Karte # 58: – „Ein Winter auf Majorca“ von George Sand

Wenn’s denn nötig ist, darüber zu sprechen: Ich habe zweijähriges Blogjubiläum. Meine Güte verging die Zeit schnell. Seither hat sich der Blog anders entwickelt als ich erwartet habe. Und Spass machte es bisher obendrein. Deswegen ein kurzer Dank an alle, die geguckt, geklickt, gelesen und kommentiert haben.

Zum Jubiläum habe ich den allerersten Beitrag, den ich für den Blog schrieb, überarbeitet und runderneuert.

Los ging es damals mit einem Klassiker der Reiseliteratur:

George Sand (deren bürgerlicher Name nicht ganz poesieavers  Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil lautet) war eine französische Schriftstellerin. Sie überwinterte 1838 / 1839 auf Mallorca. Mit dabei waren ihre beiden Kinder Maurice und Solange und ihr Freund. Letzterer war Frederik Chopin, der im Buch nie namentlich erwähnt wird, sondern stets als „unser Kranker“.

  • Das Buch

Einen Reisebericht hatte George Sand zunächst gar nicht geplant. Jahre später besuchte und beschrieb der Maler  J.B. Laurens die Insel Mallorca auf einer Kunstreise. „Un hiver a Majorque“ ist als Kommentar und als eine Art Antwortbuch zu Laurens‘ Reisebeschreibung gedacht. 1845 wurde „Un Hiver a Majorque“ erstmals veröffentlicht. Zuvor versuchten 40 mallorquinische Advokaten, die Veröffentlichung zu verhindern. Dazu später mehr.

Ich habe eine deutsche Übersetzung eines Dr. Elsner aus dem Jahr 1846 in einer Ausgabe  aus Palma, ca. 1974. Vermutlich die „Touristenauflage“, die man kaufte, um nicht nur Nippes nach Hause zu bringen.

Das Buch dreht sich in drei Teilen und 198 Seiten rund um die Insel. In Teil 1 lernt der Leser die geographischen, ökonomischen und kulturellen Besonderheiten kennen. Teil 2 beschreibt einige Stadtrundgänge durch Palma. Im dritten Teil wird das Leben in Valldemosa beschrieben. Auch hier geht es um Kultur und Geschichte, es kehrt jedoch eine wohltuende Leichtigkeit in den Text ein.

  • Ankunft in Palma

Im ersten Teil beschreibt Sand die Ankunft auf der Insel im Herbst 1838 und die ersten Schritte, sich mit Land und Leuten vertraut zu machen. Nach der Ankunft in Palma stellt sie fest, dass es nur wenige – und heruntergewirtschaftete – Unterkünfte gibt. Nach kurzem Intermezzo direkt in Palma mieten die Reisenden eine Villa in Establiments, einem nördlich gelegenen Vorort.

 

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  • Obst und Schweine

Die geographischen Artikel erzählen von der schlechten Infrastruktur und davon, dass die Mallorquiner den fruchtbaren Boden mit einfachen Mitteln bebauen müssen, damit aber ganz gut klarkommen. Das Getreide ist fein und wird nach Barcelona exportiert. Olivenbäume tragen reichlich, die Früchte werden in Spanien jedoch zu schlechten Preisen verkauft, weil das Angebot zu groß ist. Außerdem gibt es Feigen, Orangen (bei dem Dorf Soller), Mandeln und Zitronen „groß wie Kindsköpfe“ (bei La Granja).

Anschließend erzählt Sand von Mallorcas neuem Reichtum. Die Regierung in Madrid erlaubte es der sonst restriktiv beherrschten Insel, Schweine zu züchten und auf das Festland zu exportieren. Also wurde die komplette Infrastruktur auf die Zucht und den Transport von Schweinen eingerichtet. Dies führte zu etlichen amüsanten Situationen, so als auf einem Passagierschiff die Passagiere den Schweinen weichen mussten. Diese ausführliche Schilderung der mallorquinischen Schweinezucht ist das Kapitel, welches das Buch zum Skandal machte und die Advokaten auf den Plan rief.

