Die Michelin Straßenkarte Nr. 60 bei Daphne du Maurier – „The Scapegoat“

Auch das gibt es: Einen Roman, der mit einer Landkarte beginnt und endet. Es ist die Michelin Straßenkarte Nr. 60, die die Gegend von Le Mans zeigt.

  • Das Buch

Daphne du Maurier hat es gleich mehrfach erreicht, von Hitchcock verfilmt zu werden (Rebecca, Jamaica Inn, Die Vögel). Nicht so mit dem Roman „The Scapegoat“ von 1957. Der unermüdliche N.O. Scarpi übersetzte das Buch mit dem Titel „Der Sündenbock“. Die Bertelsmann-Ausgabe von 1959 hat 446 Seiten.

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StepMap Le Mans

 

  • Die Landkarte

Die Handlung spielt im Jahre 1956. Auf dem Beifahrersitz eines Ford Consul liegt besagte Landkarte. Auf dem Fahrersitz: der englische Historiker John. Er urlaubt in Frankreich, sammelt Material für seine nächsten Vorträge, und spricht die Sprache seines Gastlandes „mit Gewandtheit“ (S. 10). Er ist auf dem Weg von Tours in die Grande Trappe, die er auf der Karte blau eingekreist hat. Das ist ein Zisterzienserkloster bei Mortagne, wo er seine Liebe zu Gott auffrischen und seine Niedergeschlagenheit vertreiben will. Bei Le Mans entschließt er sich kurzfristig, zu übernachten.

Ein Fremder spricht John an, nennt ihn Jean und gibt sich als sein Zwilling aus. Die beiden landen in einem billigen Hotel. Am nächsten Nachmittag ist der Fremde mitsamt Johns Koffer weg. Dafür steht der Koffer des Fremden im Raum und daneben steht der Chauffeur Gaston.

  • Das Spiel beginnt

John will zur Polizei gehen, läßt sich dann aber von der Situation treiben. Der Chauffeur fährt ihn in ein Schloß 20 km außerhalb von Le Mans, in das fiktive Städtchen Saint Gilles.

John lernt „sein“ – also Jean’s – Haus kennen. Samt Familie. Die Leute stellen ihm Fragen, deren Antwort er zunächst umgehen kann, indem er sagt, er sei betrunken gewesen und leide an Gedächtnisschwund. Er lernt Jean’s – also jetzt seine – Mutter, die eigene Ehefrau Françoise, „seinen“ Bruder Paul mit Frau Renee, „seine“ Schwester Blanche und „seine“ Tochter kennen. Alle halten ihn für den Grafen Jean de Gue. Mithin geht es distanziert zu. So distanziert, dass niemand die Verwechslung bemerkt.

Also beginnt John zu beobachten. Die Mutter ist morphiumsüchtig, die Tochter hat Selbstmordphantasien, der Bruder leitet die Fabrik widerwillig. Dessen Frau Renee immer auf der Suche nach Affären, und die „eigene“ Frau Françoise ist krank und schwanger und will niemanden sehen, schon gar nicht ihren Mann. Kurz: Man misstraut sich.

So kommt beiläufig die Fabrik ins Spiel. Und das mit der Fabrik interessiert John dann näher. Es ist eine Glasfabrik, die Flakons herstellt, Massenware, die andere billiger anbieten können. Die Fabrik steht also kurz vor der Schließung. Soeben hat Jean einen langfristigen Kontrakt mit einem Großkunden in Paris verloren. John versucht, ihn zu retten. Er ruft in Paris an und macht einen neuen Termin. Außerdem möchte er sich einen Überblick über die Finanzsituation verschaffen.

Dazu fährt er in das – ebenfalls fiktive – Nachbarstädtchen Villars, wo sich die Hausbank der Familie befindet. Er sieht sich die Unterlagen an, die dort im Safe liegen. Dabei fällt ihm der Ehevertrag in die Hände. „Sein“ Schwiegervater hat ihm und seiner Frau Françoise viel Geld vermacht. Darüber dürfen die beiden aber nur verfügen, falls ein Sohn geboren wird. Oder Jean darf verfügen, falls Françoise stirbt. John wundert sich ein wenig über die Laune einer solchen Entscheidung.

In Villars chauffiert Gaston Jean noch zu Bela. Das ist die Geliebte, die bald zur Vertrauten wird.

