Christopher Fielden „Ein Gläschen Port in Ehren“

Es gibt zwei Autoren mit Namen Christopher Fielden. Einer schreibt Kurzgeschichten, der andere ist als Weinautor bekannt. Von letzterem gibt es das Buch „Is this the Wine I’ve ordered?“, das sehr unironisch mit dem Titel „Der Weinbetrug“ ins Deutsche übersetzt wurde. In 13 Kapiteln erzählt Fielden Geschichten davon, dass Etikette und Inhalt nicht immer übereinstimmen. Hier schildere ich das Kapitel, das dem Portwein gewidmet ist. Laut Fielding könne man den Portwein nicht trinken, ohne seine Geschichte zu verstehen

Portwein
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Vorauszuschicken ist, dass es schon seit Jahrhunderten englische Handelsvereinigungen in Porto, Viana und Lissabon gab. Und dass England stets dann Frieden mit Portugal hatte, wenn mit Frankreich gerade Krieg war. Letzteres ist für die Geschichte des Portweins wichtig. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1678. Der Import französischer Weine ist gerade mal wieder verboten. (Es war die Regierungszeit von Charles II und Louis XIV. Obgleich es der Regentschaft dieser beiden Herren nicht gerade an Episoden ermangelte, habe ich die konkrete Geschichte hierzu nicht recherchieren können).

Wie in diesen Situationen üblich, weichen englische Verbraucher auf portugiesische Weine aus. Zwei junge englische Weinhändler besuchen das Kloster Lamego. Es liegt im Tal des Duoro, 90 Kilometer flussaufwärts . Sie kosten dort einen besonders delikaten, süßlichen Wein. Der Abt erklärt, dass er vor der Gärung Branntwein zusetzt. Außerdem übersteht dieser Wein die Reise nach England besser als die säurehaltigen Weine. England ist also auf den Geschmack gekommen.

  • Das 18. Jahrhundert

1703 schließlich unterzeichnen die Briten und die Portugiesen den Methuen-Vertrag, nach dem britischen Botschafter in Lissabon benannt. Es ist ein Freihandelsabkommen, mit dem der portugiesische Markt für englisches Tuch und der britische Markt für portugiesischen Wein geöffnet wird.

1730 kam man darauf (auch hier gibt’s von Fielden keine Details), den Branntwein während der Gärung beizugeben, so dass der Wein noch süßer wurde. Somit hatte man den Wein gefunden, den der englische Markt nachfragte – süß und mit hohem Alkoholgehalt. (Danke an Low aus Hinterindien für die naturwissenschaftliche Beratung)

1754 ist die Nachfrage eingebrochen, weil die Qualität der Weine immer schlechter wurde. Die Händler beschweren sich bei der Kontrollbehörde in Regua. Die Winzer geben wiederum den Händlern die Schuld. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, bis…

…1756. Dann erlässt der Marquis des Pombal – der zugegeben nach dem Erdbeben andere Sorgen hat – einige Verordnungen, die dem Weinhandel neuen Auftrieb geben. Zunächst werden die Anbauflächen begrenzt. Dann vergibt er der Oporto-Weinhandelsgesellschaft das alleinige Recht, Weine aus dem Duoro-Tal zu exportieren. Und sie darf als einzige Gesellschaft Branntwein destillieren. Schließlich muss der Branntwein auch aus einheimischen Trauben destilliert sein. Es muss Buch geführt werden über die Erntemengen. Tierdung als Düngemittel wird verboten. Und es müssen alle Holunderbäume gefällt werden. Holunder? Damit wird der Wein üblicherweise gefärbt.

Die Maßnahmen sind erfolgreich. Ende des 18. Jahrhunderts ist Portwein der „In-Drink“ in England. Wieder treten etliche Billighändler auf dem Markt.

  • Das 19. Jahrhundert

1829 erscheint ein Buch, das die üblichen Zutaten aufzählt: Rotwein, Branntwein und Farbstoffe. Und so kippt der Text nun in eine kleine Geschichte der Weinfärberei. Neben Holundersaft beliebt ist Berry-Drye, ein Saft aus deutschen Blaubeeren.

