Ein Langstreckenflug nach Ostafrika 1959: „Death in Zanzibar“ von M.M.Kaye

M.M. Kaye (1908 – 2004) war eine britische Autorin.

1959 veröffentlichte sie den Roman „The House of Shade“, dessen Titel 1983 „Death in Zanzibar“ verändert wurde. Deutsch von Rosemarie Hundertmarck 1988, als TB 304 Seiten.

Die Handlung war 1959 zeitgenössisch, was sich aus der Erwähnung von Nasser in einer politischen Diskussion herleiten läßt. Außerdem brüstet sich eine Figur auf S. 284 damit, seine Arbeit „funktionierte wie ein Sputnik.“ Die Formulierung ergibt erst nach Oktober 1957 einen Sinn.

  • Setup und Personal

Dany Ashton, gerade volljährig geworden, darf zum ersten Mal in ihrem Leben reisen. Es geht nach Zanzibar. Ihre Mutter Lorraine lebt dort mit ihrem derzeitigen Gatten Tyson Frost, einem erfolgreichen Schriftsteller.

Auf dem Weg zum Flughafen in London soll sie noch schnell bei Mr. Honeywood, dem Rechtsanwalt ihres Stiefvaters, ein Schreiben für Mr. Frost abholen. Dann wartet sie in einem Hotel auf den Flug am nächsten Morgen.

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Im Hotel warten noch andere, die nach Zanzibar wollen. Lashton Holden Junior, kurz Lash ist Frosts amerikanischer Verleger und macht seine Hochzeitsreise. Amalfi Gordon („sie wirkt wie eine Tiara mitten in billigem Glasschmuck“ – S. 126) hätte eigentlich seine Frau werden sollen, aber hat sich kurzfristig für einen Marchese entschieden, den „grinsenden, pomadisierten Sohn einer Schlange (s. 68)“. Der macht irgendwas mit Wettrennen. Beide fliegen ebenfalls nach Zanzibar. Außerdem Larry, ein Journalist, der eine Homestory über Frost schreiben soll. Und Jemba. Der ist zanzibarianischer Rebellenführer, der eine „demokratische Republik“ mit sich als Diktator und sowjetischer Hilfe einführen will. Und Tysons Schwester sowie deren Gesellschafterin, Millicent – genannt Mimi – Bates.

  • Dann kann’s losgehen

In der Frühe liegt eine Tageszeitung vor Danys Tür. Schlagzeile: Honeywood wurde ermordet. Tatzeit war exakt die halbe Stunde, nachdem Dany bei ihm war. Dumm für Dany: Sie hat bei Honeywood ein Taschentuch mit ihren Initialen verloren.

Sie macht Bekanntschaft mit Lash. Lashs Sekretärin Ada Kushter hätte mitreisen sollen, bekam aber kurzfristig Mumps. Nun tröstet er sich mit Whiskeyfahne und einem weißen Kater namens Asbestos.

Dany erzählt Lash ihre Geschichte. Spannend wird es, als sie in der Schublade ihres Hotelzimmers die Mordwaffe findet, sich daran erinnert, Jemba vor Honeywoods Haus gesehen zu haben, und außerdem ihr Pass fehlt.

Lash stylt Dany schnell auf das Aussehen seiner Sekretärin um. Nun reist Dany als Ada weiter, mit deren Pass.

Dann startet die Maschine in London und fliegt mit Zwischenstopps in Neapel und Khartum nach Nairobi. Dort heißt es umsteigen in eine kleine Maschine. Aber vorher ist eine Nacht im Hotel angesagt. Lash hat die Hochzeitssuite gebucht und ist dort mit Dany alleine. In der Nacht bemerkt Dany einen Einbrecher und verjagt ihn. Lash glaubt ihr nicht, bis er eine fremde Taschenlampe im Zimmer findet. Offensichtlich sollte Dany ermordet werden.

