Bill Wyman’s „Blues Odyssee“ und eine Karte zu Robert Johnson

  • Der Autor

Bill Wyman ist bekannt als Senior Sachbearbeiter für Bassgitarren, und er hat ein Buch geschrieben. Nun, er hat das Buch nicht selbst verfasst, sondern gab seinen Namen dafür her. Als Autor wird ein gewisser Richard Havers genannt. Von Wyman selbst stammen nur einige eingerahmte Kommentare. Und vielleicht seine Plattensammlung.

  • Das Buch

Blues Cover

„Bill Wymans’s Blues Odyssee“ aus dem Jahr 2001 heißt auf deutsch einfach nur „Blues“. Die bibliophile deutsche Erstausgabe von Zweitausendeins hat 401 großformatige Seiten. Hochglanzpapier, mit vielen historischen Fotos und Songtexten. Die einzelnen Kapitel werden mit originellen Landkarten illustriert. So wird auch klar, wie sehr die Geographie diese Musik geprägt hat.

Das Buch hat 13 Kapitel. Insgesamt folgt die Gliederung der Chronologie. Es beginnt mit alten Fotos und Texten, die bis ins 17. Jahrhundert zurück reichen (Das ist auch wichtig für die Bedeutung des Wortes „Blue“ als Bezeichnung für etwas Trauriges). Erst im dritten Kapitel ist dann von der Geburt der Musik „Blues“ die Rede, wobei Wyman / Havers die verschiedene Ansichten über den Zeitpunkt dieser Geburt erörtern. Der Ort jedoch ist klar: Das Gebiet, das sich von Georgia bis nach Texas zieht.

Wyman / Havers behalten übrigens stets ökonomische Zusammenhänge im Auge, und das gleich in zweierlei Blickrichtung: Die ökonomische Lage in Amerika hatte zu jedem Zeitpunkt Einfluss auf die Musik, und schließlich haben die Musiker – und nicht nur die – mit der Musik auch Geld verdient. Der Absatzmarkt war nicht minder dynamisch als die Musik selbst.

Die Verbreitung der Musik begann natürlich mit der Schallplatte. Wyman schildert die Einspielung von „Crazy Blues“ durch Mamie Smith in einem Schallplattenstudio in New York am 10. August 1920. Schnell war klar, dass ein neuer Markt entstand. Bereits ab 1923 schickten die Plattenlabels mobile Aufnahmestudios von Farm zu Farm (beschrieben im Kapitel „Goin‘ to the Country“). Diese „Field Recordings Trips“ sollten bisher unentdeckte Musiker aufstöbern. Die Aufnahmen wurden in Schallplatten gepresst. Die Regeln waren klar: Wer sich nicht verkaufte, dessen Platten verschwanden schnell wieder aus den Regalen, und die Musiker wurden vergessen.

Bald aber entdeckten auch die Musiker selbst die Eisenbahn. Sie reisten, sie machten die Erfahrung, dass das Leben in anderen Gegenden der USA für Schwarze weniger gefährlich war, und so wurde die Eisenbahn zum Thema vieler Songs. Gleichzeitig begannen viele Musiker damit, Ortsnamen in ihre Texte einfließen zu lassen. Das Buch verweist darauf, dass der Blues die einzige Musik mit einer derartigen Tradition sei. (S. 98).

Das Zentrum der Musik zieht bald um, vom Delta in die nächste Großstadt (Kapitel „Memphis, Jugbands & das Delta“). Das Delta revanchiert sich, indem es die Geschichte des Blues mit Mythen und Legenden anreichert („An den Crossroads“).

Während des Krieges machte der Blues Pause und musste Marktanteile an die Bigbands abgeben. Allerdings lebte er in den Independance Lables weiter. Nach dem Krieg entstanden optimistische Bluessongs („That’s all right“, „Let the good Times Roll“), der Blues wanderte in den Fünfzigern nach Chicago, von dort aus nach England, wo er für viele Bands zur Inspiration wurde, bis er im Kapitel „By the Times We Got to Woodstock“ nach Amerika zurück kehrte.

