Bill Wyman’s „Blues Odyssee“ und eine Karte zu Robert Johnson

  • Der Autor

Bill Wyman ist bekannt als Senior Sachbearbeiter für Bassgitarren, und er hat ein Buch geschrieben. Nun, er hat das Buch nicht selbst verfasst, sondern gab seinen Namen dafür her. Als Autor wird ein gewisser Richard Havers genannt. Von Wyman selbst stammen nur einige eingerahmte Kommentare. Und vielleicht seine Plattensammlung.

  • Das Buch

Blues Cover

„Bill Wymans’s Blues Odyssee“ aus dem Jahr 2001 heißt auf deutsch einfach nur „Blues“. Die bibliophile deutsche Erstausgabe von Zweitausendeins hat 401 großformatige Seiten. Hochglanzpapier, mit vielen historischen Fotos und Songtexten. Die einzelnen Kapitel werden mit originellen Landkarten illustriert. So wird auch klar, wie sehr die Geographie diese Musik geprägt hat.

Das Buch hat 13 Kapitel. Insgesamt folgt die Gliederung der Chronologie. Es beginnt mit alten Fotos und Texten, die bis ins 17. Jahrhundert zurück reichen (Das ist auch wichtig für die Bedeutung des Wortes „Blue“ als Bezeichnung für etwas Trauriges). Erst im dritten Kapitel ist dann von der Geburt der Musik „Blues“ die Rede, wobei Wyman / Havers die verschiedene Ansichten über den Zeitpunkt dieser Geburt erörtern. Der Ort jedoch ist klar: Das Gebiet, das sich von Georgia bis nach Texas zieht.

Wyman / Havers behalten übrigens stets ökonomische Zusammenhänge im Auge, und das gleich in zweierlei Blickrichtung: Die ökonomische Lage in Amerika hatte zu jedem Zeitpunkt Einfluss auf die Musik, und schließlich haben die Musiker – und nicht nur die – mit der Musik auch Geld verdient. Der Absatzmarkt war nicht minder dynamisch als die Musik selbst.

Die Verbreitung der Musik begann natürlich mit der Schallplatte. Wyman schildert die Einspielung von „Crazy Blues“ durch Mamie Smith in einem Schallplattenstudio in New York am 10. August 1920. Schnell war klar, dass ein neuer Markt entstand. Bereits ab 1923 schickten die Plattenlabels mobile Aufnahmestudios von Farm zu Farm (beschrieben im Kapitel „Goin‘ to the Country“). Diese „Field Recordings Trips“ sollten bisher unentdeckte Musiker aufstöbern. Die Aufnahmen wurden in Schallplatten gepresst. Die Regeln waren klar: Wer sich nicht verkaufte, dessen Platten verschwanden schnell wieder aus den Regalen, und die Musiker wurden vergessen.

Bald aber entdeckten auch die Musiker selbst die Eisenbahn. Sie reisten, sie machten die Erfahrung, dass das Leben in anderen Gegenden der USA für Schwarze weniger gefährlich war, und so wurde die Eisenbahn zum Thema vieler Songs. Gleichzeitig begannen viele Musiker damit, Ortsnamen in ihre Texte einfließen zu lassen. Das Buch verweist darauf, dass der Blues die einzige Musik mit einer derartigen Tradition sei. (S. 98).

Das Zentrum der Musik zieht bald um, vom Delta in die nächste Großstadt (Kapitel „Memphis, Jugbands & das Delta“). Das Delta revanchiert sich, indem es die Geschichte des Blues mit Mythen und Legenden anreichert („An den Crossroads“).

Während des Krieges machte der Blues Pause und musste Marktanteile an die Bigbands abgeben. Allerdings lebte er in den Independance Lables weiter. Nach dem Krieg entstanden optimistische Bluessongs („That’s all right“, „Let the good Times Roll“), der Blues wanderte in den Fünfzigern nach Chicago, von dort aus nach England, wo er für viele Bands zur Inspiration wurde, bis er im Kapitel „By the Times We Got to Woodstock“ nach Amerika zurück kehrte.

Diese Globalisierung des Blues veränderte den Musikmarkt völlig. Weiße Bands spielten Blues-Singles ein, die schwarzen Musiker stehen am Scheideweg, einige wurden erstmals weltweit nachgefragt. In den Sechzigern hörte man außerdem keine Sängerstars mehr, sondern Bands. Jimmy Page, Eric Clapton oder Jeff Beck befriedigten „die Nachfrage nach Gitarrenhelden“ (S. 351). Und sie entdeckten ein Gitarrengenie aus dem Delta der Dreißiger wieder: Robert Johnson.

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  • Robert Johnson

Robert Johnson ist einer der vielen Bluesmusiker aus dem Mississippi Delta (Anmerkung: Das ist ein Überschwemmungsbiet im Binnenland, so etwa zwischen Vicksburg und Memphis, nicht mit dem Mündungsdelta in der Nähe von New Orleans zu verwechseln.)

Geboren am 8. Mai 1911 in Hazlehurst, zog die Familie zunächst nach Memphis. Johnson war ungefähr 9 Jahre alt, als die Familie wieder nach Hazlehurst zog. Johnson war eher an Musik als an Feldarbeit interessiert und lernt die Grundlagen des Gitarrenspiels. Er ging zeitweise in Robinsonville zur Schule. 1930 traf Johnson in Robinsonville auf Son House, der sein Musiklehrer wurde. Bereits 1931 war Johnson ein richtig guter Gitarrist und spielte in Clubs und auf Picknicks im Delta.

