In den Bayous – „Joshua“ von Shirley Ann Grau

Die – bei uns eher unbekannte – Autorin Shirley Ann Grau erhielt 1965 den Pulitzer-Preis für den Roman „The Keepers of The House“. Bereits zuvor erschien ihr Erzählungsband „Der dunkle Prinz“, aus dem die Kurzgeschichte „Joshua“ entnommen ist. Die Handlung ist im Jahr 1942 angesiedelt.

  • Wo geht’s hin?

Ort der Story ist das Mississippi-Delta südlich von New Orleans. Bayous prägen das Bild. Was sind Bayous? Das Wort stammt aus der Sprache der Coctaw in Louisiana. Bayous sind stehende oder leicht fließende Gewässer, oft Altwasserarme neben großen Flüssen, manchmal laufen sie weit ins Meer hinaus (also Priele). In anderen Gegenden heißen sie „Creek“, in Louisiana gibt es die Bezeichnung „Bayou“. Nach dem „Lousiana Purchase“ breitete sich der Begriff von Louisiana aus über die gesamten Südstaaten aus.

Bayous wurden oft besungen, berühmt sind Lieder von Roy Orbison (Blue Bayou) und Hank Williams (Jambalaya). In beiden Songs spielen Piroggen eine Rolle, das sind kleine, wellentaugliche Fischerboote. Beide Lieder spielen ebenfalls in der Gegend südlich von New Orleans – Jambalaya weiter westlich bei Thibaudoux. Und so schließt sich der Kreis zu der heutigen Kurzgeschichte „Joshua“.

  • Worum geht’s?

Joshua ist ein etwa 10 Jahre alter Junge. Er lebt in einer kleinen Siedlung ganz im Süden, in einem der letzten Häuser vor der Mündung des Mississippi. Sein Vater ernährt die Familie vom Fischen. Es ist Winter, es regnet seit Tagen ohne Unterbrechung. Joshuas Vater trinkt, die Eltern streiten sich. Joshua benötigt dringend einen Mantel, die Familie dringend was zu essen. Die Mutter bedrängt den Vater, endlich wieder zum Fischen rauszufahren. Er aber, und andere im Ort haben Angst. Ursache der Angst ist der Krieg, der nun auch hierhin zu kommen scheint. 10 Tage zuvor waren mehrere Fischerboote von Granaten getroffen worden. Kurz darauf waren Explosionen von der Flussmüdung her zu hören. Man vermutet, dass ein deutsches U-Boot in die Mündung reingefahren ist und dabei zerstört wurde.

Aber die Menschen haben immer noch Angst vor einem weiteren U-Boot. Halb im Streit und halb scherzend sagt Joshuas Vater zu seinem Sohn, dass er doch einfach rausfahren solle. Die Mutter will es verbieten (es regnet und er hat keinen Mantel). Der Junge geht trotzdem, bastelt sich aus einer Plane ein Regencape und streunt in der Gegend umher. Zwei Tage lang sucht er tagsüber im Bootshafen nach Verbündeten. Schließlich schließen sich ihm zwei weitere 10-jährige Jungs an. Zunächst hat Joshua Angst, doch dann fahren sie hinaus.

  • Und jetzt ab in die Bayous

Sie fahren zu dritt im Boot los. Joshua besteht darauf, bis zum Fluss zu fahren. Henry ist dagegen, aber Henry hat am Tag zuvor Joshuas Angst gesehen. Laso muss Joshua hinaus fahren. Und dann liegt er vor ihnen: Der Fluss in seiner vollen Breite, durch einen Streifen Schilfgras gegen seine volle Gewalt abgeschirmt, gelbbraun, Schlammbänke, abgestorbene Bäume, unterwaschene Bäume. „Chenieres“ treibe um sie herum, kleine Rindenstücke von Wassereichen. Die Pirogge hebt und senkt sich, klatscht aus Wasser. Enten steigen auf. Sie versuchen, näher heran zu kommen, um sie zu schießen. Es misslingt.

 

Schließlich sieht Joshua an einer kleinen Erhebung im Sumpf etwas Blaues. Er fährt näher, steigt aus und watet an die Stelle. Es ist ein Leiche. Offensichtlich ist es ein Soldat, der vor kurzem hier gefallen ist. Joshua immt ihm zwei Knöpfe ab und zieht ihm die Jacke aus, eine Lederjacke. Er nimmt sie quasi als Trophäe mit nach Hause.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte eines Jungen, der sich von seinem Vater emanzipiert. Als alle Angst haben, ignoriert er die Angst und unternimmt das, was sich kein Erwachsener traut. Und eine Jacke als Belohnung hat er auch gleich gewonnen. Das Thema hat Potenzial ohne Frage. Aber 1942 in Louisiana gab es eine Menge Ansätze, wie ein Junge dieses Thema hätte erleben können, und ein Erzähler hätte viele Ansätze gefunden (Weltwirtschaftskrise, Rassismus, Krieg – in Lousiana fanden 1941 und danach die größten Manöver der Army statt) Da muss es nicht gerade eine uniformierte Leiche und einer erfundenen U-Boot-Explosion sein.