In der Zwischenzeit experimentiert seit 1812 ein gewisser George Sandeman in Vila Nova mit Branntweinen und findet eine lang haltbare und wohlschmeckende Mixtur aus Wein und Branntwein. Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht dann ein reger Tauschhandel zwischen beiden Ländern. Portugal importiert Branntwein aus England und exportiert die doppelte Menge Port.

Danach jedoch geht der Verkauf zurück. Grund ist vor allem eine schlechte Presse. Und die Färbereien, mit Schlehendorn, mit schwarzen Kirschen, und besonders mit Blauholz (Logwood). Letzteres wird auch heute noch als Farbstoff verwendet. Allerdings hat man die Portwein-Episode aus der Geschichte des Logwood gestrichen.

Der Hin- und Her-Export von Branntwein schließlich führte 1904 zur kuriosen C14-Affäre. Der auf verschlungenen Wegen durch halb Europa transportierte portugiesische Branntwein kehrte mysteriöserweise als Industriealkohol zurück und der damit gemischte Port war einer der grandiosesten Jahrgänge. So kann es auch gehen.

Auf jeden Fall „Zum Wohl“.

Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

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  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.

Karte 31: Römischer Bürgerkrieg 46 v.Chr. – „Drei Reden vor Cäsar“ von Cicero

Die heutige Reise ist eine Zeitreise etwa 21 Jahrhunderte in die Vergangenheit. Vor mir liegt das Reclam-Bändchen „Drei Reden vor Cäsar“ von Marcus Tullius Cicero. Das Heft hat 64 Seiten und ein Nachwort der Übersetzerin Marion Giebel. Der Autor ist ein Politiker und Anwalt, dessen Reden im damaligen Rom berühmt waren. Er galt im öffentlichen Leben als Autorität. Die Reden des Buches wurden in den Jahren 46 und 45 v.Chr. gehalten und sind ein Nachhall des Bürgerkrieges.

  • Das Setup

Die Geschichte der Reden beginnt einige Jahre zuvor. Es ist das Jahr 49. Rom ist eine Republik. Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Ja, vor allen Dingen auch Gallia Cisalpina (also Norditalien). Die Römer, das sind vor allen Dingen Cäsar und seine Armeen. Wobei Cäsar nicht eigenmächtig handelte, sondern vom Senat (also sozusagen dem Parlament) dazu beauftragt war.

Nun strebt Cäsar nach Macht in Rom selbst. Er will vom Senat zum Konsul gewählt werden – das ist eine Art Reichspräsident mit weitreichenden Vollmachten, auch am Parlament vorbei zu regieren. (Anmerkung: Als Balance of Power gab es deswegen nur eine einjährige Wahlperiode und außerdem zwei Konsuln pro Jahr, die sich mit Vetos blockieren konnten).

Cäsar entscheidet sich dafür, mit seinen Armeen nach Rom zu gehen und die Kandidatur zu erzwingen. Also ist Bürgerkrieg. Sprichwortalarm: Cäsar beginnt den Krieg, indem er den Grenzfluss Rubikon überschreitet. Die Parteien: Cäsar gegen den römischen Senat (mit Pompejus als Feldherrn). Der Senat verläßt Rom sicherheitshalber schonmal, und im Jahr 46 kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Pharsalas. Cäsar gewinnt. Damit herrscht er alleine und nicht vom Senat autorisiert – er ist also Diktator. Pompejus und viele seiner Anhänger müssen ins Exil gehen.

Auch Cicero, der für die Republik – also für Pompejus – Partei ergriffen hat, muss ins Exil, wird aber später von Cäsar begnadigt und darf seinen Platz als Senator wieder einnehmen.

  • Rede für Marcellus

Marcellus gehört ebenfalls zu denen, die ins Exil gehen müssen. Er hält sich im Jahr 46 auf Lesbos auf. Cäsar begnadigt Marcellus.

