Eine Sizilianische Schmalspurbahn 1942: „Der Bahnwärter“ von Andrea Camilleri

  • Das Buch

Seit dem 19. Jahrhundert wurde die Insel Sizilien von einem Netz aus Schmalspurbahnen durchzogen, deren Reste heute noch teilweise zu sehen sind. Im Kontext einer solchen Schmalspurbahn ist der Roman „Il Casellante“ von Andrea Camilleri angesiedelt. Camilleri ist bekannt für seine Romane um den Commissario Montalbano. „Il Casallante“ ist von 2008, die deutsche Übersetzung von Moshe Kahn trägt den Titel „Der Bahnwärter“. Kindler, Hardcover, 159 Seiten.

  • Das Setup

Der Bahnwärter, das ist Nino Zarcuto. Die Aufgabe des Bahnwärters bestand darin, die Strecke zu überwachen. Nino ist regelmäßig mit der Lore auf der Stecke unterwegs. Außerdem wird die Küste in der Gegend von Capo Rossello wegen des Krieges ständig beobachtet, eine Tatsache, in welche die Bahnwärter regelmäßig hineingezogen wurden.

Das Bahnwärterhäuschen steht an der Bahnlinie von Castellovetrano nach Vigata-Cannelle. Letzteren Ort konnte ich nicht identifizieren, und es ist denkbar, dass er fiktiv ist. Die Bahnlinie gab es jedoch wirklich, recherchieren konnte ich sie bis Porto Empedocle. Die meiste Zeit führte die Strecke am Meer entlang. Ganz in der Nähe befinden sich die berühmten Scala die Turchi. Dort stieg die Bahn einen Berg empor, und zwar derart langsam, dass die Reisenden „…die Zeit nutzen, sich auszuziehen, … ein schnelles Bad im Meer zu nehmen und wieder zum schnaubend auf halber Höhe hinaufzuckelnden Zug zurückzukehren, um sich dann auf dem Perron von der Sonne trocknen zu lassen (S. 8).“ Diese Karte zeigt das Liniennetz im Jahre 1910 (Quelle: Wikipedia). Für den Roman ist die rote Linie wichtig.

Castelvetrano_Porto_Empedocle

Die Bahn fuhr zweimal am Tag. An beiden Endbahnhöfen fuhr um 6 Uhr morgens je ein Zug los. Er passierte insgesamt 22 Stationen. In Siculiana begegnen sich die Züge. Ganz in der Nähe – im Bereich zwischen Siculiana und Realmonte – steht das Bahnwärterhäuschen, in dem der Bahnwärter Nino seinen Dienst tut. Das Bahnwärterhäuschen ist ein kleiner Mikrokosmos mit Ziege, Hühnern, Garten und einem eigenen Brunnen. Und gleich wird es in diesem Mikrokosmos ganz schön rund gehen.

Nino ist verheiratet mit Minico, die ein Kind von Nino erwartet. Nino geht regelmäßig in einen Friseursalon in Vigata. Dort singt er mit seinem Freund Toto sonntags ab und zu Canziones, wofür er 5 Lire erhält.

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  • Der Faschismus

Wir sind im Frühjahr 1942, Italien wird von den Faschisten regiert. Es herrscht ein Klima der Denunziation. Der Krieg zieht in Form englischer Bomber ein. Eines Tages stehen vier Soldaten an der Tür, um den Bau zweier Bunker vorzubereiten, je einen zur Rechten und zur Linken des Bahnwärterhäuschens.

Die Baumaßnahmen dauern zwei Wochen. Durch die Baumaßnahmen sinkt der Wasserpegel im Brunnen, der zum Bahnwärterhäuschen gehört. Die Bunker sind kaum fertig, da werden sie schon wieder bombardiert. Die Arbeiter richten sich also dauerhaft in der Nähe ein.

Immer wenn Nino weg ist, klopfen zwei unheimliche Männer an der Tür und versetzen Minico in Angst und Schrecken. Der Bahnwärter des Nachbarhäuschens wird eines Tages verhaftet, weil er angeblich mit einem Feuer am Strand Signale an englische U-Boote gesendet hat. Es stellt sich heraus, dass er nur Sardinen gegrillt hat, und wird wieder freigelassen. Allerdings muss er sein Bahnwärterhäuschen räumen, und der regimetreue Bahnwärter Barrafuto zieht ein.

Nino und Toto singen mal wieder für 5 Lira im Friseursalon. Diesmal aber werden sie verhaftet, weil sie in ihren Liedern den Faschismus verunglimpft haben. Ein Rechtsanwalt holt sie aus dem Gefängnis, weil man bei den „musikalischen Tempiänderungen auf nichts gestoßen (ist), was als Akt der willentlichen Verunglimpfung des Faschismus angesehen werden könne (S. 89)“.

  • Das Verbrechen

Während der Zeit wurde jedoch Minico überfallen, vergewaltigt und verlor das Kind. Nino findet heraus, dass der Täter der Nachbarbahnwärter Barrafuto war. Mit Hilfe einiger Freunde tötet und verstümmelt er ihn.

Nino nimmt Minico wieder mit nach Hause. Sie hat Schmerzen, gewöhnt sich langsam wieder an die Abläufe im Haushalt und Garten. Eines Tages geht sie in den Garten und denkt, sie sei ein Baum. Sie gräbt ihre Füße in den Boden ein, hält einen Eimer Wasser in der Hand und besteht darauf, dass Nino ihr regelmäßig die Erde auf ihren Füßen gießt. („Nino ging zu seiner Frau, um die Erde zu bewässern“ S. 141). Nino baut ihr dann noch ein Gestell, damit sie ihre Arme auflegen kann.

  • Der Krieg

Sommer 1942, der Krieg wurde heftiger. Die Südküste Siziliens wird von amerikanischen Bombern unter Beschuss genommen. Das Bahnwärterhäuschen bleibt unversehrt. Nino wird gebeten, einen amerikanischen Soldaten zu verstecken.

Es wird Herbst, und Minica will umgesetzt werden. Nino entdeckt, dass ihre Füße zu Wurzeln wurden. Außerdem will sie veredelt werden. Nino sorgt für sie, indem er ihr täglich frische Milch bringt und sie mit Umhängen vor dem Wetter schützt.

Im Dezember 1942 wird der Süden Siziliens täglich bombardiert. Eine Bombe schlägt 10 Meter hinter dem Bahnwärterhäuschen ein und zerstört einen Zug. In den Trümmern findet Nino einen Säugling. Er zeigt ihn Minico, die sich sofort wieder bewegen und „normal“ sprechen kann.

  • Bemerkungen

Ich konnte mit dem Buch nichts so richtig anfangen. Der Umgang mit dem Klima des faschistischen Regimes ist spannend und scharfsinnig geschrieben. Das folgende brutale Verbrechen ist sehr drastisch geschildert, und die blutrünstige Rache Ninos an Barrafuto ist in ihrer seitenlangen Detailliertheit nichts für schwache Nerven. Dann folgt ein absurder und metaphorischer Abschluss. Das sind mir zu viele begonnene Ansätze und zu viele Wandlungen für so ein kurzes Büchlein. Aber spannend ist es allemal.

 

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