Tolstoi 1854: Sewastopol im Dezember (Neuauflage)

Zu den Beiträgen dieses Blogs, die am häufigsten über Suchmaschinen gefunden und aufgerufen wurden, gehört Tolstois „Sewastopol im Dezember“. Das ist für mich überraschend, aber es freut mich. Der Beitrag stammt aus den Urzeiten dieses Blogs, als ich die Idee mit den Karten noch gar nicht hatte. Aus diesem Grund habe ich den Beitrag ein wenig überarbeitet. (Es handelt sich also um eine Neuauflage meines alten Beitrages, nicht etwa des Buches). Die Karte „Plan der Festung Sewastopol mit Umgegend und Angabe der Belagerungsarbeiten der verbündeten Armeen“ von S.Schropp stammt aus dem Jahr 1854 und ist bei oldmapsonline.org anzusehen.

Die Karte beantwortet auch eine Frage, die mir beim Lesen des Textes kam: Trotz der Belagerung und des Beschusses der Stadt findet speziell an den Uferpromenaden ein Alltagstreiben statt, das so gar nicht mitten in den Krieg passt. Wie kann das sein? Die Karte zeigt: Sewastopol liegt in einer engen Bucht, und der Hafen und seine Landungsstege sind wiederum in einer weiteren kleinen Bucht. So lassen sich die Zufahrtswege von der See her einfach abriegeln.

 

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In der größeren Ansicht sind die Armeen eingezeichnet, die die Stadt von Süden her belagern.

 

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Doch nun zum Text

Der Text ist eine Miniatur, die Reklamausgabe von 1992 packt ihn gerade mal in 20 Seiten. Tolstoi schrieb „Sewastopol im Dezember“ als Teil der Sewastopoler Erzählungen. Grundlage waren seine Erlebnisse im Dezember 1854, als Sewastopol während des Krimkrieges von französischen und englischen Truppen belagert wurde. Die Ereignisgeschichte ist allenthalben nachzulesen. Die Erzählung ist ein sehr spezieller eintägiger Stadtrundgang. Beginnend um 8 Uhr morgens zieht der Autor von Ort zu Ort innerhalb der belagerten Stadt und nimmt den Leser auf eine sehr beeindruckende Weise mit.

Die Stadt bietet in diesen Kriegsmonaten eine „seltsame Vermischung städtischen Treibens mit dem Lagerleben“. Am Hafen geht es laut zu. Es mengen sich Matrosen mit Hafenarbeitern und Menschen, die Leichen abtransportieren. Tolstoi legt zu einer kurzen Bootsfahrt ab, die ihn an vertäuten Schiffen vorbei zur Grafskaja führt. Dort geht er an dem Gewimmel von Menschen vorüber zur alten „Adelsversammlung“. Sie ist zu einem Lazarett umfunktioniert. Er besucht die Krankenstation, wo er mit Verwundeten spricht, die auf ihre Heilung hoffen. Gleich nebenan ist der Operationssaal, in dem Ärzte dem „wohltätigen Werk des Amputierens“ nachgehen. Etliche Soldaten reden mit Stolz von der „vierten Bastion“.

Also entscheidet sich Tolstoi dafür, diese Bastion zu besuchen. Auf dem Weg dorthin – bei leichtem Nieselregen – geht er zunächst an der Kirche und der Barrikade vorbei in den belebtesten Teil der Stadt. Händler, elegante Offiziere und Frauen mit Hüten erwecken den Eindruck von Normalität. Er kehrt in ein Wirtshaus ein, hört den Soldaten zu. Er setzt seinen Rundgang fort, passiert verlassene Häuser, danach zerstörte Häuser, danach Trümmerhaufen aus Stein und Brettern und schließlich wassergefüllte Trichter. Schließlich steht er in der „Janowschen Redoute“, einer Art Vorposten, von dort geht es weiter durch Laufgräben, bis er in der Bastion ankommt. Er beobachtet Soldaten bei allen ihren Arbeiten, die meist Warten oder Bereithalten sind. Aus der Bastion kann er nicht in die Ferne schauen, „ob der der vielen umherschwirrenden Kanonenkugeln“. Dann beschreibt Kugeln von Kanonen und Mörsern, die um ihn herum fliegen und in der Bastion einschlagen.

Am Nachmittag geht er in die Stadt zurück. Er gesteht, von der Technik der Verteidigung nichts verstanden zu haben, doch aus den Augen der Matrosen gewann er die Überzeugung, dass Sewastopol nicht fallen wird. Der Abend senkt sich. Auf dem Boulevard spielt eine Militärkapelle einen Walzer.

Tolstoi nimmt den Leser mit auf einen eindringlich geschilderten Stadtrundgang durch eine vom Krieg geschundene Stadt. Es ist aber auch ein Dokument über Menschen, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Das Wort „Seelenstärke“ taucht ein paar Mal auf, eine Eigenschaft, vor der sich Tolstoi sich nur verneigen kann. Die realisitische Schilderung des Lazaretts ist eine besondere Leistung. Der Höhepunkt des Textes ist für mich die von allen Sinnen geschärfte Beschreibung umherfliegender Kugeln.

Die Erzählung gilt als Beginn der Kriegsberichterstattung. Die handlungstreibenden Dialoge, die scharfsinnigen und detailversessenen Beobachtungen machen den Text jedoch auch zu einer besonderen erzählerischen Leistung.

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10 Gedanken zu “Tolstoi 1854: Sewastopol im Dezember (Neuauflage)

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