Im Senat erhebt sich Cicero und adressiert eine Dankesrede an Cäsar. Er schmiert Cäsar Honig um den Mund. Gütig sei er, und gerecht. Sein Großmut sei grenzenlos. Und durch seine Großzügigkeit sichere er sich sein Ansehen und damit seine Macht. Und damit er seine Größe noch mehr beweise, solle er nun auch den Staat in Ordnung bringen. Das heißt aus Ciceros Mund, dass er die Republik einführen solle.

Die Rede ist popeliges politisches Tagesgeschäft: A macht was, B sagt: toll, aber noch besser wäre es, wenn Du was anderes machen würdest. (A = Cäsar, B = Cicero, was anders = Republik wieder einführen.) Marcellus wird auf der Rückfahrt von Lesbos nach Rom in Piräus ermordet.

Karte 31
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StepMap Karte 31


  • Rede für Ligarius

Ganz anders sind die Voraussetzungen bei der Rede für Ligarius. Es handelt sich um eine Verteidigungsrede bei einer Gerichtsverhandlung. Ligarius ist im Exil – aus den gleichen Gründen wie Marcellus (Parteinahme für Pompejus) . Der Staatsanwalt Tubero klagt Ligarius des Hochverrats an.

Warum? Ligarius war Legat (so ne Art Botschafter) in der Provinz Africa. Der Vater des Staatsanwaltes hatte vom Senat den Auftrag, in Africa Soldaten zu gewinnen. Ligarius weigerte sich, ihn ins Land zu lassen. Deswegen Hochverrat. Doch auch der Ankläger war im Bürgerkrieg auf der Seite des Pompejus, nicht auf der Seite Cäsars.

Cicero haut dem Tubero also erstmal die eigene Parteinahme im Krieg um die Ohren. Er hätte doch wohl im Krieg gegen Cäsar gekämpft. Hochverrat? – „Er hat es nicht getan, nicht geplant, falsch sind die Zeugen, erdichtet die Anklage“. Würde also Ligarius schuldig gesprochen, dann würde dies geschehen, obwohl er doch Cäsar einen Vorteil verschaffte. Ein Schuldspruch würde das Werk von Cäsars Gegnern tun. In Verbindung mit dem Apell an Cäsars Großmut kann Ligarius nur freigesprochen werden.

Die Rede für Ligarius ist ein rhetorisches Meisterwerk. Appelle, Argumente, Thesen, das Entkräften der Vorwürfe, verbunden mit Vorwürfen an den Ankläger, immer wieder abwechselnd an Cäsar und Tubero gerichtet. Da wird sogar dem heutigen Leser noch schwindelig. Die Rede führte tatsächlich zu einem Freispruch und beendete gleichzeitig Tuberos Karriere als Staatsanwalt.

  • Rede für König Deiotarus

Deiotarus war König in Galatien, einem Reich in der heutigen Türkei. Er war dem Senat gegenüber loyal. Über den Bürgerkrieg gelangten nur wenige Nachrichten zu ihm. Als loyaler König mit wenigen Informationen schloss er sich Pompejus an. Nach dem Bürgerkrieg wandte er sich von Pompejus ab.

Vor kurzem war Cäsar bei Deiotarus zu Gast. Während dieses Besuchs soll Deiotarus versucht haben, Cäsar zu ermorden. Dessen wird Deiotarus angeklagt. Der Prozess findet – in Abwesenheit des Angeklagten – in Cäsars Haus statt. Cicero verteidigt den Angeklagten.

Zunächst beklagt sich Cicero über die fehlende Öffentlichkeit. Anschließend fasst der den Ablauf des Bürgerkrieges kurz und gut lesbar zusammen. Dann sagt er, dass die Anklage absurd sei: Der Richter – Cäsar – ist gleichzeitig das potentielle Opfer, Ankläger ist der Enkel des Täters – absurd! Die Anklage fußt auf Aussagen eines freigelassenen und bestochenen Sklaven – absurd! Es wird der Ablauf von Cäsars Besuch geschildert (interessant, wie sowas ablief). Die Anklage behauptet, dass der Mörder stets exakt in dem Raum lauerte, den Cäsar gerade in diesem Augenblick mied – absurd! Später habe Deiotarus zwar alle Anwesenden „Mitwisser“ verhaften lassen, einen Sklaven jedoch ließ er entlaufen, damit er von der geplanten Tat erzählte. Auch das ist absurd, der „Prozess“ endet ohne Urteil.

