um ihnen ihre Angst zu nehmen.

Und welche Figuren er schnitzt! Abe Lincoln lehrt ihnen Bürgerrechte, Martin Luther King zeigt, wie sie friedlich kämpfen. Und tatsächlich kommen die Menschen von überall her. Sie verlieren ihre Angst, indem sie über Bürgerrechte aufgeklärt werden. Das macht auch ihn berühmt und bringt ihn auf die ganz große Bühne. Wow, ein interessanter, politischer Text.

  • Nevada

Die Reise geht nach Westen, Las Vegas ruft. Oder Roberto Blanco nochmal. Las Vegas ist schuldig, er träumt und kann nicht schlafen. Denn „was ich verlier, schenkt mir ein neues Spiel im nächsten Augenblick“. Aha, denkt der mathematisch orientierte Hörer, da hat wohl einer das Goldene System entdeckt. Oder zumindest ein gutes Risikomanagement. Denn „irgendeinmal gewinnt man jedes Spiel“. Wo immer das gilt, am Spieltisch eher nicht. Zwar kommen ihm Zweifel, denn „Wunder geschehn selten auf dieser Welt.“

Oha, da hat wohl einer dem Puppenspieler von Mexiko nicht zugehört.

Wieder schlägt das Original ganz andere Töne an. Tony Christie gelang 1971 der Durchbruch mit der Komposition von Murray / Callander, bevor er ein Jahr später auch nach dem Weg nach Amarillo gefragt hat und nicht nach Reno wollte. Der Spieler bei Christie ist schon zu Beginn des Liedes pleite. „What a mess I’m in“. Er blickt zurück, vor einem Jahr begann er zum Zeitvertreib, und seitdem ist er süchtig und verliert alles, und kann sich dennoch nicht losreißen („I can never go“). Und sein Traum dreht sich nicht um Rosen, sondern darum, eines Tages alles niederzubrennen.

  • …und Kalifornien

Wir fahren weiter „auf der Straße nach San Fernando“. Das wäre von Las Vegas aus der Highway 15. San Fernando ist ein Vorort von Los Angeles, Michael Holm ist da unterwegs und nimmt eine Anhalterin mit. Sie bittet ihn, sie bis nach Mendocino mitzunehmen. Die Anhalterin steigt irgendwo wieder aus, der Sänger kann sich nicht lösen, und sucht sie. Er geht von Haus zu Haus in Mendocino. Das kann man dort schonmal machen.

Mendocino ist eine Art Künstlerkolonie nördlich von San Francisco und hat gerade mal 850 Einwohner. Er findet sie nicht. Träumt weiter, und fährt jeden Tag nach Mendocino, um wieder nach ihr zu fragen. Wahrscheinlich hat er an einem Haus nicht geklingelt. An welchem wohl?

Die Lösung ist im Original des Sir Douglas Quintetts zu hören: Da wird nicht vorher lange durch die Gegend gefahren. Sir Douglas bittet ein Mädchen, in seinem Liebesnest direkt am Fluss zu bleiben (Der Fluss, der bei Mendocino ins Meer mündet, heißt übrigens Big River, auch wenn er seinem Namen spottet).

Schnell sprechende Jungs mit roten Augen haben ihr zwar den Kopf verdreht, und er wundert sich drüber, aber dann lieben sie sich im Park, am Wegesrand.

Michael Holm fährt derweil noch im Kreis rum und putzt Klinken.

 

Was hab ich gelernt: Gleich dreimal sind die Originale deutlicher als die deutschen Coverversionen. In den populären Melodien verstecken sich deutliche Aussagen. Die Originale sind in psychologischer (Las Vegas), erotischer (Mendocino) und politischer (Albuquerque) Hinsicht den deutschen Versionen meilenweit voraus.
oder wie es in USA erklärt heißt: Wer unbedingt meint, von einem Hollywood-Film aus auf die Amerikaner oder das Wesen der USA schließen zu müssen, soll es doch bitte wenigstens auf der Grundlage des Originals tun und nicht mit Hilfe der deutschen Synchronisation.

USA erklärt

Vielleicht nehme ich diese Musik aber auch zu ernst.

Great Lakes Disasters – Theodor Fontane und Gordon Lightfoot

Heute – für Karte 36 – kein Buch, sondern zwei kurze Texte. Es geht um zwei Schiffskatastrophen auf den Großen Seen. Daraus entstanden zwei sehr unterschiedliche Balladen in zwei sehr verschiedenen Epochen. 1974 sank auf dem Lake Superior das Frachtschiff „Edmund Fitzgerald“ in einem Sturm. 133 Jahre zuvor ereilte den Passagierdampfer „Erie“ auf dem Eriesee ein ähnliches Schicksal. Sie brannte während der Fahrt nieder.

  • Lake Superior

Nach Novemberstürmen behält das „große Wasser“ seine Toten. Das ist eine Redensart der Chippewa. Die Chippewa sind ein Indianerstamm im Gebiet der großen Seen. Das „große Wasser“ ist der „Gitche Gumee“, der zweitgrößte Süßwassersee der Erde. Bei uns ist er bekannt als Lake Superior. Seine französischen „Entdecker“ nannten ihn so, weil er höher liegt als die anderen Seen. Der Lake Superior entwässert in den 8 Meter tiefer liegenden Lake Huron.

