Segeln in der Bucht von Marmaris: „Captain Hornblower and the Atropos“ von C. S. Forester

Der Band „Der junge Hornblower“ (Bertelsmann 1960) enthält 3 Romane, die die Zeit von Hornblowers Karrierebeginn beschreiben. C.S. Forester schrieb diese Bände, als er mit den Hornblower-Romanen bereits Erfolg hatte. Ich habe hieraus schon „Mr. Midshipman Hornblower“ vorgestellt. Heute geht es um das Buch „Hornblower wird Kommandant“, das im Original „Hornblower and the Atropos“ heißt.

Hornblower übernimmt zum ersten Mal ein Schiff als Kommandant. Es ist die „Atropos“, das kleinste dreimastige Schiff mit einem Kommandanten im Kapitänsrang.

  • Das Jahr 1806

Der erste Auftrag: Die Atropos ist das Flaggschiff der Trauerfeier für Admiral Nelson. Wir sind also im Januar 1806. Nelson hat vor Trafalgar für England die Herrschaft über die Meere errungen. Auf dem Kontinent sieht es anders aus. Seit der Schlacht von Austerlitz ist dort Napoleon ohne Gegner. Aber nur an Land, denn „die Macht des kleinen Korsen war dort zu Ende, wo das Wasser seinem Pferd bis an den Sattelgurt reichte“.

  • Ins Mittelmeer

In London gehen zwei seltsame Herren an Bord: Ein deutscher Adliger, Herr Fürst (eigentlich Fürst zu Seitz-Burnau), der was Gescheites lernen soll. Und dessen Leibarzt und Hofmarschall, Doktor Eisenbeiß (ja, er heißt wirklich so). Dann endlich geht es auf hohe See.

Hornblowers Auftrag: Nach Gibraltar fahren. In Gibraltar nimmt er den nächsten Befehl in Empfang. Die Atropos soll zur Mittelmeerflotte stoßen. Zuvor gehen noch ein paar gewöhnungsbedürftige Leute an Bord: McCullom, Schotte und Bergungsexperte sowie drei singhalesische Perlentaucher, die auf dem Schiff deplatziert wirken, sehr enthaltsam leben und deren Anwesenheit für Hornblower zunächst ein Rätsel ist.

Das mit der Mittelmeerflotte klappt, südlich von Sardinien. Es wird Post ausgetauscht (die Seeleute waren monatelang von zuhause weg und freuten sich über jede Nachricht). Und der neue Auftrag entgegen genommen.


Auf dem Grund der Bucht von Marmaris liegt ein englisches Schiff. Das sank mitsamt der Kriegskasse von 250.000 Pfund in Gold und Silber. Hornblower soll den Schatz bergen. Damit ist auch die Anwesenheit von McCullom und den Singhalesen erklärt.

  • Malta

Zwischenstopp auf Malta. Hornblower ist beim Gouverneur zu Besuch. Währenddessen duellieren sich McCullum und Doktor Eisenbeiß. In McCullums Körper steckt eine Kugel, die heraus operiert werden muss. Er müsste eigentlich ins Krankenhaus nach Malta. Aber er ist als Bergungsmeister unverzichtbar. Er muss auf dem Schiff bleiben. Eisenbeiß ist der einzige Arzt auf dem Schiff. Logische Maßnahme: Eisenbeiß muss seinen Duellanten betreuen und sobald möglich operieren. Hornblower macht Eisenbeiß’s Leben von der Genesung McCullums abhängig.

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  • Einfahrt in die Bucht von Marmaris

Die Atropos fährt in die Bucht von Marmaris ein. Die Bucht ist durch die Halbinsel Ada geschützt. Daneben liegt, ebenfalls in der Einfahrt, Passage Island, eine kleine Insel, in der Westeinfahrt in die Bucht liegt außerdem ein Felsen, und die Passage ist sehr verschlungen, also nimmt Hornblower die leichtere Ostpassage in die Bucht. Dort geht die Atropos vor Anker. McCullom befiehlt von seinem Krankenbett aus die Bergungsarbeiten. Das gesunkene Schiff liegt in 100 Fuss Tiefe. Die Singhalesen machen einen guten Job, sie tauchen abwechselnd. Um an den Schatz zu kommen, müssen sie ein Loch in das Schiff sprengen. Die komplizierte Aktion gelingt. Die Taucher bringen immer mehr Münzen an die Oberfläche.

