Karte 45: Rock aus Surrey – „Genesis“ von Armando Gallo

Das Buch beginnt mit einer holprigen Autofahrt durch die Grafschaft Surrey. Surrey liegt südwestlich von London zwischen Hampshire und Sussex. Der Fluss Wey durchzieht Surrey und mündet bei Weybridge in die Themse. (Auf Stepmap ist der Wey nicht drauf, dafür aber hat der Fluss eine sehr gute Website) Der Leser streift die Stadt Godalming. Nach ein paar Meilen auf einer kleinen, baumbestandenen Straße gelangt man zur Charterhouse School. Die Schule wurde 1371 in einem Karthäuserkloster gegründet (daher der Name) und 1872 an diesen Platz verlegt. Die Liste der bekannten Absolventen ist lang.

Um einiger ehemaliger Schüler willen trifft sich der Autor mit ehemaligen Lehrern. Sie erzählen über Anthony Philips, Tony Banks, Mike Rutherford und Peter Gabriel.

Der Fotograf Armando Gallo begleitet im Jahr 1977 die Band Genesis mehrere Monate lang. Gallo erzählt die Geschichte der Band nicht selbst. Er lässt erzählen. Er interviewte die Mitglieder der Band monatelang. Die Musiker und auch andere Wegbegleiter haben über jeden Schritt der Band berichtet. Der Autor hat die Interviews lediglich thematisch sortiert und kurze verbindende Texte geschrieben, hält sich aber sonst zurück. So entstand ein sehr authentisches Buch. Es ist im Format DIN A 4 und hat 153 Seiten. Im Vorwort steht, dass es die erste Biographie einer Rockband auf Deutsch sei.
DSC_0012Auffällig ist der Einband. Er wurde von Paul Whitehead gestaltet, der auch die Plattencovers zu Nursery Cryme und Foxtrot entworfen hat.

  • Genesis is the Source of New Knowledge

1967 gab es in Charterhouse mehrere Schulbands. Schließlich haben sich Tony, Peter, Anth und Mike irgendwie zusammengerauft, um selbst ein paar Songs zu schreiben. Sie lernten einen anderen Charterhousianer, Jonathan King, kennen. Der war Komponist und Produzent und hatte schon erste Platten rausgebracht. Sie spielten ihm was vor, er mochte es nicht und kleistert die Musik mit Streichern zu. Es kommt eine Single heraus. Die Band mochte wiederum Kings Arrangements nicht und arrangiert ihre Musik von da an selbst. Und schließlich erscheint eine Art Konzeptalbum mit dem Titel „From Genesis to Revelation“. In dieser Zeit entstand auch der Name der Band nach dem obigen Satz, dessen Herkunft ungeklärt bleibt. Vermutlich ist er ein Eigenzitat der Band.

  • Von Charterhouse School nach Dorking
  • "Genesis" von Armando Gallo

    StepMap "Genesis" von Armando Gallo


Tony ging an die Sussex University, Mike an die Farnborough Tech und sie entfernten sich von der Band. Nach dem Achtungserfolg der LP stand bei jedem die Entscheidung an, ob er professioneller Musiker werden wollte. Jeder entschied sich dafür, sie liehen sich ein wenig Geld für Instrumente. Sie gehen zu Anthonys Eltern nach Send bei Guildford. Ein paar Monate später ziehen sie in das Landhaus der Eltern eines gemeinsamen Freundes nach Dorking. Hier entsteht „Trespass“, rund um den Song „The Knife“. Hier entsteht eine Vorstellung vom Zusammenspielen. Sie spielen auf einem Tanzabend für die Kinder der Sonntagsschule im Ort für 25 Pfund. Es ist der erste bezahlte Auftritt der Band „Genesis“.

  • Über Farnham nach Italien

Sie werden von Colleges für Feiern gebucht, in Acton, London, in Eel Pie Island, in Twickenham für jeweils ein paar Pfund, in Clubs in Bedford, Birmingham, am Queen Mary’s College im Londoner East End. Konzerte in Colchester, Uxbridge, Southall folgen. Schließlich nisten sie sich in „The Maltings“, einer verlassenen Hopfenscheune in Farnham ein. In diesen Tagen, es ist 1970, findet die Band ihr Profil. Sie waren detailversessen und heben sich durch Genauigkeit von der entfesselten Spontaneität anderer Rockbands ab.