Dany zeigt Lash den verschlossenen Umschlag, den sie von Honeywood bekam. Klar ist nun: ein Mörder sass im Flugzeug.

Am nächsten Morgen geht es in einer kleinen Maschine weiter nach Mombasa. Dort gehen alle aus dem Flugzeug raus in die Wartehalle. Der Weiterflug verzögert sich. Grund: Jemba ist an Zyankali gestorben.

Weiterflug nach Pemba, einer Insel voller Gewürznelken und dunklen Sagen über Dämonen. Dann – in der Mitte des Buches schließlich die Ankunft in Zanzibar. Alle werden von Nigel Pointing, Tyson Frosts Sekretär, abgeholt.

  • Zanzibar

Blumen „ergossen sich in traumhaftem Farbenrausch“ am Straßenrand. Weißgekalkte Häuser bilden enge Gassen. Es duftet nach Gewürzen und heißem Staub. Auf der anderen Seite gibt es „garstige Slums“: Eine Hüttenstadt aus Wellblech und faulem Stroh, ein stickiger Bach, dann wieder Mangohaine und Gewürznelkenbaumplantagen. (S. 131) Von letzteren lebt die Insel übrigens hauptsächlich.
Man schlendert über einen Markt, auf dem bunte exotische Fische angeboten werden (S. 220). Es ist laut. Nachts wird auf den Dächern gefeiert, unter Trommelklang und den melodischen Rufen der Kokosnussverkäufer (S. 234).

Alle kommen im „Haus der Schatten“ an. Das ist das Domizil von Tyson Frost. 75 Jahre zuvor lieh der Sultan das Haus für 150 Jahre an Tysons Großvater, einen skrupellosen Geschäftemacher. Der wiederum schrieb ein Buch, Titel „Haus der Schatten“. Dessen Originalmanuskript soll Millionen wert sein.

Dann beginnt ein gesittetes gegenseitige Verdächtigen aller Anwesenden. Nicht nur Lash könnte der Mörder sein, er hatte stets Zugang zu Danys Garderobe. Andere kommen ebenfalls in Frage. Und so sitzt man abends im Salon und erzählt sich gegenseitig, dass man wenig von den anderen weiß.

Dany geht zu Bett. Draußen schreit ein Ziegenmelker (das ist ein Vogel). Immer wieder. Dazwischen hört Dany ein unregelmäßiges Kratzen und Wischen, dann wieder den Ziegenmelker (es gibt wohl keine anderen Vögel auf Zanzibar). Nur einer der vielen Schreie, die Dany hört, stammt von einem Menschen. Mimi liegt tot auf der Treppe. Außerdem ist der versiegelte Umschlag leer.

Dann geht alles recht schnell. Nigel, Tysons Sekretär, stellt sich Dany in den Weg und will sie aus dem Fenster stoßen. Er wird jedoch mit Hilfe einer Flasche Gin außer Gefecht gesetzt. Zuvor jedoch gestand er den Mord an Honeywood. Motiv: Nigel war mit Jembas Rebellenarmee verbandelt. Im Umschlag war ein Plan, der zu einem Versteck führen sollte. Dort hat der Sultan – sagt man – einen Schatz versteckt. Mit dem Geld hätten sie die Rebellenarmee ausgebaut.

Nur der Mord an Jemba bleibt unaufgeklärt.

Bemerkungen

Positiv

Das Setup: ein Mord, und alle Verdächtigen sitzen im gleichen Langstreckenflug. Das ergibt eine schaurige Mischung aus Verdächtigungen und Zweifeln. Das Buch lebt auch von wunderbar witzigen Formulierungen (Was ist eigentlich ein „Zehn-Dollar-Schnurrbart“? – S.22). Es ist spannend: Erst Danys Angst, in ihrer Rolle als Sekretärin entdeckt zu werden. Dann ihre nächtliche Angst vor Mordanschlägen, die dem Buch eine Thriller-Note verleiht.