Es folgen noch zwei poetische Kapitel, in denen Sand die wildromantische Natur und den Reichtum an unterschiedlichsten Geräuschen schildert.

  • Noch einmal Palma

Der zweite Teil des Buches beschreibt die Sehenswürdigkeiten Palmas. „Der Charakter eines Volkes offenbart sich in Costümen und Ameublement“, und deswegen wird nochmals das Innenleben der Villen beschrieben. Die Börse, die Kathedrale werden besichtigt, wie auch der Palacio Real und die große Bibliothek. Sie schlendert durch die Ruinen des Dominikanerklosters. Sand steht dabei unter dem Eindruck der Zerstörungen, die 1836 – zwei Jahre zuvor – im Rahmen einer Säkularisationswelle Mallorca heimsuchten. Das Kapitel ist entsprechend schwermütig. Sand zitiert einen Erlass aus dem Jahr 1836. Mit diesem Erlass wurden alle Klöster mit weniger als 12 Mönchen säkularisiert, etliche auch zerstört. Die Autorin geht intensiv darauf ein.

Die Geister zweier Mönche wandern durch das Inquisitionskloster und unterhalten sich über Kunst und Religion. Schließlich berichtet Sand über die grausamen Verbrechen der majorquinischen Inquisition. Es folgt nochmal ein kleiner Bericht über die Geschichte des Dominikanerklosters. Sie begibt sich dabei auf Spurensuche nach Vorfahren Napoleons großmütterlicherseits, deren Wappen auf der Insel anzutreffen ist.

  • Valldemossa

Der Zustand „unseres Kranken“ veranlasst sie dazu, Establiments zu verlassen und eine neue Unterkunft im Kartäuserkloster von Valldemossa zu finden. Der dritte und letzte Teil des Buches handelt von der Zeit dort. Es gibt unterhaltsame Begegnungen mit den Bauern am Ort, einige arme Bewohner treiben sich regelmäßig im Kloster herum. Einmal feiern alle Einwohner des Ortes – reiche und arme – den Aschermittwoch mit lauter Musik, Geschrei und Vogelmasken. Es folgen ein paar Spaziergänge an die Küste.

Den Rundgang durch das Kloster schmückt die Autorin mit zwei erfundenen Figuren, einem Mönch aus dem Mittelalter und einem zeitgenössischen Mönch. Eine kurzer Abriss der Geschichte christlicher Mission in  Mallorca folgt. Da darf natürlich auch Catalina Tomas nicht fehlen, die einzige Heilige Mallorcas. Sie lebte ebenfalls in Valldemosa, starb dort 1572, wurde 1792 selig und später heilig gesprochen. Anschließend geht es ums Essen, das aus 2000 Schweinefleischgerichten und ca. 200 Sorten Würsten bestand. Das meiste schmeckte so übel, dass die Reisenden sich später hauptsächlich von Trauben ernährten.

Nach der Heimreise wurde Chopin rasch wieder gesund.

Das Buch steckt voller Überraschungen. Sachliche Rundgänge, historische Abhandlungen, poetische Artikel, Witziges und Schwerfälliges wechseln sich ab. Unterhaltsam.

Was sonst geschah

1847 trennten sich Sand und Chopin, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten.

George Sand starb 1876 auf ihrem Familiensitz in Nohant. Nohant ist heute ein Kulturzentrum, das der französischen Denkmalbehörde gehört.

La Granja ist heute ein Freilichtmusuem.

Das Originalmanuskript des Buches befindet sich im Kloster Valldemosa

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USA 1942: „Wer war das Opfer?“ von Pat McGerr („Pick your Victim“)

Heute geht es um eine unbekannte amerikanische Krimiautorin, Patricia McGerr (1914-1985) aus Nebraska. Ihr Thema war das Spiel mit dem erzähl-technischen Rahmen des klassischen „Whodunnit“. Ihr bekanntester Roman heißt „Pick Your Victim“ aus dem Jahr 1946. Erst 31 Jahre später erschien er als Heyne-TB (128 Seiten) übersetzt von Edgar Müller-Frantz. Titel: „Wer war das Opfer?“