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  • Zwei fiktive Städtchen

Die zwei Hauptorte,  – St. Gilles und Villars -, in denen die Handlung spielt, sind fiktiv. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. In St. Gilles sind Fabrik und Familie, „Das ist es was not tut, in der Fabrik wie im Schloß: Leben, nicht Tod“. (414)  In Villars befinden sich Geliebte und Bank. Natürlich – wen wundert’s – fühlt sich John in Villars wohler. Der Ort ist „hell, in sich gefestigt (S. 434)“.  Doch die beiden Orte sind durch „Straßen verbunden, die eine Drohung bargen. Sie waren Nervenstränge, die nach St. Gilles zurück führten.“ (S.434)

  • Die Glasfabrik

Als nächstes gelingt ihm, den Vertrag mit dem Pariser Kunden fortzuführen, jedoch zu ungünstigeren Konditionen. John befasst sich erst jetzt mit der Kalkulation. Das Ergebnis ist schockierend: Die Schließung der Fabrik wäre günstiger gewesen als der neue Kontrakt. Die Fabrik verbrennt jetzt erst recht Geld. Zukunft unklar.

Ansonsten stellt sich heraus, dass Jean sich gar nicht um die Fabrik gekümmert hat. Und der letzte Fabrikleiter wurde – 15 Jahre ist es her – während der deutschen Besatzung von Resistance-Leuten bestialisch ermordet.

Am nächsten Tag stirbt Françoise. Ihr Tod bringt der Familie laut Ehevertrag viel Geld ein. In Verbindung mit dem ungünstigen Vertrag der Fabrik stellt sich die Frage, ob es Mord, Selbstmord oder ein Unfall war. Doch die Alibis sind wasserdicht, und die Anzeichen für einen Unfall eindeutig.

Nach weiteren Wortgefechten kündigt Bruder Paul seine Stellung als Fabrikleiter. John antwortet, indem er ihm mehr Kompetenzen einräumt. Und schließlich klärt sich eine andere Sache auf, beim Durchblättern des Familienalbums. Der Mord an Maurice, damals vor 15 Jahren – war keine patriotische Tat. Maurice hatte ein Verhältnis mit Blanche, Jean ließ Maurice aus Eifersucht ermorden, zu feige, es selber zu tun. Nach einem weiteren Gespräch wird Blanche zukünftig die Fabrik leiten.

Dann, als alle mit den Veränderungen beschäftigt sind, erhält John einen Anruf. Der echte Jean de Gue kündigt seine Rückkehr an. Über Deauville kommend, wird er am nächsten Abend in der Fabrik sein. Sie tauschen aus, was war. Jean hat in London die Rolle des John gespielt. Er hat als John seine Stelle und die Wohnung gekündigt, das Geld abgehoben, vieles ausgegeben. Sie tauschen ihre Kleider zurück. John verschwindet wieder.

Er geht zu Bela, der Geliebten. Sie war die einzige, die den Rollenwechsel bemerkt hat.  Der rückgewechselte John setzt sich in seinen Ford Consul, wo die Michelin Straßenkarte Nr. 60 immer noch auf dem Beifahrersitz liegt. Er fährt die Strecke, die er genau eine Woche zuvor fahren wollte: Belleme – Mortagne – Foret du Perche – Foret de la Trappe.

  •  Bemerkungen

Das Buch hat gewaltige Längen. Nach spannendem Beginn folgen über 200 Seiten Familiensaga. Der Leser weiß um den Rollentausch, aber keine der handelnden Figuren ahnt etwas. Schnell wird vermeintlich klar, dass die Verwechslung nicht auffliegen kann, solange John keinen Fehler macht. Er macht Fehler, und selbst dann bleibt die Verwechslung unentdeckt. Lediglich der Ehevertrag und der fast vergessene Mord an Maurice sorgen für latente Spannung, die aber bald wieder verfliegt. So langweilt sich der Leser bald vor sich hin, weil er vermutet, dass da nichts spannendes mehr kommt.

Anders als bei Hitchcock-Filmen behält er recht damit – leider.

Der Übersetzer hat eine nette Note hinterlassen: Auf dem Schloss gibt es eine Magd, das ist „die Frau, die die Kühe wartet“ (S.356)

 

 

 

Karpaten – Malaysia und zurück: „Die Glut“ von Sandor Marai

Verändert der lange Aufenthalt in einer fremden Klimazone den Menschen. Und falls dem so sei, auf welche Weise? Wie ändert sich sein Umgang mit anderen, seine Skepsis gegenüber dem Leben und schließlich auch sein Charakter? Das sind Fragen, denen sich die beiden Figuren des Buches „Die Glut“ von Sandor Marai stellen.

