Eine ungewöhnlicher Road Trip 2015: „Deutschland, Deine Götter“ von Gideon Böss

  • Das Buch

Das Buch „Deutschland, Deine Götter“ des Schriftstellers und Journalisten Gideon Böss hat mich zuerst wegen des Covers fasziniert: Eine Deutschlandkarte in sympathischen Farben mit einigen Bildchen darauf. Der Untertitel „Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“ deutet auf zwei spannende Themen hin: Reisen und „Glaubensgebäude“. Tropen Sachbuch, 2015, Hardcover.

Auf 398 eng bedruckten Seiten reist der Autor in 26 Kapiteln zu den Kirchen, Tempeln und Hexenhäusern der Republik. Jedes Kapitel steht für eine andere Kirche, Religion oder Glaubensrichtung. Alle Kapitel sind ungefähr gleich lang, und so stehen alle Glaubensrichtungen gleichwertig nebeneinander. Böss beschreibt jede Begegnung in zwei Schwerpunkten: In einem essayistischen Teil erzählt Böss von den Reisen zu denMenschen (oft Führungskräften) und den Gebäuden. Außerdem erklärt Böss die Besonderheiten und Geschichte jeder der Religionen. Das Thema klingt nach einem schwerfälligen Buch, doch wer nun einen schweren Text erwartet, wird angenehm überrascht.

  • Eine Reise…

Böss, Deutschlandreise

StepMap Böss, Deutschlandreise

Gideon Böss beschreibt seine Reisen ausführlich. Er reist in erster Linie mit dem Zug. Er beschäftigt sich mit Kopfbahnhöfen (Stuttgart und Frankfurt am Main), die den Charme haben, dass sie hektisches Gedrängel garantieren, auch dann, wenn kaum etwas los ist (S. 334). Er erlebt das Konzept Klimaanlage, das Bahnfahrer bei 31 Grad zum Frieren bringt (S. 155). Er lernt das schöne Wort „Bedarfsbahnhof“, fährt durch Orte in Brandenburg, die nach Isolation und Verlorenheit klingen. Oder nach Bad Camberg, eine Kleinstadt, die inmitten von Kleinstdörfern wie eine Metropole wirkt (S. 61). Er fährt auf dem Weg nach Bad Pyrmont durch Niedersachsen, das so aussieht, „als ob Gott nichts mehr eingefallen wäre“ (S. 126).

Schließlich geht es in die westfälische Provinz nach Hamm, wo ICE geteilt werden und die Busse nach 5 Minuten die beschauliche Innenstadt verlassen. 40 Minuten später gibt es die Haltestelle „Hindutempel“. In Butzbach kommt der Autor nicht umhin, sich mit der Bahnhofspolitik der Bahn zu befassen. Das Bahnhofsgebäude jedenfalls ist verlassen (vielleicht verflucht oder es leben wilde Tiere darin). Produkt (Bahnfahrt) und Marketing (Info-Point) befinden sich an unterschiedlichen Orten innerhalb der Stadt. In Lorsbach schließlich verpasst Böss den letzten Bus des Tages (um 15 Uhr), und die beworbene Nummer des Ruftaxis bietet nur „keinen Anschluss“.

Auf dem Weg in das Städtchen Weißenburg in Brandenburg laden Alleen zum Fahren auf dem Mittelstreifen ein, weil kein Verkehr herrscht. Dafür gibt es wieder Wölfe. Natürliche Feinde haben sie nicht, die wenigen Menschen sind alt und sitzen an Bushaltestellen. Ähnliches – bis auf die Wölfe – gilt für Wurzbach.

Doch das Buch ist kein „Road-Movie“. So etwa in der Mitte des Buches landet Böss in Wittenberg, einem verschlafenen Nest mit ICE-Anschluss (S. 240). Zwar kommt die Reise  dorthin bei dem Thema des Buches nicht unerwartet, doch die Überraschung folgt augenzwinkernd auf dem Fuß: Böss trifft sich dort mit dem katholischen Pfarrer. Und so kommen wir zum eigentlichen Thema des Buches:

  • … zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Die Katholische Kirche ist sozusagen der Platzhirsch. Sie hat die meisten Mitglieder und ist verantwortlich für einige der imposantesten Sehenswürdigkeiten des Landes. Und sie bekommt auch nicht mehr Text eingeräumt als die anderen. Natürlich kommt das Thema auf die Managementfehler des Unternehmens Kirche im 16. Jahrhundert. Geographisch führt dieser Weg nach Worms. Heute ziemlich bedeutungslos, war es zur Zeit Luthers einmal geschichtsträchtig. Ein paar Separatisten gründeten was eigenes und kamen damit durch. Die Unterschiede zwischen den beiden Kirchen erklärt Böss in wenigen pointierten Sätzen, die Unterschiede im Verständnis des Abendmahls zum Beispiel anhand einer Handvoll Konfetti.