1932 muss dann diese Sache mit der Kreuzung passiert sein: In Clarksdale kreuzen sich der Highway 61 und der Highway 49. An dieser Kreuzung – sagt man – habe Johnson in einer Neumondnacht seine Seele verkauft. Tatsächlich wunderten sich viele darüber, dass er in dieser Zeit sein Gitarrenspiel extrem verbessert hat. Johnson geht nach Texas, wo er 1936 in San Antonio seine erste Platten aufnimmt, 1937 in Dallas weitere. Er verdiente teilweise 100 Dollar pro Termin und tingelte dann nach Mississippi zurück. Man weiß von einigen Auftritten in Memphis und Helena, Arkansas.

Er starb 1937 in einem Schuppen in Three Forks bei Greenwood unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich als Folge einer Kombination von Syphilis und schwarzgebranntem Whiskey.

Es gibt mindestens drei Grabstätten: Sony spendete einen Stein in Morgan City, die Band ZZTop einen in Greenwood.

  • Bemerkungen

Das Buch ist eine Art erzählter Enzyklopädie, auf keinen Fall ein Lexikon, auch wenn zu jeder Epoche die wichtigsten Musikerbiographien und Songs in separaten Beiträgen vorgestellt werden.

Wer ein so weites Feld wie den Blues beackern will, läuft immer in der Gefahr, an der Fülle des Materials zu scheitern. Also muss sich ein Autor entscheiden, entweder ein breit gefasstes, eher oberflächliches Buch zu schreiben, oder fachkundiger zu sein, vielleicht aber nicht alles abzudecken. Vor dieser großen Aufgabenstellung halte ich das Buch für gelungen. Das Buch setzt seine Schwerpunkte in der Wirkung von Ökonomie und Geographie auf die Musik. Außerdem arbeitet Wyman / Havers zu vielen Songs die jahrzehntelange Wirkungsgeschichte heraus.

Dazu machen die vielen seltenen Bilder, auch von Original-Schallplatten, das Buch zu einem netten Werk, in dem man einfach nur blättern mag.

Henry Hobhouse: „Tea and the Destruction of China“

Heute geht es um ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Das Buch „5 Pflanzen verändern die Welt“ von Hobhouse habe ich bereits vorgestellt und das Kapitel über Zucker besprochen. Heute geht es um das Kapitel „Tea and the Destruction of China“. In der deutschen Übersetzung von Franziska Jung heißt es „Tee: Der Untergang des alten China“.

Damit geht es gleichzeitig auch um die Britische Osindien-Kompagnie, einen internationalen Konzern, der den Weltmarkt zwei Jahrhunderte lang beherrschte.

Die Absatzmärkte sind schnell aufgezählt: Niederlande, ein wenig Spanien und vor allen Dingen England. Dort bildeten sich Handelsgesellschaften, die Gewürze aus dem fernen Osten herbeischafften. Irgendwann ab 1650 herum war auch Tee dabei.

Die Beschaffungsmärkte sind auch schnell genannt: China. Sonst nichts. An einem Kai in Kanton trat er in den Gesichtskreis von Europäern. Die Europäer zahlten mit Silber und Kupfer. An anderen Produkten hatte China kein Interesse.

Das Problem war, dass die beiden Märkte weit auseinander lagen. Und so wuchs dem Transport die entscheidende Bedeutung zu. Ab ca. 1685 hatte die englische Ostindienkompanie das Monopol für den Handel mit Tee. (Handel und Transport lagen also in einer Hand). Die Ostindienfahrer schipperten dann erstmal auf den Meeren umher. Ihre dickbauchigen Schiffe glichen Warenhäusern. Die Kapitäne und Offiziere hatten ein Privathandelskontingent, von dem sie an den Küsten des indischen Ozeans reichlich Gebrauch machten. Die Fahrt dauerte so etwa 150 – 270 Tage.

  • Der Absatzmarkt wächst exponentiell

Tee wurde in England immer beliebter. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden 15.000 Tonnen p.a. importiert. Tee war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Also versuchte jeder, der es konnte, in den Markt einzugreifen. Die Folgen waren fatal.

  • 1. Konsequenz: Steuern

Wie immer, wenn ein Produkt erfolgreich ist, hält der Staat die Hand auf:
England besteuerte Tee mit bis zu 100 % des Großhandelspreises. Logische Folge: Der Schmuggel nahm zu. Die Offiziere verkauften aus ihrem Privatkontingent an holländische Schmuggler (sehr gute Qualitäten übrigens). Der Staat reagierte mit einem Programm: Man wollte den Absatzmarkt bereinigen, indem man Tee in die Kolonien exportierte. Die Steuer wurde gesenkt, gleichzeitig aber auch für den nach Neu-England importierten Tee erhoben. Die Steuer brachte weniger ein als die Beitreibung kostete, aber man wollte aus Prinzip nicht auf die „Besteuerung ohne Repräsentanz“ verzichten.

Das Ergebnis ist bekannt. In Neuengland mischte man Tee mit Meerwasser (Das war die Tea Party), die Krone reagierte unentspannt (schloss die Häfen), und die Kolonien wurden unabhängig

  • 2. Konsequenz: Verschnitt

Um die Mengen zu erhöhen schraubte man an der Qualität. Der Tee wurde verschnitten und gestreckt. Vermutlich schon auf dem Weg vom chinesischen Bauern über Zwischenhändler bis nach Kanton. Dann aber auf den Schiffen, bei den Lageristen, bei den Auktionen und beim Händler in England. Der Tee wurde gestreckt mit Holz, Blättern, Orangen oder Ölen. Ein Relikt aus dieser Zeit ist der Earl Grey.

