Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

  • Das Buch

Der Schauspieler Mario Adolf trat hin und wieder auch als Autor von Kurzgeschichten in Erscheinung. Eine schöne Sammlung von 11 Kurzgeschichten und einer essayistischen Einleitung veröffentlichte er 1994 unter dem Titel „Der Dieb von Trastevere“. Ich habe das Taschenbuch von btb mit 176 Seiten.

  • Der Kontext

Der Untertitel „Geschichten aus Italien“ gibt das Thema vor. Der Leser reist auf unterhaltsame Weise durch das Land und lernt Menschen kennen, die in originellen oder anstrengenden Situationen ihre wahren Gesichter zeigen. Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, der auf Reisen mit Einheimischen spricht und sich die Geschichten erzählen lässt. Die einzige Ausnahme ist die bemerkenswerte Erzählung „Schweigen“. Dazu später.

  • Rom

Die Einleitung mit dem Titel „alle Wege führen nach..“ handelt von Rom. Sie ist biographisch interessant, denn Adorf beschreibt seinen beruflichen Schritt von Deutschland nach Italien und seine erste, vom Scheitern geprägten, Gehversuche im italienischen Filmgeschäft. Origineller Höhepunkt ist die Weigerung der Behörden, ihm die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Der Dieb von Trastevere

StepMap Der Dieb von Trastevere
  • Venedig

„Der Photograph von San Marco“ entführt den Leser nach Venedig. Es ist Juli 1902. Die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen. Auf dem Markusplatz teilen sich zwei Photographen das Revier und fotographieren Touristen: Baghetto und Zago.

In den Tagen vor dem 14. Juli 1902 streiten die Venezianer heftig um Mängel an der Statik des Campanile. Er sei einsturzgefährdet, hieß es. Baghetto baut jeden Morgen sein Stativ auf und richtet es auf den Campanile aus. Er hofft, den Einsturz des Turmes dokumentieren zu können. Das bleibt Zago zwar nicht verborgen, aber er läßt sich in seinem Gewerbe, Touristen zu fotographieren, durch die Gerüchte nicht stören.

Schließlich, am Morgen des 14. Juli, eskaliert die Situation. Keine Tauben auf dem Platz, der Dogenpalast wird abgesperrt, die Kellner drängen die Touristen, ihre Speisen zu beenden. Schließlich stürzt mit Donnerrollen der Turm in sich zusammen. Baghetto hat tatsächlich im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Beim Versuch, die Kamera vor der folgenden Staubwolke zu schützen, wird seine Kamera zerstört. Er konnte fast alle Bilder retten, nur das des Einsturzes selbst bleibt verschollen.

Am gleichen Tag erscheint ein Extrablatt der Zeitung über den Einsturz. Darin: ein Foto vom Einsturz selbst, Fotograph: Zago. Baghetto entlarvt das Foto als Fälschung aus Fotomontage und Retusche. Er stellt eine bessere Fälschung her und konfrontiert Zago mit ihr.

Im Streit um den Wiederaufbau des Campanile steht Baghetto auf der Seite derer, die den Platz leer lassen wollen. Doch diejenigen, die den Campanile wieder aufbauen wollen, setzen sich durch. Baghetto dokumentiert den leeren Platz, Zago nur den aufgebauten Campanile. Und so kam es, dass die Geschichte des Einsturzes in den Annalen Venedigs fast nie erwähnt wird.

  • Ponza

Die Erzählung „Der Besuch“ spielt auf der kleinen Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Der Papst höchstpersönlich – heißt es – werde bei einer Reise nach Capri und Ischia kurz Station auf Ponza machen. Die Bewohner sind in heller Aufregung. Die Inselkirche hat keine Glocke (Lösung: elektrisches Glockenspiel mit Big-Ben-Melodie), es gibt kein Papamobil (Lösung: eine Telefonzelle wird auf einen Lieferwagen montiert und kurzerhand als „kugelsicher“ erklärt) und vieles mehr.

Wegen schlechten Wetters kann der Papst nicht per Schiff reisen. Er nimmt einen Hubschrauber, und selbst der kann wegen des Sturmes nicht landen. Immerhin kreiste er zweimal über der Landestelle, und jeder konnte eine weiß behandschuhte Hand erkennen, die segnend aus dem Helikopter heraus gehalten wurde.  Alle fallen auf die Knie und bekreuzigen sich.

  • Triest

Die Erzählung „Rizinus“ spielt am Theater in Triest. Sie könnte aber an jedem stationären Theater der Welt spielen. Es ist eine „ganz normale“ Intrige in der Theaterwelt. Sie wirft jedoch auch ein Licht auf die manchmal sehr sensible Beziehung zwischen Italienern und Deutschen.

  • Ardore

In Ardore, westlich von Locri spielt die Erzählung „Die zwei Tode des armen Barabas“. Barabas ist eine Art Dorftrottel, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Jeder in Ardore macht sich über ihn lustig. Eines Tages erkrankt Barabas. Ein Hernie (ein Eingeweidebruch) wölbt sich immer stärker aus seinem Bauch heraus. Zwei Assistenzärzte wollten ihm Gutes tun, doch die Operation führt Tage später zu Barabas Tod. Ganz Ardore versammelt sich zur fröhlichsten Beerdigung aller Zeiten.