Es ist eine jener Naturbeschreibungen, die eine schlechte Geschichte gerade noch retten. Es fällt Graus besonders eindringliche Schilderung der Bayous auf, und die stakende Fahrt der Jungen durch regen, Nacht und Kälte.

Deutschen U-Boote am Mississippi gab es 1942 tatsächlich. Allerdings wurde dort keines versenkt, sondern 70 Meilen weiter draußen im Golf von Mexico.

Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

  • Das Buch

Der Schauspieler Mario Adolf trat hin und wieder auch als Autor von Kurzgeschichten in Erscheinung. Eine schöne Sammlung von 11 Kurzgeschichten und einer essayistischen Einleitung veröffentlichte er 1994 unter dem Titel „Der Dieb von Trastevere“. Ich habe das Taschenbuch von btb mit 176 Seiten.

  • Der Kontext

Der Untertitel „Geschichten aus Italien“ gibt das Thema vor. Der Leser reist auf unterhaltsame Weise durch das Land und lernt Menschen kennen, die in originellen oder anstrengenden Situationen ihre wahren Gesichter zeigen. Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, der auf Reisen mit Einheimischen spricht und sich die Geschichten erzählen lässt. Die einzige Ausnahme ist die bemerkenswerte Erzählung „Schweigen“. Dazu später.

  • Rom

Die Einleitung mit dem Titel „alle Wege führen nach..“ handelt von Rom. Sie ist biographisch interessant, denn Adorf beschreibt seinen beruflichen Schritt von Deutschland nach Italien und seine erste, vom Scheitern geprägten, Gehversuche im italienischen Filmgeschäft. Origineller Höhepunkt ist die Weigerung der Behörden, ihm die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Der Dieb von Trastevere

StepMap Der Dieb von Trastevere
  • Venedig

„Der Photograph von San Marco“ entführt den Leser nach Venedig. Es ist Juli 1902. Die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen. Auf dem Markusplatz teilen sich zwei Photographen das Revier und fotographieren Touristen: Baghetto und Zago.

In den Tagen vor dem 14. Juli 1902 streiten die Venezianer heftig um Mängel an der Statik des Campanile. Er sei einsturzgefährdet, hieß es. Baghetto baut jeden Morgen sein Stativ auf und richtet es auf den Campanile aus. Er hofft, den Einsturz des Turmes dokumentieren zu können. Das bleibt Zago zwar nicht verborgen, aber er läßt sich in seinem Gewerbe, Touristen zu fotographieren, durch die Gerüchte nicht stören.

Schließlich, am Morgen des 14. Juli, eskaliert die Situation. Keine Tauben auf dem Platz, der Dogenpalast wird abgesperrt, die Kellner drängen die Touristen, ihre Speisen zu beenden. Schließlich stürzt mit Donnerrollen der Turm in sich zusammen. Baghetto hat tatsächlich im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Beim Versuch, die Kamera vor der folgenden Staubwolke zu schützen, wird seine Kamera zerstört. Er konnte fast alle Bilder retten, nur das des Einsturzes selbst bleibt verschollen.

Am gleichen Tag erscheint ein Extrablatt der Zeitung über den Einsturz. Darin: ein Foto vom Einsturz selbst, Fotograph: Zago. Baghetto entlarvt das Foto als Fälschung aus Fotomontage und Retusche. Er stellt eine bessere Fälschung her und konfrontiert Zago mit ihr.

Im Streit um den Wiederaufbau des Campanile steht Baghetto auf der Seite derer, die den Platz leer lassen wollen. Doch diejenigen, die den Campanile wieder aufbauen wollen, setzen sich durch. Baghetto dokumentiert den leeren Platz, Zago nur den aufgebauten Campanile. Und so kam es, dass die Geschichte des Einsturzes in den Annalen Venedigs fast nie erwähnt wird.