Zwei Drittel des Schatzes sind geborgen. Da taucht ein mächtiges türkisches Schiff auf, die Medjeh. Sie ankert 200 Fuß östlich der Atropos. Kurz darauf erscheint ein türkischer Befehlshaber an Bord.

Er will den gesamten bisher geborgenen Schatz haben. Als Gegenleistung würde er das englische Schiff in Frieden lassen. Hornblower ist klar, dass es eine Katastrophe wäre, wenn die Atropos aufgebracht würde. Es gelingt ihm, Zeit zu schinden, und zwar genau eine Nacht.

  • Ausfahrt aus der Bucht von Marmaris

In der folgenden mondklaren Nacht schleicht sich die Atropos aus der Bucht. Die einfache Ostpassage ist durch die Geschütze von Fort Ada und Passage Island quasi blockiert. In der Westpassge aber gibt es einige „tote Winkel“, wo das Schiff die für die Flucht erforderlichen Wendemanöver machen kann.

Die Berge an Land steigen auf über 500 Meter Höhe an. Thermische Winde fallen in die Bucht. Hornblower steuert das Schiff immer wieder direkt an die Brandung, um von dort für einige Sekunden die Fallwinde aufzunehmen und weiter zu fahren. Schließlich ist das erste Geschützfeuer aus dem Fort zu hören. Das Feuer setzt jedoch so spät ein, dass die Atropos das offene Meer erreichen kann. Sie segelt weiter nach Süden Richtung Rhodos.

Es ist so dramatisch geschildert, dass der Leser jetzt erstmal durchatmen muss.

Glücklich fahren sie zurück nach Gibraltar, geben den Schatz ab und bekommen den nächsten Auftrag: Vor Cartagena zu kreuzen.

  • Cartagena und Palermo
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Cartagena ist seit der spanischen Niederlage vor Trafalgar der wichtigste Seehafen der Spanier. Hornblower sichtet die spanische Fregatte Castilla und verfolgt sie. Ein weiteres englisches Schiff taucht aus dem Nichts auf und greift leichtsinnigerweise die Castilla an. Die Atropos muss nun zu Hilfe kommen, die Castilla wird geentert. Alle drei Schiffe fahren nach Palermo, um dort repariert zu werden.

Dort erfährt Hornblower, dass er die Atropos an den König von Sizilien übergeben muss, dem die Flotte geklaut wurde. Es ist nicht sein Schaden. Hornblower fährt in Weihnachtsurlaub zu seiner Frau und seinen beiden Kindern, und wird danach ein neues Schiff übernehmen.

  • Bemerkungen

Die besonderen nautischen und klimatischen Verhältnisse der Bucht von Marmaris sind sehr detailliert wiedergegeben und in die Handlung eingebaut. Sie werden sogar zu einem dramatischen, handlungsbestimmenden Element. Die Bucht von Marmaris ist heute ein Seglerparadies. Wer dort schonmal war, kennt auch das Problem mit den thermischen Winden, die in dem Roman eine dramatische Rolle spielen.

Auch sonst ist das Buch richtig spannend zu lesen. Die Probleme, die Hornblower zu bewältigen hat (nicht nur die auftragsbezogenen), bringen eine Menge Abwechslung und Dramatik. Immerhin segelt er ein paarmal haarscharf an der Degradierung vorbei (Bei der türkischen Erpressung wie auch der Duell-Geschichte). Er muss sich mit politischen Fragen und auch denen seiner eigenen Führungsqualitäten stellen. So bildet sich Hornblowers Charakter deutlicher heraus.
Lesenswert.

Mit Enrico Caruso auf Kuba 1920, „Como un Mensajero Tuyo“ von Mayra Montero

Der große Tenor Enrico Caruso besuchte Kuba vom 5. Mai bis 23. Juni 1920. Er stieg mit viel Gefolge und Reporterauflauf im Hotel Sevilla ab, und gab 10 Konzerte, davon 8 in Havanna. Um die historischen Ereignisse dieser Tournee herum bastelte die Autorin Mayra Montero 1998 den Roman „Como un Mensajero Tuyo“. Deutsch von Sibylle Martin heißt er „Wo Aida Caruso fand“. Das Knaur-TB aus dem Jahr 2000 hat 258 Seiten.