  • 3. Konsequenz: schnellerer Transport

Die Blütezeit der schnellen Chinaklipper begann. Sie waren 5 mal so lang wie breit (Im Vergleich zu 3:1 der alten Ostindienschiffe). Geschwindigkeit wurde zum Werbeargument. Den Engländern wurde eingeredet, dass frisch geernteter Tee besser ist, als länger liegender. Und sogar der Clipper wurde zum Verkaufsargument, wenn stolz angepriesen wurde, dass der Tee mit der Cutty Sark transportiert wurde.

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  • 4. Konsequenz: Der Tee-Opium-Silber-Komplex

Der Einkaufspreis für die 15000 Tonnen in Kanton betrug 2 Millionen Pfund. Woher nahm man die, wenn es die Möglichkeit, Geld zu drucken noch nicht gab? Man handelte das Silber den Chinesen selbst ab, indem man ihnen Opium verkaufte.

Eine Art Dreieckshandel entstand: In Patna und im Himalaya wurde unter der Aufsicht der Kolonialherren Opium angebaut und produziert. Das wurde nach Kanton gefahren und verkauft. Bezahlt wurde mit Silbermünzen. In Kalkutta tauschten die Händler das Silber gegen englische Wechsel. Die Kompanie fuhr das Silber nach England, wo es die Teehändler übernahmen. Damit fuhren sie nach Kanton, um mit den chinesischen Silbermünzen wieder Tee zu kaufen.

Die chinesischen Machthaber waren natürlich entsetzt über die Verwahrlosung ihrer Untertanen und verboten den Handel mit den Engländern. Die beschossen Chusan, erklärten einige Städte zu freien Häfen, und der Handel ging weiter. Das war 1840.

  • 5. Konsequenz: Porzellan

Es gab noch ein anderes Transportproblem, und zwar auf den Schiffen selbst: Tee war anfällig gegen Feuchtigkeit und musste in der Mitte des Schiffes verstaut werden. Rundherum  wurde Ballast transportiert. Die Kargadeure (Frachtmeister) der Kompanie kauften in Kanton den erforderlichen Ballast zusammen. Aus alten Frachtlisten weiß man: 25% des Teegewichtes musste ausbalanciert werden und 25% des Ballastes bestand aus – Porzellan. Hochgerechnet kamen im 18. Jahrhundert 214 Millionen Teile Porzellan nach England.

So flutete der Tee chinesisches Porzellan in die englischen Haushalte. Jedoch gab es erstens bis ca. 1720 keine Kannen. Und die Tassen hatten keine Henkel. Die brauchte man aber, um die Tassen mit dem heißen Tee drin anzufassen. Also kam in den Städten der Beruf des Henkelmachers in Mode.
1702 in Meißen wurde das Geheimnis des Porzellanmachens entdeckt. Die Fürsten schützten ihre Manufakturen mit Importzöllen und der Handel mit chinesischem Porzellan kam vollständig zum Erliegen, obwohl es besser und billiger war als das europäische.

  • Neue Beschaffungsmärkte

Folgerichtig begann die Erforschung der Pflanze und des Herstellungsprozesses, und bald gab es erste Plantagen in Indien und Java. Dann, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, entstand in Indien und Ceylon eine Teeproduktion, die im Laufe der Jahrzehnte industrielle Maßstäbe annahm.

Es folgen eine Abhandlung über die Produktion von Tee. Immerhin hat man 200 Jahre lang mit einem Produkt gehandelt, über dessen Erzeugung nichts bekannt war. Und schließlich ein Kapitel über Japan. Japan hat sich nicht am großen Handel mit Tee beteiligt und blieb daher von destruktiven Entwicklungen verschont.

  • Bemerkungen

Ich mag die Perspektive von Hobhouse: Die Geschichte und ihre Konflikte als Funktionen der Märkte zu sehen. Der Autor betrachtet die Geschichte der Pflanzen individuell: Während es im Kapitel „Zucker“ gerade der Freie Welthandel war, der zur Abschaffung der Sklaverei führte, entfaltet er (der Welthandel, nicht der Autor) beim Tee eher eine destruktive Wirkung. Und ich mag Hobhouse’s essayistische Schreibweise. Die englische Perspektive hält er konsequent und augenzwinkernd durch. Und schließlich belegt er vieles mit Statistiken und Kalkulationen.

Zum Wohl. Oder wie sagt man beim Teetrinken?

Karte 54: „Liselotte von der Pfalz“ von Gertrude Aretz

Heute wird es antiquarisch. Die Biographie „Liselotte von der Pfalz“ interessierte mich nicht nur, weil eine beliebte Figur aus meiner Heimat, der Kurpfalz, besprochen wird. Sondern auch wegen ihres Alters. Das Buch ist aus dem Jahr 1921. Autorin ist die Historikerin Gertrude Aretz, die sich in ihren Schriften der Biographien verschiedener Frauen – meist mit Frankreichbezug – angenommen hat. Wir reden über 262 Seiten und 24 Abbildungen auf Hochglanzpapier, dazu einem sehr gut gemachten Personenverzeichnis am Ende.

Liselotte

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Primäre Quelle sind Liselottes Briefe an ihre vertrauten Freunde in ihrer Heimat Heidelberg. Diese Briefsammlung umfasst heute noch ungefähr 7000 Briefe und ist ein wichtiges Zeitdokument.

