Rund um Spanien 1794 – 1798: „Mr. Midshipman Hornblower“ von C.S. Forester

Capitain Hornblower ist der Held einer Romanreihe des Autors Cecil Scott Forester (Forester ist auch berühmt wegen der Romanvorlage für den Film „African Queen“). Nach ersten Erfolgen seiner Romane schrieb Forester mit „Mr. Midshipman Hornblower“ das Buch, in dem er den Beginn von Hornblowers Karriere schildert. Ich habe eine Lesering-Ausgabe von 1960, in der der Roman 148 sehr eng bedruckte Seiten einnimmt.

  • Vom Spithead in die Garonne

Die Geschichte beginnt im Januar 1794. Hornblower ist 17 Jahre alt und mustert auf der im Spithead liegenden Justinian an. Kurz darauf landet er auf der Indefatigable unter Captain Pellow. Er ist übrigens eine historische Figur, ebenso wie die Indefatigable ein historisches Schiff ist. Auf dem Schiff soll Hornblower zum Leutnant ausgebildet werden. In der Biscaya entern Hornblower und einige Kameraden auf Befehl Pellows ein französisches Schiff. Es handelt sich um einen zum Frachter umgebauten Sklaventransporter. Die französische Besatzung erklärt, dass der Markt von Saint Domingue für den Sklavenhandel nicht mehr zur Verfüung steht. Man bezieht sich also auf die Abschaffung der Sklaverei in Santo Domingo im Herbst 1793.

Das Schiff hat Reis aus der Karibik geladen. Hornblower soll es mit der gefangenen französischen Besatzung nach England fahren. Doch es kommt anders: Wasser sickert in das Schiff. Das führt dazu, dass der Reis aufquillt. Es knarrt, es ächzt, es knackt, und schließlich zerstört der aufquellende Reis das Schiff. Die Besatzung und die Gefangenen Franzosen müssen in das Rettungsboot. Das Boot wird von der Indefatigable gefunden und alle werden gerettet.

Nun soll in der Gironde ein französisches Schiff geentert werden in der Nähe des Fort Bryant, weit im Landesinnern. Das waghalsige Manöver gelingt, und Hornblower hat ab diesem Tag den vollen Respekt aller anderen Seeleute.

  • Schnitt

Frankreich und Spanien schließen Frieden, als die Indefatigable gerade vor Cadiz liegt. Pellow befürchtet, dass in Kürze der ganze Kontinent gegen England verbündet sein könnte. Hier dürfte also der Friede von Basel zwischen Frankreich, Spanien und Preußen 1795 gemeint sein.

  • Cadiz – Gibraltar – Oran
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Ein spanischer Gesandter überreicht Captain Pellow eine Note, in der er angewiesen wird, Cadiz binnen sechs Stunden zu verlassen. Pellow steuert sein Schiff nach Gibraltar. Während der Fahrt wird es von spanischen Galeeren angegriffen und erfolgreich verteidigt. In Gibraltar ist die Lage angespannt, denn gegenüber liegt Algeciras, ein spanischer Flottenstützpunkt. Zunächst ist in Gibraltar für Hornblower Gelegenheit, seine Leutnantprüfung abzulegen. Die Prüfungsfragen bringen ihn in große Bedrängnis. Plötzlich jedoch wird das Schiff von Spaniern angegriffen. Hornblower kann sich retten. Auch davor, durch die Prüfung zu fallen.

Weiter geht es nach Oran. Die Indefatigable begleitet den Frachter Caroline. Der nimmt 400 Ochsen an Bord, das Einkaufen dauert, das Verladen ist schwer. Hornblower geht mit ein paar Kameraden an Bord der Caroline, um die Besatzung zu verstärken. Quarantänevorschriften verlangen, dass das Schiff zunächst drei Wochen im Mittelmeer kreuzt, bevor es nach Gibraltar darf. Während dessen wird die Caroline von einem spanischen Schiff angegriffen. Hornblower organisiert erfolgreich die Verteidigung.

Als nächstes bekommt Hornblower den Auftrag, die Sloop Le Reve von Gibraltar nach Plymouth zu segeln, sein erstes unabhängiges Kommando. Zuvor geht es noch zum Gouverneur von Gibraltar samt Gattin zum Dinner. Dort erfährt Hornblower, dass er nicht nur die Le Reve überführen darf, sondern auch noch eine Herzogin an Bord nehmen muss. Herzogin von Wharfedale spricht unverfälschtes Cockney und schockiert Hornblower mit ihrer ordinären Ausdrucksweise. Egal: Hornblower bringt das Schiff von Gibraltar aus an Tarife und dann an Kap Trafalgar vorbei.