  • Ponza

Die Erzählung „Der Besuch“ spielt auf der kleinen Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Der Papst höchstpersönlich – heißt es – werde bei einer Reise nach Capri und Ischia kurz Station auf Ponza machen. Die Bewohner sind in heller Aufregung. Die Inselkirche hat keine Glocke (Lösung: elektrisches Glockenspiel mit Big-Ben-Melodie), es gibt kein Papamobil (Lösung: eine Telefonzelle wird auf einen Lieferwagen montiert und kurzerhand als „kugelsicher“ erklärt) und vieles mehr.

Wegen schlechten Wetters kann der Papst nicht per Schiff reisen. Er nimmt einen Hubschrauber, und selbst der kann wegen des Sturmes nicht landen. Immerhin kreiste er zweimal über der Landestelle, und jeder konnte eine weiß behandschuhte Hand erkennen, die segnend aus dem Helikopter heraus gehalten wurde.  Alle fallen auf die Knie und bekreuzigen sich.

  • Triest

Die Erzählung „Rizinus“ spielt am Theater in Triest. Sie könnte aber an jedem stationären Theater der Welt spielen. Es ist eine „ganz normale“ Intrige in der Theaterwelt. Sie wirft jedoch auch ein Licht auf die manchmal sehr sensible Beziehung zwischen Italienern und Deutschen.

  • Ardore

In Ardore, westlich von Locri spielt die Erzählung „Die zwei Tode des armen Barabas“. Barabas ist eine Art Dorftrottel, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Jeder in Ardore macht sich über ihn lustig. Eines Tages erkrankt Barabas. Ein Hernie (ein Eingeweidebruch) wölbt sich immer stärker aus seinem Bauch heraus. Zwei Assistenzärzte wollten ihm Gutes tun, doch die Operation führt Tage später zu Barabas Tod. Ganz Ardore versammelt sich zur fröhlichsten Beerdigung aller Zeiten.

  • Salice

In Salice in Kalabrien ist der Erzähler mit dem  Besitzer einer Zitrusfruchtplantage befreundet. DerPlantagenbesitzer muss seine Ware stets zu einem Drittel des üblichen Preises an seinen Hausmafioso verkaufen. Gegenleistung: er muss keine Angst um sein Eigentum haben. Nun steht die Hochzeit der Tochter dieses Hausmafioso an. Die Freunde werden zu der Hochzeit eingeladen. In die Enttäuschung über das Hochzeitsgeschenk (eine Kristallbowle mit 12 Gläsern) mischt sich eine Drohung an den Erzähler.

  • Taormina

Diese Erzählung „Schweigen“ beginnt in Taormina auf Sizilien, wo das Mädchen Annamaria lebt. Ihre Eltern schicken es nach Florenz ins Internat. Später studiert sie und lernt Enrico kennen, den Juniorchef eines Schuhgeschäftes. Tochter Enrica wird geboren. Der Schuhladen expandiert, italienweit werden 40 Filialen eröffnet. Annamaria ist immer häufiger alleine in Taormina. Sie gibt Gesellschaften, aus denen später Pokerrunden werden. Annamaria verliert viel. Enrico kauft sich ein Imperium zusammen, inclusive Gerbereien, Landhaus und Zweitfrau in Venezuela. Annamaria muss ihn schließlich um Geld bitten und erfährt alles. Irgendwann erleidet Enrico einen Schlaganfall, wird bettlägerig. Annamaria pflegt ihn und nutzt dies, um ihn zu erpressen. (Jeder Löffel Brei für eine Ziffer eines Bankkontos). Bald kennt sie alle Konten und verspielt alles. Nach Jahren geht es Enrico besser, und schließlich verrät er seiner Tochter die Nummern seiner Konten in Luzern. Mit diesem Wissen geht sie einem Lebemann auf den Leim, der den Rest verspielt.

  • Rom

Natürlich sind da auch noch ein paar Geschichten aus Adorfs Leben in Rom, und seinen Erlebnissen in der Filmindustrie.

  • Bemerkungen

„Schweigen“ halte ich für das bemerkenswerteste Stück des Bandes. Adorf erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Familie auf 20 Seiten, wo jeder andere eine Romantrilogie draus gemacht hätte. Auch sonst erzählt er Geschichten um Leben, Verrat und Tod mit Humor, Charme und einer großen Liebe zu den Menschen mit ihren Schwächen. Gehört in die Reisebibliothek.

USA 1916 – Entwurzelt zwischen Frauen und Seilen – „Champion“ von Ring Lardner

Champion1949film

(Quelle Filmplakat: wikipedia) Eine Kurzgeschichte aus der vor einigen Wochen bereits besprochenen Box-Anthologie hat es mir besonders angetan, auch weil sie eindrucksvoll verfilmt wurde. Im Original heißt der Film „Champion“ und hat einen anderen Schluss als die literarische Vorlage. Außerdem wurde die Handlung in andere Städte der USA verlegt. Der deutsche Titel lautet „Zwischen Frauen und Seilen“. Es war 1949 die erste große Rolle von Kirk Douglas.