Mayra Montero wurde 1952 in Havanna geboren und lebt seit 1972 auf Puerto Rico.

Hauptfigur des Romans ist die Näherin Aida Cheng. Sie erzählt ihre Geschichte auf dem Sterbebett im Jahre 1950 ihrer Tochter Enriquita. Diese Tochter macht sich nun ihrerseits auf den Weg, um die Beteiligten der Geschichte ausfindig zu machen. So entstehen zwei Erzählperspektiven, die Geschichte der Mutter und die Geschichte, die Enriqueta recherchiert. Jedes Ereignis wird also mindestens zweimal erzählt, und so kommen immer neue Details zum Vorschein.

  • Havanna 


Begeben wir uns also ins Havanna des 13. Juni 1920, ein Sonntag. Die Näherin Aida wohnt in der Calle Armagura Nr. 75 und liefert Ware an ihre Kunden aus, zunächst in der Calle Compostela. Dann ins Hotel Inglaterra. Sie steht gerade in der Hotelküche, als im benachbarten Teatro Nacional eine Bombe explodiert. Ein Mann in Theaterverkleidung (es ist die des Radames) flieht in die Hotelküche. (Das nie aufgeklärte Attentat ist ebenso historisch verbürgt wie die Tatsache, dass Caruso danach unauffindbar war)

Aida erfasst die Situation und bringt den Theatermann im Taxi zu sich nach Hause. Sie kennt weder Caruso noch die Oper Aida. Caruso vermutet hinter dem Anschlag ein Attentat auf ihn. Er wird von der Mafia Neapels seit längerem bedroht. Schnell entscheidet Aida, Caruso zu ihrem Paten Calazan nach Regla zu bringen.

  • Regla

Regla liegt auf der anderen Seite der Bucht von Havanna und ist leicht mit einem Motorboot zu erreichen. Es ist ein Ort, den „niemand freiwillig aufsucht“, ein „Dorf voller Hexer und Heiliger“ (S. 64). Caruso wird mit verschiedenen Kräutern behandelt. Calazan bemerkt, dass Caruso „stirbt“ (nicht wegen der Bombe, sondern kontinuierlich).

Calazan beschließt, „Ebba zu machen“. Das ist ein Ritual der Yoruba, bei dem die Geister befragt und die Heiligen zufrieden gestellt werden sollen. Dazu fahren alle 100 Kilometer nach Osten, nach Matanzas

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  • Matanzas

Mit dem Boot, später gehen sie zu Fuß durch Zuckerrohrfelder und über die Eisenbahnschienen, bis sie in der Bucht von San Joaquin ankommen. Caruso erzählt den Yoruba die Geschichte von Aida nach. Bald danach geraten alle in Trance, es wird getrommelt, ein paar Hühner werden geschlachtet, und auch Caruso ist mittendrin. Im flachen Wasser werden stundenlang noch jede Menge seltsamer Handlungen durchgeführt.

Caruso geht verändert aus dieser Nacht hervor – die einen werden sagen, er sei besessen. Die anderen werden sagen, er sei erkältet. Auf jeden Fall verstärken sich seine Schweißausbrüche. Caruso läßt eine Nachricht ins Hotel Sevilla bringen. Aida zieht mit ihm weiter, im Zug („einem modernen, in denen auch Essen angeboten wird“, S. 129) nach …

  • Santa Clara

Obwohl Caruso verschwunden war, wurde das Konzert in Santa Clara, im Teatro Caridad, nicht abgesagt. Etliche Journalisten haben sich auf den Weg gemacht, weil dort der erste Auftritt Carusos nach dem Attentat zu erleben ist. Am Tag des Konzertes hat Caruso wieder mal Schweißausbrüche und beginnt, Stimmen zu hören.