Für alle Reden gilt: Cäsar will mit den Begnadigungen seiner Gegner den Eindruck vermeiden, er habe geputscht. Der darin gezeigte „Großmut“ wird immer wieder angesprochen, und Cicero versteht es, in jeder Rede an diesen Großmut zu appellieren. Diese Appelle nimmt er als Vorlage für weitere Argumente.

  • Wie es weiter ging

Cäsar wird 44 ermordet. Ligarius ist unter den Attentätern. Cäsars drei Nachfolger bilden eine Arbeitsgruppe dreier Diktatoren, das Triumvirat. Die Begnadigungen unter Cäsar werden durch „Proskriptionen“ ersetzt. Das sind Listen von Leuten, die straffrei ermordet werden dürfen, darunter auch Cicero. Die Ermordeten finanzieren mit ihrem Vermögen den nächsten Bürgerkrieg. Auf den Bürgerkrieg folgt ein Kaiserreich und mit dem Kaiserreich zieht ein Personenkult mit brutalsten Auswirkungen auf die Bevölkerung ein. Die Republik wird nie wieder in Kraft gesetzt.

Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

Es ist an der Zeit, auch „Götter, Gräber und Gelehrte“ mal weiter zu lesen. Im Buch der Treppen wurde die Wiederentdeckung Mexikos geschildert. Nun also das „Buch der Statuen“. Es geht um drei Forscher, die maßgeblich die Entdeckung des antiken Europa in Gang gebracht haben.

  • Winckelmann

Der erste ist Johann  Joachim  Winckelmann, der ab 1758 als Archivar in Rom arbeitete und dort Zugang zu einem „Museum“ in Herculaneum bekam. Er war der erste, der systematisch in der Umgebung grub und die verschüttete Stadt fand. Ebenso entdeckte er das verschüttete Pompeji. Beide Städte wurden ja bekanntlich bei dem Ausbruch im Jahr 79 verschüttet, jedoch auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Tagen der mehrtägigen Katastrophe.

Winckelmann wurde 1768 in Triest von einem italienischen Bekannten ermordet. Die Motive sind nicht letztlich geklärt, Ceram vermutet Motive aus „Neigungen“.

  • Schliemann

Der zweite Entdecker ist Heinrich Schliemann. Durch diverse Geschäfte reich geworden, widmete er sich seinem Hobby, Troja zu finden. dafür lernt er Griechisch. Er tut dies schnell und als Autodidakt mit Methoden, die er bereits angewandt hat, um andere Fremdsprachen in jeweils sechs Wochen zu erlernen. Der Ort wurde damals an anderer Stelle vermutet. Schliemann aber las die alten Texte wörtlich und suchte ein Gelände, dessen topographische Beschaffenheit zuließ, dass sich die beschriebene Handlung genauso abgespielt hat wie beschrieben. Er wurde fündig und grub tatsächlich Mauern Trojas aus. Am vorletzten Tag seiner Grabungsreise findet er schließlich einen Schatz, schickt unter einem Vorwand seine Arbeiter nach Hause und birgt ihn.

Noch einmal widmet sich Schliemann den Texten Homers. Der aus Troja heimkehrende Agamemnon wird in Mykenä zum Festmahl eingeladen und dabei hinterrücks ermordet. Acht Jahre später erscheint Agamemnons Sohn Orest und rächt den Tod seines Vaters. Es ist von – Aischylos bis Sartre – ein berühmter Dramenstoff.

Die Burg von Mykenä war bekannt. Unklar war die Lage der Königsgräber. Schliemann vermutete Sie innerhalb der Burg. Er fand sie. In späterer Zeit stellte sich heraus, dass es nicht die Gräber Agamemnons waren, sondern sie waren 400 Jahre älter. Aber sie waren reich an Schätzen und Grabbeigaben. Und ein weiterer Schritt zur Entdeckung der Antike war getan.