Literarische Vorlage ist die Kurzgeschichte „Champion“ aus dem Jahr 1916. Verfasst wurde sie von Ring Lardner. Lardner (1885 – 1933) war amerikanischer Sportreporter, dessen Reportagen und sportbezogene Geschichten in den USA erfolgreich waren.

  • Die Geschichte

Midge kommt aus üblen Verhältnissen in Milwaukee. Er beschafft sich ein wenig Geld, indem er seinen verkrüppelten Bruder ausraubt.  Bald darauf wird er Profiboxer. Für seinen ersten Kampf bekommt er 12 Dollar. Dafür darf er Fallobst vermöbeln. Für weitere 75 Dollar darf er im Laufe seiner beginnenden Karriere absichtlich verlieren. Bald heiratet er die Schwester seines Managers, verprügelt sie in der Hochzeitsnacht und verschwindet schließlich nach New Orleans.

Dort hat er einen neuen Manager an Land gezogen, und auch eine teure Geliebte. Außerdem trainiert er sechs Monate lang für einen Meisterschaftskampf, den er gewinnt. Um sich nun weiter Geld zu verdienen, zieht er nach Chicago, wo er in Varietees auftritt und weiter nach Detroit. Seine Geliebte überredet ihn dazu, seinen Manager zu feuern und einen neuen zu engagieren. Sie erhofft sich von ihm mehr Geld. Also feuert Midge seinen Manager und engagiert einen neuen, der mehr Geld einbringt.

Champion von Ring Lardner
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StepMap Champion von Ring Lardner



Bald darauf nimmt die Geschichte eine neue Wendung: Midge verlässt seine Geliebte und brennt mit der Frau des neuen Managers durch. Er heiratet sie ebenfalls. Das Geld für die Scheidung von seiner ersten Frau – die immer noch in Milwaukee sitzt – spart er sich, weil von der Ehe niemand etwas weiß.

Logischerweise benötigt Midge jetzt wieder einen neuen Manager. Und der macht seinen Job richtig gut. Er bringt Midge nach New York. Vor einem großen Kampf kommt ein Journalist ins Camp. Der Manager tischt dem Journalisten die Geschichte eines fürsorglichen Familienvaters auf. Der habe seine Familie irgendwo in Kanada und möchte möglichst schnell immer wieder zu ihr zurück. Ein Zeitungsartikel erscheint. Migdes Frau in Milwaukee und auch Midges Mutter können sich keine Zeitung leisten, Midges andere Frau erfährt davon nichts.

Midge ist Champion. Keine Redaktion würde sich jetzt für die Wahrheit interessieren.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte, die von den übelsten Abgründen handelt. Und davon, wie eine gescheiterte Existenz sich mit viel Egoismus und der Hilfe geschäftstüchtiger Leute zu einem erfolgreichen Mann aufbauen lässt. Midge ist heimatlos, weder menschlich noch regional  verwurzelt, und man ahnt, dass er wieder scheitern wird.

  • Oscars

„Champion“ bekam 1950 einen Oscar für den besten Schnitt. Kirk Douglas erhielt seine erste Oscar-Nominierung. Zwei weitere folgten, einen Oscar bekam er nie. Noch übler traf es Arthur Kennedy. Es war seine erste von vier erfolglosen Nominierungen als supporting actor. Dimitri Tiomkin hatte bereits fünf erfolglose Nominierungen, bevor er mit „Champion“ zu seiner sechsten – ebenfalls erfolglosen – kam. Zwei Jahre später räumte er mit „High Noon“ ab. Ring Lardners Sohn steuerte später die Drehbücher von Cincinnati Kid und MASH bei.

Karte 39: München 1902 – „Gladius Dei“ von Thomas Mann

In den letzten Beiträgen wurde eifrig Schiffe versenken gespielt. Deswegen ist mal wieder Zeit für einen Landgang. Der findet in München statt. Es ist eine Stadtplangeschichte. Eine, die sich im Umkreis von wenigen hundert Metern abspielt. Es ist das Jahr 1902, und die Geschichte ist „Gladius Dei“ von Thomas Mann. Sie ist zeitgenössisch, und mit gerade mal 17 Seiten eher „was Kurzes“ des Autors.

