Winterschlaf

In den nächsten Wochen wird mir eine größere berufliche Herausforderung alle Energie abverlangen. Deswegen schicke ich diesen Blog in Winterschlaf. Kommentare und Mails werde ich auch in Zukunft beantworten. Ab April 2014 geht es hier auch mit Beiträgen in der gewohnten Qualität weiter.

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Karte 44: Wieder mal Paris – „La Chamade“ von Francoise Sagan

Vor einigen Monaten habe ich ein Buch von Francoise Sagan vorgestellt, von dem ich enttäuscht war. Als ich „Chamade“ zur Hand nahm, habe ich nicht viel erwartet, und ich wurde angenehm überrascht. Der Roman erschien im Jahr 1965, die Übersetzung von Elisabeth Schneider ein Jahr später hat 159 Seiten. Der Roman besteht aus drei Teilen, „Frühling“, „Sommer“ und „Herbst“.

  • Der Frühling (blaue Punkte)

Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre. Ein großartiger Romananfang lädt zum Weiterlesen ein: Der Leser begleitet über drei Seiten hinweg einen Windstoß, der durch ein Apartment weht, auf der linken Flußseite, mit Fenstern  hin zur Seine. Im Apartment wachen an diesem Frühjahrsmorgen Lucile und Charles auf. Sie ist charmant, aber keine Schönheit und etwa 30. Charles Blassans-Lignieres ist in den 50ern.

Schnell erfährt der Leser: Die beiden lernten sich im Salon von Claire Santré in der Avenue Montaigne kennen. Überhaupt – Claire: Sie gibt Empfänge zu dem Zweck attraktive Frauen und reiche Männer miteinander zu verkuppeln.

Hier wurden auch Antoine und Diane verkuppelt. Antoine ist Journalist und Autor, erfolglos zwar, aber Diane hat erkannt, dass es in diesem Jahr „in“ ist, einen Autor als Geliebten zu haben. Sie gehört zu den „Naturen, die nur das Gegenwärtige pflegen und den Rest verbrennen“. Diane hat aus einer Affäre mit einem reichen Autor einen Rolls-Royce und ein paar Kontakte abgesahnt.

Nun hat Claire zur Gesellschaft geladen, und die zwei Paare (Charles & Lucile sowie Antoine & Diane) neben einander gesetzt. Antoine und Lucile lachen miteinander, Diane wird erkennbar eifersüchtig. Man verabschiedet sich, wobei es gelingt, dass Antoine und Lucile alleine zu Fuß gehen (blaue Strecke)

  • Paris

Paris ist schwarz, leuchtend, verführerisch, und die beiden gehen ans andere Seineufer, und über die Rue de Rivoli und den Place de la Concorde zurück. Antoine erzählt ihr seine Geschichte. Er ist Witwer.

Der Konflikt ist gesetzt: Claire wird in Zukunft Spass daran haben, die vier zusammen einzuladen. Diane ist aufgrund ihrer Eifersuchtsszene in der Gesellschaft verloren, und sie weiß es. Claire lädt alle vier zur Theaterpremiere ins Theatre l’Atelier am Place Dancourt. Anschließend geht man zusammen essen. Lucile und Antoine beginnen unter den Augen aller eine leidenschaftliche Affäre. Gleichzeitig wahren sie die Form und gehen gemeinsam auf Gesellschaften, zum Beispiel ins „Pre-Catalan“ am Bois de Boulogne.

Wenige Tage später – Charles ist geschäftlich in New York – fordert Antoine Lucile ultimativ auf, Charles zu verlassen. Er will mit Lucile leben. Damit entgleitet die Sache der strippenziehenden Claire. Die nächsten Tage sind zäh, denn Lucile wagt es nicht, mit Charles zu sprechen. Charles denkt, sie sei einfach erholungsbedürftig, und schickt sie an die Cote d’Azur.