  • Kap St. Vincent und La Coruna

Nebel zieht auf. Jetzt wird es spannend. Hornblower entscheidet sich, einen Kurs weiter abseits von Kap St. Vincent zu nehmen. Dabei segelt er mitten in eine Flotte spanischer Handelsschiffe hinein. Als sich der Nebel verzieht,  wird die Le Reve gestellt. Die Herzogin offenbart sich. Sie ist in Wirklichkeit die berühmte Schauspielerin Katy Cobham. Ein spanisches Boot nimmt alle Herren und Damen von der Le Reve gefangen. In der Ferne ist Kanonendonner zu hören. Es tobt die Schlacht von St. Vincent, am 14. Februar 1797.

Hornblower gerät in spanische Kriegsgefangenschaft. Sein Kerker ist in Ferrol, gegenüber der Stadt La Coruna, an einer stürmischen Felsküste gelegen. Täglich bekommt er zwei Stunden Freigang, bei denen er von der Felsenküste aufs offene stürmische Meer blicken darf. 22 Monate später, also Dezember 1798, sieht Hornblower bei einem seiner Freigänge ein spanisches Schiff am Horizont. Es wird von einem englischen Kriegsschiff verfolgt und versucht, die Bucht von La Coruna zu erreichen, um sich zu retten. Es zerschellt an den Klippen. Der Sturm bearbeitet das Wrack weiter, die noch überlebenden Seeleute sind in ärgster Not.

Da ergreift Hornblower die Gelegenheit, die Rettung der Schiffbrüchigen zu organisieren. Seine spanischen Aufseher besorgen ein Boot, einige Fässer, um es zu verstärken, und sechs taugliche Männer. Die Rettung gelingt. Es wird Nacht. Erschöpft ankern sie vor der stürmischen Küste. Am nächsten Morgen nimmt die englische Fregatte Syrtis alle auf. Nach dem üblichen diplomatischen Hin und Her gelangen die Spanier wieder nach La Coruna, und Hornblower darf nach England zurück.

  • Bemerkungen

Es ist eine ereignisreich erzählte Heldengeschichte. Es werden einzelne Taten an einander gereiht, mit großen Zeitsprüngen zwischen den Ereignissen. Und es fehlt in dem Buch der historische und der ökonomische Kontext (mit Ausnahme des Franzosenschiffes zu Beginn) völlig. Dadurch fehlt den Ereignissen die Anbindung an die Weltgeschichte, die sie aufgrund von Ort und Zeit eigentlich verdient hätten. So entsprach das Buch nicht ganz meinen Erwartungen, aber gut erzählte Unterhaltung ist es allemal.

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Stürme über Argentinien: „Nachtflug“ von Antoine de Saint-Exupery

Der Roman „Vol de Nuit“ erschien 1931. Der Autor Antoine de Saint-Exupery (der später mit dem kleinen Prinzen berühmt wurde) war selbst Flieger. Als er den Roman „Nachtflug“ schrieb, hatte er eine Stelle als „Betriebsdirektor der argentinischen Luftpostgesellschaft“ inne. Ich habe die deutsche Übersetzung von Hans Reisinger, ohne Jahr, ca. 1970.

  • Wo geht’s hin?

Die Geschichte spielt in Südamerika. Jeden Tag verbindet ein Postflugzeug Patagonien mit Buenos Aires. Dort, in Buenos Aires, startet täglich nach Mitternacht das Postflugzeug nach Europa. Also muss der „Patagonien-Flieger“ pünktlich in Buenos Aires sein. Aber nicht nur er: zwei weitere Flugzeuge sind täglich unterwegs. Der“Chileflieger“ kommt aus der Richtung von Mendoza, der „Paraguay-Flieger“ kommt aus Asuncion nach Buenos Aires.

  • San Julian

Der Pilot Fabien und sein Bordfunker steuern vom Süden Patagoniens kommend den Flugplatz in San Julian an. San Julian ist ein Städtchen im Süden Argentiniens, das an einer geschützten Bucht liegt. Diese Bucht war schon immer ein Anlaufpunkt für Schiffe auf ihrem Weg um Südamerika herum. Heute hat die Stadt  6000 Einwohner.