Eine kleine Intrige findet die besondere Aufmerksamkeit des Autors. Der König von Brasilien besucht die Grabungsstätten. er steckt einem Polizisten ein Trinkgeld von 40 Franken zu. Ein Bürgermeister verleumdet den Polizisten mit der Behauptung, er habe 1000 Franken erhalten. Es entstehen lange Verhandlungen, bis Schliemann am Ende die Wiedereinsetzung des Polizisten erreicht.

Die spektakulären Funde Schliemanns wurden in seiner Heimat begeistert aufgenommen. Nun schildert Ceram den Zeitgeist, der damals herrschte, man nannte es „Gründerzeit“. Der „Reine Wissenschaftler“ grenzte sich vom Laien ab, und diese neue Spezies des „reinen Wissenschaftlers“ hat Schliemann als „Dilettanten“ verachtet.

Schließlich gräbt Schliemann noch ein weiteres mal und findet die Burg Tinys. Sie war noch vollständig erhalten, also keine Ruine und zeugte so von der Pracht und der Baukunst zur Zeit des antiken Griechenland. 1890 stirbt Schliemann in Neapel.

  • Evans

Der dritte Entdecker war der Engländer Evans, der sich Kreta vornahm. Dort findet er den Palast des Minos in Knossos. Der Palast erinnert mit seinen unzähligen Hallen, Gängen und Speichern an ein „Labyrinth“. Und er findet Vorratstanks für Olivenöl mit einem Fassungsvermögen von 75000 Litern. Und er findet Wandmalereien, darunter häufiger das Motives des „Stiertänzers“. Der minoische König sandte seinen Sohn zu den Spielen nach Olympia. Dort siegte er. Der athenische König ließ ihn aus Neid ermorden, Minos überzog Athen mit Krieg, siegreich. Athen mußte jährlich Tribut an Minos entrichten, in Form von Menschenopfern für das Ungeheuer des Minos. Bis der Sohn des athenischen Königs nach Kreta reist und den Stier umbringt.

Kreta, die Kultur des Minos, wurde zerstört, plötzlich und scheinbar ohne Grund. 1926 erlebt Evans auf Kreta ein Erdebeben. Dass ein gewaltiges Erdbeben Kreta zerstört hat, gilt heute als wahrscheinlich. Und dann sind da noch Schriftzeichen aus Knossos. 1935 erklärt Evans, dass die Entzifferung noch in den Anfängen steckt. Wenige Jahre danach erklären andere Forscher die Schrift für nicht entzifferbar. Bis die Methodik zur Entzifferung von Geheimschrift durch den Krieg einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und auch auf das Kretische angewandt werden kann.

Winckelmann und Schliemann ist gemeinsam, dass sie von ihrer Umgebung und der wissenschaftlichen Welt angefeindet oder abgelehnt wurden. Über Evans nennt der Autor keine biographischen Details.

Wichtig ist in diesem Buch aber noch etwas: Ceram sagt, dass die Antike immer von dem Wissensstand aus der Gegenwart her interpretiert wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Statuen so weiß waren, wie sie uns heute präsentiert werden, das die abgebildeten Personen tatsächlich diejenigen sind, die angegeben werden. Es gab neben allem Prunk einen Alltag, der auch seine Spuren hinterließ, und der uns völlig unbekannt ist.

Mein Lob zum Buch der Treppen gilt auch für das Buch der Statuen. Sehr gut lesbar geschrieben. Auf der Basis der zu seiner Zeit bekannten Fakten entwickelt Ceram aus der Sicht der Entdecker und ohne viel Spekulation seine Geschichte, die er „Roman der Archäologie“ nennt. Mit sehr schwungvoller Sprache und anekdotischem Erzählstil bringt er dem Leser auch schwierigere Themen näher.

Beirut oder: Leben im Bürgerkrieg

Dieser Beitrag ist sozusagen „Off-Topic“. Ich las entgegen meinen Gepflogenheiten ein Sachbuch, noch dazu ein aktuelles. „Abschied von 1001 Nacht“ von Ulrich Kienzle hat 350 Seiten, Zeittafeln, ein Literaturverzeichnis und Landkarten. Jedem der 16 Kapitel ist eine passende Fotografie vorangestellt. Insofern schonmal äußerlich sehr schön gemacht.