  • Salice

In Salice in Kalabrien ist der Erzähler mit dem  Besitzer einer Zitrusfruchtplantage befreundet. DerPlantagenbesitzer muss seine Ware stets zu einem Drittel des üblichen Preises an seinen Hausmafioso verkaufen. Gegenleistung: er muss keine Angst um sein Eigentum haben. Nun steht die Hochzeit der Tochter dieses Hausmafioso an. Die Freunde werden zu der Hochzeit eingeladen. In die Enttäuschung über das Hochzeitsgeschenk (eine Kristallbowle mit 12 Gläsern) mischt sich eine Drohung an den Erzähler.

  • Taormina

Diese Erzählung „Schweigen“ beginnt in Taormina auf Sizilien, wo das Mädchen Annamaria lebt. Ihre Eltern schicken es nach Florenz ins Internat. Später studiert sie und lernt Enrico kennen, den Juniorchef eines Schuhgeschäftes. Tochter Enrica wird geboren. Der Schuhladen expandiert, italienweit werden 40 Filialen eröffnet. Annamaria ist immer häufiger alleine in Taormina. Sie gibt Gesellschaften, aus denen später Pokerrunden werden. Annamaria verliert viel. Enrico kauft sich ein Imperium zusammen, inclusive Gerbereien, Landhaus und Zweitfrau in Venezuela. Annamaria muss ihn schließlich um Geld bitten und erfährt alles. Irgendwann erleidet Enrico einen Schlaganfall, wird bettlägerig. Annamaria pflegt ihn und nutzt dies, um ihn zu erpressen. (Jeder Löffel Brei für eine Ziffer eines Bankkontos). Bald kennt sie alle Konten und verspielt alles. Nach Jahren geht es Enrico besser, und schließlich verrät er seiner Tochter die Nummern seiner Konten in Luzern. Mit diesem Wissen geht sie einem Lebemann auf den Leim, der den Rest verspielt.

  • Rom

Natürlich sind da auch noch ein paar Geschichten aus Adorfs Leben in Rom, und seinen Erlebnissen in der Filmindustrie.

  • Bemerkungen

„Schweigen“ halte ich für das bemerkenswerteste Stück des Bandes. Adorf erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Familie auf 20 Seiten, wo jeder andere eine Romantrilogie draus gemacht hätte. Auch sonst erzählt er Geschichten um Leben, Verrat und Tod mit Humor, Charme und einer großen Liebe zu den Menschen mit ihren Schwächen. Gehört in die Reisebibliothek.

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USA 1916 – Entwurzelt zwischen Frauen und Seilen – „Champion“ von Ring Lardner

Champion1949film

(Quelle Filmplakat: wikipedia) Eine Kurzgeschichte aus der vor einigen Wochen bereits besprochenen Box-Anthologie hat es mir besonders angetan, auch weil sie eindrucksvoll verfilmt wurde. Im Original heißt der Film „Champion“ und hat einen anderen Schluss als die literarische Vorlage. Außerdem wurde die Handlung in andere Städte der USA verlegt. Der deutsche Titel lautet „Zwischen Frauen und Seilen“. Es war 1949 die erste große Rolle von Kirk Douglas.

Literarische Vorlage ist die Kurzgeschichte „Champion“ aus dem Jahr 1916. Verfasst wurde sie von Ring Lardner. Lardner (1885 – 1933) war amerikanischer Sportreporter, dessen Reportagen und sportbezogene Geschichten in den USA erfolgreich waren.

  • Die Geschichte

Midge kommt aus üblen Verhältnissen in Milwaukee. Er beschafft sich ein wenig Geld, indem er seinen verkrüppelten Bruder ausraubt.  Bald darauf wird er Profiboxer. Für seinen ersten Kampf bekommt er 12 Dollar. Dafür darf er Fallobst vermöbeln. Für weitere 75 Dollar darf er im Laufe seiner beginnenden Karriere absichtlich verlieren. Bald heiratet er die Schwester seines Managers, verprügelt sie in der Hochzeitsnacht und verschwindet schließlich nach New Orleans.

Dort hat er einen neuen Manager an Land gezogen, und auch eine teure Geliebte. Außerdem trainiert er sechs Monate lang für einen Meisterschaftskampf, den er gewinnt. Um sich nun weiter Geld zu verdienen, zieht er nach Chicago, wo er in Varietees auftritt und weiter nach Detroit. Seine Geliebte überredet ihn dazu, seinen Manager zu feuern und einen neuen zu engagieren. Sie erhofft sich von ihm mehr Geld. Also feuert Midge seinen Manager und engagiert einen neuen, der mehr Geld einbringt.

Champion von Ring Lardner
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Bald darauf nimmt die Geschichte eine neue Wendung: Midge verlässt seine Geliebte und brennt mit der Frau des neuen Managers durch. Er heiratet sie ebenfalls. Das Geld für die Scheidung von seiner ersten Frau – die immer noch in Milwaukee sitzt – spart er sich, weil von der Ehe niemand etwas weiß.