  • Der Autor

Der ungarische Autor Sandor Marai (1900 – 1989) hatte ein bewegtes Leben, das gut zum vergangenen Jahrhundert passt. Sein Geburtsort Kaschau / Kosice gehörte zu Österreich-Ungarn. Nach 1918 ging Marai nach Deutschland, bevor er über Paris und London 1928 nach Ungarn zurück kehrte. 1948 zog er nach Italien, von dort nach New York, dann wieder nach Italien. 1989 starb Marai in San Diego. Die Karte bildet die Vita des Autors ab.

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StepMap Vita von Sandor Marai

 

  • Das Buch

Marais bekanntester Roman stammt aus dem Jahr 1942 und erschien 1950 auf deutsch mit dem Titel „Die Kerzen brennen ab“. Die Neuübersetzung mit dem Titel „Die Glut“ wurde 1990 mit 200.000 verkauften Exemplaren ein Überraschungserfolg (Quelle wikipedia). Piper, 224 Seiten.

  • Die Handlung

Wir sind im August 1940. Im Osten Ungarns (vielleicht auch in der Karpatenukraine – so genau kommt das nicht raus) lebt der alte General Henrik in einem Jagdschloss. Er ließ sich 1917 im Alter von 50 Jahren pensionieren. Seither ergab er sich der Einsamkeit (trotz mehrerer Diener). Sein Jugendfreund Konrad hat sich zu Besuch angekündigt. Konrad lebt heute in London, seit er aus „den Tropen“ zurück kam. Beide sind 75 Jahre alt. Beide gingen nach Wien auf die Militärschule, wo sie sich 1875 kennen lernten.

Inzwischen hatte Henrik auch Krisztina kennen gelernt und geheiratet, eine Französin, die sich in den Ehevertrag jährliche Reisen nach Paris reinschreiben ließ.

Eines Abends im Juli 1899 änderte sich beider Leben schlagartig. Konrad verschwand über Nacht und ohne Abschied zu nehmen. Über die Vorfälle, die zur Abreise führten, soll nun eine große Aussprache statt finden. Unerbittlich treibt das Gespräch, von Henrik gesteuert, auf die Stunden vor Konrads Verschwinden zu:

Er wirft Konrad die Flucht vor, Konrad wehrt sich halbherzig: Selbstverständlich hatte er das Recht, einfach zu gehen. Henrik bohrt nach: Jedes Motiv für die Flucht hätte er verstanden, Schulden, Krankheit, Fahnenflucht, jedoch nicht „dass Du Dich an mir versündigt hattest“. (S. 116).

  • Eine Jagdszene in den Karpaten

Henrik schildert, wie er nach Konrads Verschwinden in dessen Zimmer ging, um einen Grund für das Verschwinden seines Freundes zu finden. Er fand keinen. Lag der Grund vielleicht in einer Begebenheit, die sich einige Stunden zuvor abspielte? Man war auf die Jagd gegangen, diesen „als Ritus erkennbare Rest einer uralten religiösen Handlung“. Während dieser Jagd spürt man „diese verbotene Lust, die Bereitschaft zum Töten, stärker zu sein als der andere“. (131). Das spürt der Leopard, die Schlange, der Falke. Und eben Konrad, zum ersten Mal in seinem Leben, als er auf Henrik anlegte und zielte.

Nun ist es raus, das Motiv, der Verrat. Man schenkt sich süßen Likör ein und probiert das Getränk mit der Zungenspitze.

Weiter erzählt Henrik von der Jagd, wie plötzlich ein kapitaler Hirsch vor ihnen auf der Lichtung stand, wie Konrad auf den Hirsch anlegte, wie der Zielpunkt auf den Hirsch nur Zentimeter neben dem auf Henrik liegt. Wie Sekunden vergehen. Wie der Hirsch wegspringt. Wie Konrad das Gewehr senkt. Auf dem Rückweg zur Jagdgesellschaft schweigt Konrad. Henrik begreift es als Einverständnis, dass Konrad ihn töten wollte.

Überhaupt zieht das große Schweigen ein: Krisztina liest ein Buch über die Tropen, voller Statistiken über Kautschukproduktion und Gesundheitsdaten. Konrad und Krisztina reden miteinander darüber, und sie schließen Henrik aus dem Gespräch aus. Stunden später ist Konrad verschwunden.

