Karte 39: München 1902 – „Gladius Dei“ von Thomas Mann

In den letzten Beiträgen wurde eifrig Schiffe versenken gespielt. Deswegen ist mal wieder Zeit für einen Landgang. Der findet in München statt. Es ist eine Stadtplangeschichte. Eine, die sich im Umkreis von wenigen hundert Metern abspielt. Es ist das Jahr 1902, und die Geschichte ist „Gladius Dei“ von Thomas Mann. Sie ist zeitgenössisch, und mit gerade mal 17 Seiten eher „was Kurzes“ des Autors.

  • München 1902


Ort der Handlung ist der blau markierte Bereich zwischen Odeonsplatz, Türkenstraße und Siegestor. München strotzt im Juni 1902 nur so vor Lebensfreude. Vogelgeschwätz und „heimlicher Jubel“ liegen über der Stadt, man fährt in Droschken daher. Farbenfroh gekleidete Menschen lassen „den hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken“. Radfahrer umklingeln die Menschen. Man sitzt auf den Treppen der Stadt in der Sonne. Nicht nur die Stadt blüht, auch die Kunst. Bücher über Kunst und über Farbensinn werden tausendfach gekauft und gelesen, und abends wird vor vollen Sälen darüber geredet. Und so verbinden sich Kunst und Lebensfreude auch, als ein Maler mit seiner Geliebten durch die Ludwigstraße fährt. Oder man hat das Glück, einer berühmten Frau zu begegnen. So ergibt es sich, dass eine Kunstgalerie „Schönheitsgeschäft“ heißt. Und der Besitzer den frühlingsfarbenfröhlichen Namen Blüthenzweig trägt.

  • Der Gegenspieler (rote Strecke)

Doch keine dynamische Idylle ohne Gegenpart. Im zweiten Kapitel ändert sich die Szenerie schlagartig. Ein Mann läuft die Schellingstraße hinab, die Augen zu Boden gerichtet. Die Kapuze des schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, geht er in die fast leere Ludwigskirche. Dort verharrt Hieronymus, so heißt der Mann, bevor er weiter geht und an der Kunsthandlung am Odeonsplatz ankommt. Menschen drängen sich vor ein Schaufenster, bestaunen die Fotografie einer entblößten Madonna.

Eigentlich ist es keine Fotografie einer Madonna, sondern die Ablichtung eines Gemäldes mit einer Madonna, das der Staat kürzlich angekauft hat.

Zuschauer fachsimpeln vor dem Schaufenster oberflächlich daher. Hieronymus aber verharrt eine Viertelstunde lang vor dem Bild, starr und bleich, bevor auch er weiter geht.

Zwei Tage vergehen. Dann macht sich Hieronymus wieder zur Galerie auf. Diesmal geht er hinein und verlangt, den Inhaber zu sprechen. Die Verhandlung geht Schlag auf Schlag: Madonna kostet 70 Mark, Hieronymus will nicht kaufen, hat auch gar kein Geld, Inhaber winkt einen Angestellten herbei, der sich nun um den Nicht-Kunden kümmern soll. Dieser Angestellte, mit dem „Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost“ hört sich dann Hieronymus‘ Ausführungen an.

Zunächst flüsternd, dann immer bebender sprechend, verlangt Hieronymus, das Bild zu entfernen. Dabei betextet er den Angestellten mit wirrem Allerley. Wissen erlöse, nicht schnöder Genuss, Kunst sei etwas Heiliges, das nicht das Elend der Welt übertünchen dürfe. Drei Seiten lang ergeht sich Hieronymus in den unterschiedlichsten Tiraden gegen das Werk, die Schönheit und die Galerie. Plötzlich öffnet er seinen Kapuzenmantel und zeigt drohend auf die Madonnengemäldefotografie. Nun wird es bedrohlich und es kommt zum…

  • … Showdown

Blüthenzweig wird es zuviel, und er zeigt mit dem Federhalter auf die Tür. Hieronymus geht aber nicht; also ruft Blüthenzweig seinen Packer Krauthuber herbei. Der soll Hieronymus die Tür weisen, was er „mit kleinem Stoß und Schwung“ auch tut.

Draußen – über der Theatinerstraße – zieht ein Gewitter auf, irr und ekstatisch halluziniert Hieronymus dort weiter.

  • Bemerkungen

Ich hatte beim ersten Mal mit der Geschichte meine Schwierigkeiten. Erst beim zweiten Lesen fiel mir auf, dass es nicht nur die Geschichte eines Lebensverneiners ist, der sich aus übergeordneten Motiven um Dinge kümmert, die ihn eigentlich nichts angehen.

Die Beschreibung der Figuren bis in die kleinsten Zuckungen im Gesicht sind geschriebene Karikaturen. Mann wechselt zwischen dem lebensfrohen München und dem lebensverneinenden Hieronymus hin und her und lässt den Leser diesen Wechsel mit allen Sinnen nachvollziehen.  Als die Lage im Laden turbulent wird, muss der Leser aufpassen, dass der „Film im Kopf“ nicht schon längst seine eigene Dynamik entwickelt hat. Und auch, wenn die Geschichte jetzt 112 Jahre alt ist, hat sie kein bisschen Staub angesetzt.

Advertisements