Paris 1995 – „Debout les Morts“ von Fred Vargas

1995 erschien der Roman „Debout Les Morts“ von Fred Vargas, einer französischen Archäologin und Romanautorin. Die deutsche Übersetzung von Tobias Scheffel trägt den Titel „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ und hat 287 Seiten.

  • Wie geht’s los

Grüne Strecke: Marc, Mediävist, Mitte 30 und stets schwarz gekleidet, hat Glück: Er findet einen kleinen Stein, der sich dazu eignet, dass man ihn durch die Rue Saint-Jacques kicken kann. Das ist schwer in Paris. Ansonsten hat Marc kein Glück, keinen Job, keine Frau, kein Geld. Er muss aus seiner kleinen Wohnung raus, hat aber schon eine runtergekommene Baracke in der Rue Chasle in Aussicht.

Der Stein verschwindet in der Regenrinne an der Rue Soufflot. Später, bei Val de Gris, betritt Marc eine Telefonzelle. Er ruft seinen Bekannten Mathias an. Mathias ist Prähistoriker und verdient ein wenig Geld als Graphiker. Deswegen soll er mit in die Baracke einziehen.

Aber das Geld reicht immer noch nicht für die Miete. Also rufen die beiden Lucien an. Lucien ist ebenfalls Historiker, sein Thema ist der 1. Weltkrieg. Jeder der drei haßt das Fachgebiet der beiden anderen. Aber privat kommen sie leidlich miteinander aus. Und so ziehen sie endlich gemeinsam in die Baracke in der Rue Chasle (roter Knopf). Die Rue Chasle ist eine fiktive Straße in der Nähe der Rue Faubourg des Saint-Jacques im 14. Arrondissement. (Ich habe sie erst mit der Rue Chasles in der Nähe des Gare du Lion verwechselt)

  • in der Rue Chasle

Jeder der drei richtet sich ein Stockwerk ganz im Sinne seines Fachgebietes ein. Bei Mathias trifft man sich an der Feuerstelle, bei Lucien, um die Truppen zu sammeln, und im Erdgeschoss haben sie sich ein „Refektorium“ eingerichtet. Sie sind noch beim Renovieren, als Lucien herumschreit: „Generalalarm“, das heißt, die Nachbarin ist im Anmarsch.

Sophia stellt sich als sehr sympathische Frau von über 60 Jahren heraus. Sie war bis vor einigen Jahren eine bekannte Operndiva. Mathias kennt sie von der Bühne. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann Pierre hier. Pierre ist an ihr und dem Rest der Welt desinteressiert. Er hat eine Geliebte in der Nähe des Place d’Italie, die mit Pierres Geld einen weiteren Geliebten aushält.

Außerdem zieht noch Marcs Onkel Vandoosler ein (ein verkappter Moby-Dick-Fan). Der war mal Kommissar, wurde aber wegen eines Dienstvergehens entlassen. Zwei Straßen weiter liegt das Lokal „Le Tonneau“. Die Wirtin Juliette gibt Mathias eine Halbtagsstelle als Kellner.

Die drei bemerken irgendwann, dass Sophia verschwunden ist. Zunächst nehmen sie es nicht ernst, später finden sie für sich selbst eine Erklärung dafür. Sophia ist durchaus reich, griechischer Abstammung, und man dachte, dass sie vielleicht zu ihrem griechischen Exmann zurückgegangen sein könnte. Oder in ihre französische Heimatstadt Dourdan. Soweit. Sogut. Eine stimmungsvolle französische Verliereridylle. Bis eines Tages….

…Alexandra mit Kind zu Besuch kommt. Alexandra ist Sophias Nichte. Ihr Besuch war seit zwei Monaten geplant. Alexandra akzeptiert nicht, dass Sophia ohne Nachricht verschwunden ist. Damit beginnen die Verwicklungen. Und in einer verlassenen Gasse in Maisons-Alfort brennen drei Autos. In einem wird eine Leiche gefunden, die Leiche trägt Sophias Schmuck.

Die drei beschließen, zu ermitteln, und sie versichern sich der Hilfe des Onkels und seines Kontaktes bei der Polizei, Inspektor Leguennec. Vandoosler durchbohrt ein 5-Francs-Stück und nagelt es an einen Holzbalken. Es wird die Belohnung für denjenigen sein, der den Mörder von Sophia „harpuniert“.