„Nursery Cryme“ entsteht. Die erste Euphorie schwindet. Die Nachrichten über die ersten Chartplatzierungen kommen daher unerwartet: Anfang 1971 ist „Trespass“ Nummer 1 in Belgien und „Nursery Creme“ in Italien Nummer 4. Eine große Tour durch Italien folgt. Gallo: „Die Italiener hatten sich nie wirklich mit dem 12-Takt-Syndrom des Rock’n’Roll identifiziert, … aufgewachsen mit den strengen klassischen und Opern-Traditionen.“ Das Publikum ist sensibler gegenüber den komplexen Strukturen der Songs als es die Engländer sind. Aber auch in England, in Watford, findet dann das erste Konzert vor mehr als 1000 Fans statt.

  • Wie ersetzt man einen Texter

DSC_0010Der Rest ist die Geschichte einer berühmt werdenden Band, die sich mit der zunehmenden Berühmtheit, größeren Hallen und mehr Fans arrangieren muss. Neue Songs, neue Platten, neue Shows, neue Schulden. Das ging gut, bis „Lamb Lies Down On Broadway“ eingespielt wurde. Peter sollte die Texte schreiben, hing hinterher, die Musik war fertig, und irgendwann kam er mit den Texten und sang sie über die fertigen Bänder. Es wurde ein Ego-Trip, der dazu führte, dass er die Band verliess. Phil Collins ersetzt den Sänger Peter Gabriel. Aber wie geht es mit dem Schreiben der Songs weiter?

Die Interviews im Buch geben diesem Konflikt Raum. Peter hatte einen sehr eigenen Umgang mit Worten, spielte mit ihnen, mit dem Klang der Worte, während die anderen Bandmitglieder in ihren Texten mehr mit den Bedeutungen der Worte spielten. Sie konnten Peters Schreibweise nicht verwerfen, weil sie ein Teil der künstlerischen Identität der Band war. Gleichzeitig durften sie Peters Stil nicht kopieren, weil sie dann ihre eigene Struktur verloren hätten. Im großen und Ganzen gelang es. Der weitere Verlauf ist bekannt.

  • Bemerkungen

Das Buch ist eine Augenweide. Man merkt, dass der Autor von Hause aus Fotograf ist. Die Fotos fallen auch beim Durchblättern als erstes auf. Kinderfotos der Musiker füllen en ersten Teil des Buches. Später folgen Fotostrecken von Konzerten und Studioarbeiten. Eine Discographie und deutsche Übersetzungen etlicher Songs runden das Buch originell ab. Die Texte erzählen eine Geschichte, die vom Glauben an sich selbst handelt. Die Musiker sind introvertierte Persönlichkeiten mit sicherem Gespür für die Dinge, die zu ihnen passen. Ihr Weg war insofern immer gradlinig. Das Buch bringt das rüber.

Liste berühmter Schulabgänger
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2 Gedanken zu “Karte 45: Rock aus Surrey – „Genesis“ von Armando Gallo

  1. Ein ganz famoses Buch und dazu Ihre tolle Präsentation, die dies noch unterstreicht. Vielen Dank für diese Erinnerung. Ich habe das Buch kurz nach Erscheinen bekommen und da (die originalen) Genesis einer meiner Allzeitlieblingsbands waren und sind, ist das Werk von Armando Gallo eine feine Ergänzung. Einzig der Abschnitt mit den Übersetzungsversuchen der Texte hätte durchaus mehr kreatives Potential verdient.
    Überhaupt ist diese südenglische Region für Freunde englischer Literatur und deren Orte ein kleines Paradies. Bateman´s liegt ebenso nahe wie Monkshouse und im Forest Row treibt noch immer ein Bär namens Pooh seinen Schabernack.
    Grauverhangendennochschöne Grüsse vom Schwarzen Berg sendet, Herr Ärmel

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