Logischerweise benötigt Midge jetzt wieder einen neuen Manager. Und der macht seinen Job richtig gut. Er bringt Midge nach New York. Vor einem großen Kampf kommt ein Journalist ins Camp. Der Manager tischt dem Journalisten die Geschichte eines fürsorglichen Familienvaters auf. Der habe seine Familie irgendwo in Kanada und möchte möglichst schnell immer wieder zu ihr zurück. Ein Zeitungsartikel erscheint. Migdes Frau in Milwaukee und auch Midges Mutter können sich keine Zeitung leisten, Midges andere Frau erfährt davon nichts.

Midge ist Champion. Keine Redaktion würde sich jetzt für die Wahrheit interessieren.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte, die von den übelsten Abgründen handelt. Und davon, wie eine gescheiterte Existenz sich mit viel Egoismus und der Hilfe geschäftstüchtiger Leute zu einem erfolgreichen Mann aufbauen lässt. Midge ist heimatlos, weder menschlich noch regional  verwurzelt, und man ahnt, dass er wieder scheitern wird.

  • Oscars

„Champion“ bekam 1950 einen Oscar für den besten Schnitt. Kirk Douglas erhielt seine erste Oscar-Nominierung. Zwei weitere folgten, einen Oscar bekam er nie. Noch übler traf es Arthur Kennedy. Es war seine erste von vier erfolglosen Nominierungen als supporting actor. Dimitri Tiomkin hatte bereits fünf erfolglose Nominierungen, bevor er mit „Champion“ zu seiner sechsten – ebenfalls erfolglosen – kam. Zwei Jahre später räumte er mit „High Noon“ ab. Ring Lardners Sohn steuerte später die Drehbücher von Cincinnati Kid und MASH bei.

Karte 39: München 1902 – „Gladius Dei“ von Thomas Mann

In den letzten Beiträgen wurde eifrig Schiffe versenken gespielt. Deswegen ist mal wieder Zeit für einen Landgang. Der findet in München statt. Es ist eine Stadtplangeschichte. Eine, die sich im Umkreis von wenigen hundert Metern abspielt. Es ist das Jahr 1902, und die Geschichte ist „Gladius Dei“ von Thomas Mann. Sie ist zeitgenössisch, und mit gerade mal 17 Seiten eher „was Kurzes“ des Autors.

  • München 1902


Ort der Handlung ist der blau markierte Bereich zwischen Odeonsplatz, Türkenstraße und Siegestor. München strotzt im Juni 1902 nur so vor Lebensfreude. Vogelgeschwätz und „heimlicher Jubel“ liegen über der Stadt, man fährt in Droschken daher. Farbenfroh gekleidete Menschen lassen „den hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken“. Radfahrer umklingeln die Menschen. Man sitzt auf den Treppen der Stadt in der Sonne. Nicht nur die Stadt blüht, auch die Kunst. Bücher über Kunst und über Farbensinn werden tausendfach gekauft und gelesen, und abends wird vor vollen Sälen darüber geredet. Und so verbinden sich Kunst und Lebensfreude auch, als ein Maler mit seiner Geliebten durch die Ludwigstraße fährt. Oder man hat das Glück, einer berühmten Frau zu begegnen. So ergibt es sich, dass eine Kunstgalerie „Schönheitsgeschäft“ heißt. Und der Besitzer den frühlingsfarbenfröhlichen Namen Blüthenzweig trägt.

  • Der Gegenspieler (rote Strecke)

Doch keine dynamische Idylle ohne Gegenpart. Im zweiten Kapitel ändert sich die Szenerie schlagartig. Ein Mann läuft die Schellingstraße hinab, die Augen zu Boden gerichtet. Die Kapuze des schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, geht er in die fast leere Ludwigskirche. Dort verharrt Hieronymus, so heißt der Mann, bevor er weiter geht und an der Kunsthandlung am Odeonsplatz ankommt. Menschen drängen sich vor ein Schaufenster, bestaunen die Fotografie einer entblößten Madonna.

Eigentlich ist es keine Fotografie einer Madonna, sondern die Ablichtung eines Gemäldes mit einer Madonna, das der Staat kürzlich angekauft hat.

Zuschauer fachsimpeln vor dem Schaufenster oberflächlich daher. Hieronymus aber verharrt eine Viertelstunde lang vor dem Bild, starr und bleich, bevor auch er weiter geht.

Zwei Tage vergehen. Dann macht sich Hieronymus wieder zur Galerie auf. Diesmal geht er hinein und verlangt, den Inhaber zu sprechen. Die Verhandlung geht Schlag auf Schlag: Madonna kostet 70 Mark, Hieronymus will nicht kaufen, hat auch gar kein Geld, Inhaber winkt einen Angestellten herbei, der sich nun um den Nicht-Kunden kümmern soll. Dieser Angestellte, mit dem „Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost“ hört sich dann Hieronymus‘ Ausführungen an.

