„Schäumende Träume“ aus Fielden’s „Is this the Vine You Ordered, Sir?“

  • Das Buch

Zum Jahreswechsel geht es wieder mal um das Buch „Is This The Vine You Ordered, Sir?“ von Christopher Fielden. Erstveröffentlichung 1989. Deutsch von Daniela Brechbühl „Der Weinbetrug – Etiketten und Inhalt“, Rüschlikon, Hardcover, 254 kurzweilige Seiten. Das Buch beschäftigt sich auf den Seiten 90 – 104 unter der Kapitelüberschrift „Schäumende Träume“ mit der Geschichte des Schaumweines.

  • London

Diese Geschichte beginnt in London. Die dortigen Weinhändler wollten die guten importierten Weine „vor den sonst üblichen Mißbräuchen dieser Stadt … schützen“ (S. 91). Was benötigte man, um Schaumwein herzustellen? Da war zunächst der Wein. Es wurden Weine aus Sillery oder Ay importiert, ihnen wurden Gewürze und Melasse beigegeben, und sie wurden in Flaschen gefüllt. So gelagert, begannen die Weine erneut zu gären und entwickelten Kohlensäure. Als nächstes traten zwei Londoner Erfindungen in die Welt der Weinherstellung ein: 1662 wurden in England gute Glasflaschen patentiert, hinzu kamen Drahtkörbchen zur Sicherung der Korken.

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  • der französische Markt

Das neue Produkt begeisterte auch die Menschen im Herkunftsland der Weine, vor allem weil es am Hofe Ludwigs XIV. – unter der gesellschaftlichen Führung von Mme de Mailly – schnell beliebt wurde. Also versuchten sich französische Winzer daran, schäumende Weine herzustellen. Doch den Wein in Flaschen abzufüllen war eine Sache, eine andere war es, ihn in den Flaschen zum Gären zu bringen. Überliefert sind eine Reihe von Versuchen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Einige Händler verloren über die Hälfte ihrer eingelagerten Flaschen, weil sie unter dem hohen Druck explodierten (die Flaschen, nicht die Händler). Insgesamt war also das Leben in den Weinkellern recht kurzweilig. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es stabile und kontrollierte Produktionsmethoden.

  • Nachahmer und Etikettenschwindel

Im Laufe der Zeit traten zwei Probleme auf, die bei jedem hochpreisigen Produkt irgendwann mal auftreten: Das Problem der Nachahmung und das Problem des Etikettenschwindels.

Da gab es so etwas wie Briefkastenfirmen. Winzer aus anderen Regionen als der Champagne stellten Schaumweine her und verkauften sie von einer Lieferadresse innerhalb der Champagne. Ohne diese Adresse wäre der Champagner auf dem englischen Markt nicht verkaufbar gewesen. Schließlich gingen auch die großen Champagnerhersteller dazu über, billige Weine aus Saumur, dem Midi und Nordafrika zu  „importieren“ und darauf Champagner herzustellen. Konsequenz: die einheimischen Winzer konnten ihren Wein nicht mehr an die Champagnerhäuser verkaufen. Das führte im Jahr 1911 zu den Champagner-Unruhen.

  • die Champagner-Unruhen 1911

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Am 17. Januar 1911 schüttete ein aufgebrachter Mob eine Ladung Wein aus dem Midi in die Marne und plünderte Weinkeller in Damery. Am nächsten Tag verschob sich der Aufstand nach Hautevilles. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen, und am 10. Februar 1911 erließ die Regierung ein Gesetz, das besagte, dass Champagner ausschließlich von Trauben und Wein aus der Region hergestellt werden durfte. Die Region umfasste jedoch nun bedauerlicherweise zwar einige Gemeinden in Aisne, aber keine in Aube. Winzer aus Aube attackierten also Kellereien in Damery, Dizy und Ay. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen. Am 12. April 1911 schließlich fand die „Schlacht bei Ay“ statt.  Es gab auf keiner Seite (Reiterschwadron und Weinbauern) Tote, jedoch etliche zerstörte Weinkeller. Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass Schaumweine aus Aube ebenfalls Champagner heißen durften, jedoch mit dem Zusatz „Deuxieme Zone“.

Als kleiner Nebeneffekt wurde den Weinbauern zugestanden, Roséwein aus einem Verschnitt weißer und roter Trauben zu erzeugen. Eine Regelung, die für kein anderes Weinbaugebiet gilt. Immerhin untergrub diese Vorschrift die Geschäftsgrundlage des Dorfes Fismes. Fismes war berühmt für seine Holunderbüsche. Deren Früchte wurden zur Färbung des Champagners verwendet.

  • Und heute?

Heute wenden die großen Marken mehr als 10% ihres Umsatzes für Marketing auf. Im Umfeld der großen Marken betreiben die regionalen Kooperativen ihr Tagesgeschäft. Das besteht darin, „Vin sur Latte“ zu verkaufen, unetikettierten Flaschenwein zur Nachreife. So kann es durchaus sein, dass zwei konkurrierende Marken das gleiche Getränk in ihren Flaschen haben, ein Umstand, der aus nahe liegenden Gründen selten thematisiert wird, außer in diesem Buch, S. 99.

Schließlich hat Fielden für die Leser noch einen besonderen Tipp parat. In vielen Ländern gibt es die Angewohnheit, jeden Schaumwein Champan, Champagna, Champagne oder so ähnlich zu nennen. Als Faustregel kann man festhalten: Wer Champagne bestellt, der schaut, ob das Produkt aus Frankreich stammt. Wenn ja, dann handelt es sich um echten Champagner, wenn nein, dann kann es sich „um irgendetwas handeln – vom Himbeergeist bis zum großartigen Wein“ (S. 104).

  • Bemerkungen

Einen Kritikpunkt habe ich: Im bereits besprochenen Kapitel über Portwein ist die Rede davon, dass ab 1678 der Export von Wein nach England verboten war (weshalb sich die Briten den portugiesischen Beschaffungsmarkt sicherten). Mit dem  vermuteten Zusammenhang zu dem Produkt Champagner wird der Leser alleine gelassen.

Ansonsten aber: Auf jeden Fall nett zu lesen, essayistisch und unterhaltsam. A votre santé.

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