Das Buch ist Kienzles Biographie seiner Zeit als Leiter des Arabienbüros der ARD. Zum einen führte er das Büro, das zunächst in Beirut und später in Kairo angesiedelt war. Von da aus hatte er die Berichterstattung aus 23 arabischen Ländern zu organisieren und zu betreuen. Er war mit seinem Team fast ständig in diesen Ländern unterwegs und traf dort einige der geflissentlich bekannten Diktatoren. Zum anderen erfuhr er in Beirut den Bürgerkrieg am eigenen Leibe. Er muss nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch seinen Alltag in einer völlig unüberschaubaren Umgebung organisieren. Folglich erzählt auch das Buch in zwei Handlungssträngen, die sich immer wieder treffen, um sich neu zu entspinnen.

  • Das Setup

Ulrich Kienzle ist beim SDR angestellt. Er berichtet über regionale Ereignisse. Dabei eckt er immer wieder an (Besetzung des Rektorats der Uni HD 1968, Fischsterben im Neckar 1969). Der Chefredakteur Emil Obermann muss einmal eine Entschuldigungserklärung verlesen, die ihm vom Intendanten des SDR diktiert wurde. In einer späteren Situation kommentiert er das Verhältnis innerhalb des SDR so: „Wenn politischer Druck ausgeübt wurde, stand man als Journalist allein…. Eine schlimme Lektion im Journalismus.“

1973 wird Kienzle nach Kairo geschickt, da die ARD sonst keinen Bericht über den Jom-Kippur-Krieg bekommen hätte. Im März 1974 übernimmt er das Büro in Beirut.

  • Der Handlungsstrang Beirut

Zunächst erlebt Kienzle seinen Vorgänger Konzelmann bei seinen gestellten Reportagen. Dann arbeitet er sich in das sehr spezielle Geflecht der alltäglichen kleinen Bestechungen ein. Schließlich lernt er das politische System des Libanon kennen, soweit dies für einen Nicht-Einheimischen überhaupt möglich ist. Es herrschen drei maronitsche Familienclans, 2 drusische und einige sunnitische Clans, dazu palästinensische Flüchtlinge, deren Lager exterritoriales Gebiet waren. Jede Gruppe hatte ihre eigenen aufgerüsteten Milizen. Außerdem sind immer mal wieder Gruppen mit rein kriminellem Interesse unterwegs. Und normale Polizisten auf polierten Harleys. Die Lage spricht jedem politischen System Hohn und macht das Überleben nicht gerade einfach. Im Laufe der Zeit begegnet er allen Stammesfürsten und etlichen Milizionären, zum Teil  in lebensgefährlichen Situationen. Schließlich gibt es noch die Nachbarstaaten Syrien und Israel, die ihre eigenen Interessen im Libanon verfolgen. Besonders der Erstere. Die französische Kolonialmacht hat den Libanon nach dem Ersten Weltkrieg vom Staat Syrien abgetrennt. Syriens langfristige Strategie ist es, sich den Libanon wieder einzuverleiben.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1975 fallen öfter mal Schüsse auf offener Straße. Das Leben wird gefährlicher. Schnell entsteht ein Bürgerkrieg. Jeder im Team muss sich fragen lassen, ob er unter den immer gefährlicheren Umständen bleiben möchte. Kienzle heuert zwei Kameramänner an, die gefährlichen Situationen gewachsen sind. Die Massaker von Katalina und Damur machen aus dem Libanon endgültig ein Kriegsgebiet. Kienzle bringt die Bilder dieses Krieges in die Wohnzimmer.

Im Sommer 1976 maschieren syrische Soldaten im Libanon ein. Syrien ist ab sofort die Ordnungsmacht im Libanon.

Ein reguläres Arbeiten ist bald unmöglich geworden und zudem immer gefährlicher. Ein Fahrer Kienzles verschwindet spurlos. Das Büro zieht nach Kairo um.