Zunächst flüsternd, dann immer bebender sprechend, verlangt Hieronymus, das Bild zu entfernen. Dabei betextet er den Angestellten mit wirrem Allerley. Wissen erlöse, nicht schnöder Genuss, Kunst sei etwas Heiliges, das nicht das Elend der Welt übertünchen dürfe. Drei Seiten lang ergeht sich Hieronymus in den unterschiedlichsten Tiraden gegen das Werk, die Schönheit und die Galerie. Plötzlich öffnet er seinen Kapuzenmantel und zeigt drohend auf die Madonnengemäldefotografie. Nun wird es bedrohlich und es kommt zum…

  • … Showdown

Blüthenzweig wird es zuviel, und er zeigt mit dem Federhalter auf die Tür. Hieronymus geht aber nicht; also ruft Blüthenzweig seinen Packer Krauthuber herbei. Der soll Hieronymus die Tür weisen, was er „mit kleinem Stoß und Schwung“ auch tut.

Draußen – über der Theatinerstraße – zieht ein Gewitter auf, irr und ekstatisch halluziniert Hieronymus dort weiter.

  • Bemerkungen

Ich hatte beim ersten Mal mit der Geschichte meine Schwierigkeiten. Erst beim zweiten Lesen fiel mir auf, dass es nicht nur die Geschichte eines Lebensverneiners ist, der sich aus übergeordneten Motiven um Dinge kümmert, die ihn eigentlich nichts angehen.

Die Beschreibung der Figuren bis in die kleinsten Zuckungen im Gesicht sind geschriebene Karikaturen. Mann wechselt zwischen dem lebensfrohen München und dem lebensverneinenden Hieronymus hin und her und lässt den Leser diesen Wechsel mit allen Sinnen nachvollziehen.  Als die Lage im Laden turbulent wird, muss der Leser aufpassen, dass der „Film im Kopf“ nicht schon längst seine eigene Dynamik entwickelt hat. Und auch, wenn die Geschichte jetzt 112 Jahre alt ist, hat sie kein bisschen Staub angesetzt.

Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

Boxen in New York – Hemingway, Irwin Shaw, Djuna Barnes – 3 Erzählungen

Harte Bandagen

Also eigentlich boxen Menschen ja miteinander, seit es Menschen gibt. In adligen Kreisen Englands wurde Boxen dann seit dem 17. Jahrhundert zu einem kultivierten Sport in der Form des modernen Faustkampfs entwickelt.

Seither waren auch viele Autoren vom Boxsport fasziniert und haben in der einen oder anderen Form darüber geschrieben. Einige dieser Werke sind in der Anthologie „Harte Bandagen“ zusammen gefasst. Der Einband des Taschenbuches aus dem Jahr 1997 zeigt ein Ölgemälde von George Bellows, „Stag at Sharkey’s“ aus dem Jahr 1909. In Analogie zur Struktur eines Boxkampfes (12 Runden, 11 Pausen) enthält das Buch 12 Erzählungen und 11 Gedichte, darunter von Camus, Brecht, Thomas Mann.

Speziell dieser Sport ist heute nicht mehr mit dem Adel und auch nicht mit England assoziiert. Der soziale und ökonomische Kontext des Boxsports weist in die USA. Im genannten Buch finden sich mehrere Texte, die in und um New York spielen.

  • „Fifty Grand“ von Hemingway (1927)

„Fifty Grand“ gehört zu den selten genannten und besprochenen Stories von Ernest Hemingway. Man könnte den Titel so etwa „Fuffzich Riesen“ übersetzen. Die Erzählung liegt in der – schlechten – Übersetzung von Horschitz-Horst vor und ist etwas merkwürdig mit „Um eine Viertelmillion“ betitelt. Die Geschichte hat viele Facetten. Eine davon ist eine Wette.

Jack Brennan ist ein Mittelgewichtsboxer, bislang erfolgreich, doch nun eher am Ende seiner Karriere. Der Leser erfährt außerdem, dass Jack außerhalb des Rings geschäftstüchtig ist. Er schläft schlecht aus Sorge um seinen Besitz. Noch hat er den Gürtel des Weltmeisters, aber Walcott, ein Tscheche mit amerikanisiertem Künstlernamen, fordert ihn heraus. Jack trainiert „drüben in Jersey„. Er wird begleitet von seinem langjährigen Freund Jerry Duncan. Jerry ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Jack hasst das Trainingslager. Er weiß, dass er verlieren wird, sofern beide Boxer ihr bestes geben. Nach dem Besuch zweier zwielichtiger Geschäftsleute verrät Jack dem Ich-Erzähler, dass er die titelgebenden 50.000 Dollar auf den Sieg seines Gegners gewettet hat.

Der Kampf findet im „Garden“ statt. Das ist offensichtlich der Madison Square Garden – Horschitz-Horst übersetzt allen Ernstes mit „Sportpalast“. Der Fight – von Hemingway fachkundig und dramatisch geschildert – geht über die volle Distanz von 12 Runden. Jack beginnt stark, wird aber immer schwächer, steht kurz vor der erwarteten Niederlage, als Walcott ihm einen Tiefschlag versetzt. Das hätte Jacks Sieg zur Folge. Also quält sich Jack über das Anzählen hinweg, torkelt wieder auf Walcott zu, setzt ein paar Treffer, und setzt schließlich selbst einen Tiefschlag. So garantiert er seine Niederlage und rettet seine 50000 Dollar plus Gewinn. Es ist eine Geschichte über einen Mann, der um einen moralischen Sieg kämpft. Seine Niederlage muss er sich auf die allerhärteste Tour erarbeiten.