Mit der Redensart der Chippewa beginnt die ergreifende Ballade „The Wreck of the Edmund Fitzgerald“ aus dem Jahr 1976. Gordon Lightfoot ist der wohl berühmteste Songwriter Kanadas, sein „If You Could Read My Mind“ ist jedermann bekannt. Die Ballade über das gesunkene Frachtschiff singt er bis heute in jedem Konzert.

  • Die „Edmund Fitzgerald“

Die Edmund Fitzgerald war ein Transportschiff für Eisenerz, 1958 in Dienst gestellt. In den großen Erzgebieten und -mühlen in Wisconsin und Minnesota wurde sie – wie viele andere Schiffe auch – beladen, und fuhr in die Industriestädte im Süden der großen Seen. Im November 1975 lud das Schiff in Duluth 26.000 Tonnen Takonit zum Transport nach Zug Island, einer Insel, die zu Detroit gehört. Anschließend sollte sie weiter nach Cleveland ins Winterdock fahren.

Das Wetter war schlecht, der See ist für seine schweren Novemberstürme berüchtigt, die „November Gales“. Die Edmund Fitzgerald fuhr an der Isle Royal vorbei und weiter nach Norden Richtung kanadische Küste. Dort war das Wetter zunächst etwas ruhiger. Doch bald erreichte der Sturm die Stärke eines Hurrikans. Es begann zu schneien, und bis zu 10 Meter hohe Wellen brachen über das Deck des Schiffes. Nördlich an Caribou Island vorbei fuhr sie weiter Richtung Whitefish Point, einer Landzunge mit Leuchtturm am Südufer des Sees, wo eine ruhigere Bucht die Einfahrt in die Schleusen bei Sault Saint Marie ermöglichen sollte.

15 Meilen nördlich von Whitefish Point wurde sie von schweren Wellen getroffen und sank innerhalb weniger Minuten. Sie konnte nicht mal mehr SOS funken. Alle 29 Seeleute ertranken.

  • Die Ballade

Gordon Lightfood hat dem Schiff und vor allem den Seeleuten ein Denkmal gesetzt. Zunächst schildert er die Fakten. Zusätzlich führt er Dialoge der Crew ein, die natürlich nicht überliefert sind. Die Stimmung an Bord ist professionell, Der Koch verschiebt das Abendessen wegen des rauen Wetters. Kurz nach 7 verabschiedet er sich von den anderen angesichts des Todes. Dann zerbricht das Schiff, oder es schlägt Leck oder es kentert. Der Blick wechselt zu den Suchtrupps, die nichts mehr finden. Was bleibt sind die winterlichen Seen, Fragen und ein Hauch Ewigkeit. Es ist eine Trauerballade voller Mitgefühl.

  • Lake Erie

Über den See führte eine Schiffahrtslinie von Buffalo über Erie, Cleveland und Detroit. Von dort aus passierten Schiffe den Huron, um dann weiter bis Chicago zu fahren. So auch am 9. August 1841 der Dampfer „Erie“

  • Die „Erie“

Fast 300 Menschen befinden sich an Bord der „Erie“. Die meisten von ihnen Auswanderer, die von Buffalo weiter bis nach Chicago wollten. An Bord sind auch einige Handwerker auf dem Weg in die Stadt Erie. Sie haben sechs Behälter Farbe und Terpentin dabei, die in der Nähe des Kessels gelagert werden. Einer explodiert, schnell steht das gesamte Schiff in Flammen, es gibt Probleme mit den Rettungsbooten. Über 200 Menschen kommen ums Leben.

  • Die Ballade

Die Geschichte des Schiffsuntergangs und eines heldenhaften Steuermannes bewegte die Menschen. Schnell entstanden Gedichte und Erzählungen, die auch das heldenhafte Verhalten von John Maynard thematisierten, obwohl der Name ebenso wenig überliefert ist wie das Verhalten des Steuermannes. Auch Fontane, der den Text 1886 schrieb, feiert John Maynard schon im Gedichtanfang. Bei Fontane steht der Name des Steuermannes wie ein Ausrufezeichen am Beginn des Gedichts. Das Schiff heißt „Schwalbe“ und fährt in die entgegen gesetzte Richtung, von Detroit nach Buffalo. Ein Richtungswechsel, der aufgrund der Phonetik und des Sprachrhythmus erforderlich ist.

Die Stimmung an Bord ist fröhlich und ausgelassen, bis der Ruf „Feuer“ erschallt. Der Kapitän des Schiffes befiehlt dem Steuermann mehrmals, mit dem Schiff an Land zu fahren. Der Kapitän und die Passagiere feuern John Maynard an. 15 Minuten später gelingt es ihm, das brennende Schiff an den Strand zu setzen. Alle Passagiere konnten an Land gehen. Einzig John Maynard selbst kam ums Leben. Zehntausende kommen dann in Buffalo zur Trauerfeier zusammen, um ihn für seine Tat zu ehren. Die Ballade ist eine Heldengeschichte, John Maynard wird wegen seines Opfermutes verehrt. Dazu nimmt Fontane die tatsächliche Geschichte nur als Gerüst, um diese Heldengeschichte zu erzählen. Fakten sind ihm nicht so wichtig wie die poetische Überhöhung der Historie zugunsten eines Ideals.

Der Text wurde 1978 von Achim Reichel vertont.

http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/mythen-aamp-wirklichkeiten-mainmenu-288/geschichte-mainmenu-289/1849-ein-dampfschiff-gert-in-brand
http://de.wikipedia.org/wiki/Takonit