  • Heidelberg

Heidelberg war zu dieser Zeit Residenzstadt der Kurpfalz. Der Regent war der Kurfürst (der hieß so, weil er einer der sieben Jungs war, die den deutschen Kaiser „kürten“). Die Kurpfalz war damals ein Flickenteppich von Ländereien, der sich vom Unterlauf des Neckar bis in die Westpfalz zog.

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Liselotte wurde 1652 in Heidelberg geboren. Ständige Streitereien zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter führten dazu, dass sie zur Erziehung zu Verwandten geschickt wurde. So kam sie nach Kassel, nach Hannover und für kurze Zeit nach Den Haag.

Ab 1668 – dem Friede von Aachen – fürchtete man in Deutschland den „ländergierigen“ Ludwig XIV. Die deutschen Staaten schlossen Schutzbündnisse, der Kurfürst setzte jedoch keine Hoffnung darauf und wollte sich Frankreich nähern. Die Gelegenheit kommt 1671: Der Bruder des Königs (Philipp II von Orleans) hat seine erste Frau, Henriette von England, verloren. Eine Dame aus der weit verzweigten Verwandtschaft vermittelt, und so wird Liselotte die Gemahlin Philipps. Die Heirat macht Liselotte zumindest auf dem Papier zu einer sehr mächtigen Frau, weil sie ja jetzt Schwägerin des Königs ist.

Über Strasbourg fährt Liselotte nach Reims, wo sie der Form halber zum Katholizismus konvertieren muss. Danach verbringen die Neuvermählten einige Tage in Villers-Cateret, bevor sie nach Saint-Cloud ziehen. Regelmäßig verbringen sie auch Zeit in Philipps Stadtschloß, dem Palais Royale in Paris.

  • Paris

Liselotte ist in dem verschnöselten Paris wegen ihrer einfachen Art sehr beliebt. Sie verabscheut die „Debaucherien“ (Ausschweifungen), sie verabscheut Schminke und Sonnenmasken (trugen die Damen damals, um ihren Teint zu schützen). Sie mag das Essen nicht, mit all den „Pastetchen, Konfitürchen, Entrements und Ragouts“, und schnell vermisst sie Sauerkraut, Pfälzer Würste und Specksalat. Außerdem verabscheut die den französischen Adel im Allgemeinen, da die Herzöge vom König gemacht wurden und nicht wie in Deutschland, eine lange Tradition vorweisen.

Insgesamt gibt sie sich unangepasst, spricht direkt und undiplomatisch. Besonders der König schätzt sie deswegen. So verbringt sie manchmal mehr Zeit mit ihm als mit ihrem Gatten. Diese Vertrautheit mit dem König schützt Liselotte davor, von Philipp verstoßen zu werden. Sie lernt reiten, geht mit dem König auf die Jagd (ihr eigener Gatte reitet nicht, aus Sorge um seine Kostüme)

Dann jedoch bekommt sie die Intrigen des Hofes zu spüren. Besonders Madame de Montespan schleimt sich beim König und danach bei Philipp ein. Sie ist „offizielle“ Maitresse des Königs, eloquent und hübsch, aber mit einem fiesen Charakter. Mme de Montespan freundet sich mit „Giftmischerinnen“ an, und dann wird noch eine „Messe Noire“ dieser Dame explizit geschildert. Liselottes Gemahl besiegt während dessen in der Schlacht von Mont-Cassel die Niederländer. König Louis XIV. neidet ihm diesen Erfolg. Konsequenz: Es war der letzte Oberbefehl von Philipp.

1679 heiratet Liselottes Stieftochter Marie Louise den spanischen König. Die Verwandten aus Deutschland kommen nach Paris. Die Feierlichkeiten sind gewaltig, der unmoderne Schmuck der deutschen Gäste wird schnell noch nach der aktuellen Mode gefasst. Die Sitzordnungen richten sich übrigens danach, wessen Schmuck von welchem Kronleuchter am besten beleuchtet wird. Das unbefangene Jahr 1679 wird in der Rückschau das glücklichste in Liselottes Leben sein.

  • Die Metzer Reunionskammern

Während dessen in Heidelberg: Der Friede von Nimwegen führte zu neuen Begehrlichkeiten Frankreichs. Es wurden die „Metzer Reunionskammern“ eingerichtet. Deren Agenten sollen prüfen, welche Gebiete des früheren Bistums Metz wieder Frankreich einverleibt werden sollen. Zwei Agenten richten sich im Heidelberger Schloss ein, wo sie den Kurfürsten – Liselottes Vater – faktisch entmündigen. 1680 stirbt er. Sein Nachfolger, sein Onkel, stirbt 1685 kinderlos.

Und nun wird Liselotte selbst zum Auslöser machtpolitischer Ereignisse.

Ludwig XIV erhebt Anspruch auf die Kurpfalz. Er überzieht die Umgebung Heidelbergs – und kurz darauf die Stadt selbst – mit Krieg, Zerstörung und Plünderungen. Schloss und Stadt werden niedergebrannt.

  • Immer noch Paris (statt Maubuisson oder Montargis)

Liselotte ist zu Tode betrübt. Doch damit nicht genug. Der König legitimiert die Kinder, die er mit seinen Maitressen hat. Er befiehlt, dass eine seiner Töchter den Sohn Liselottes heiraten soll. Liselotte fügt sich widerwillig. Hofintrigen unterstellen ihr ein Verhältnis mit einem jungen Grafen. Ihr Mann überwirft sich mit ihr, sie will ins Kloster nach Maubuisson gehen. Der König redet es ihr aus.