  • „I stand by Dempsey“ von Irwin Shaw (1939)

Die Kurzgeschichte „Ich bin für Dempsey“ wurde am 11. März 1939 in der Zeitschrift „The New Yorker“ veröffentlicht. Der Autor wurde in den 50er Jahren als Drehbuchautor berühmt, zum Beispiel für „Krieg und Frieden“ mit Henry Fonda und Audrey Hepburn. Worum geht es?

Die Freunde Gurske und Flanigan sehen sich um Madison Square Garden einen beliebigen Kampf im Schwergewicht an. Gurske ist enttäuscht („Nicht ein Tropfen Blut“) und meint, dass Dempsey alle auf die Bretter gelegt hätte. Flanigan widerspricht, denn er ist ein Fan von Joe Louis. Die beiden streiten sich im Taxi („du 120-Pfund-Napoleon“), streiten sich in der Bar, gehen in einen Tanzsalon nach Midtown Manhattan, streiten dort weiter, prügeln sich, Gurske liegt schwer getroffen auf dem Parkett des Tanzsalons. Endlich ist auch er ein Fan von Louis. Das ist die ganze Geschichte.

Hm. Die Handlung ist pubertär. Zwei Männer prügeln sich um eine Meinung, und der Verlierer nimmt die Meinung des Gewinners an. Aber Shaws Erzählstil ist turbulent, viele Dialoge, viel Bewegung, man steht immer direkt im Geschehen. Besonders köstlich aus der Sicht eines europäischen Lesers: Jemanden als Napoleon zu titulieren, um ihn zu beleidigen. Ich hätte gewettet, dass es nicht funktioniert und hätte verloren.

  • “My Sisters and I at a New York Prizefight” von Djuna Barnes (1914)

Djuna Barnes war eine amerikanische Journalistin und Schriftstellerin.  Sie war dem Boxsport verbunden. 1928 führte sie ein langes Interview mit Jack Dempsey. Bereits 1914 schrieb sie ihren journalistischen Text „Meine Schwestern und ich bei einem Preisboxkampf“, hier übersetzt von Karin Kersten. Die Erzählung spielt nicht in den großen Hallen, wir begleiten die Autorin in einen Athletic Club in Far Rockaway. Das liegt eine halbe Stunde Zugfahrt außerhalb Manhattans auf Long Island. Der Text dreht sich um Frauen als Boxzuschauer.

Sie zahlen verlegen ihre zwei Dollar Eintritt, bewundern die Schönheit der Kämpfer, befingern ihre Kettchen, fiebern mit, lassen sich von der Atmosphäre mitreißen. An einem Abend mit sechs Kämpfen ist es „nicht der Boxer, der grauenerregend ist, sondern die Menge, die kein Erbarmen kennt“. Der Hauptkampf schließlich ist langweilig. Barnes beobachtet die Frauen um den Ring, sie fächern, murmeln gleichgültige Dinge und feuern die Kämpfer mit derben Sprüchen an. Was fasziniert Frauen am Boxkampf, fragte Barnes zu Beginn ihres Textes. Am Ende gesteht sie ihre Ratlosigkeit ein.

  • Nach dem Schlußgong

Drei Geschichten, die die ganze Bandbreite dessen abdecken, was das Boxen für Autoren so reizvoll macht. Eben auch die dramatischen Geschichten außerhalb des Rings. Da gibt es wirklich alles: Gewinner, Verlierer, Wetten, manipulierte Kämpfe, gescheiterte Existenzen und Egoismus.

  • Mitteilung aus dem Trainingscamp

Und noch eine kleine Änderung: Ich werde die Karten  nicht mehr im Titel durchnumerieren. Der Leser hat nichts davon, ich gewinne mehr Platz für inhaltsbezogene Überschriften, und die Statistik kann ich auch auf der Seite „Über diesen Blog“ fortführen.
http://www.boxen.com/boxen-von-a-z/boxregeln.html

Karten # 29a und 29b: Alabama – „Flying Home“ von Ralph Ellison

Flying HomeRalph Ellison gehört zu den unbekannteren amerikanischen Autoren, zumindest bei uns. Er wurde 1914 in Oklahoma City geboren. 1933 zog er nach Tuskagee in Alabama, um Musik zu studieren.  Dort lernte er die Schrecken des Rassismus im „Deep South“ kennen. 3 Jahre später geht er nach New York, studierte Kunst und Literatur, veröffentlichte einen Roman („The Invisible Man“) und mehrere Erzählungen. Seine Protagonisten sind meistens Farbige. Ab 1964 lehrt Ellison an der Yale University. 1994 starb er in New York. Posthum wurden mehrere Erzählungen entdeckt, die 1996 in dem Band „Flying Home and Other Stories“ erstmals veröffentlicht wurden. Die deutsche Übersetzung als Rororo-TB trägt den Titel „Flying Home“ und hat 220 Seiten. Sie ist mit einem ausführlichen editorischen Vorwort des literarischen Nachlassverwalters und Herausgebers John Callaghan versehen. Das Umschlagfoto zeigt ein Portrait des Autors.