Negativ

Die Lösung des Falles fand ich einfallslos. Der Diener war’s. Und es war doch kein Mörder im Flugzeug. Und einer der Morde bleibt ausdrücklich unaufgeklärt. Und in einer angstvollen Atmosphäre sich gesittet gegenseitig des Mordes zu verdächtigen, ist schon sehr gekünstelt. Und das Schlimmste: der Kater Asbestos ist irgendwann nicht mehr mit von der Partie – ohne Erklärung.

Karte 67: Mit Pionieren im Abitibi-Land: „Harricana“ von Bernard Clavel

Bernard Clavel (1923 – 2010) war ein französischer Autor von Abenteuerromanen. Ein Buch aus seiner Reihe „Les Royaumes du Nord“ heißt „Harricana“. Der Harricana ist ein Fluss, der durch Quebec und Ontario nach Norden fließt und in die Hudson Bay mündet. Mit dem Originaltitel ist auch schnell der geographische Bezug gesetzt.

Die deutsche Übersetzung von Barbara und Silke Evers aus dem Jahr 1988 trägt den Titel „Wo der Ahorn Früchte trägt“. Etwas unglücklich, denn um Ahorn geht es nicht.

Ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den großen Seen an der Grenze zwischen USA und Kanada und der Hudson Bay liegt der Tamiskamingsee. An seinen Ufern wurde 1879 Weizen entdeckt und seither auf den fruchtbaren Hangterrassen des Sees angebaut. Die Helden des Buches hätten die Gelegenheit gehabt, dort zu siedeln. Sie tun es nicht, sondern ziehen weiter.

Die Helden des Buches sind die Robillards, eine Großfamilie, zwei Ehepaare und ihre Kinder. Dreimal schon zogen sie um, um innerhalb Kanadas ihr Glück zu machen. Sie haben gehört, dass eine Eisenbahn von Westen nach Osten gebaut wird. Auf ihrer Strecke muss sie auch den Harricana überqueren. Die Robillards verknüpfen mit diesen Informationen die Hoffnung, dass an der Brücke eine neue Stadt entsteht, wo sie „ihren Traum von einer sicheren Existenz verwirklichen“ wollen (S. 151). Sie planen in der noch entstehenden Stadt einen „Gemischtwarenladen“. Autor und Leser begleiten die Robillards genau ein Jahr lang. Die Geschichte spielt in einem ungenannten Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Reise:

Sie beginnen ihre Reise im September in der Nähe des Tamiskamingsees. Von dort geht es zunächst zu Fuß auf einem kleinen Weg entlang des Riviere des Quinze. Der heißt so, weil er fünfzehn Stromschnellen hat. Nach ein paar Meilen warten einige Indianer mit ihren Lastenkanus. Die Robillards verladen ihre Habe und fahren los: Zunächst flussaufwärts in den Lac des Quinzes. Dann in den nördlichen Teil des Lac Expanse, wo der Ottawa-Fluß in den See mündet. Sie fahren den Ottawa weiter flussaufwärts. Am Zusammenfluss des Ottawa mit dem Kinojevis streckt sich der Ottawa nach Westen. Die Robillards wollen nach Norden und fahren den Kinojevis hinauf.

Nach 10 Meilen verlassen sie den Fluß, gehen über einen Hügel zu einem kleinen See, dann weiter zum Lac Vaudray. Dann kommen die ersten Flüsse, die nach Norden in die Abitibi-Ebene fließen. (Abitibi bedeutet in der Sprache der Algonkin-Indianer „Grenzwasser“). Unsere Reisenden erreichen den Kakake-Fluss, ziehen weiter zum Kewagama-See und am Seal’s Home See vorbei. Irgendwann liegt der Harricana vor ihnen, der mit seinen tonhaltigen Fluten in einem großen Bogen durch Ontario hindurch der Hudson Bay zustrebt.