Diese Globalisierung des Blues veränderte den Musikmarkt völlig. Weiße Bands spielten Blues-Singles ein, die schwarzen Musiker stehen am Scheideweg, einige wurden erstmals weltweit nachgefragt. In den Sechzigern hörte man außerdem keine Sängerstars mehr, sondern Bands. Jimmy Page, Eric Clapton oder Jeff Beck befriedigten „die Nachfrage nach Gitarrenhelden“ (S. 351). Und sie entdeckten ein Gitarrengenie aus dem Delta der Dreißiger wieder: Robert Johnson.

getmapimg.php

 

  • Robert Johnson

Robert Johnson ist einer der vielen Bluesmusiker aus dem Mississippi Delta (Anmerkung: Das ist ein Überschwemmungsbiet im Binnenland, so etwa zwischen Vicksburg und Memphis, nicht mit dem Mündungsdelta in der Nähe von New Orleans zu verwechseln.)

Geboren am 8. Mai 1911 in Hazlehurst, zog die Familie zunächst nach Memphis. Johnson war ungefähr 9 Jahre alt, als die Familie wieder nach Hazlehurst zog. Johnson war eher an Musik als an Feldarbeit interessiert und lernt die Grundlagen des Gitarrenspiels. Er ging zeitweise in Robinsonville zur Schule. 1930 traf Johnson in Robinsonville auf Son House, der sein Musiklehrer wurde. Bereits 1931 war Johnson ein richtig guter Gitarrist und spielte in Clubs und auf Picknicks im Delta.

1932 muss dann diese Sache mit der Kreuzung passiert sein: In Clarksdale kreuzen sich der Highway 61 und der Highway 49. An dieser Kreuzung – sagt man – habe Johnson in einer Neumondnacht seine Seele verkauft. Tatsächlich wunderten sich viele darüber, dass er in dieser Zeit sein Gitarrenspiel extrem verbessert hat. Johnson geht nach Texas, wo er 1936 in San Antonio seine erste Platten aufnimmt, 1937 in Dallas weitere. Er verdiente teilweise 100 Dollar pro Termin und tingelte dann nach Mississippi zurück. Man weiß von einigen Auftritten in Memphis und Helena, Arkansas.

Er starb 1937 in einem Schuppen in Three Forks bei Greenwood unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich als Folge einer Kombination von Syphilis und schwarzgebranntem Whiskey.

Es gibt mindestens drei Grabstätten: Sony spendete einen Stein in Morgan City, die Band ZZTop einen in Greenwood.

  • Bemerkungen

Das Buch ist eine Art erzählter Enzyklopädie, auf keinen Fall ein Lexikon, auch wenn zu jeder Epoche die wichtigsten Musikerbiographien und Songs in separaten Beiträgen vorgestellt werden.

Wer ein so weites Feld wie den Blues beackern will, läuft immer in der Gefahr, an der Fülle des Materials zu scheitern. Also muss sich ein Autor entscheiden, entweder ein breit gefasstes, eher oberflächliches Buch zu schreiben, oder fachkundiger zu sein, vielleicht aber nicht alles abzudecken. Vor dieser großen Aufgabenstellung halte ich das Buch für gelungen. Das Buch setzt seine Schwerpunkte in der Wirkung von Ökonomie und Geographie auf die Musik. Außerdem arbeitet Wyman / Havers zu vielen Songs die jahrzehntelange Wirkungsgeschichte heraus.

Dazu machen die vielen seltenen Bilder, auch von Original-Schallplatten, das Buch zu einem netten Werk, in dem man einfach nur blättern mag.