  • Die Geographie

Der Leser lernt Alabama gut kennen. Eisenbahnstrecken durchziehen das Land. Vor allem die Linie von Montgomery weiter über Nashville bis nach St. Louis ist eine Lebensader des Landes. Viele Farbige fahren auf den Zügen auf der Suche nach Jobs nach Norden. „Auf“ den Zügen ist wörtlich zu nehmen. Man reist als Tramp, liegt auf den Dächern der Güterwaggons und hofft, von keinen Wachposten oder Polizisten entdeckt zu werden. Da fehlt der Blick für die Landschaft mit den roten Kardinalsvögel in den Feldern. Nur manchmal finden die Protagonisten ein wenig Ruhe, Pfirsichbäume blühen, die Pfirsichernte ist ein großes Ereignis. Es gibt Kirschen und Äpfel, manchmal sitzt man auf staubigen Verandas. Nachts hört man den hellen Ruf einer Wachtel, und im Fluss springen mondsüchtige Fische. Die Geschichten spielen in der Zeit zwischen 1924 und 1945.

  • Alabama

Die erste Geschichte des Buches heißt „Ein Feuerwerk in der Stadt“ („A Party Down At The Square“) und setzt den beeindruckenden Anfangsakkord der Sammlung. Es ist Nacht. Ein Dorf irgendwo in Alabama, an der Straße nach Birmingham. Es sind auch Leute von Phenix City rübergekommen. Deren Autos stehen zwischen den Fuhrwerken. Es regnet, die Tropfen gefrieren auf dem Boden. Man friert. Der Ich-Erzähler: Ein 10-jähriger weißer Junge aus Cincinnati, der hier Urlaub macht. Er wird angesprochen, das Feuerwerk in der Stadt anzusehen.

Es riecht nach Benzin. Ein Mann brennt. Ein lynchender Mob stößt ihn immer wieder ins Feuer zurück. Das Feuer irritiert den Piloten einer TWA-Maschine, die notlandet und ein Stromkabel abreißt. Eine Frau stirbt an einem elektrischen Schlag. Der Lynchmord geht weiter, von dem Jungen im Detail beobachtet. Danach bricht ein dreitägiger Sturm über die Stadt herein. Der Junge, der dem Mordopfer helfen wollte, wird als Weichei verschrien. Das ist ihm egal. Er hat seine Unbefangenheit in dieser Nacht verloren. Die Erzählung ist gerade mal 10 Seiten lang und dabei von einer Intensität und Beklommenheit, die ihresgleichen sucht.

Ralph Ellsion, Flying Home
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StepMap Ralph Ellsion, Flying Home


„Ich weiß nicht einmal ihre Namen“ spielt „auf“ dem Zug von Santa Fe nach St. Louis (untere Karte, blaue Strecke). Der Erzähler lernt ein altes Ehepaar kennen, klettert „in“ den Waggon. Dort führt das Ehepaar mit ihm „normale“ Gespräche über Ziele und Träume. Diese Erfahrung eines alltäglichen Gesprächs mit Weißen macht er zum ersten Mal in seinem Leben. Von St. Louis aus nimmt er den Zug über Nashville nach Montgomery. In Decatur – der ersten Stadt hinter der Staatsgrenze – wird er verhaftet.

In „Hymies Bulle“ schaffen es ein paar Tramps – auch von Norden kommend – über Decatur hinaus nach Birmingham und bis Montgomery. Einer von ihnen, Hymie, hat unterwegs einen Polizisten im Gerangel ermordet. In Montgomery wird der Zug von Polizisten umstellt, den Tramps gelingt die Flucht.

Schließlich die Titelgeschichte „Flying Home“. Todd ist Ausbildungspilot, stationiert in Tuskegee. Wegen eines Flugfehlers muss er auf dem Land von Mr. Graves notlanden. Graves ist berüchtigt, weil er schonmal Schwarze gelyncht hat. Ein alter farbiger Bauer findet Todd und rettet ihn vor Graves.

  • Andere Geschichten

Zwischen der schweren Kost tun die unterhaltsamen „Buster and Riley“-Geschichten gut. Buster und Riley sind zwei 11 Jahre alte Jungs, die sich die Nachmittage mit einigen Streichen um die Ohren schlagen. Einmal stehlen sie Kirschen, einmal versuchen sie, Küken das Fliegen beizubringen und einmal unterhalten sie sich über ihre nervigen Eltern, einmal wird Riley ertappt, als er durch ein Fenster eine nackte Frau beobachtet.

„Der Junge im Zug“ spielt – nicht nötig, das zu erwähnen – in einem Eisenbahnwaggon, im Jahr 1924, jedoch nicht im „Deep South“. Ein Junge fährt mit seiner Mutter von Oklahoma City nach McAlester, weil sie dort Arbeit bekommen hat (grüne Strecke). Sie eröffnet ihm, dass sein Vater gestorben ist, und dass er sich nun um sein Leben als „Schwarzer“ ohne Hilfe seines Vaters zu kümmern hat.

