Mit Ray Bradbury durch Venice: „Der Tod ist ein einsames Geschäft“

1985 erschien Bradburys Roman „Death is a lonely Business“. Dessen Übersetzung von Jürgen Bauer hat als Diogenes-TB 319 Seiten.

Die Geschichte spielt in Venice, Kalifornien. Wir sind im Jahr 1949. Venice war damals ein selbständiges Städtchen vor den Toren von Los Angeles. Ein Vorortzug mit großen roten Waggons verbindet Venice mit der großen Nachbarstadt. Venice wurde 1905 gegründet und heißt so, weil es – wie Venedig – von Kanälen durchzogen war. 1949 aber hat es seine gute Zeit hinter sich

  • Venice

Wind streift über verödete Flächen. An der Promenade steht ein Bankgebäude, das „darauf wartet, mit der nächsten Rezession ins Meer gespült zu werden.“ Das wichtigste Symbol für den Niedergang ist aber der Freizeitpark der Stadt, der während des gesamten Romans abgebaut wird.

Diese Abbruchstimmung prägt Stadt und ihre Menschen. Wenn ein Laden abends schließt, weiß niemand, ob er am nächsten Morgen wieder öffnet. Menschen verschwinden, weil sie wegziehen. Andere kehren nach Tagen zurück, ohne dass jemand verstünde weshalb, oder sich dafür interessierte, wo sie waren. Diejenigen, die bleiben, kennen einander. Manche sterben auch. Einfach so. Oder doch nicht?

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StepMap Der Tod ist ein einsames Geschäft

 

An 100 Tagen im Jahr verschwindet der Nebel überhaupt nicht. Er treibt die Menschen zu Mordphantasien. Und jede Nacht raunzt ein Regenguss und verschwindet wieder. Der Nebel reicht übrigens bis zur Lincoln Avenue, soweit wie die Macht der Polizei. Mitten im Ort wird nach Öl gebohrt, und niemand kann das ständige Stöhnen der Bohrtürme fliehen.

  • Im roten Vorortzug

Protagonist ist ein namenloser Ich-Erzähler, 27 Jahre alt. Er schreibt Gespenstergeschichten, die er für 30 Dollar pro Stück an Zeitungen verkauft (das reicht genau für die Monatsmiete). Ein mysteriöser Mann flüstert dem Erzähler während einer Zugfahrt die Worte „Der Tod ist ein einsames Geschäft“ ins Ohr.

Auf den Kanälen schwimmt grüner Schlick. Wo die Kanäle in den Pier übergehen, liegen leere Raubtierkäfige im Wasser. Auch sie stammen von dem abgebauten Freizeitpark. Nur ein Käfig ist nicht leer. Das auf- und abschwappende Wasser gibt eine Leiche frei. Der Erzähler findet bald heraus, wer der Tote ist (und dass er in seiner Todesnacht in Myron’s Ballroom gehen wollte) und sucht dessen Hauswirtin auf. Die zeigt alle Zeichen von Demenz, hat diffuse Angst vor einem Unbekannten, der in der Umgebung herumstreunt, und ist wenig später selbst tot.

  • Joggend

Der Erzähler läuft am Strand entlang. Er schaut in das Haus von A.L.Shrank (Beruf: Hypnotiseur, Graphologe, Chirologe und ein paar andere Sachen), beide besichtigen Shranks Bibliothek mit 5.910 Büchern. Sie reden lange über die Bibliothek (viel Tragisches, keine Komödien), und erst gegen Ende des Romans wird der Erzähler mit Blick auf die Buchauswahl bemerken, dass die Bibliothek in Wirklichkeit „ein Schlachthof, ein Verlies, ein Kerker“ ist.

Der Erzähler läuft den Strand hinunter nach Süden bis zur Villa des Stummfilmstars Constance Rattigan (in 27, Speedway, Ocean Front), ruft nach ihr. Er macht das öfters. Sie ignoriert ihn. Wie immer.
Er besucht seine Freundin Fanni Florianna, die in einer Absteige 10 Meilen weiter östlich in Los Angeles wohnt, genauer Ecke Temple Street / Figueroa Street. Sie sang früher Opern, bevor eine unglückliche Liebe sie auf dreieinhalb Zentner aufgehen ließ. Sie hören „Tosca“. Er schüttet ihr sein Herz aus: Zwei Tote, von denen keiner etwas wissen möchte, obwohl er selbst nicht an Unfälle glaubt. Im gleichen Haus wie Fanni wohnt auch Henry, ein blinder Schwarzer, dessen übrige Sinne derart geschärft sind, dass man ihm sein Blindsein nicht anmerkt.

  • im 1928er Duesenberg (blaue Strecke)


Als der Erzähler Fanni wieder verlässt, steht die Duesenberg-Limousine von Constance samt Chauffeur vor der Tür. Es folgt eine Stadtrundfahrt über Westwood („einfach weil es da so malerisch war“ – S. 154) bis zu Constances Villa. Dort entdeckt der Erzähler, dass Constance selbst in die Rolle ihres Chauffeurs geschlüpft ist. Aus Langeweile. Constance ist übrigens eine begeisterte Schwimmerin, denn „man kann schreien, jammern und schluchzen, soviel man will, und es stört niemanden“ (S. 220).

