Stürme über Argentinien: „Nachtflug“ von Antoine de Saint-Exupery

Der Roman „Vol de Nuit“ erschien 1931. Der Autor Antoine de Saint-Exupery (der später mit dem kleinen Prinzen berühmt wurde) war selbst Flieger. Als er den Roman „Nachtflug“ schrieb, hatte er eine Stelle als „Betriebsdirektor der argentinischen Luftpostgesellschaft“ inne. Ich habe die deutsche Übersetzung von Hans Reisinger, ohne Jahr, ca. 1970.

  • Wo geht’s hin?

Die Geschichte spielt in Südamerika. Jeden Tag verbindet ein Postflugzeug Patagonien mit Buenos Aires. Dort, in Buenos Aires, startet täglich nach Mitternacht das Postflugzeug nach Europa. Also muss der „Patagonien-Flieger“ pünktlich in Buenos Aires sein. Aber nicht nur er: zwei weitere Flugzeuge sind täglich unterwegs. Der“Chileflieger“ kommt aus der Richtung von Mendoza, der „Paraguay-Flieger“ kommt aus Asuncion nach Buenos Aires.

  • San Julian

Der Pilot Fabien und sein Bordfunker steuern vom Süden Patagoniens kommend den Flugplatz in San Julian an. San Julian ist ein Städtchen im Süden Argentiniens, das an einer geschützten Bucht liegt. Diese Bucht war schon immer ein Anlaufpunkt für Schiffe auf ihrem Weg um Südamerika herum. Heute hat die Stadt  6000 Einwohner.

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  • Management by Objectives

Auf dem Flughafen Buenos Aires koordiniert Direktor Riviere in der Zwischenzeit alle Aktivitäten.

Die Fluggesellschaft konkurriert mit Dampfern und der Eisenbahn. Außerdem ist das Nachtflugkonzept (heute würde man die Nachtflüge wohl als „Produkt“ bezeichnen) in der Firma umstritten, Riviere ist sein einziger Verfechter. Aus all diesen Gründen müssen die Flieger stets pünktlich sein. Riviere führt die Flieger mit dem Ziel, keine Verspätungen zuzulassen. Sollte sich doch mal einer verspäten, führt dies zu Gehaltsabzug, im Wiederholungsfall zu Versetzung oder Entlassung. Frühere Verdienste spielen dabei keine Rolle. Auch die Ursache der Verspätung ist irrelevant.

Unter Riviere arbeitet Inspektor Robineau, so eine Art technischer Direktor. Er ist der Vorgesetzte der Piloten, befiehlt Starts und Reparaturen und verteilt die Strafen bei Verspätungen. Nach jedem Flug schreibt Robineau einen Bericht für Riviere. Als Vorgesetzter darf Robineau nicht mit den Piloten befreundet sein. Einmal bahnt sich eine Freundschaft zwischen Robineau und einem Piloten an. Riviere unterbindet die entstehende Freundschaft, indem er Robineau befiehlt, dem Piloten einen Gehaltsabzug zu erteilen.

  • Unwetter in Patagonien

Der Chileflieger ist pünktlich gelandet. Der Pilot erzählt von einem aufkommenden Zyklon, dem er sich über den Anden stellen mußte. Vom Pazifik her drehen häufiger Zyklone an Land und bleiben an den Anden hängen. In dieser Nacht aber schafft es ein Megazyklon über die Anden hinweg. Fabien ist inzwischen in San Julian wieder gestartet und auf dem Weg nach Norden. Vor Comodoro bemerkt er aufkommenden Wind und ein aufziehendes Gewitter. Er hält das Gewitter zunächst für eine lokale Angelegenheit.

Fabien erkundigt sich bei den nächsten Flugplätzen nach dem Wetter. Die Auskünfte sind erschreckend. Das Informationsbild aus Bahia Blanca, Comodoro und Trelew macht deutlich, dass ein gewaltiges Unwetter den Himmel über Argentinien heimsucht.

Es gibt keine Möglichkeit, zu landen. Eine Notlandung scheitert. Er feuert seine einzige Leuchtpistole ab und stellt fest: er war in der Dunkelheit, ohne es zu bemerken, auf das Meer hinausgeflogen. Wieder auf dem Rückweg, setzt er permanent Funksprüche an die Flugplätze ab. Am Ende geht ihm der Treibstoff aus. Der Roman schwenkt wieder zurück zu Riviere in Buenos Aires. Der Paraguay-Flieger ist nach ruhigem Flug angekommen. Um 2:15 Uhr startet der Europaflieger. Die Nachtflüge sind erstmal gerettet.

  • Bemerkungen

Der Roman ist schnell gelesen. Er hinterlässt mich ratlos.

Ich dachte zunächst, dass er vom Fliegen und seiner Dramatik handelt. Aber in den dramatischsten Augenblicken von Fabiens Schicksal „zappt“ der Autor nach Buenos Aires und damit die Spannung weg. Überhaupt stört mich der permanente Wechsel der Schauplätze. Saint-Exupery springt mehrfach unmotiviert zwischen Flughafen, Hotelzimmern, Flugzeugen, Besprechungszimmer hin und her. Das „Hin- und Herspringen“ zwischen den Schauplätzen verdarb auch 1933 eine Verfilmung mit Clark Gable und Rohert Montgomery.

Ist es also eine zeitlose Geschichte über unmenschliche Arbeitsbedingungen? Die Abläufe müssen eingehalten werden, auch wenn es Tote gibt. Nein, denn: Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein Flugkoordinator und ein Pilot, die Verantwortung für die Menschen, die Maschinen und die Fracht haben, in dieser Situation so leichtfertig wären, einfach weiter zu fliegen. Kein Flugkoordinator würde diese Verluste in Kauf nehmen, oder wenn, dann würde es im Unternehmen gegen ihn verwendet.

So wurde das Buch nach seinem Erscheinen auch von der französischen Pilotenvereinigung heftig kritisiert. Beim Autor soll die Kritik zu einer jahrelangen Schreibhemmung geführt haben.

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3 Gedanken zu “Stürme über Argentinien: „Nachtflug“ von Antoine de Saint-Exupery

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