Krisztina flüstert noch „Feigling“, dann zieht sie sich zurück, und lebt von ihrem Mann getrennt bis zu ihrem Tod 8 Jahre später. Henrik wiederum kümmert sich nicht um sie, weil er ihr Geheimnis nicht ertragen kann. Er zieht in ein 20 Kilometer entferntes Jagdhaus. Er kommt sich vor, als sei er weiter weg geflohen, als Konrad in seine Tropen.

Am Ende des Gesprächs stellt Henrik seinem Freund zwei Fragen. Dass Konrad sie beantworten muss, ist Henriks Rache an ihm. Die erste, ob Krisztina von dem Mordversuch wußte. Konrad verweigert die Antwort. Die zweite, ob nicht alles, ob der Sinn des Lebens einzig in der Leidenschaft besteht, dass beide für Krisztina entflammt waren und bis heute sind. Konrad bejaht und reist wieder ab.

Zum Gespräch gab es Forelle, Steaks, flambiertes Schokoladeneis und Champagner.

  • Verändern die „Tropen“ den Menschen?

Konrad verzichtete auf seinen militärischen Rang und ging „in die Tropen“. Konkret heißt das, nach Malaya, das damals eine englische Kolonie war und den Rest der Welt mit Kautschuk versorgte. Später nahm Konrad die britische Staatsbürgerschaft an. Konrad berichtet, wie „die Tropen“ Menschen verändern.

In Malaya lebte er auf Kosten der Kolonialgesellschaft, ein Leben in Hütten mit Blechdach, auf das Regen trommelt wie ein Maschinengewehr. Nach drei Jahren hat sich der Rhythmus des Lebens verändert. Das Herz schlägt anders, alles wird gleichgültig, Wutanfälle kommen, manche werden Mörder oder bringen sich um. Von den Tropen kann man nicht genesen. Zumindest nicht Belgier, Franzosen, Holländer. Nur die Engländer, die wehren sich. Doch auch deren Collegesitten werden weggenagt wie die Haut bei Lepra.

1917 ging Konrad ein zweites Mal in die Tropen, ein paar Reitstunden von Singapur entfernt. Er arbeitete mit 4000 chinesischen und malaiischen Kulis. Bis diese eines Tages die Arbeit niederlegten. Sie erfuhren im Urwald – ohne Medien – von der Revolution in Russland, am gleichen Tag wie die Menschen in London oder Singapur.

Konrad müht sich um eine klare Schilderung der „Tropen“. Und doch bleibt es seltsam teilnahmslos, denn er war im Herzen schon vor der Abreise ein Mörder.

  • Fragen

Konnte ein Österreicher einfach so in die englische Armee gehen? Konnte er 1940 auf den Kontinent zurück, auf dem alles bald „mit Eisen und Feuer besprochen wird“. Kann er als Engländer nach Wien reisen und einfach nur „Veränderungen“ wahrnehmen? Warum interessiert sich Henrik nicht dafür, dass die Region, in der das Schloss liegt, – die Karpatenukraine – in jenen Jahren öfter zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn hin und her gewechselt wurde?

  • Bemerkungen

Ich komme mir seltsam vor, denn die Fragen die sich an das Buch habe, rauben ihm den Zauber. Die Szenerie zweier alter Herren, die sich über ihr vergangenes und vergehendes Leben unterhalten, hat etwas Kammerspielhaftes. Der Dialog ist lange Zeit ein Monolog Henriks, der das Gespräch führt, Dinge unterstellt, Konrads Reaktion interpretiert und weiterspricht. Konrad spielt das Spiel bis auf wenige Ausnahmen mit. Die zentrale Szene rund um die nicht geschossene Kugel wird sehr lange aus verschiedenen Perspektiven geschildert und zieht am Leser wie in Zeitlupe vorüber, und doch immer wieder spannend.

Dazu kommen psychologisch interessante Fragen zwischen beiden auf: Das Verhältnis zwischen gesprochen Wort und Wahrheit, die Berechtigung, einem anderen ein Geheimnis zu entreißen, und die Fragen nach der Bedeutung der Leidenschaft.

Und übrigens, auch wenn die beiden lange über Krisztina sprechen und spekulieren: das Wort „Liebe“ taucht nicht auf.