  • Das Setup

Das Jahr 1942. Ein paar Piloten langweilen sich auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alaska. Ab und zu bekommen sie Pakete von Verwandten. Auf der Suche nach Informationen über das wirkliche Leben saugen sie jeden lesbaren Buchstaben in sich auf. Also werden auch die Zeitungen gelesen, die als Einwickelpapier für Geschenke dienten. Eine Kurzmeldung wird entdeckt: Ein gewisser Paul Stetson, Generaldirektor, hat einen Vorstandskollegen ermordet. Aber wer genau das Opfer ist, steht da nicht, weil das Papier zerrissen wurde.

Zum Glück kennt einer der Piloten – Pete Robbins – den Täter, also diesen Paul Stetson. Der Täter Stetson war Vorstandsmitglied einer Firma namens „ZAK“. Und Robbins war vor dem Krieg Werbetexter dieser Firma. Also kennt er die Interna der Firma und alle anderen Vorstandskollegen.

Nun schließen die Piloten einen Deal: Robbins erzählt die ganze Geschichte der Firma und anschließend wettet jeder auf einen Namen des Opfers. Es beginnt nun eine Erzählung in der Erzählung.

  • Die Anfänge

Es begann 1937 mit Bertha Harding und ihrem Verein, der „Hausfrauen-Information“. Vereinsmitglieder erhielten für 1 Dollar Jahresbeitrag eine Monatszeitschrift mit vielen Tipps, wie man einen Haushalt „mit einem Maximum an Arbeitsleistung und einem Minimum an Ökonomie führen“ könne. Das große Geld kommt über die Zweitvermarktung der Artikel an Hochglanzzeitschriften rein.

1938 lernt Bertha Harding den Überredungskünstler Paul Stetson kennen. Der hat Visionen, zu expandieren, Also erfindet er den neuen Namen ZAK. ZAK bedeutet „Zugehfrauen, Aushlifen, Köchinnen“ (hier bedaure ich, dass ich nur die deutsche Übersetzung habe). Es entsteht eine Art Personalleasingfirma für Hauspersonal. Natürlich wächst die Organisation mit. Bald gibt es unter Stetson einen Präsidenten, 7 Vice presidents sowie zwei Bevollmächtigte. Der verheiratete Stetson setzt seine Geliebte Anne Coleman und seinen Schulfreund Ray Saunders als Vice presidents ein.

Gründerin Harding ist entsetzt. Besonders gegenüber Anne Coleman entwickelt sie Neid, der später in Hass umschlägt. Stetson behandelt beide Damen paritätisch. Er achtet darauf, dass sie gleichwertige Projekte bekommen. Doch er scheitert, und die Damen werden sich bis zum Ende bekriegen.

  • Die Expansion

Die Mitgliederzahl wächst stetig, besonders New York und Pennsylvania mit dem Zentrum Harrisburgh werden mit regelmäßigen Vortragsreisen der Vice presidents umworben.

Stetson hingegen reist nach Kalifornien. Dort gewinnt er Loretta Knox für die Firma. Sie ist eine Vorkämpferin für die Rechte der arbeitenden Frau, arbeitet ehrenamtlich, ist aufdringlich und unsympathisch. Und sie herrscht über einige Frauenorganisationen in Kalifornien. Damit vergrößert sich der Mitgliederstand schlagartig. Zur Belohnung wird sie Vice President. Bei einem Kongress in Chicago erreicht Loretta Knox mit ihrem Mitgliedern eine Kampfabstimmung, um sich zum president hochzuputschen. Aufgrund diverser Winkelzüge Stetsons verliert sie.

Teils als Strafe, teils um einfach nur Ruhe vor ihr zu haben, wird sie für die gesamten Staaten westlich von Missouri zuständig. Dort ist sie weit genug weg, um keinen Schaden in der Zentrale anzurichten. Geographie als Führungsinstrument.