Dreimal kehrt der Autor später nach Beirut zurück, um aus dem Land zu berichten. 1982 will er einen Film über den Neuanfang des Landes drehen. Statt dessen bekommt er das Massaker von Sabra und Schatila hautnah mit. 1985 herrscht die Hisbollah. Die Infrastruktur ist zusammen gebrochen. Die Lebensfreude ist der der Stadt völlig abhanden gekommen. Und schließlich trifft er 2010 auf eine modern sanierte, boomende Stadt. Die Weine aus der Bekaa-Ebene sollen übrigens sehr gut sein.

  • Der Handlungsstrang zu anderen Ländern

In alternierenden Kapiteln stellt der Autor seine journalistischen Leistungen als Korrespondent dar. So ist Kienzle gleich mehrfach derjenige, der ein Thema exclusiv für sich gewinnen konnte.

Er ist der erste westliche Journalist, der Gaddafi zu einem persönlichen Interview trifft, nur wenige Monate, nachdem dieser sich in Libyen an die Macht geputscht hat.

Er trifft Saddam Hussein. Während eines Fernsehinterviews entlockt er dem Diktator eine verbindliche Aussage zu seinen Plänen über Kuwait, was anderen Fernsehteams zuvor nicht gelang.

Er deckt – wieder auf einen privaten Hinweis hin – die Zusammenarbeit einer maronitischen Miliz mit Israel auf.

In Kairo filmt Kienzle eine Gesprächsveranstaltung mit Sadat an der Universität in Kairo. Sie sollte eine Propagandaschau werden. Zum Erstaunen aller Teilnehmer ensteht Wortgefecht. Es ist der erste öffentliche Zusammenprall Sadats mit einem fundamentalistischen Muslimbruder. Die Szene war damals nur „unerhört“, erst später wurde sie vollends verstanden. Sadat unterschätzte die Muslimbrüder stets, was ihn auch das Leben kostete.

In Libanon filmt er als einziger den Einmarsch der Syrer. Kienzle bekam einen Tipp aus seinem Netzwerk und hat somit die Bilder des Einmarsches exklusiv.

Es folgt am Schluss ein kurzer Abstecher in die Golfregion. Der Autor schildert die Lage im rückständigen Saudi-Arabien, im modernen Dubai und im politisch eigenständig handelnden Katar. Und er gesteht, dass er vom „Arabischen Frühling“ überrascht wurde. Alte Denkmuster haben ihn gehindert, die ersten Demonstrationen richtig einzuordnen. Seine Prognose ist verhalten optimistisch: Der Nahe Osten wird vielfältiger, die Eigenheiten jeden Landes werden stärker zu Tage treten. Daher der Buchtitel.

  • ein paar Gedanken zum Buch

Die Geschichten rund um den gefährlichen Alltag in Beirut mit bizarren Augenblicken, machen das Buch unterhaltsam und spannend zugleich. Köstlich ist die Geschichte, als er seinen perforierten Wagen verkaufen möchte. Skurril auch die Geschichte der Gattin eines berufsmäßigen Diplomatenkillers. Amüsant die Auseinandersetzungen über die korrekte Verbuchung eines gemieteten Esels. Turbulent die Bilder einer rasanten Autofahrt im Mini Cooper. Dramatisch die Schilderung zweier zufälliger Begegnungen mit RAF-Terroristen. Verwirrend die Aufklärung, wie ihm der Beweis über Echtheit oder Fälschung von Antikenstatuen vor die Füße fiel. Und nochmal: Die Sache mit dem Gebrauchtwagen ist wirklich zum Schreien komisch.

Die Treffen mit den Diktatoren folgen Schemata, die immer wieder beschrieben werden. Was die tägliche Arbeit betrifft, ist das Buch ein Zeugnis, dass ein gutes Netzwerk und Beharrlichkeit zum Ziel führen. In Bezug auf den Alltag im Krieg ist es ein Zeugnis dafür, dass eine gesunde Vorsicht, Glaubwürdigkeit und ein gutes Netzwerk das Überleben sichern.

Lesenswert.