1701 stirbt Liselottes Mann an einem Schlaganfall. Sie könnte in ihr Privatschloss Montargis ziehen, bleibt jedoch lieber beim König, auch um nicht der Einsamkeit zu verfallen. 1715 stirbt Ludwig XIV. Der Thronfolger Ludwig XV ist noch zu jung. So wird Liselottes Sohn Philipp Regent – also Interimskönig – über Frankreich und Liselotte auf ihre alten Tage nochmals zu einer mächtigen Frau.

Logische Folge: Liselotte ist umringt von allem, was in Paris kriechen kann. Sie jedoch weigert sich, in politischen Fragen Einfluss auf ihren Sohn zu nehmen. Bald zieht sie sich zurück. In ihrer Einsamkeit widmet sie sich immer mehr dem Schreiben von Briefen an ihre Freunde und Verwandten in Heidelberg. Nur einmal tritt sie in einer politischen Angelegenheit öffentlich auf. Nach dem Zusammenbruch der Lawschen Bank 1720 gab es Unruhen vor dem Palais Royal. Sie fuhr in der Kutsche vor und mahnte zur Besonnenheit. Ihr Auftritt besänftigte die Menge.

Am 8. Dezember 1722 stirbt Liselotte.

  • Nachwirkungen

Das Schloss in Heidelberg ist bis heute ein Ruine. Das Palais Royale in Paris beherbergt 1819 in Balzacs „Vater Goriot“ einen Spielclub.

  • Bemerkungen

Die Geschichte eines gesellschaftlichen Rollenwechsels, der mit einem Ortswechsel verbunden ist und so zu einem gewaltigen Kulturschock führt, ist flüssig und auch für heutige Leser gut lesbar geschrieben. Dazu kommt viel Sympathie für die Frau, die sich mit allen Veränderungen gut arrangiert.

Aber: Biographien über First und Second Ladies sind stets weniger von der Herrschaftsgeschichte geprägt als von Details aus dem Leben am „Hofe“. Das kann interessant sein, muss es aber nicht. Man erfährt manches aus dem Alltag einer Epoche, manchmal wird der Voyeur im Leser bedient. Und oft steht das Buch in der Gefahr, Banalitäten zu verbreiten.

Die Randbemerkung über den Zusammenbruch der Lawschen Bank – gerade zwei Sätze lang – zeigt, was dem Buch fehlt. Ludwig XIV hinterließ ein bankrottes und korruptes Land. Der Regent übernahm es wenig fachkundig und geriet an eben jenen Mr. Law, einen Hallotri mit ökonomischem Sachverstand. Auf spannenden Wegen gelang es beiden (Louis und Law), die Staatsschulden zu Lasten der Einwohner von Paris drastisch zu reduzieren. Davon erfährt der Leser nichts, und auch über die anderen politischen Entscheidungen, die für das Land wichtig waren (Louisiana, spanischer Erbfolgekrieg, Geldentwertung). Das Buch bleibt leider streng in der privaten Perspektive der Liselotte.

Absatzmärkte und Straßen 310 v. Chr. – „Aussaat im Erdkreis“ von Otto Zierer

Otto Zierer verfasste ein umfangreiches Werk über die Geschichte der Menschheit. Dafür schrieb er über jedes Jahrhundert ein Buch (und ab dem Mittelalter mehr als eins). Leider habe ich nur einzelne Bände davon. Hier geht es um das Buch „Aussaat im Erdkreis“, das von den Jahren 400 – 300 V. Chr. handelt.

Was bisher geschah

Athen besiegte das überlegene persische Weltreich in der Schlacht bei Salamis, es folgten wirtschaftliche und kulturelle Blüte (Stichwort Perikles) sowie ein schneller Niedergang durch Korruption und Bürgerkrieg. Das sind die Jahre 500 – 400 im Schnellgang gemäß dem Band „Der klassische Tag“.

und wie geht’s jetzt weiter

Nun geht der Blick zu Philipp von Mazedonien: Militärisches Geschick und diplomatische Klugheit qualifizieren ihn zum Führer des neu gegründeten Hellenischen Bundes. Nun hat Philipp den Oberbefehl über alle hellenischen Streitkräfte. Er macht sich auf den Weg, Persien zu erobern, das immer noch eine Großmacht ist. Bald wird Philipp ermordet, sein Sohn Alexander folgt ihm im Amte nach.

  • der Osten – von Athen aus gesehen

Alexander erobert den Osten. Eckpunkte der Geschichte, die schon häufig beschrieben wurde, sind Gordium, danach der Übergang über das Taurusgebirge bis nach Issus. Dort wird das persische Heer besiegt. Es folgt ein Feldzug ins Nildelta, wo der Feldherr eine Stadt gründet, die heute noch seinen Namen trägt, weiter über Gaugamela bis nach Babylon. Alexanders Einmarsch in Babylon ist bis ins Mystische überhöht überliefert. Man staunt über den Überfluss, genießt ihn, raubt ihn, und unbemerkt entstehen Anzeichen von Hybris.

Alexander führt Eroberungskriege bis nach Indien, ist über ein Jahr lang verschollen, und in den eroberten Gebieten Asiens scheitert die Verwaltung an Korruption und Geldentwertung.

Alexander will Korruption und Inflation eindämmen. Dazu trifft er sich mit verschiedenen Herren, mit denen er die ökonomische Lage der Welt erörtert. Zierer „zitiert“ nun ein fiktives Sitzungsprotokoll.

