Mit Enrico Caruso auf Kuba 1920, „Como un Mensajero Tuyo“ von Mayra Montero

Der große Tenor Enrico Caruso besuchte Kuba vom 5. Mai bis 23. Juni 1920. Er stieg mit viel Gefolge und Reporterauflauf im Hotel Sevilla ab, und gab 10 Konzerte, davon 8 in Havanna. Um die historischen Ereignisse dieser Tournee herum bastelte die Autorin Mayra Montero 1998 den Roman „Como un Mensajero Tuyo“. Deutsch von Sibylle Martin heißt er „Wo Aida Caruso fand“. Das Knaur-TB aus dem Jahr 2000 hat 258 Seiten.

Mayra Montero wurde 1952 in Havanna geboren und lebt seit 1972 auf Puerto Rico.

Hauptfigur des Romans ist die Näherin Aida Cheng. Sie erzählt ihre Geschichte auf dem Sterbebett im Jahre 1950 ihrer Tochter Enriquita. Diese Tochter macht sich nun ihrerseits auf den Weg, um die Beteiligten der Geschichte ausfindig zu machen. So entstehen zwei Erzählperspektiven, die Geschichte der Mutter und die Geschichte, die Enriqueta recherchiert. Jedes Ereignis wird also mindestens zweimal erzählt, und so kommen immer neue Details zum Vorschein.

  • Havanna 


Begeben wir uns also ins Havanna des 13. Juni 1920, ein Sonntag. Die Näherin Aida wohnt in der Calle Armagura Nr. 75 und liefert Ware an ihre Kunden aus, zunächst in der Calle Compostela. Dann ins Hotel Inglaterra. Sie steht gerade in der Hotelküche, als im benachbarten Teatro Nacional eine Bombe explodiert. Ein Mann in Theaterverkleidung (es ist die des Radames) flieht in die Hotelküche. (Das nie aufgeklärte Attentat ist ebenso historisch verbürgt wie die Tatsache, dass Caruso danach unauffindbar war)

Aida erfasst die Situation und bringt den Theatermann im Taxi zu sich nach Hause. Sie kennt weder Caruso noch die Oper Aida. Caruso vermutet hinter dem Anschlag ein Attentat auf ihn. Er wird von der Mafia Neapels seit längerem bedroht. Schnell entscheidet Aida, Caruso zu ihrem Paten Calazan nach Regla zu bringen.

  • Regla

Regla liegt auf der anderen Seite der Bucht von Havanna und ist leicht mit einem Motorboot zu erreichen. Es ist ein Ort, den „niemand freiwillig aufsucht“, ein „Dorf voller Hexer und Heiliger“ (S. 64). Caruso wird mit verschiedenen Kräutern behandelt. Calazan bemerkt, dass Caruso „stirbt“ (nicht wegen der Bombe, sondern kontinuierlich).

Calazan beschließt, „Ebba zu machen“. Das ist ein Ritual der Yoruba, bei dem die Geister befragt und die Heiligen zufrieden gestellt werden sollen. Dazu fahren alle 100 Kilometer nach Osten, nach Matanzas

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  • Matanzas

Mit dem Boot, später gehen sie zu Fuß durch Zuckerrohrfelder und über die Eisenbahnschienen, bis sie in der Bucht von San Joaquin ankommen. Caruso erzählt den Yoruba die Geschichte von Aida nach. Bald danach geraten alle in Trance, es wird getrommelt, ein paar Hühner werden geschlachtet, und auch Caruso ist mittendrin. Im flachen Wasser werden stundenlang noch jede Menge seltsamer Handlungen durchgeführt.

Caruso geht verändert aus dieser Nacht hervor – die einen werden sagen, er sei besessen. Die anderen werden sagen, er sei erkältet. Auf jeden Fall verstärken sich seine Schweißausbrüche. Caruso läßt eine Nachricht ins Hotel Sevilla bringen. Aida zieht mit ihm weiter, im Zug („einem modernen, in denen auch Essen angeboten wird“, S. 129) nach …

  • Santa Clara

Obwohl Caruso verschwunden war, wurde das Konzert in Santa Clara, im Teatro Caridad, nicht abgesagt. Etliche Journalisten haben sich auf den Weg gemacht, weil dort der erste Auftritt Carusos nach dem Attentat zu erleben ist. Am Tag des Konzertes hat Caruso wieder mal Schweißausbrüche und beginnt, Stimmen zu hören.

