Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

  • Das Buch

Der Schauspieler Mario Adolf trat hin und wieder auch als Autor von Kurzgeschichten in Erscheinung. Eine schöne Sammlung von 11 Kurzgeschichten und einer essayistischen Einleitung veröffentlichte er 1994 unter dem Titel „Der Dieb von Trastevere“. Ich habe das Taschenbuch von btb mit 176 Seiten.

  • Der Kontext

Der Untertitel „Geschichten aus Italien“ gibt das Thema vor. Der Leser reist auf unterhaltsame Weise durch das Land und lernt Menschen kennen, die in originellen oder anstrengenden Situationen ihre wahren Gesichter zeigen. Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, der auf Reisen mit Einheimischen spricht und sich die Geschichten erzählen lässt. Die einzige Ausnahme ist die bemerkenswerte Erzählung „Schweigen“. Dazu später.

  • Rom

Die Einleitung mit dem Titel „alle Wege führen nach..“ handelt von Rom. Sie ist biographisch interessant, denn Adorf beschreibt seinen beruflichen Schritt von Deutschland nach Italien und seine erste, vom Scheitern geprägten, Gehversuche im italienischen Filmgeschäft. Origineller Höhepunkt ist die Weigerung der Behörden, ihm die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Der Dieb von Trastevere

StepMap Der Dieb von Trastevere
  • Venedig

„Der Photograph von San Marco“ entführt den Leser nach Venedig. Es ist Juli 1902. Die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen. Auf dem Markusplatz teilen sich zwei Photographen das Revier und fotographieren Touristen: Baghetto und Zago.

In den Tagen vor dem 14. Juli 1902 streiten die Venezianer heftig um Mängel an der Statik des Campanile. Er sei einsturzgefährdet, hieß es. Baghetto baut jeden Morgen sein Stativ auf und richtet es auf den Campanile aus. Er hofft, den Einsturz des Turmes dokumentieren zu können. Das bleibt Zago zwar nicht verborgen, aber er läßt sich in seinem Gewerbe, Touristen zu fotographieren, durch die Gerüchte nicht stören.

Schließlich, am Morgen des 14. Juli, eskaliert die Situation. Keine Tauben auf dem Platz, der Dogenpalast wird abgesperrt, die Kellner drängen die Touristen, ihre Speisen zu beenden. Schließlich stürzt mit Donnerrollen der Turm in sich zusammen. Baghetto hat tatsächlich im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Beim Versuch, die Kamera vor der folgenden Staubwolke zu schützen, wird seine Kamera zerstört. Er konnte fast alle Bilder retten, nur das des Einsturzes selbst bleibt verschollen.

Am gleichen Tag erscheint ein Extrablatt der Zeitung über den Einsturz. Darin: ein Foto vom Einsturz selbst, Fotograph: Zago. Baghetto entlarvt das Foto als Fälschung aus Fotomontage und Retusche. Er stellt eine bessere Fälschung her und konfrontiert Zago mit ihr.

Im Streit um den Wiederaufbau des Campanile steht Baghetto auf der Seite derer, die den Platz leer lassen wollen. Doch diejenigen, die den Campanile wieder aufbauen wollen, setzen sich durch. Baghetto dokumentiert den leeren Platz, Zago nur den aufgebauten Campanile. Und so kam es, dass die Geschichte des Einsturzes in den Annalen Venedigs fast nie erwähnt wird.

  • Ponza

Die Erzählung „Der Besuch“ spielt auf der kleinen Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Der Papst höchstpersönlich – heißt es – werde bei einer Reise nach Capri und Ischia kurz Station auf Ponza machen. Die Bewohner sind in heller Aufregung. Die Inselkirche hat keine Glocke (Lösung: elektrisches Glockenspiel mit Big-Ben-Melodie), es gibt kein Papamobil (Lösung: eine Telefonzelle wird auf einen Lieferwagen montiert und kurzerhand als „kugelsicher“ erklärt) und vieles mehr.

