50 Jahre in Pennsylvania: Pearl S. Buck „Portrait Of A Marriage“

 

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Ein Hügel in Pennsylvanien, zur Linken der Delaware, ein Fluss, der sich wie ein silbernes Band hinzieht. Zur Rechten geht es hinunter zur Stadt Philadelphia. Auf dem Hügel sitzt William Barton und malt. Mit dieser Szene beginnt der Roman „Portrait of a Marriage“ von Pearl S. Buck.

  • Autorin und Buch

Die Autorin (1892 – 1973) erhielt 1938 den Literaturnobelpreis – hauptsächlich für den Roman „The Good Earth“. „Portrait of a Marriage“ erschien 1945. Die Übersetzung von Ursula von Wiese aus dem Jahr 1946 trägt den Titel „Eine Liebesehe“. Ich habe die Ausgabe vom Bertelsmann Lesering 1958. Hardcover, 232 Seiten.

  • Die Familie entsteht

Der Leser darf sich anschnallen: Das Buch hetzt durch die Jahrzehnte. Zunächst sind die Jahre der Handlung nicht benannt. Aber zu Beginn machen sich die Bartons (Williams Eltern) Gedanken darüber, „einen dieser pferdelosen Wagen“ zu kaufen. William malt derweil Bilder. Die Ausbildung in Paris bekam er von seinem Vater finanziert, der von den Dividenden seiner Eisenbahnaktien lebt. William hat zwei Geschwister. Louise heiratet einen Engländer und kommt zweimal im Jahr zu Besuch. Tom eröffnet eine der ersten „Garagen“ des Landes.

Bei einer Einkehr während eines Malausfluges begegnet William Ruth, einer Farmerstochter. William bittet sie, ihm Modell zu stehen. Das Ganze geschieht in der Küche des Hauses. Ruths Eltern sind von William wenig begeistert, den er hält sich nicht an Termine, kommt manchmal öfter, andererseits wochenlang gar nicht (wenn er gerade eine Malblockade hat).

William hat noch eine Stadtwohnung in New York angemietet. Diese dient als sein Atelier, und von hier aus verkauft er seine Bilder. Er könnte das Bild von Ruth mehrmals verkaufen, lehnt dies aber immer ab. Schließlich hängt er es in seinem Zimmer auf und betrachtet es oft stundenlang.

Ein Jahr später sind er und Ruth verheiratet. das sind die ersten 53 Seiten.

Die Jungvermählten leben zunächst in New York. William mag an der Stadt, dass er überall mit den normalen Leuten reden kann. Und er verkauft seine Bilder von Zeit zu Zeit. Geld kommt unregelmäßig rein, aber es reicht. Dennoch ist Ruth von der Unregelmäßigkeit genervt, vor allem, als sie sieht, dass  Toms Garage ganz gut läuft. Eines Tages entdeckt William, dass sein Vater die meisten Bilder gekauft hat. Und das, obwohl die Eisenbahnaktien nicht mehr soviel Dividende abwerfen wie früher. Schuld daran ist das immer stärker verbreitete Automobil.

Aber er bekommt keine Anregungen zu malen. Er malt ohnehin nur noch Ruth. William rechtfertigt sich damit, dass Millet auch häufig die gleiche Person gemalt habe. (Gemeint ist hier Jean-Francois Millet). Aber Ruth mag New York nicht, und so ziehen sie zurück in Ruths elterliches Bauernhaus. Dort gebiert Ruth 3 Kinder (Hal, Jill und Mary). William stellt seine Bilder nur noch im Ort aus.

  • Die Familie zerstreut sich

Eines Tages, am 13. Juli 1913, verschwindet Hal. Drei endlose Jahre später taucht er wieder auf, nur um seinen Eltern zu sagen, dass er sich zur Armee gemeldet hat. Er verschwindet in den ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg heiratet er eine Französin und zieht in die Umgebung von Paris, arbeitet als Taxichauffeur. Sie bekommen zwei Kinder.