Es folgen Geschichten in denen schwarze junge Männer ihre ersten Schritte als Erwachsene in einer schwierigen Umgebung machen. In „Da soll noch einer mitkommen“ fahren Tom und Joe nachts um 4 in einem Zug in Chicago ein. Es schneit, Hasen hoppeln durch das Schneegestöber, Straßenlaternen bilden Eiskristalle. Sie sehen einen farbigen Mann nackt durch den Schnee rennen, Schüsse fallen. Sie haben Todesangst und sind erleichtert, als sie erfahren, dass der Mann das Objekt einer Wette zwischen zwei Gangstern war.

In „Der schwarze Ball“ lernt der Erzähler einen weißen Gewerkschafter kennen, den ein Mob fast gelyncht hätte, weil er vor Gericht wahrheitsgemäß zugunsten eines Schwarzen aussagte. Später erlebt er, wie sein 4-jähriger Sohn beim Ballspielen zum ersten Mal mit dem alltäglichen Rassismus konfrontiert wird. Und schließlich wird in New York ein Schwarzer beim Bingo-Spiel betrogen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist ein schriftliches Road-Movie auf mehreren Ebenen. Es ist eine Eisenbahnreise durch Amerika. Es ist auch eine Reise durchs das Erwachsenwerden in einer schweren Epoche und eine Reise durch die Geschichte der Schwarzen in Amerika. Ellison lässt seine Figuren sprechen, einige Erzählungen bestehen fast nur aus Dialogen. Er offenbart so die Niederlagen und die Selbstschutzmechanismen seiner Figuren und schafft eine beklemmende, doch nie ausweglose Atmosphäre. Nie fühlt sich eine Figur in ihrer aktuellen Lage vollständig gefangen. Das Reisen im Zug oder in der Zeit öffnet immer wieder Auswege aus der aktuellen Situation. Darüber hinaus vermittelt Ellison Auswege durch die Literatur und die demokratische Identität Amerikas. Absolut lesenswert.

Karte # 23: Marrakesch 1954 – „Die Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti

Elias Canetti begleitet im Jahre 1954 ein englisches Filmteam nach Marokko. In dieser Zeit entstand der literarische Reisebericht „Die Stimmen von Marrakesch“, der aber erst 1968 veröffentlicht wurde. Es sind 14 skizzenhafte Berichte über Orte und Menschen, denen Canetti in den Wochen seines Aufenthaltes begegnete. Ich habe die Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2004 mit 110 Seiten und ohne Vor- oder Nachwort.

Über die Dauer des Aufenthaltes oder den Film oder Canettis Rolle im Team erfährt man wenig. Es sind 15 Personen, darunter der englische „Hersteller“ des Films und ein Amerikaner, der eine Rolle spielt. Der Zeitpunkt der Reise lässt sich ein wenig eingrenzen. Während des Aufenthalts Canettis findet in einer Moschee in Marrakesch ein Attentat auf den Sultan statt. Dies war am 5.3.1954. Marokko war französisches Protektorat. Der Sultan war durch die französische Besatzungsmacht eingesetzt. Die politischen Verhältnisse sind jedoch nicht Gegenstand des Buches, sondern Orte und Menschen. Ich habe die Geschichten nach den Schauplätzen sortiert.

  • Djema El-Fna (5 Geschichten)

Der Djema El-Fna ist der zentrale und größte Platz von Marrakesch. Der Autor wohnt in einem Hotel in der Nähe. Tagsüber führen Akrobaten, Tänzer, Schlangenbeschwörer, Feueresser ihre Kunststücke auf. Erzähler unterhalten stundenlang ihre Zuhörer mit Geschichten. Schreiber sitzen an einem stilleren Teil des Platzes und verfassen Texte für Menschen, die sie alleine deswegen aufsuchen („Erzähler und Schreiber“). „Der Unsichtbare“, die letzte Geschichte der Sammlung, ist vielleicht die mystischste.

Man ist arabische Musik gewöhnt. Drei weitere Geschichten spielen nach Einbruch der Dunkelheit, wenn der Platz stiller wird. Die Bettler in Lumpen legen sich am Straßenrand zum Schlaf nieder. Acethylenlampen brennen, es riecht danach. Eines Abends erregt ein Mann mit einem ausgehungerten tanzenden Esel Aufsehen („Die Lust des Esels“). Ansonsten findet das Leben in den umliegenden Bars statt. Diese sind teuer, es wird europäische Musik gespielt („Scheherazade“). Schließlich gibt es eine Stelle an einem Ende des Platzes, an der abends Frauen Brote verkaufen. Ein Mann kauft einen Laib und verschwindet. Canetti beobachtet sie alle sehr genau und neugierig („Die Brotwahl“).

  • Mellah (2 Geschichten)

Die Mellah ist das jüdische Viertel. Am dritten Tag seines Aufenthaltes geht Canetti alleine dorthin. Er geht an kleinen Läden vorbei, in denen Stoffe verkauft werden. Dahinter befinden sich Läden mit allen möglichen anderen Dingen, von Gemüse bis Kohle. Dann – weiter im Innern des Viertels – gibt es einen Platz, auf dem es ärmer zugeht. Garküchen, ein einzelner Bettler, ein Händler, der lebende Hühner verkauft. Später findet Canetti eine Schule mit ca. 200 Kindern. Ein junger Mann bietet sich als Führer über den israelitischen Friedhof an. Am Ende des Rundgangs ein Bethaus, am Ausgang werden die beiden dann von unzähligen Bettlern bedrängt. Schließlich gibt Canetti dem Führer etwas Geld und der Rundgang ist zu Ende.