Zum Konzert aber ist er topfit wie immer. Während des Konzertes geht ein Gewitter über Santa Clara hinweg. Wem der Eintritt zu teuer war, der sass vor dem Theater im Park und hörte Carusos Stimme klar und deutlich. Bereits in der Nacht geht es weiter nach …

  • Cienfuegos

Auf dem Weg nach Cienfuegos – wieder mit der Eisenbahn – fängt Caruso erneut an, zu halluzinieren, diesmal schlimmer als je zuvor. Er denkt, er würde ein Erdbeben erleben (tatsächlich war er 1906 in San Francisco). Fiebergetränkt kommt er an. Aida und er steigen im einzigen guten Hotel der Stadt ab. Hier in Cienfuegos „gerät alles ins Wanken“. Das Leben von 5 Menschen war, als hätten sie alle „dort landen müssen, damit eine gute oder eine schlechte Wahrheit uns aufrüttelte“. (S. 149)

Das sind nicht nur Caruso und Aida, sondern zum Beispiel auch ein Konzertgeiger, der während der Probe einfach aufsteht und stirbt. Caruso erhält wieder Morddrohungen, die er der Mafia zuordnet. Aida plant die nächste Etappe der gemeinsamen Flucht. Sie läßt sich von einem Medizinmann im nahen Palmira beraten. Nach dem Konzert sollen sie mit einem Boot über die Bahia de Jagua fliehen. Es geht mit dem Boot die Küste entlang, bis La Boca und von dort mit dem Auto in das Städtchen Trinidad.

  •  Trinidad

Aida und Caruso verbringen zwei unbeschwerte Tage in Trinidad. Aida wird schwanger. Dann aber werden die beiden überfallen. Aida wird entführt und in einer Höhle liegen gelassen; drei Finger sind zerquetscht. Auch Caruso überlebt schwer verletzt mit gebrochenen Rippen. Sie werden von einem Arzt aus Cienfuegos versorgt, fahren mit dem Zug nach Havanna zurück. Weder Entführung noch Bombe werden aufgeklärt. Egal, denn „es gab nicht nur eine Bombe, sondern viele. All jene, die in jenem Sommer unser Leben veränderten.“ (S. 150)

Zurück in Havanna besteigt Caruso ein Schiff, das ihn nach New York bringt. Von dort fährt er nach Neapel, seiner Heimat. Am 2. August 1921 stirbt er. Manche sagen, er habe sich von der Erkältung in Matanzas nicht erholt, andere meinen von dem Rippenbruch aus Trinidad. Wahrscheinlich aber ist, dass er bereits todkrank auf Kuba ankam. In der Zwischenzeit wurde auch Enriqueta Cheng, Carusos und Aidas Tochter, in Havanna geboren.

In der Zweithandlung hat Aida ihren Frieden gefunden und stirbt.

  • Bemerkungen 

Es ist die Geschichte eines Reiseabenteuers, die Geschichte einer Mutter-Tochter-Erfahrung und die Geschichte einer Frau, die einen Unbekannten durch ein ebenso unbekanntes Land lotst.

Ein paar Kleinigkeiten habe ich zu bemängeln: Aida fehlen 3 Finger. Dass der Leser erst am Ende des Buches, in der Trinidad-Passage, darüber informiert wird, empfinde ich dem Leser gegenüber als dreist. Für eine Näherin sollte das in den 30 Jahren zwischen 1920 und 1950 schonmal ein Thema gewesen sein. Überhaupt wirkt die Perspektive, in der Enriquita die Geschichte ihrer Mutter nacherzählt, teilweise sehr distanziert.
Und die Übersetzung ist schwerfällig (z.B….(Caruso) „verspürt ein Stechen, das ihm das Atmen verunmöglicht hatte“, S. 50).

Trotzdem hat der Roman seine starken Momente, besonders die Matanzas-Passage, die wie eine Verbindung der beiden Kulturen wirkt, oder auch wenn Aida sich nie sicher ist, ob sie einem ortsansässigen Ratgeber vertrauen darf oder nicht. Diese Elemente voller Unsicherheit, Angst, zwischen Fieberträumen und Tropengewittern geben dem Buch eine düstere Stimmung.

Eine sehr schöne private Fansite über Caruso gibt es hier