Ansonsten will William mal was anders malen und Ruth für eine Zeit verlassen. Ruth ist entsetzt. Am nächsten Morgen muss sie eine läufige Kuh zum Nachbarn bringen. Dessen Stier soll die Kuh besteigen. Dabei wird Ruth schwer verletzt. William war während dessen irgendwo, um ein Landschaftsbild zu malen. Sowohl der Nachbar als auch Ruth finden Williams Verhalten unmöglich. Er sollte seiner Frau mehr zur Hand gehen.

Tochter Mary und Joel, der Sohn des Nachbarn, verlieben sich und heiraten bald darauf. Außerdem zieht Jill zu einer alten Freundin nach New York. Die entdeckt, dass Jill großartig singen kann und läßt sie ausbilden. Sie wird eine der besten Altstimmen Amerikas.

Jill, Hal und Mary sind also aus dem Haus. William malt weiter. Der Zweite Weltkrieg bricht aus. Hal und seine Frau werden von einem deutschen Bomber beim Picknick beschossen und sterben. Die Töchter der beiden werden ins nächste Schiff nach New York gesetzt und sind bald Teil von Williams und Ruths Haushalt.

Dann eines Tages erleidet William einen Herzinfarkt. Er stirbt bald darauf. Rickie, der Sohn von Tochter Mary will Opas Malkasten geschenkt bekommen. In ihm wird die Familie weiter leben.

  • Ein Blick auf 50 Jahre Mobilität

Der Leser kann die Entwicklung der Infrastruktur verfolgen. Zu Beginn ist das Pferdefuhrwerk-Geschäft von Ruths Eltern vom Automobil bedroht. Am Ende ist die Welt „durch Schnellzüge, Automobile und Flugzeuge ein engbegrenztes Gebiet geworden“. (S.217)

William und Ruth besassen nie ein Automobil. Er fuhr meist Straßenbahn oder mit dem Zug, wenn er nicht zu Fuß unterwegs war. Und die beiden ziehen vom fernen New York wieder zurück ins ländliche Idyll des heimischen Hofes. Aber um die beiden herum läßt sich die Entwicklung der Mobilität beobachten. Dabei fällt auf, dass alle wichtigen Personen ihren Lebensunterhalt aus dem Wirtschaftsfaktor Mobilität bestreiten.

Williams Vater lebt von Eisenbahnaktien. Williams Bruder Tom besitzt eine Autowerkstatt. Die Eltern von Ruth betreiben ein Fahrgeschäft mit Pferdekutschen. Sohn Hal arbeitet als Taxichauffeur und später als privater Chauffeur. Jill schließlich lebt davon, dass sie auf der ganzen Welt herumreist und Konzerte gibt.

Andererseits bekommt der Leser nichts von den anderen Reichtümern Pennsylvanias mit. Der Reichtum an Bodenschätzen spielt nur einmal eine Rolle, als William auf der Suche nach neuen Motiven ist. Wenige Kilometer östlich der Farm geht das Schieferbett, das den Bauernhof umgibt in Boden über, der Kohle und Eisen enthält. (S. 100). Doch niemand aus dem Bergbau oder der Hüttenindustrie verirrt sich in den Roman,

  •  Anmerkungen

Die Übersetzung ist manchmal altbacken „Vater kann jemanden dingen (S. 85) „, „sie lag wach, indes er schlief (S. 118)“. Oder schlicht falsch. „Garage“ ist nunmal keine „Garage“, sondern eine Autowerkstatt. Ansonsten vergehen die Jahre schnell, und manchmal schüttelt sich der Leser ob des Tempos. Die Handlung ist fast ausschließlich auf William und Ruth fokussiert, was dem Roman Struktur gibt und ihn gut lesbar macht.

Der Roman wird im Klappentext angepriesen als Lob der „Schönheit des einfachen Landlebens“. Ich hab das nicht rausgelesen. William verzichtet auf eine Karriere als Maler – sowohl ökonomisch als auch stilistisch. Williams selbst ist nicht immer glücklich damit.  Er verfolgt auch das Schicksal seiner Kinder nur noch am Rande, nachdem sie aus dem Haus sind. Und die beiden „französischen“ Enkelinnen verschwinden nach ihrer Ankunft aus der Geschichte. Da wäre mehr drin gewesen.