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Es gibt noch eine Neuerung: Ein Kontakt in das Repräsentantenhaus fehlt. Die Lösung naht in Gestalt von Harold Sullivan. Er wird Lobbyist. Darf aber nicht so genannt werden. Er informiert die Abgeordneten über Themen, die die Kunden der ZAK betreffen (Sicherheitsvorschriften für Elektrogeräte, Sozialversicherungsbeiträge). Mit ihm will Stetson seine Vision einer Akademie „West Point für Hausfrauen“ verwirklichen.

Ein Gesetzesvorschlag wird eingebracht, ein öffentliches Hearing folgt. ZAK erhält viel Aufmerksamkeit. Die Abstimmung wird aber ein Desaster. Noch auf den Treppen des Kapitols streiten sich Sullivan, Harding, Stetson und der Marketing-Chef Whipple. In dem ganzen Trubel wirft Stetson Whipple die Stufen des Kapitals runter. Pete Robbins darf nun 10 Wochen lang seinen Chef vertreten.

  • Der Niedergang

Auf einem anderen Terrain wird Stetson zu einem Risiko: Er ist hinter jeder Stenotypistin her. Sobald Anne Coleman jeweils davon Wind bekommt – und sie bekommt jedes Mal davon Wind -, wird die jeweilige Stenotypistin entlassen. ZAK ist aber dermaßen bekannt geworden, dass eine einzige Indiskretion die Firma in ihren Grundfesten erschüttern würde.

Die Falle wird gestellt in Form der „kurvenreichen Blondine“ Nancy. Nancy ist Sekretärin des Finanzchefs Biggers. Stetson lädt Nancy für eine Nacht in ein Hotel ein. Diese Nacht wird turbulent. Schnell geht das Gerücht um, Bingers sei auf dem Weg ins Hotel, um Stetson zur Rede zu stellen. Robbins wiederum will seinen Chef vor Biggers‘ Zorn schützen und eilt auch in das Hotel.

Im Hotel aber ist keine Nancy, dafür Frau Stetson mit Anwalt. Saunders hatte die beiden informiert, um Frau Stetson mit Material für ihre Scheidung zu füttern. Der Leser erfährt jetzt, dass Biggers zuvor schon im Hotel aufgetaucht war und seinen Chef über die Intrige informiert hat. Da traf er auch Nancy an, die sich schnell anzog und von Biggers nach Chicago gefahren wurde. Am Ufer des Michigansees wurde sie mit einem dicken Scheck ausgesetzt. Und das Image von ZAK war gerettet.

Stetson lädt daraufhin die Belegschaft zur einem Bootsausflug auf den Potomac. Zwischen Stetson, Saunders und Harding entsteht Streit, und bald schwimmen Saunders und Harding im Fluss. Niemand hat gesehen, warum. Kurz danach wird Robbins zur Air Force einberufen.

  • Die Wette

Die Piloten geben ihre Wetten ab. Die Erzählung von Robbins liefert viele Mordmotive. Nur zwei tippen auf das richtige Opfer.

Stetson und Harding stritten sich um die weitere Strategie von ZAK, Harding versuchte Stetson mit ihrem Wissen erpressen, und die Situation geriet außer Kontrolle. Den Rest erledigte ein zufällig herumliegender Schal am Hals der Harding.

  • Bemerkungen

Als Krimi ist das Buch sehr lahm. Der Mörder ist verhaftet, das Opfer tot, und das Motiv eigentlich egal. Wichtig ist das alles nur für eine 200-Dollar-Wette gelangweilter Piloten. Da kommt keine Spannung auf.

Trotzdem ist die Erzählung interessant konstruiert: Es gibt viele mögliche Opfer, deswegen werden alle Figuren gleichwertig behandelt. Jede Figur bekommt ihr Kapitel, und so legt die Autorin einige falsche Fährten. Interessant ist auch der Teil, in dem die Intrige zum Niedergang Stetsons Stück für Stück eingefädelt wird.

Alles in allem schwankt der Roman zu sehr zwischen Krimi und Slapstick. Der prügelnde Stetson, die polternde Loretta und der Personalauflauf im Hotelzimmer geben eher Stoff für eine deftige Komödie ab. Doch ein tageslichttauglicher Klamauk ist es allemal.