  • München 1902


Ort der Handlung ist der blau markierte Bereich zwischen Odeonsplatz, Türkenstraße und Siegestor. München strotzt im Juni 1902 nur so vor Lebensfreude. Vogelgeschwätz und „heimlicher Jubel“ liegen über der Stadt, man fährt in Droschken daher. Farbenfroh gekleidete Menschen lassen „den hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken“. Radfahrer umklingeln die Menschen. Man sitzt auf den Treppen der Stadt in der Sonne. Nicht nur die Stadt blüht, auch die Kunst. Bücher über Kunst und über Farbensinn werden tausendfach gekauft und gelesen, und abends wird vor vollen Sälen darüber geredet. Und so verbinden sich Kunst und Lebensfreude auch, als ein Maler mit seiner Geliebten durch die Ludwigstraße fährt. Oder man hat das Glück, einer berühmten Frau zu begegnen. So ergibt es sich, dass eine Kunstgalerie „Schönheitsgeschäft“ heißt. Und der Besitzer den frühlingsfarbenfröhlichen Namen Blüthenzweig trägt.

  • Der Gegenspieler (rote Strecke)

Doch keine dynamische Idylle ohne Gegenpart. Im zweiten Kapitel ändert sich die Szenerie schlagartig. Ein Mann läuft die Schellingstraße hinab, die Augen zu Boden gerichtet. Die Kapuze des schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, geht er in die fast leere Ludwigskirche. Dort verharrt Hieronymus, so heißt der Mann, bevor er weiter geht und an der Kunsthandlung am Odeonsplatz ankommt. Menschen drängen sich vor ein Schaufenster, bestaunen die Fotografie einer entblößten Madonna.

Eigentlich ist es keine Fotografie einer Madonna, sondern die Ablichtung eines Gemäldes mit einer Madonna, das der Staat kürzlich angekauft hat.

Zuschauer fachsimpeln vor dem Schaufenster oberflächlich daher. Hieronymus aber verharrt eine Viertelstunde lang vor dem Bild, starr und bleich, bevor auch er weiter geht.

Zwei Tage vergehen. Dann macht sich Hieronymus wieder zur Galerie auf. Diesmal geht er hinein und verlangt, den Inhaber zu sprechen. Die Verhandlung geht Schlag auf Schlag: Madonna kostet 70 Mark, Hieronymus will nicht kaufen, hat auch gar kein Geld, Inhaber winkt einen Angestellten herbei, der sich nun um den Nicht-Kunden kümmern soll. Dieser Angestellte, mit dem „Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost“ hört sich dann Hieronymus‘ Ausführungen an.

Zunächst flüsternd, dann immer bebender sprechend, verlangt Hieronymus, das Bild zu entfernen. Dabei betextet er den Angestellten mit wirrem Allerley. Wissen erlöse, nicht schnöder Genuss, Kunst sei etwas Heiliges, das nicht das Elend der Welt übertünchen dürfe. Drei Seiten lang ergeht sich Hieronymus in den unterschiedlichsten Tiraden gegen das Werk, die Schönheit und die Galerie. Plötzlich öffnet er seinen Kapuzenmantel und zeigt drohend auf die Madonnengemäldefotografie. Nun wird es bedrohlich und es kommt zum…

  • … Showdown

Blüthenzweig wird es zuviel, und er zeigt mit dem Federhalter auf die Tür. Hieronymus geht aber nicht; also ruft Blüthenzweig seinen Packer Krauthuber herbei. Der soll Hieronymus die Tür weisen, was er „mit kleinem Stoß und Schwung“ auch tut.

Draußen – über der Theatinerstraße – zieht ein Gewitter auf, irr und ekstatisch halluziniert Hieronymus dort weiter.

  • Bemerkungen

Ich hatte beim ersten Mal mit der Geschichte meine Schwierigkeiten. Erst beim zweiten Lesen fiel mir auf, dass es nicht nur die Geschichte eines Lebensverneiners ist, der sich aus übergeordneten Motiven um Dinge kümmert, die ihn eigentlich nichts angehen.

Die Beschreibung der Figuren bis in die kleinsten Zuckungen im Gesicht sind geschriebene Karikaturen. Mann wechselt zwischen dem lebensfrohen München und dem lebensverneinenden Hieronymus hin und her und lässt den Leser diesen Wechsel mit allen Sinnen nachvollziehen.  Als die Lage im Laden turbulent wird, muss der Leser aufpassen, dass der „Film im Kopf“ nicht schon längst seine eigene Dynamik entwickelt hat. Und auch, wenn die Geschichte jetzt 112 Jahre alt ist, hat sie kein bisschen Staub angesetzt.

Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.