Antoine ist zielstrebiger. Er hat Diane seine Liebe zu Lucile gestanden. Das bedeutet für ihn, den armen Autor, dass er von der reichen Gesellschaft ausgeschlossen ist. Dann reist Antoine zu Lucile nach Saint-Tropez. Er drängt sie, sofort zu Charles nach Paris zu fahren. Dort angekommen, wirft Charles Lucile aus der gemeinsamen Wohnung.

  • Der Sommer

Das kurze Kapitel „Sommer“ zeigt Lucile, wie sie in Antoines Wohnung Tomatensaft trinkt, liest, raucht und schläft. Sie vermißt die von Charles spendierten Urlaube, sie geht in Paris hin und her. Bald ist September.

  • Der Herbst (grüne Punkte)

Der „Herbst“ beginnt. Sie wartet am Place de l’Alma auf den Bus. Sie verkauft ihren Schmuck am Place Vendome. Weil das Geld weniger wird, besorgt Antoine ihr eine Stelle im Verlag, in dem auch er arbeitet. Sie bekommt 100.000 Francs im Monat. Da ein Kleid von Dior 300.000 kostet, ist sie unzufrieden.

Die Lektüre von „Wilde Palmen“ von William Faulkner veranlasst sie, ihren Job zu kündigen (nach gerade mal zwei Wochen). Wochenlang verheimlicht sie es Antoine (allerdings ist mir nicht klar, weshalb sich das nicht bis zu ihm durchspricht). Sie trifft sich im „Espandon“ mit anderen Literatur interessierten Männern. Als Antoine davon erfährt, ist er enttäuscht.

Zu allem Überfluss erwartet Lucile ein Kind von Antoine. Sie will es nicht. Deswegen bettelt sie ihren Ex Charles um Geld an. In der Folge kommt es zum Zerwürfnis zwischen Antoine und Lucile. Beide erkennen, dass sie sich selbst – und einander – mit ihrer Liebe belogen haben.

Am Ende trifft sich Lucile öfters mit Charles, den sie schließlich heiratet.

  • Bemerkungen

Der Leser begleitet die Protagonisten auf ihren Wegen vom physischen Begehren zur richtigen Liebesgeschichte, von den Schritten, sich dem eigenen Leben, den Wünschen und Erwartungen zu stellen, und sich zu fragen, ob die Selbstgefälligkeit die Einsamkeit wert ist. Das alles in einer sensiblen und schönen Sprache.

Deswegen möchte ich – weil es so selten geschieht – die Übersetzung besonders loben. Elisabeth Schneider lässt den guten alten Konjunktiv II am Leben ( „Charles hatte sie zwei Stunden lang befürchten lassen, sie käme zu spät“). Und sie widersteht der Versuchung, das Wort Chamade zu übersetzen. In der Mitte des Buches flüstert Lucile nach dem Liebesspiel ihrem Antoine ins Ohr, sie höre den Chamade (im Kontext ist es der Schlag des Herzens). Am Ende des Buches wird aufgeklärt, dass damit ein Trommelwirbel gemeint ist, der eine Niederlage ankündigt.

  • Und ein Wort zum französischen Francs 1960

Am Rande hat mich noch ein ökonomisches Detail beschäftigt. Lucile bekommt als Angestellte 100.000 Francs im Monat. Der Wachmann in Süskinds „Taube“ bekommt 25 Jahre später nur 3000 Francs im Monat. Wie kann das sein? Tatsächlich – dazwischen lag eine Währungsreform.
Wikipedia schreibt dazu: „Da durch die Inflation die Preise ‚unhandlich viele Nullen‘ bekommen hatten, wurde 1958 die Einführung des Nouveau Franc (NF) zum 1. Januar 1960 verfügt. Ein NF, seit 1963 offiziell nur noch Franc (F) genannt, entsprach 100 alten Francs (anciens francs). Die alten Franc-Münzen konnten als Centimes weiter verwendet werden. In der Alltagssprache blieb die Angabe in alten Francs noch über Jahrzehnte gebräuchlich.“
Die Geschichte muss also nicht zwingend vor 1960 spielen.

Fazit: Das Buch ist eine lesenswerte unterhaltsame Lektüre