  • Handelsusancen

Früher haben die Tempel Geld an die Schiffseigner ausgeliehen. Nun treten immer mehr private Geldverleiher auf. Sie verleihen kein Bargeld, sondern geben Zahlungsanweisungen an ihre Geschäftsfreunde in den Hafenstädten. So ist der Verleiher sicher, dass das Schiff den Hafen anläuft. Diese Seedarlehen führen zu einer Ausweitung des Handels.

Auch die Händler spezialisieren sich, einer auf Getreide, einer auf Öl, andere auf Waffen oder Keramik. Und schließlich liefern die Bauern ihre Ernte im Getreidespeicher des Dorfes ab  (dem Thesauros – da wird also „thesauriert“)  und erhalten dafür schriftliche Anweisungen, mit denen sie ihre Steuern zahlen und einkaufen können. Schließlich behält das Getreide immer seinen Wert. Je nach Interessenlage reguliert man eben mal den Hunger in bestimmten Regionen, um die Preise in die Höhe zu treiben.

Außerdem expandiert der Welthandel, denn Alexander hat den Osten der Welt für den Handel mit griechischen Waren geöffnet.

 

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Mit am Tisch sitzt der Industrielle Zenon. Er bemerkt im Westen – sozusagen auf der anderen Seite des damals bekannten Erdkreises – eine Veränderung. Ein Epochenwandel dämmert herauf. Wird es ein beunruhigender sein, oder eher nicht?

  •           Die westhellenischen Absatzmärkte

Zenons Sohn – später als Zenon von Kition bekannt – schreibt an einen Geschäftspartner in Neapel. Er möchte mehr Informationen über dieses unbekannte Rom, das sich von Norden her auszubreiten beginnt. Simonides (besagter Geschäftspartner) antwortet ausführlich. Zunächst erläutert er die Geschichte Roms seit seiner Gründung, dann die politische Verfassung. Und er kommt auf die Bevölkerung zu sprechen. Rom hat drei Stadtbezirke (einen für Plebejer, einen für die Patrizier und einen für die Proletarii – die „Nachkommenerzeuger“). Weil es drei sind, heißen sie Tribus, ihr jeweiliger Abgesandter ist der Tribun, ihr Steueranteil der Tribut.

Zenon jr. will aber in erster Linie Geschäfte machen. Also fragt er an, ob er sein Vasenhandelsimperium in die westhellenischen Absatzgebiete – also nach Süditalien – ausdehnen kann. Die Antwort ist eindeutig: Vasen gibt es in Italien genug, es gibt Kunstwerkstätten in Poseidonia und Tarent. Und die stark nachgefragte Massenware stellen die Römer selbst her. Der Partner rät Zenon jr., in den Handel mit Waffen zu investieren. Panzer, Schwerter, Rüstungen sind Produkte, die in Rom bald stärker nachgefragt werden.

Dann begleitet der Leser Simonides auf seiner Reise von Rom zurück nach Capua. Er besucht Claudius Appius, einen reichen Römer, der gerade eine Straße von Capua nach Rom bauen läßt. Sie wird später nach ihm benannt sein – die Via Appia. Sie sprechen über Handel. Und über das, was die Römer am stärksten von den Griechen unterscheidet:

  • die Straßen

Griechen, so heißt es, verachten die Römer, weil die keine Kultur haben, keine Literatur und keine Gymnasien. Die Römer andererseits haben – Straßen. Mit einer neuartigen Technik aus mehreren Schichten gebaut, sind sie „wie die hetzende Zeit, der eilende Marsch der Legionen“. Berge steigen sie hinauf ungeachtet der Steigung, ist ein Fels im Wege, wird er durchbrochen.  Eben ganz anders als die griechischen Straßen, die oft unbefestigt sind, schmaler, und die sich an den Berg schmiegen. Straßen, die den Umweg zu Tempeln und Hainen kennen.

Zum Ende des Gesprächs und des Buches sieht man ein paar römische Soldaten nach Süden marschieren.

  • Bemerkungen

Der Autor nimmt originale Dokumente und Zitate und bindet sie in eine Handlung ein. Die Grenze zwischen dem erfundenen und dem nicht erfundenen Stoff verwischt. Fiktive Peronen erzählen über das kulturelle und ökonomische Klima der Welt. Reale Personen führen fiktive Dialoge auf der Basis überlieferter Dokumente. Aber Zierer legt Wert auf den historischen Kern der Bücher, und es ist gut lesbar erzählt.

Karte 42: „Das Buch der Pyramiden“ von C.W. Ceram

„Götter, Gräber und Gelehrte“, den berühmten „Roman der Archäologie“ habe ich vor langer Zeit hier scheibchenweise begonnen, vorzustellen. Nach dem Buch der Treppen (Mexiko) und dem Buch der Statuen (Griechenland) fehlt noch das Buch der Pyramiden, in welchem Ceram die Wiederentdeckung des alten Ägypten schildert.

  • Die Ausgangslage

Dominique Vivant Denon ist ein Salonlöwe in Paris, dilettierender Autor und reist im diplomatischen Dienst von Louis XV durch Europa. 1777 schreibt und publiziert er  „Le Point de Lendemain“, eine erotische Erzählung, die sogar von Balzac gelobt wird. Außerdem arbeitet er als Edelsteinkonservator und Maler (hervorzuheben sind seine pornographischen Zeichnungen „Oeuvre Priapique“ von 1793). Über eine gemeinsame Bekannte, Josephine, wird Napoleon auf Denon aufmerksam. Er ist mit an Bord, als am 19. Mai 1798 Napoleons Flotte von Toulon aus nach Ägypten aufbricht.

Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram
Deutschlandkarten auf stepmap.de: http://www.stepmap.de/landkarte-deutschland

StepMap Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram



Weil Ägypten als Nahtstelle zwischen dem Mittelmeer und Indien strategisch wichtig ist, darf sich der Feldherr mit den Mamelucken und Lord Nelson herumschlagen. Derweil reitet Denon in der Etappe umher und zeichnet was das Zeug hält, in Sakkara, in Dendera und Theben, in Assuan und Elephantine. Teilweise sind seine Skizzen die einzigen Dokumente von später zerstörten Bauten. Und er zeichnet Hieroglyphen, ohne sie zu verstehen.

In der Zwischenzeit vernichtet Nelson Napoleons Flotte bei Abukir. Napoleon fährt ein Jahr später, im Juli 1799, ohne seine Armee zurück nach Frankreich (Monsieur übt also schonmal für den Russlandfeldzug, wo er dies tapfere Tun vervollkommnet). 1801 kapituliert die Restarmee in Alexandria vor General Abercombie. Die gesammelten archäologischen Schätze gehen an das England von George III. Darunter der Dreisprachenstein, der im Nildelta bei der Stadt Rosette gefunden wurde.

  • Das Entziffern

1790 wird in Grenoble Jean-Francois Champollion geboren, der Sohn eines Buchhändlers. 1809 (mit 19 Jahren) wird er Professor in Grenoble. Er erfährt vom Stein aus Rosette und ist davon besessen, die Hieroglyphen zu entziffern.

Jeder, der sich bis hierhin zu den Schriftzeichen geäußert hat, unterstellte, dass es sich um eine Bilderschrift handele. Champollion löst sich von diesem Gedanken und vermutet eine Art Buchstabenschrift. Schließlich gelingt ihm 1822, beginnend mit den Königsnamen, der Durchbruch. Er reist 1824 erstmals nach Ägypten, und da er nun auch die Inschriften an den Monumenten lesen kann, deckt er die Bedeutung einiger Bauten in Tell-el-Amarna und Sakkara auf.

  • Das Sammeln

Die Schrift war gefunden und entziffert. Die Arbeit des Sammelns beginnt. Und auch diese Arbeit beginnt mit einem sonderbaren Herrn. Auf einer Londoner Tingeltangel-Bühne macht Giovanni Belzoni – nach Streitereien in Italien den dortigen Gefängnissen entflohen – den „starken Mann“. Auf verschlungenen Wegen ergaunert er sich von dem britischen Generalkonsul in Ägypten Salt die Erlaubnis, archäologische Schätze zu sammeln. Die meisten liegen ohnehin an der Oberfläche der Wüste rum. Belzoni öffnet ein paar Gräber und 1818 schließlich auch die Chephren-Pyramide. Was nicht Niet- und nagelfest ist, schafft er nach London, wo er eine Ausstellung in der „Egyptian Hall“ am Piccadilly-Circus organisiert.

  • Das Ordnen

Gesammelt ist also auch, jetzt kommt die Zeit des Ordnens. Es ist mit dem Namen Richard Lepsius verbunden. Der Berliner Wissenschaftler veröffentlicht 1848 und 1849 zwei Bände zur chronologischen Geschichte Ägyptens und seiner Könige. Die moderne Ägyptologie ist geboren.

Zugleich erhält in Paris Auguste Mariette, Assistent am Louvre, den Auftrag, in Kairo Papyri zu kaufen. Er sieht, dass in Kairo überall Altertümer verkauft werden und beschließt, statt zu kaufen, zu bewahren. Er bleibt in Ägypten. Er entdeckt die Allee der Sphinx, den Friedhof der Apis-Stiere, das Grabmal des Ti und vieles mehr. 1859 gründet Mariette für seine Sammlungen das ägyptische Museum in Bulaq.

  • Das Schaben

„Schaben“ nennt einer seine Tätigkeit, der 1853 geboren wurde und in den 1880ern nach Ägypten kam. William Flinders Petrie stellte in den Bibliotheken Londons fest, dass es an grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiet der Ägyptologie fehlte. Er schuf sie kurzerhand selbst. Dabei entdeckte er auch Naukratis, findet in der Erde von Al-Qantara jede Menge wertvoller Statuen und schließlich das Grab des Amenophet und den Eingang der Pyramide zu Hawara. Außerdem viele geplünderte Gräber. Er vermutet als erster, dass Grabräuber nicht zufällig im Laufe der Zeit auf die Schätze stießen, sondern dass es ein gut organisierter Wirtschaftszweig war.

  • Was weiter passiert

Es folgen natürlich ein Kapitel über die Grabräuber im Allgemeinen, eines über Mumien. Schließlich wird zwei Kapitel lang die Geschichte von Howard Carter und Lord Carnarvon (eigentlich George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon) erzählt, die das Grab des Tut-Ench-Amun finden, sichern und bergen.

  • Bemerkungen

Wie schon die beiden anderen „Bücher“ innerhalb dieses Klassikers bietet Ceram dem Leser spannend erzählte Geschichte. Die unterhaltsame Schreibe macht auch kompliziertere Zusammenhänge verständlich. Wie immer wird der Wissensstand alleine auf der Basis der Erkenntnisse von Forschern und Entdeckern geschildert und ohne Spekulationen. Das fällt besonders auf, als Ceram sich dezidiert dagegen wendet, in den Pyramiden Zahlensymbolik und -mystik zu vermuten.