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  • Management by Objectives

Auf dem Flughafen Buenos Aires koordiniert Direktor Riviere in der Zwischenzeit alle Aktivitäten.

Die Fluggesellschaft konkurriert mit Dampfern und der Eisenbahn. Außerdem ist das Nachtflugkonzept (heute würde man die Nachtflüge wohl als „Produkt“ bezeichnen) in der Firma umstritten, Riviere ist sein einziger Verfechter. Aus all diesen Gründen müssen die Flieger stets pünktlich sein. Riviere führt die Flieger mit dem Ziel, keine Verspätungen zuzulassen. Sollte sich doch mal einer verspäten, führt dies zu Gehaltsabzug, im Wiederholungsfall zu Versetzung oder Entlassung. Frühere Verdienste spielen dabei keine Rolle. Auch die Ursache der Verspätung ist irrelevant.

Unter Riviere arbeitet Inspektor Robineau, so eine Art technischer Direktor. Er ist der Vorgesetzte der Piloten, befiehlt Starts und Reparaturen und verteilt die Strafen bei Verspätungen. Nach jedem Flug schreibt Robineau einen Bericht für Riviere. Als Vorgesetzter darf Robineau nicht mit den Piloten befreundet sein. Einmal bahnt sich eine Freundschaft zwischen Robineau und einem Piloten an. Riviere unterbindet die entstehende Freundschaft, indem er Robineau befiehlt, dem Piloten einen Gehaltsabzug zu erteilen.

  • Unwetter in Patagonien

Der Chileflieger ist pünktlich gelandet. Der Pilot erzählt von einem aufkommenden Zyklon, dem er sich über den Anden stellen mußte. Vom Pazifik her drehen häufiger Zyklone an Land und bleiben an den Anden hängen. In dieser Nacht aber schafft es ein Megazyklon über die Anden hinweg. Fabien ist inzwischen in San Julian wieder gestartet und auf dem Weg nach Norden. Vor Comodoro bemerkt er aufkommenden Wind und ein aufziehendes Gewitter. Er hält das Gewitter zunächst für eine lokale Angelegenheit.

Fabien erkundigt sich bei den nächsten Flugplätzen nach dem Wetter. Die Auskünfte sind erschreckend. Das Informationsbild aus Bahia Blanca, Comodoro und Trelew macht deutlich, dass ein gewaltiges Unwetter den Himmel über Argentinien heimsucht.

Es gibt keine Möglichkeit, zu landen. Eine Notlandung scheitert. Er feuert seine einzige Leuchtpistole ab und stellt fest: er war in der Dunkelheit, ohne es zu bemerken, auf das Meer hinausgeflogen. Wieder auf dem Rückweg, setzt er permanent Funksprüche an die Flugplätze ab. Am Ende geht ihm der Treibstoff aus. Der Roman schwenkt wieder zurück zu Riviere in Buenos Aires. Der Paraguay-Flieger ist nach ruhigem Flug angekommen. Um 2:15 Uhr startet der Europaflieger. Die Nachtflüge sind erstmal gerettet.

  • Bemerkungen

Der Roman ist schnell gelesen. Er hinterlässt mich ratlos.

Ich dachte zunächst, dass er vom Fliegen und seiner Dramatik handelt. Aber in den dramatischsten Augenblicken von Fabiens Schicksal „zappt“ der Autor nach Buenos Aires und damit die Spannung weg. Überhaupt stört mich der permanente Wechsel der Schauplätze. Saint-Exupery springt mehrfach unmotiviert zwischen Flughafen, Hotelzimmern, Flugzeugen, Besprechungszimmer hin und her. Das „Hin- und Herspringen“ zwischen den Schauplätzen verdarb auch 1933 eine Verfilmung mit Clark Gable und Rohert Montgomery.

Ist es also eine zeitlose Geschichte über unmenschliche Arbeitsbedingungen? Die Abläufe müssen eingehalten werden, auch wenn es Tote gibt. Nein, denn: Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein Flugkoordinator und ein Pilot, die Verantwortung für die Menschen, die Maschinen und die Fracht haben, in dieser Situation so leichtfertig wären, einfach weiter zu fliegen. Kein Flugkoordinator würde diese Verluste in Kauf nehmen, oder wenn, dann würde es im Unternehmen gegen ihn verwendet.

So wurde das Buch nach seinem Erscheinen auch von der französischen Pilotenvereinigung heftig kritisiert. Beim Autor soll die Kritik zu einer jahrelangen Schreibhemmung geführt haben.