Zum Konzert aber ist er topfit wie immer. Während des Konzertes geht ein Gewitter über Santa Clara hinweg. Wem der Eintritt zu teuer war, der sass vor dem Theater im Park und hörte Carusos Stimme klar und deutlich. Bereits in der Nacht geht es weiter nach …

  • Cienfuegos

Auf dem Weg nach Cienfuegos – wieder mit der Eisenbahn – fängt Caruso erneut an, zu halluzinieren, diesmal schlimmer als je zuvor. Er denkt, er würde ein Erdbeben erleben (tatsächlich war er 1906 in San Francisco). Fiebergetränkt kommt er an. Aida und er steigen im einzigen guten Hotel der Stadt ab. Hier in Cienfuegos „gerät alles ins Wanken“. Das Leben von 5 Menschen war, als hätten sie alle „dort landen müssen, damit eine gute oder eine schlechte Wahrheit uns aufrüttelte“. (S. 149)

Das sind nicht nur Caruso und Aida, sondern zum Beispiel auch ein Konzertgeiger, der während der Probe einfach aufsteht und stirbt. Caruso erhält wieder Morddrohungen, die er der Mafia zuordnet. Aida plant die nächste Etappe der gemeinsamen Flucht. Sie läßt sich von einem Medizinmann im nahen Palmira beraten. Nach dem Konzert sollen sie mit einem Boot über die Bahia de Jagua fliehen. Es geht mit dem Boot die Küste entlang, bis La Boca und von dort mit dem Auto in das Städtchen Trinidad.

  •  Trinidad

Aida und Caruso verbringen zwei unbeschwerte Tage in Trinidad. Aida wird schwanger. Dann aber werden die beiden überfallen. Aida wird entführt und in einer Höhle liegen gelassen; drei Finger sind zerquetscht. Auch Caruso überlebt schwer verletzt mit gebrochenen Rippen. Sie werden von einem Arzt aus Cienfuegos versorgt, fahren mit dem Zug nach Havanna zurück. Weder Entführung noch Bombe werden aufgeklärt. Egal, denn „es gab nicht nur eine Bombe, sondern viele. All jene, die in jenem Sommer unser Leben veränderten.“ (S. 150)

Zurück in Havanna besteigt Caruso ein Schiff, das ihn nach New York bringt. Von dort fährt er nach Neapel, seiner Heimat. Am 2. August 1921 stirbt er. Manche sagen, er habe sich von der Erkältung in Matanzas nicht erholt, andere meinen von dem Rippenbruch aus Trinidad. Wahrscheinlich aber ist, dass er bereits todkrank auf Kuba ankam. In der Zwischenzeit wurde auch Enriqueta Cheng, Carusos und Aidas Tochter, in Havanna geboren.

In der Zweithandlung hat Aida ihren Frieden gefunden und stirbt.

  • Bemerkungen 

Es ist die Geschichte eines Reiseabenteuers, die Geschichte einer Mutter-Tochter-Erfahrung und die Geschichte einer Frau, die einen Unbekannten durch ein ebenso unbekanntes Land lotst.

Ein paar Kleinigkeiten habe ich zu bemängeln: Aida fehlen 3 Finger. Dass der Leser erst am Ende des Buches, in der Trinidad-Passage, darüber informiert wird, empfinde ich dem Leser gegenüber als dreist. Für eine Näherin sollte das in den 30 Jahren zwischen 1920 und 1950 schonmal ein Thema gewesen sein. Überhaupt wirkt die Perspektive, in der Enriquita die Geschichte ihrer Mutter nacherzählt, teilweise sehr distanziert.
Und die Übersetzung ist schwerfällig (z.B….(Caruso) „verspürt ein Stechen, das ihm das Atmen verunmöglicht hatte“, S. 50).

Trotzdem hat der Roman seine starken Momente, besonders die Matanzas-Passage, die wie eine Verbindung der beiden Kulturen wirkt, oder auch wenn Aida sich nie sicher ist, ob sie einem ortsansässigen Ratgeber vertrauen darf oder nicht. Diese Elemente voller Unsicherheit, Angst, zwischen Fieberträumen und Tropengewittern geben dem Buch eine düstere Stimmung.

Eine sehr schöne private Fansite über Caruso gibt es hier

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