Fanni ruft eines Tages ganz aufgeregt beim Erzähler an. In ihrem Haus starben zwei Leute. Wenig später ist auch sie tot. Henry lebt noch, er war in Fannies Todesnacht von einem Unbekannten angerempelt worden. Er würde diesen Mann an seinem Geruch wieder erkennen. Und dieser Unbekannte muss etwas mit Fannies Tod zu tun haben.

Der Erzähler erhält einen Anruf von Constance. Ein unheimlicher Mann, der seit Nächten ums Haus streunt, sei wieder da. Als der Erzähler ankommt, ist die Villa hell erleuchtet, doch Constance ist verschwunden. Ihre Fußspuren führen ins Meer, wo sie verschwimmen.

  • Verfall und immer wieder Verfall

Der Verfall von Venice wird während des gesamten Romans inszeniert. Eine Parade schwerer Lastwagen fährt die Windward Avenue hinunter zum Pier. Dort demontieren Abbrucharbeiter den Freizeitpark. Der Protagonist geht abends ins Kino, das am nächsten Tag abgerissen wird. Er geht zur Schießbude des Freizeitparks, die eines Morgens verschwunden ist, ebenso wie die Frau, die den Laden betrieb. Der Filmvorführer des zerstörten Kinos läuft mit den Filmrollen im Arm heimatlos über den Strand (wobei das Kino für ihn schon 1928 mit der Einführung des Tonfilms starb). Nur Constance taucht wieder auf. Sie schwamm zu ihrem Zweithaus, drüben in Playa del Rey.

Henry und der Erzähler kommen über einen Zeitungsverlag am Hollywood Boulevard an eine Telefonnummer, die wahrscheinlich dem Mörder gehört. Der Erzähler erkennt an der Stimme den Mann aus dem Vorortzug zu Beginn wieder. Und auch Henry erkennt ihn am Körpergeruch. Es ist A.L Shrank. Eine Verfolgungsjagd führt den Pier hinauf. Shrank gesteht, alle Opfer derart bedrängt und verfolgt zu haben, dass sie verunglückten. Motiv: Seine Einsamkeit und sein Zwang, andere von ihrer Einsamkeit zu erlösen. Dann kämpfen beide miteinander, fallen in den Kanal, am Ende hat der Erzähler es geschafft, zu überleben.

  • Bemerkungen

Zu Beginn tat ich mir mit dem Buch schwer. Alpträume und Wirklichkeit verschwimmen mir zu sehr. Im Laufe der Lektüre wird es klarer. Die bis ins Detail durchinszenierte Abbruchstimmung macht das Buch alleine schon lesenswert. Bradbury verbindet die Topographie, den Städtebau und die Ökonomie der Stadt eng mit den Figuren, deren Motiven und Handeln. Der Zerfall ist allgegenwärtig und hat sich in die Seelen der Figuren gefressen und bestimmt deren Gefühle. Gleichzeitig ein Roman einer von einer Wirtschaftskrise aufgefressenen Stadt.

So gesehen ist die Einsamkeit der eigentliche Mörder, und Shrank erledigt nur deren Drecksarbeit. Oder geschah nichts, und alles ist nur eine Nebelfantasie des Autor-Erzählers.

Die Figuren haben ihren Anteil an der Verfall-Szenerie, jeder findet seine individuelle Art, seine Einsamkeit zu leben. Dabei werden sie derart überzeichnet, dass ich bei aller Tragik oft lachen musste. Und in vielen Details ist das Buch eine Hommage an den Stummfilm. Oder um im Bild zu bleiben: Ganz großes Kino.

Sogar der Verlag kam beim Leichenzählen durcheinander und baute einen Fehler in den Klappentext. In der Absteige liegen die toten Herrschaften Nr. 3 und 4, nicht „eine zweite“.

Und Myron’s Ballroom gab es wirklich und war bis zu Myrna Myron’s Tod 2001 erfolgreich.

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10 Gedanken zu “Mit Ray Bradbury durch Venice: „Der Tod ist ein einsames Geschäft“

  1. Lieber Leo,
    Dir ist es auf jeden Fall gelungen, die wabernde, unheilvolle, alptraumhafte Abbruchstimmung, durchsetzt von dem Getöse der Ölbohrungen, in Deiner Besprechung einzufangen, sodass ich mich schon beim Lesen in diese depressive Umgebung versetzt sehe. Das scheint ja wirklich ein sehr „dunkles“ Buch zu sein.
    Viele Grüße, Claudia

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  2. Hut ab. Tolle Rezension eines wunderbaren Romans. Neben „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ist „Der Tod ist ein einsames Geschäft“ für mich der Roman, der am meisten „Pur-Bradbury“ ist. Die düstere Atmosphäre ist ja auch Bradburys eigene Sprache der Nostalgie an eine magische Zeit, die nie mehr wiederkommt. Die beiden Folgeromane „Friedhof für Verrückte“ und „Bringen wir Constance um!“ fand ich nicht annähernd so überzeugend.

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  3. Tolle Rezension!
    Danke, dass du mich an dieses Buch erinnerst, das ich vor zig Jahren mal gelesen habe. Das werde ich unbedingt mal wieder zur Hand nehmen (wenn ich es in meinem Bücherchoas finde). Ich erinnere mich zwar kaum noch an die Handlung aber daran, dass mir das Buch unheimlich gut gefallen hat damals.

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