Advertisements

13 Gedanken zu “Bill Wyman’s „Blues Odyssee“ und eine Karte zu Robert Johnson

  1. Das Buch steht schon seit Jahren in meinem Regal. Darum war es für mich sehr spannend, hier in diesem Blog etwas darüber zu lesen. Für mich persönlich war das Buch leider enttäuschend, ich hatte etwas anderes erwartet und war wohl auch vom Namen „Bill Wyman“, von dem ich annahm, er sei der Schreiber, geblendet. Klar, da war ich selbst schuld. Erst zu Hause stellte ich fest, dass der Autor Richard Havers heißt und von Bill Wyman selbst nur sehr, sehr wenig Geschriebenes, bzw. Gesagtes stammt. Ausserdem fehlte mir im gesamten Buch diese ganz besondere Stimmung und das spezielle Lebensgefühl, das der Blues vermittelt.
    LG von Rosie

    Gefällt mir

    • Hallo Rosie, ja das mit Wyman, der als Autor suggeriert wird, das ist schon ein starkes Stück. Was Du über die Stimmung schreibst: das sehe ich auch so, Es ist eben ein Geschichtsbuch. Da kommt mir eine Frage: Kann man die Atmosphäre von Musik überhaupt in Worte übertragen? Musik zu hören ist ja auch eine völlig andere Art der Wahrnehmung als Worte zu hören oder gar zu lesen. Ich vermute mal, dass es da immer einen Bruch gibt. Herzliche Grüße. Leo

      Gefällt mir

  2. yeah, the blues! Als alter Fan von Sonny Terry and Brownie McGhee, von John Lee Hooker und wie sie sonst noch heissen, macht mir der Beitrag richtig Freude. Die Dokumentation von Martin Scorsese ist hier eine schöne Ergänzung mit reichlich Bild- und Musikmaterial.

    „Das Buch verweist darauf, dass der Blues die einzige Musik mit einer derartigen Tradition [Ortsnamen in ihre Texte einfließen zu lassen] sei.“ Na, ich meine, dass das Volkslied dergleichen viel aufweist: „Straßburg, ich muss dich lassen“; „Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß, dass ich aus Frankfurt muss“; „War einst ein König in Thule“ „Sur le pont d’Avignon“, etcetera pp. Vielleicht habe ich den Hinweis aber falsch verstanden. Nur war die ganze Welt immer bevölkert mit Wanderarbeitern und Einwanderern und Pionieren und Saisonarbeitern und Feldarbeitern, die alle sangen von ihren Wegen und den Orten, die sie durchzogen hatten.

    Gefällt mir

    • Hallo, danke, der Hinweis auf die Volkslieder ist wichtig. Scheinbar ist den Autoren dieses Genre unbekannt (dabei hätten sie zum Einstieg ja nur mal Elvis hören müssen, der zum Städtele hinaus mußte).
      Ich hab nochmal nachgelesen. Hab beim Zitat einen Fehler gemacht. Im Buch heißt es „der klassische Blues…“, in Abgrenzung zum britischen und europäischen Blues, die dieses Phänomen nicht kennen.

      Das Thema ist aber noch viel größer. Denn einerseits handelt der Rock oftmals vom Unterwegssein als Lebenszustand, ohne auf konkrete Orte einzugehen (Greil Marcus analysiert das Phänomen in „Mystery Train“), während andererseits viele Beatles-Songs heute wie „Heile-Welt-Heimatlieder“ klingen.
      Grüße von einem, der mal sein Herz in Heidelberg verlor.

      Gefällt mir

  3. Ah, das leuchtet nun eher ein.

    Mein Irrtum -es war Insbruck, das der Sänger lassen musste; bei Straßburg war’s auf der Schanz.

    …. just keep walking, Ihr Blog blows my blues away.

    Bei meiner Weihnachtslektüre [buchmerkur.wordpress.com] von dem unbekannten und anscheinend niemals ins Deutsche übersetzten Thomas Hardy Roman „A Laodicean“ habe ich an Ihren Blog gedacht, (- „It would be a great project, however, for “Leo’s Literarische Landkarten“, who had the clever and delightful idea to introduce literature via mapping the plot. “ -) weil es eine aufregende Reise von England nach Noizza und wieder den Rhein entlang zurück und nochmals ‚rüber in die Normandie gibt mit lauter literarisch verarbeiteten Stationen, die es eine Lust wäre – denke ich – auf Karten nachzuvollziehen. Es ist aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts mit Dampflocks und Dampfern, mit Telegraphen und Photographen. Very nice.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s