Segeln lernen auf Hiddensee: F.C. Delius „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“

Der Autor F.C. Delius schrieb die Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ im Jahr 1995 frei nach einer wahren Begebenheit. rororo-TB 155 Seiten.

In einem Satz

Ein Kellner unternimmt zu DDR-Zeiten eine Reise von Hiddensee nach Syrakus und zurück.

Hiddensee

Die Insel Hiddensee liegt wenige Kilometer westlich der Insel Rügen, von ihr getrennt durch den Vitter Bodden und den Schaproder Bodden. Die Insel erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung auf knapp 17 Kilometern Länge. Ein Jachthafen befindet sich in Neuendorf im Osten der Insel, also Rügen zugewandt. Wer von hier aus auf die offene Ostsee segeln möchte, hat zwei Wege zur Wahl.

Die „Nordroute“ führt zwischen den Sandhaken Bug (Rügen) und Bessin (Hiddensee) hindurch. Um sie mit einem Segelboot zu fahren, sind sehr komplizierte Windverhältnisse notwendig. Günstiger ist die „Südroute“. Um die geht es hier.

Der Held

Die Hauptfigur heißt Paul Gompitz. Er ist Kellner an der Ostsee. Zunächst auf Schiffen, die zwischen Rostock, Rügen und Dänemark verkehren, später auf küstennahen Ausflugsschiffen oder in Lokalitäten an Land. Er verdient während der Sommermonate so gut, dass er in den Wintermonaten nicht arbeiten braucht. Außerdem hat er sich 4000 Westmark angespart.

Viele seiner Kollegen an Bord der Ausflugsschiffe erzählen von ihren Reisen in andere Länder. Gompitz leidet ein wenig darunter, dass er nichts dergleichen zu erzählen hat. Er liest gerne das Buch „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume, und eines Tages im Jahre 1981 beschließt er, den Reisebericht Seumes nachzufahren. Seine touristischen Ausreiseanträge werden abgelehnt. Also plant er seine Flucht mit dem Segelboot. Er macht auf Rügen den Segelschein, kauft eine Jolle und findet einen Liegeplatz in Neuendorf. Er bildet sich ständig weiter, sowohl was Segeltechnik betrifft als auch was Reiseziele betrifft. Und schließlich wartet er auf eine Gelegenheit, los zu segeln. Er weiß, dass diese Gelegenheiten selten sind. Während der Sommersaison würde er im Hafen zu sehr auffallen, wenn er sein Boot fertig macht. Im Winter ebenso. Und der Wind muss stimmen. Die perfekte Gelegenheit kommt am 8. Juni 1988.

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Die Südroute

Paul sitzt in Rostock beim Frühstück. Er hört wie jeden Tag den Seewetterbericht. Was er hört, elektrisiert ihn: Wind von Nordost, das ist gut. Der Wind füllt den Bodden mit Wasser. Besser noch: Der Wind kommt nicht von einem skandinavischen Hoch, sondern einem ostwärts drehenden Tief. Das bedeutet richtiges Mistwetter, eine diesige Nacht. Und dieses Wetter bleibt für 24 Stunden stabil. Er fährt von Rostock über Stralsund nach Neuendorf, wo er gegen 20 Uhr ankommt. Ein Angler am Hafen verunsichert ihn. So kann er erst gegen Mitternacht losfahren.

Die Route führt zunächst von Neuendorf nach Süden. Der Wind ist abgeflaut und hat auf Nord gedreht. Das Wasser ist flach, Gompitz kann die Schwerter seiner Jolle nicht ausfahren. Um nicht entdeckt zu werden, muss er dicht ans Land heran, er stakt mit dem Paddel. Bei der Orientierung hilft das Leuchtfeuer des Dornbusch ganz im Norden der Insel. Er passiert die Insel Gänsewerder. Nach Süden hin ist die Orientierung schwieriger. Die Bojen, welche die Stralsunder Ausfahrt markieren, werden nur beleuchtet, wenn ein Schiff erwartet wird. Irgendwann kommt die erleuchtete Stralsunder Werft in Sicht und dient als Fixpunkt im Süden.

Er ist aus dem Flachgewässern raus, nach 100 Minuten Fahrt erreicht er den Gellen, die Südspitze von Hiddensee. Nun beginnen die schwierigen Wendemanöver zunächst nach Westen und dann nach Norden. Plötzlich sind beide Orientierungspunkte weg. Der Parower Haken verdeckt Stralsund, die Dünen auf dem Gellen verdecken die Sicht auf den Dornbusch im Norden. Nun muss Gompitz aufpassen, dass er nicht auf die Insel Bock prallt. Er dreht nach Norden, die Schwerter rucken hoch, er ist auf der Sandbank, die der Insel Bock vorgelagert ist.

Dann ist er auf der offenen See, fährt der ost-westlich verlaufenden Küste entlang, hat Glück, dass vor Zingst und Darßer Ort kein Küstenboot patrouilliert, und ist auf dem Weg nach Dänemark.

Der Rest der Geschichte

In Dänemark wird Gompitz verhört, der BRD überstellt. Nach kurzen Verhören wird er freigelassen. Er arbeitet an mehreren Orten als Kellner. Schließlich fährt er über Wien weiter nach Italien. Hier saugt er das Leben ebenso in sich auf wie die historischen Stätten. Die Italiener, denen er seine Geschichte erzählt, sind überwältigt davon, was ein Mann auf sich nimmt, um ihr Land zu sehen.

Stets geplagt von seiner Sehnsucht nach Rostock und seiner Frau Helga reist er im Herbst wieder zurück. Er erntet Unverständnis mit seinem Wunsch, in die DDR zurück zu reisen. An der Grenze wird er von zwei „Knochenbrechertypen“ verhaftet, von der Stasi verhört, ins Gefängnis gesteckt, von Zellengenossen ebenfalls verhört, und eines Tages erfährt er, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Bemerkungen

Als erstes gefiel mir die Perspektive: Paul Gompitz ist der Held, der einzige Handelnde. Der Autor bleibt streng an ihm „kleben“. Und gleichzeitig bleibt Gompitz an seiner Geschichte kleben, die er stur, zielstrebig, verträumt, schlagfertig, geheimnisvoll weiter verfolgt. Nur aufgeben kam für ihn nie in Frage, ebenso wenig wie eingeschüchtert zu werden. So ergibt sich eine kompakte und schöne Geschichte. Ein wenig ist es auch eine Liebesgeschichte, denn die Rückkehr hat auch viel mit Gompitz‘ Frau Helga zu tun.

Lesenswert.

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