Überhaupt: Die großen Kirchen haben im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Kontinuität im Abspalten entwickelt.

Auf katholischer Seite gibt es noch die Piusbrüder, eine Abspaltung aufgrund des 2. Vatikanischen Konziles und die „Johannische Kirche“. Die Baptisten und die Quäker sind Abspaltungen der Anglikanischen Kirche (oder zumindest Produkte eines gewissen Machtvauums im 17. Jahrhundert). Baptisten sind heute nach der Katholischen Kirche die größte Kirche in den USA, Quäker brachten es 1947 immerhin zum Friedensnobelpreis.

Dann gibt es ein paar Gruppen, die einen christlichen Kontext nicht verleugnen, zum Beispiel die „Mandäer“ mit ihrer „Hauptstadt“ Nürnberg (taufen im Jordan, erklären aber jeden andern Fluss zum Jordan, was das Reisen billiger und einfacher macht). Oder die Mormonen (Jesu Versuch, es mit einem zweiten Anlauf in Amerika zu versuchen und besser zu machen), die Heilsarmee und die Zeugen Jehovas (viele terminlich zu konkrete Prophezeiungen, aber eine beeindruckende Druckerei im Taunus).

Die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten werden erklärt, wobei erstere sich von den Sunniten abgespalten haben. Und auch in dieser Provenienz gibt es weitere Gruppen: Lahore-Ahmadiyya, eine Abspaltung der Ahmadiyya. Die von Abdul Baha gegründeten Bahai besucht Böss in ihrem Europazentrum in Hessen und die Aleviten in Frankfurt.

Dann gibt es verschiedene spirituelle Konstrukte ohne persönlichen Gott. Die „Kirche des Fliegenden Spahettimonster“ (hat 150 Mitglieder – oder 100.000, wenn man die Facebook-Likes mitzählt), die „Raelisten“ (verstehen die Weltgeschichte als Interaktion zwischen Aliens und dem Leben auf der Erde) und den Hexenkult „Wicca“, der je nach Blickwinkel seit 1950 oder seit 40.000 Jahren existiert.

In Butzbach treffen wir einen Angehörigen des „Heidentums“, worunter die germanisch-keltischen Naturreligionen zu verstehen sind. Es geht also um Barden, Ovaten und Druiden. Und schließlich die „Osho“, die Überbleibsel der „Baghwan-Religion“ sind.

In Hamm besucht der Autor schließlich den größten Hindu-Tempel Deutschlands, und tatsächlich gelingt es, ein wenig Ordnung in die vielfältige Götterwelt zu bringen.

  • Bemerkungen

Das Buch lohnt sich alleine schon als geschriebenes Road-Movie. Es gibt jedenfalls eine Menge einsamer Gegenden in Deutschland. Doch noch wichtiger scheint mir etwas anderes:

Böss macht schwierige Themen greifbar, und er erzählt unterhaltsam. Er beobachtet jede Gruppe, hört zu, stellt Fragen, läßt die Antworten der Gläubigen stehen. Jede Gruppe steht so gleichberechtigt neben jeder anderen, was auch für die Seitenzahl gilt, die Böss jeder Gruppe widmet.

Er hat bei aller Distanz Sympathie mit den Menschen. Die Lektüre hat mich oft zum Lachen gebracht. Böss schreibt humorvoll, aber ohne billige Gags, die sich bei dem Thema manchmal anbieten würden. Böss akzeptiert Ansichten. Und er vermeidet es, Stellung zu beziehen, um die eine oder andere Gruppe glaubwürdiger darzustellen als die anderen. Er will den Leser nicht in eine bestimmte Richtung lenken.

Das alles ist bei diesem Thema nicht einfach. Gideon Böss gelingt es. So stelle ich mir gute journalistische Arbeit vor. Lesenswert.