Wegen schlechten Wetters kann der Papst nicht per Schiff reisen. Er nimmt einen Hubschrauber, und selbst der kann wegen des Sturmes nicht landen. Immerhin kreiste er zweimal über der Landestelle, und jeder konnte eine weiß behandschuhte Hand erkennen, die segnend aus dem Helikopter heraus gehalten wurde.  Alle fallen auf die Knie und bekreuzigen sich.

  • Triest

Die Erzählung „Rizinus“ spielt am Theater in Triest. Sie könnte aber an jedem stationären Theater der Welt spielen. Es ist eine „ganz normale“ Intrige in der Theaterwelt. Sie wirft jedoch auch ein Licht auf die manchmal sehr sensible Beziehung zwischen Italienern und Deutschen.

  • Ardore

In Ardore, westlich von Locri spielt die Erzählung „Die zwei Tode des armen Barabas“. Barabas ist eine Art Dorftrottel, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Jeder in Ardore macht sich über ihn lustig. Eines Tages erkrankt Barabas. Ein Hernie (ein Eingeweidebruch) wölbt sich immer stärker aus seinem Bauch heraus. Zwei Assistenzärzte wollten ihm Gutes tun, doch die Operation führt Tage später zu Barabas Tod. Ganz Ardore versammelt sich zur fröhlichsten Beerdigung aller Zeiten.

  • Salice

In Salice in Kalabrien ist der Erzähler mit dem  Besitzer einer Zitrusfruchtplantage befreundet. DerPlantagenbesitzer muss seine Ware stets zu einem Drittel des üblichen Preises an seinen Hausmafioso verkaufen. Gegenleistung: er muss keine Angst um sein Eigentum haben. Nun steht die Hochzeit der Tochter dieses Hausmafioso an. Die Freunde werden zu der Hochzeit eingeladen. In die Enttäuschung über das Hochzeitsgeschenk (eine Kristallbowle mit 12 Gläsern) mischt sich eine Drohung an den Erzähler.

  • Taormina

Diese Erzählung „Schweigen“ beginnt in Taormina auf Sizilien, wo das Mädchen Annamaria lebt. Ihre Eltern schicken es nach Florenz ins Internat. Später studiert sie und lernt Enrico kennen, den Juniorchef eines Schuhgeschäftes. Tochter Enrica wird geboren. Der Schuhladen expandiert, italienweit werden 40 Filialen eröffnet. Annamaria ist immer häufiger alleine in Taormina. Sie gibt Gesellschaften, aus denen später Pokerrunden werden. Annamaria verliert viel. Enrico kauft sich ein Imperium zusammen, inclusive Gerbereien, Landhaus und Zweitfrau in Venezuela. Annamaria muss ihn schließlich um Geld bitten und erfährt alles. Irgendwann erleidet Enrico einen Schlaganfall, wird bettlägerig. Annamaria pflegt ihn und nutzt dies, um ihn zu erpressen. (Jeder Löffel Brei für eine Ziffer eines Bankkontos). Bald kennt sie alle Konten und verspielt alles. Nach Jahren geht es Enrico besser, und schließlich verrät er seiner Tochter die Nummern seiner Konten in Luzern. Mit diesem Wissen geht sie einem Lebemann auf den Leim, der den Rest verspielt.

  • Rom

Natürlich sind da auch noch ein paar Geschichten aus Adorfs Leben in Rom, und seinen Erlebnissen in der Filmindustrie.

  • Bemerkungen

„Schweigen“ halte ich für das bemerkenswerteste Stück des Bandes. Adorf erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Familie auf 20 Seiten, wo jeder andere eine Romantrilogie draus gemacht hätte. Auch sonst erzählt er Geschichten um Leben, Verrat und Tod mit Humor, Charme und einer großen Liebe zu den Menschen mit ihren Schwächen. Gehört in die Reisebibliothek.

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4 Gedanken zu “Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

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