Lesenswert.
Die ägyptische Expedition
Tingeltangel

Christopher Fielden „Ein Gläschen Port in Ehren“

Es gibt zwei Autoren mit Namen Christopher Fielden. Einer schreibt Kurzgeschichten, der andere ist als Weinautor bekannt. Von letzterem gibt es das Buch „Is this the Wine I’ve ordered?“, das sehr unironisch mit dem Titel „Der Weinbetrug“ ins Deutsche übersetzt wurde. In 13 Kapiteln erzählt Fielden Geschichten davon, dass Etikette und Inhalt nicht immer übereinstimmen. Hier schildere ich das Kapitel, das dem Portwein gewidmet ist. Laut Fielding könne man den Portwein nicht trinken, ohne seine Geschichte zu verstehen

Portwein
Frankreich Landkarten auf stepmap.de

StepMap Portwein


Vorauszuschicken ist, dass es schon seit Jahrhunderten englische Handelsvereinigungen in Porto, Viana und Lissabon gab. Und dass England stets dann Frieden mit Portugal hatte, wenn mit Frankreich gerade Krieg war. Letzteres ist für die Geschichte des Portweins wichtig. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1678. Der Import französischer Weine ist gerade mal wieder verboten. (Es war die Regierungszeit von Charles II und Louis XIV. Obgleich es der Regentschaft dieser beiden Herren nicht gerade an Episoden ermangelte, habe ich die konkrete Geschichte hierzu nicht recherchieren können).

Wie in diesen Situationen üblich, weichen englische Verbraucher auf portugiesische Weine aus. Zwei junge englische Weinhändler besuchen das Kloster Lamego. Es liegt im Tal des Duoro, 90 Kilometer flussaufwärts . Sie kosten dort einen besonders delikaten, süßlichen Wein. Der Abt erklärt, dass er vor der Gärung Branntwein zusetzt. Außerdem übersteht dieser Wein die Reise nach England besser als die säurehaltigen Weine. England ist also auf den Geschmack gekommen.

  • Das 18. Jahrhundert

1703 schließlich unterzeichnen die Briten und die Portugiesen den Methuen-Vertrag, nach dem britischen Botschafter in Lissabon benannt. Es ist ein Freihandelsabkommen, mit dem der portugiesische Markt für englisches Tuch und der britische Markt für portugiesischen Wein geöffnet wird.

1730 kam man darauf (auch hier gibt’s von Fielden keine Details), den Branntwein während der Gärung beizugeben, so dass der Wein noch süßer wurde. Somit hatte man den Wein gefunden, den der englische Markt nachfragte – süß und mit hohem Alkoholgehalt. (Danke an Low aus Hinterindien für die naturwissenschaftliche Beratung)

1754 ist die Nachfrage eingebrochen, weil die Qualität der Weine immer schlechter wurde. Die Händler beschweren sich bei der Kontrollbehörde in Regua. Die Winzer geben wiederum den Händlern die Schuld. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, bis…

…1756. Dann erlässt der Marquis des Pombal – der zugegeben nach dem Erdbeben andere Sorgen hat – einige Verordnungen, die dem Weinhandel neuen Auftrieb geben. Zunächst werden die Anbauflächen begrenzt. Dann vergibt er der Oporto-Weinhandelsgesellschaft das alleinige Recht, Weine aus dem Duoro-Tal zu exportieren. Und sie darf als einzige Gesellschaft Branntwein destillieren. Schließlich muss der Branntwein auch aus einheimischen Trauben destilliert sein. Es muss Buch geführt werden über die Erntemengen. Tierdung als Düngemittel wird verboten. Und es müssen alle Holunderbäume gefällt werden. Holunder? Damit wird der Wein üblicherweise gefärbt.

Die Maßnahmen sind erfolgreich. Ende des 18. Jahrhunderts ist Portwein der „In-Drink“ in England. Wieder treten etliche Billighändler auf dem Markt.

  • Das 19. Jahrhundert

1829 erscheint ein Buch, das die üblichen Zutaten aufzählt: Rotwein, Branntwein und Farbstoffe. Und so kippt der Text nun in eine kleine Geschichte der Weinfärberei. Neben Holundersaft beliebt ist Berry-Drye, ein Saft aus deutschen Blaubeeren.

In der Zwischenzeit experimentiert seit 1812 ein gewisser George Sandeman in Vila Nova mit Branntweinen und findet eine lang haltbare und wohlschmeckende Mixtur aus Wein und Branntwein. Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht dann ein reger Tauschhandel zwischen beiden Ländern. Portugal importiert Branntwein aus England und exportiert die doppelte Menge Port.

Danach jedoch geht der Verkauf zurück. Grund ist vor allem eine schlechte Presse. Und die Färbereien, mit Schlehendorn, mit schwarzen Kirschen, und besonders mit Blauholz (Logwood). Letzteres wird auch heute noch als Farbstoff verwendet. Allerdings hat man die Portwein-Episode aus der Geschichte des Logwood gestrichen.

Der Hin- und Her-Export von Branntwein schließlich führte 1904 zur kuriosen C14-Affäre. Der auf verschlungenen Wegen durch halb Europa transportierte portugiesische Branntwein kehrte mysteriöserweise als Industriealkohol zurück und der damit gemischte Port war einer der grandiosesten Jahrgänge. So kann es auch gehen.

Auf jeden Fall „Zum Wohl“.

Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

StepMap Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

 

  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.