Die zweite Geschichte („Die Familie Dahan“) beginnt am nächsten Morgen. Canetti geht nochmals in die Mellah und möchte ein Haus von Innen besichtigen. Der Zufall führt ihn in das Haus der Familie Dahan, in dem am Tag zuvor eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Menschen sind arm, dennoch laden sie Canetti ein. Ein junger Mann aus der Familie, Elie Dahan, besucht Canetti Tage später im Hotel. Er bittet darum, Briefe an den amerikanischen Kommandanten zu schreiben und um Arbeit für sich und seinen Bruder zu bitten. Schließlich stellt Elie seinen Vater vor, einen Uhrmacher mit einem kleinen Laden am Bab Agnaou. Canetti ist von dem alten Mann derart begeistert, dass er Elie Dahan keinen Wunsch mehr abschlägt.

  • Kutubiya (1 Geschichte)

Es ist ein Restaurant. Das ganze Filmteam isst dort regelmäßig. Das hat sich herum gesprochen. Also kommen immer wieder Bettelkinder. Der Wirt ist von ihnen genervt. Also erzählt er eines Tages, dass einige von ihnen für 50 Francs dafür einstehen, dass man „alles von ihnen haben konnte“. Es bleibt offen, ob die Geschichte stimmte, doch sie vor allen und im Beisein der Kinder zu erzählen, ließ den Wirt tiefer sinken, als es die Kinder jemals werden. („Die Verleumdung“)

  • Bab El-Khemis (1 Geschichte)

Hier beginnt das Buch. An diesem Tor in der Stadtmauer ist Kamelmarkt. Dreimal besucht Canetti den Kamelmarkt – immer zufällig beim Vorbeifahren. Einmal steht nur ein Kamel da, anstatt der erwarteten vielen. Einmal sind es 107 Kamele. Der Autor wird aus den Gedanken der Wüstenromantik gerissen und erfährt, dass sie auf dem Weg zum Schlachthof sind. Beim dritten Mal ist wieder ein einzelnes krankes Kamel da.

  • Ohne konkreten Ort (5 Geschichten)

In „Stille im Haus und Leere der Dächer“ steht der Autor auf einem Dach und lässt seinen den Blick in die Ferne schweifen. Dann aber muss er feststellen, dass auf dem Dach ganz spezielle Verhaltensregeln gelten, die unfreier machen als man auf der Straße ist. „Die Rufe der Blinden“ handelt von einer Gruppe Blinder. Jeder einzelne betet mit seiner eigenen Stimme, alle zusammen in einer eigenartigen Art von Gesang. „Der Speichel des Marabu“ führt die Geschichte weiter. Auch der Marabu ist ein Blinder, aber ein heiliger Mann. Er erhält eine Münze, kaut sie und spuckt sie wieder aus. Erst später erfährt Canetti, dass er das macht, um den Wert der Münze festzustellen.

„Die Frau am Gitter“ beschreibt eine Frau, die unverschleiert an einem vergitterten Fenster steht und spricht. Der Überraschung des Autors folgt die Ernüchterung, als er erfährt, dass sie „malade“ ist. , „Die Souks“ sind eine kleine Führung durch das Angebot und die Düfte der Märkte. Dem Leser wird auch die Technik des Feilschens näher gebracht.

  • Bemerkungen

Das Buch hat Spaß gemacht. Der Autor beobachtet genau. Er begnügt sich nicht damit, Gebäude oder die üblichen Attraktionen zu sehen. Er ist interessiert, zu verstehen, was hinter dem Gesehenen steckt. Er fragt und forscht immer weiter, auch auf eigene Faust, was ihn öfter in Konflikt mit den Sitten und Gebräuchen bringt. Auch wenn das Buch „Stimmen … “ heißt und viele Geschichten diese Stimmen zum Thema haben: Das andere Thema Canettis sind die Blicke der Menschen.

Die Blicke der verschleierten Brotverkäuferinnen, die Blicke der Händler in der Mellah, die Blicke der Bettler finden besondere Beachtung des Reisenden. Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist es Unsicherheit, manchmal ist es Verlegenheit, manchmal ist es die Faszination des Unbekannten. Es ist auch ein Ersatz für das Sprechen, wenn man einander ohnehin nicht verstehen würde.

  • Wie es weiter ging

Der Sultan dankt 1955 ab. Sein Nachfolger erklärt 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich. Im gleichen Jahr dreht Alfred Hitchcock auf dem Djema el-Fna die Außenaufnahmen zu „The Man who Knew too Much“.  Elias Canetti erhält 1981 den Nobelpreis für Literatur.

http://www.marrakech.travel/de/html/homepage

http://en.wikipedia.org/wiki/Jemaa_el-Fnaa

http://en.wikipedia.org/wiki/Bab_Agnaou

http://en.wikipedia.org/wiki/Mellah