 

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16 Gedanken zu “50 Jahre in Pennsylvania: Pearl S. Buck „Portrait Of A Marriage“

  1. Ich habe noch kein Buch von Pearl Buck gelesen, das eine Geschichte aus Amerika erzählt. Ihr Romane über China haben mich jedoch bewegt. Ich erlaube mir einen Link zu einem meiner Beiträge, beizufügen.
    https://rivella49.wordpress.com/2015/01/03/nur-chinesische-bauernfarmers-wisdomamore-per-la-propria-terradei/
    Ausserdem fand ich Hilary Spurlings Buch „Journey to the Good Earth“ zu Pearl Bucks schwierigem Leben in China sehr interessant.
    Vielen Dank, dass du dieses Buch vorgestellt hast.:)

    Gefällt mir

  2. Da mir der Name der Übersetzerin überhaupt nicht geläufig war (was mich schon ein bisschen wunderte), habe ich mich auf der Suche nach einem möglichen „Altbackensgrund“ mal etwas schlau gemacht. Aha – 1905 geboren und die meiste Zeit in der Schweiz gelebt. Wir sprechen und schreiben in der Regel schon anders als damals üblich. Wieso aber „Garage“, was auf den ersten Blick wie eine wörtliche und daher falsche Übersetzung anmutet? Ich bin fündig geworden: http://www.duden.de/rechtschreibung/Garage#Bedeutung2
    Nicht alles, was wir nicht kennen, muss falsch sein – quod erat demonstrandum.
    Es hat ja auch gute Gründe, dass Klassiker im Lauf der Jahrzehnte immer mal wieder neu übersetzt werden. Ein Vergleich verschiedener Versionen gibt Aufschluss darüber, wie sehr sich unsere eigene Sprache und der ihr innewohnende Zeitgeist ändert.

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  3. Am Feierabend eines schönen Tages, dachte ich, les ich mal bei leopoldsleselampe und hab gut daran getan. Der Auftakt brachte mich wieder einige Male zum Lachen ob des drögen Humors, aber dann war ich erstaunt, wie einladend der Plot klingt, jedenfalls in seiner unnachahmlich dargebotenen Form: diese etwas untauglich erscheinende Künstlerfigur, die in Gott-weiß-in-welchen Welten lebt, währenddessen ringsum Geschichte herüberweht. Also, danke für die Reise.
    Eine Karte von der Kinder-Generation wäre noch schön gewesen… (Umgebung von Paris).

    Übrigens, ‚indes‘ scheint wieder im Kommen zu sein. Vandenhoek & Ruprecht (ein wackerer Verlag der alten Schule. Ich mag ihn, ehrlich) hat so ein Magazin getauft; und sonst irgendwo tauchte es beim Lesen auf, aber wo, fällt mir nun nicht ein – bei Manfred Flügges Buch über Heinrich Mann und Frankreich? Bei Ippolito Nievo? Bei Kierkegaard? ‚verdingen‘ klingt eigentlich nett, außer, wenn man die Wortgeschichte betrachtet …

    Pearl S. Buck kenne ich von alten Reader’s Digest Magazinen – o dear! Was für Erinnerungen! Die kamen sicher noch aus dem Umschulungsprogramm der Amis nach dem Krieg. „Segen der Erde“ hatte ich immer mal vor, irgendwann zu lesen. Aber ich fühl mich jetzt sehr in den Sechziger Jahren. Zeit, nach Hause zu radeln in die Gegenwart.

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    • Danke sehr, Ihre Kommentare sind stets originell und voller Wissen. Die Kindergeneration im Buch verschwimmt etwas. Es wird nur die Gegend von Paris genannt, auch die Tochter Sängerin ist in Südamerika und Europa unterwegs, ohne dass das Buch spezifisch wird. Es geht eher darum, dass die weite Welt voller Ungewissheit steckt (obgleich sich die Hauptfigur William gerade durchs Landleben viel Ungewissheit auflädt).
      Grüße

      Gefällt 1 Person

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