Die Geschichte der Siedlung an der Brücke

Zwei Brückenbauingenieure empfangen die Robillards. Es entsteht schnell eine enge Freundschaft, vor allen Dingen, weil alle der Familie Robillards sehr geschickte Handwerker sind. Catherine Robillard wäscht den Bauarbeitern ihre Hemden, bessert sie aus, und bald entsteht auch ein Handel mit Kleidern. Die Ware kommt meist per Ochsenkarren aus Cochrane.

Der strenge Winter nimmt den Robillards ihren Sohn.  Die Tragödie festigt die Freundschaften im Dorf noch mehr.

Der Nachfrage folgend werden die Robillards dann noch Schuhmacher und Korbflechter. Stück für Stück entsteht ein Ort um die Brücke herum. Häuser werden gebaut, ein Bahnhof, eine Kirche. Und der Gemischtwarenladen der Robillards floriert. Der folgende Sommer hat es in sich. Die Eisenbahnlinie wird fertig. Von Osten wie von Westen (von Quebec und von Cochrane kommend) nähern sich Bautrupps der Brücke. Und schließlich vereinen sie die beiden Streckenteile an der Brücke. Ein gewaltiges Fest wird gefeiert, täglich fahren zwei Züge über die Brücke und durch den Ort. Die Bautrupps wie auch die Feierlichkeiten sind gut für’s Geschäft der Robillards, die langsam zu bescheidenem Reichtum kommen. Die Ware kommt jetzt per Güterwaggon aus Cochrane.

Eines Tages wird der Ort und auch die Brücke durch ein Feuer zerstört. Einige Bewohner werden Opfer der Flammen, darunter auch Alban Robillard, das Familienoberhaupt. Viele der Arbeiter ziehen weiter zu der nächsten Baustelle. Die Robillards beschließen, am Ort zu bleiben.

Noch einmal zur Geographie

Das Buch reist einmal durch die Jahreszeiten. Die Reise beginnt im September mit seinen Stürmen, für die sich glitzernde Nächte mit bleischwarzen abwechselten. „Goldfarben stieg das Licht zum violetten Horizont auf“ (S. 80)

Dann die Zeit, wo „Wasser und Land zu einem gewaltigen Panzer zusammen gewachsen waren, den der Winter geschmiedet hatte“ (166). Nirgends ist der Winter so hart wie hier, es herrschten bis zu  minus 60 Grad Celsius. Zuweilen hörte man das Bersten und Krachen von Bäumen.

Aber kein Winter dauert ewig, Eines Tages im Februar hörte man, wie das Eis auf den Flüssen mit ohrenbetäubendem Lärm zerbarst. Packeis mit „jadegrünen Bruchstellen“ bedeckte den Fluss. Das Frühjahr zieht herauf, in dem Schwärme von Mücken die Arbeiter, Elche und Karibus bei ihren Verrichtungen behindern. Und schließlich der Sommer, in dem ein glühende Hitze tagelang windlos über dem Wald liegt.

Bemerkungen

Negativ:

Die Robillards kommen quasi aus dem Nichts. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die saloppe Bemerkung des Autors wäre, dass sie zum vierten Mal umsiedeln. Der Leser erfährt nicht mehr darüber. Schade, denn die Gründe für die vielen Umzüge können auch einiges über den Charakter der Leute aussagen. Außerdem schreibt Clavel manchmal zu sehr im „Schlaumeiermodus“. Beim Anblick der Natur reflektiert der Autor (nicht etwa eine Romanfigur) öfter mal deren Jahrmillionen alte Geschichte.

Positiv:
Clavel gelingen immer wieder atemberaubende Naturbeschreibungen. Egal, ob Sommer oder Winter, ob am Fluß oder im Wald. Er beobachtet sehr genau den Himmel, und man erfährt vieles über die Windverhältnisse in Kanada, über Wolken und Vögel. Dramatisch ist die Szene, in der eine Elchherde an der Lagerstelle vorüberzieht. Das Buch ist immer dann stark, wenn die Handlung aus der kleinen Welt der Robillards und ihren Sehnsüchten heraus weiter geführt wird.