Der Onkel Vandoosler „verhört“ erstmal Alexandra, die kein Alibi hat. Er kommentiert ihre Antworten, um sie auf das eigentliche Verhör durch Leguennec vorzubereiten. In der Nachbarwohnung klingelt ein Mann an der Tür. Er wird von Mathias abgefangen und erzählt, das er im Hotel Danube in der Rue de Prevoyance abgestiegen ist.

Lucien verschwindet zu einem WK II-Diner für WK-I-Veteranen. Er kommt morgens betrunken zurück, verspeist zum Frühstück Kaffee und geklaute Langusten. Im Radio dudeln die Morgennachrichten. Im Hotel Danube wurde eine Leiche gefunden. Es ist der Mann, der gestern zu Besuch war.

Alle vier fahren vom Gare d’Austerlitz nach Dourdan, einem Städtchen südöstlich von Paris. Dort lebt Sophias Vater mit seiner zweiten Frau. Sie finden einen Karton mit alten Kritiken aus dem Jahr 1978, zwei Kritiken zerreißen Sophias Vorstellung einer „Elektra“. Diese beiden Kritiker wurden 1979 durch Kopfschüsse getötet. Der Mord blieb unaufgeklärt.

Ein Zeitungsartikel von damals zeigt ein Szenenfoto. Darauf ist auch der Bruder von Juliette – also der Frau, die jetzt in der Nachbarschaft eine Kneipe hat. Ein paar weitere Details drängen den Schluss auf, dass Juliettes Bruder alle vier Opfer ermordet hat. Doch als Leguennec ihn verhaften will, ist er geflohen.

Dann stellt sich heraus, dass der Tote im Hotel Danube im Sterben noch das Wort „Sofia“ in den Staub schreiben konnte (mit „f“ statt mit „ph“). Sophia als Mörderin? Sie lebt also. Aber wer ist die verbrannte Tote mit Sophias Schmuckstück? Eine Pennerin aus dem Gare du Lyon ist seither spurlos verschwunden.

  • zu Fuß durch Paris

Marcs Welt gerät aus den Fugen. Er rennt durch die Straßen, durch die Avenue d’Italie bis zur Metrostation Maisons Blanche. Zurück in die Rue Chasle. Dann in die andere Richtung bis zur Fontaine Saint-Michel. Dort setzt er sich zum ersten Mal an diesem Abend hin. Er läuft weiter bis zum Lion de Belfort. Und wieder zurück. Dann aber sind Mathias und Juliette weg. Auf dem Weg zu Sophia in Dourdan. Marc mit Lucien hinterher. Dort treffen sie auf Juliette. Die hat gerade Mathias in einen Brunnen gestoßen. Marc und Lucien können ihn gerade noch retten.

Juliette war die Zweitbesetzung als „Elektra“ hinter Sophia. Damals, 1978. Sophia wurde in ihrer Garderobe überfallen, und so sang Juliette ihre Rolle. Nach den schlechten Kritiken hat Sophia ihre Zweitbesetzung Juliette gefeuert. Von langer Hand rächt sich Juliette. Damals an den beiden Kritikern. Und nun an Sophia. Deren Leichnam wird unter einer neu gepflanzten Buche im Garten der Baracke gefunden.

Vandoosler nimmt das 5-Francs-Stück von dem Balken und kickt es durch die Straße. Es lässt sich nicht durch zwölf teilen.

  • Bemerkungen

Der Titel verwirrt: „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ hat mit der Rue Saint-Jacques nichts zu tun (dass sie in der Nähe wohnt, muss der Leser rekonstruieren; erwähnt wird es nicht). Der Originaltitel „Debout Les Morts“ verweist auf einen Spruch aus dem 1. WK. Die englische Übersetzung ist übrigens „The Three Evangelists“ nach den drei Protagonisten benannt. Später entstand eine ganze Reihe von Krimis um die drei.

Das Buch hat mich prächtig unterhalten. Der Kriminalfall entsteht beiläufig und bleibt lange Zeit eine Nebensache. Das wichtigere Thema ist die Beziehung der drei zueinander. Die drei Historiker nehmen jede Wendung der Handlung zum Anlass, um fachlich gegeneinander zu sticheln. Auch die Handlung bietet ein paar Überraschungen. Lesenswert.

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