Die Katalanischen Pyrenäen: „Wie ein Stein im Geröll“ von Maria Barbal

Heute geht es in die Berglandschaft der Pyrenäen in Katalanien.

  • Das Buch

Der Roman „Pedra de Tartera“  erschien im Jahr 1985. Es ist das Erstlingswerk der Autorin Maria Barbal und gilt heute als Klassiker der katalanischen Literatur. Schon 1986 übersetzte Heike Nottebaum das Buch aus dem Katalanischen. Deutscher Titel „Wie ein Stein im Geröll“. Verlag Transit, Hardcover. Der Roman ist mit 107 Seiten sehr kurz. Dazu kommt ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Pere Joan Tous aus dem Jahr 2006, der die Bedeutung der Autorin in der katalanischen Literaturszene einordnet. Und ein Glossar. So hat das Buch insgesamt 127 Seiten.

Die Autorin gehört zu den bedeutendsten katalanischen Autoren. Sie wurde in Tremp in den Pyrenäen geboren. Und ganz in der Nähe ihres Geburtsortes hat sie diesen Roman angesiedelt. Zeitlich spannt er sich über beinahe das ganze 20. Jahrhundert.

getmapimg.php-12

  •  Die Hauptfigur

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist  Concepcion, die von allen Conxa genannt wird, weil ihr echter Name zu kompliziert ist. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Jeder Teil behandelt einen Abschied Conxas.

Im ersten Teil ist Conxa 13 Jahre alt. Sie soll den elterlichen Hof in dem Dorf Ermita verlassen und zu Onkel und Tante ziehen. Die beiden sind kinderlos und brauchen eine helfende Hand. Also verlässt Conxa Ermita und wandert zu Fuß in das etwas größere Dorf Pallares.

  • Das Dorf

Stichwort Dorf: Manche bestehen gerade mal aus 4 Häusern. Das Leben ist karg, man hat ein paar Stück Vieh, meistens Kühe, dazu Hühner und Kaninchen, und ein paar Wiesen. Geld braucht man nicht, außer für den Viehhandel. Es gibt zwei Sorten Pilze, Röhrlinge und Mairitterlinge. Die Frauen sammeln sie und trocknen sie anschließend für den Winter. Nur Wasser gibt es im Überfluss. Die vielen Bäche und Flüsse, die die Gegend durchziehen, liefern Forellen. Man fängt sie mit der bloßen Hand (kleiner Trick: vorher mit einem Bündel Wolfskraut auf das Wasser schlagen, das betäubt sie).

Conxas Leben verläuft über Jahre hinweg eintönig. Sie hilft auf den Wiesen das Gras mähen, und beim Vieh. Ab und zu kommen Vettern aus Barcelona zu Besuch. Dann hat man mehr Ausgaben, weil die Vettern so viel essen, aber sie bringen auch Kaffee und andere Dinge aus der Stadt mit.

  • Die große Liebe

Conxa heiratet Jaume, den Nachbarsjungen. Jaume ist Handwerker. Er reist in den Bergen umher und arbeitet dort, wo gerade ein Haus gebaut wird. Jaume und Conxa bekommen Kinder. Sie sind glücklich, gehen auf die umliegenden Dorffeste zum Tanz. Dann aber bricht eines Tages – zuerst unmerklich – die große Politik über die Familie herein. König Alfons XIII hat abgedankt, die Republik wurde ausgerufen – wir sind also im Jahr 1931. Jaume engagiert sich als Friedensrichter.

Fünf Jahre später putschen sich die Franco-Faschisten an die Macht. Kurz danach besetzen deren Truppen die Gegend. Jaume wird verhaftet, Conxa mit einigen anderen Frauen auf einem Lastwagen in ein Lager gebracht. Maria Barbal lässt Conxa den Titel des Romans erklären. Conxa fühlt sich wie ein Stein im Geröll. Wird sie angestoßen, dann rollt sie mit allen anderen weiter, wenn nicht, dann bleibt sie einfach liegen.

Später wird Conxa in der Provinzhauptstadt Noguerea ihren Mann identifizieren, der ermordet wurde. Er wird anonym beigesetzt. Conxa fährt wieder zurück in ihr Dorf. Fremde tauchen auf und wollen ihrer Tante den Hof, ein Stück Weide oder Vieh abkaufen. Sie widerstehen den Angeboten, die stets von Anfeindungen begleitet werden. Conxas Sohn heiratet eine Frau aus Torrent, die beiden bekommen ein Kind. Mutter und Kind sind schwach, und sie ziehen der besseren Ärzte wegen nach Barcelona. Conxa geht mit ihnen. Weil sie bei ihrem Enkel sein kann, aber auch weil sie zu alt für die Berge ist, und im Hof nichts mehr helfen kann.

  • Die Stadt

Barcelona schließlich ist eine fremde und moderne Welt, mit Hochhäusern und Apparaten, die sprechen und einen anschauen. Manchmal lachen die anderen, wenn Conxa etwas sagt. So weiß sie, dass sie wichtig ist, und fühlt sich doch gleichzeitig nutzlos. Dann hört das Buch auf. Und der hat Leser hat den Eindruck, dass sich das Buch einfach aus Conxas Geschichte „ausblendet“.

  • Bemerkungen

Der Roman behandelt das gesamte Leben von Conxa, wobei der Schwerpunkt in den 20er und 30er Jahren ihres Lebens (und des Jahrhunderts) liegt.

Da ist der Gegensatz zwischen dem beschaulichen Leben und dem, in das die große Politik hineinregiert, der Gegensatz zwischen dem ländlichen und dem städtischen, der Gegensatz zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der Familie. Geradlinig, beschaulich und beinahe meditativ lässt Maria Barbal Conxa ihre eigene Geschichte erzählen.  Das ist sehr schön. Der zentrale Teil ist die Liebe zu Jaume, sein Verschwinden und die Trauer um ihn, der große Einsamkeit folgt.

Ich persönlich hätte mir noch ein wenig mehr über das Leben in Barcelona, ein wenig mehr Stadt gewünscht. Zumindest suggeriert der Klappentext, das da noch was käme. Aber das hätte auch die erzählerische Kompaktheit dieses kleinen Romans zerstört. Lesenswert.

 

Advertisements