USA 1916 – Entwurzelt zwischen Frauen und Seilen – „Champion“ von Ring Lardner

Champion1949film

(Quelle Filmplakat: wikipedia) Eine Kurzgeschichte aus der vor einigen Wochen bereits besprochenen Box-Anthologie hat es mir besonders angetan, auch weil sie eindrucksvoll verfilmt wurde. Im Original heißt der Film „Champion“ und hat einen anderen Schluss als die literarische Vorlage. Außerdem wurde die Handlung in andere Städte der USA verlegt. Der deutsche Titel lautet „Zwischen Frauen und Seilen“. Es war 1949 die erste große Rolle von Kirk Douglas.

Literarische Vorlage ist die Kurzgeschichte „Champion“ aus dem Jahr 1916. Verfasst wurde sie von Ring Lardner. Lardner (1885 – 1933) war amerikanischer Sportreporter, dessen Reportagen und sportbezogene Geschichten in den USA erfolgreich waren.

  • Die Geschichte

Midge kommt aus üblen Verhältnissen in Milwaukee. Er beschafft sich ein wenig Geld, indem er seinen verkrüppelten Bruder ausraubt.  Bald darauf wird er Profiboxer. Für seinen ersten Kampf bekommt er 12 Dollar. Dafür darf er Fallobst vermöbeln. Für weitere 75 Dollar darf er im Laufe seiner beginnenden Karriere absichtlich verlieren. Bald heiratet er die Schwester seines Managers, verprügelt sie in der Hochzeitsnacht und verschwindet schließlich nach New Orleans.

Dort hat er einen neuen Manager an Land gezogen, und auch eine teure Geliebte. Außerdem trainiert er sechs Monate lang für einen Meisterschaftskampf, den er gewinnt. Um sich nun weiter Geld zu verdienen, zieht er nach Chicago, wo er in Varietees auftritt und weiter nach Detroit. Seine Geliebte überredet ihn dazu, seinen Manager zu feuern und einen neuen zu engagieren. Sie erhofft sich von ihm mehr Geld. Also feuert Midge seinen Manager und engagiert einen neuen, der mehr Geld einbringt.

Champion von Ring Lardner
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StepMap Champion von Ring Lardner



Bald darauf nimmt die Geschichte eine neue Wendung: Midge verlässt seine Geliebte und brennt mit der Frau des neuen Managers durch. Er heiratet sie ebenfalls. Das Geld für die Scheidung von seiner ersten Frau – die immer noch in Milwaukee sitzt – spart er sich, weil von der Ehe niemand etwas weiß.

Logischerweise benötigt Midge jetzt wieder einen neuen Manager. Und der macht seinen Job richtig gut. Er bringt Midge nach New York. Vor einem großen Kampf kommt ein Journalist ins Camp. Der Manager tischt dem Journalisten die Geschichte eines fürsorglichen Familienvaters auf. Der habe seine Familie irgendwo in Kanada und möchte möglichst schnell immer wieder zu ihr zurück. Ein Zeitungsartikel erscheint. Migdes Frau in Milwaukee und auch Midges Mutter können sich keine Zeitung leisten, Midges andere Frau erfährt davon nichts.

Midge ist Champion. Keine Redaktion würde sich jetzt für die Wahrheit interessieren.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte, die von den übelsten Abgründen handelt. Und davon, wie eine gescheiterte Existenz sich mit viel Egoismus und der Hilfe geschäftstüchtiger Leute zu einem erfolgreichen Mann aufbauen lässt. Midge ist heimatlos, weder menschlich noch regional  verwurzelt, und man ahnt, dass er wieder scheitern wird.

  • Oscars

„Champion“ bekam 1950 einen Oscar für den besten Schnitt. Kirk Douglas erhielt seine erste Oscar-Nominierung. Zwei weitere folgten, einen Oscar bekam er nie. Noch übler traf es Arthur Kennedy. Es war seine erste von vier erfolglosen Nominierungen als supporting actor. Dimitri Tiomkin hatte bereits fünf erfolglose Nominierungen, bevor er mit „Champion“ zu seiner sechsten – ebenfalls erfolglosen – kam. Zwei Jahre später räumte er mit „High Noon“ ab. Ring Lardners Sohn steuerte später die Drehbücher von Cincinnati Kid und MASH bei.

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Karte 42: „Das Buch der Pyramiden“ von C.W. Ceram

„Götter, Gräber und Gelehrte“, den berühmten „Roman der Archäologie“ habe ich vor langer Zeit hier scheibchenweise begonnen, vorzustellen. Nach dem Buch der Treppen (Mexiko) und dem Buch der Statuen (Griechenland) fehlt noch das Buch der Pyramiden, in welchem Ceram die Wiederentdeckung des alten Ägypten schildert.

  • Die Ausgangslage

Dominique Vivant Denon ist ein Salonlöwe in Paris, dilettierender Autor und reist im diplomatischen Dienst von Louis XV durch Europa. 1777 schreibt und publiziert er  „Le Point de Lendemain“, eine erotische Erzählung, die sogar von Balzac gelobt wird. Außerdem arbeitet er als Edelsteinkonservator und Maler (hervorzuheben sind seine pornographischen Zeichnungen „Oeuvre Priapique“ von 1793). Über eine gemeinsame Bekannte, Josephine, wird Napoleon auf Denon aufmerksam. Er ist mit an Bord, als am 19. Mai 1798 Napoleons Flotte von Toulon aus nach Ägypten aufbricht.

Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram
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StepMap Das Buch der Pyramiden von C.W. Ceram



Weil Ägypten als Nahtstelle zwischen dem Mittelmeer und Indien strategisch wichtig ist, darf sich der Feldherr mit den Mamelucken und Lord Nelson herumschlagen. Derweil reitet Denon in der Etappe umher und zeichnet was das Zeug hält, in Sakkara, in Dendera und Theben, in Assuan und Elephantine. Teilweise sind seine Skizzen die einzigen Dokumente von später zerstörten Bauten. Und er zeichnet Hieroglyphen, ohne sie zu verstehen.

In der Zwischenzeit vernichtet Nelson Napoleons Flotte bei Abukir. Napoleon fährt ein Jahr später, im Juli 1799, ohne seine Armee zurück nach Frankreich (Monsieur übt also schonmal für den Russlandfeldzug, wo er dies tapfere Tun vervollkommnet). 1801 kapituliert die Restarmee in Alexandria vor General Abercombie. Die gesammelten archäologischen Schätze gehen an das England von George III. Darunter der Dreisprachenstein, der im Nildelta bei der Stadt Rosette gefunden wurde.

  • Das Entziffern

1790 wird in Grenoble Jean-Francois Champollion geboren, der Sohn eines Buchhändlers. 1809 (mit 19 Jahren) wird er Professor in Grenoble. Er erfährt vom Stein aus Rosette und ist davon besessen, die Hieroglyphen zu entziffern.

Jeder, der sich bis hierhin zu den Schriftzeichen geäußert hat, unterstellte, dass es sich um eine Bilderschrift handele. Champollion löst sich von diesem Gedanken und vermutet eine Art Buchstabenschrift. Schließlich gelingt ihm 1822, beginnend mit den Königsnamen, der Durchbruch. Er reist 1824 erstmals nach Ägypten, und da er nun auch die Inschriften an den Monumenten lesen kann, deckt er die Bedeutung einiger Bauten in Tell-el-Amarna und Sakkara auf.

  • Das Sammeln

Die Schrift war gefunden und entziffert. Die Arbeit des Sammelns beginnt. Und auch diese Arbeit beginnt mit einem sonderbaren Herrn. Auf einer Londoner Tingeltangel-Bühne macht Giovanni Belzoni – nach Streitereien in Italien den dortigen Gefängnissen entflohen – den „starken Mann“. Auf verschlungenen Wegen ergaunert er sich von dem britischen Generalkonsul in Ägypten Salt die Erlaubnis, archäologische Schätze zu sammeln. Die meisten liegen ohnehin an der Oberfläche der Wüste rum. Belzoni öffnet ein paar Gräber und 1818 schließlich auch die Chephren-Pyramide. Was nicht Niet- und nagelfest ist, schafft er nach London, wo er eine Ausstellung in der „Egyptian Hall“ am Piccadilly-Circus organisiert.

  • Das Ordnen

Gesammelt ist also auch, jetzt kommt die Zeit des Ordnens. Es ist mit dem Namen Richard Lepsius verbunden. Der Berliner Wissenschaftler veröffentlicht 1848 und 1849 zwei Bände zur chronologischen Geschichte Ägyptens und seiner Könige. Die moderne Ägyptologie ist geboren.

Zugleich erhält in Paris Auguste Mariette, Assistent am Louvre, den Auftrag, in Kairo Papyri zu kaufen. Er sieht, dass in Kairo überall Altertümer verkauft werden und beschließt, statt zu kaufen, zu bewahren. Er bleibt in Ägypten. Er entdeckt die Allee der Sphinx, den Friedhof der Apis-Stiere, das Grabmal des Ti und vieles mehr. 1859 gründet Mariette für seine Sammlungen das ägyptische Museum in Bulaq.

  • Das Schaben

„Schaben“ nennt einer seine Tätigkeit, der 1853 geboren wurde und in den 1880ern nach Ägypten kam. William Flinders Petrie stellte in den Bibliotheken Londons fest, dass es an grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiet der Ägyptologie fehlte. Er schuf sie kurzerhand selbst. Dabei entdeckte er auch Naukratis, findet in der Erde von Al-Qantara jede Menge wertvoller Statuen und schließlich das Grab des Amenophet und den Eingang der Pyramide zu Hawara. Außerdem viele geplünderte Gräber. Er vermutet als erster, dass Grabräuber nicht zufällig im Laufe der Zeit auf die Schätze stießen, sondern dass es ein gut organisierter Wirtschaftszweig war.

  • Was weiter passiert

Es folgen natürlich ein Kapitel über die Grabräuber im Allgemeinen, eines über Mumien. Schließlich wird zwei Kapitel lang die Geschichte von Howard Carter und Lord Carnarvon (eigentlich George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon) erzählt, die das Grab des Tut-Ench-Amun finden, sichern und bergen.

  • Bemerkungen

Wie schon die beiden anderen „Bücher“ innerhalb dieses Klassikers bietet Ceram dem Leser spannend erzählte Geschichte. Die unterhaltsame Schreibe macht auch kompliziertere Zusammenhänge verständlich. Wie immer wird der Wissensstand alleine auf der Basis der Erkenntnisse von Forschern und Entdeckern geschildert und ohne Spekulationen. Das fällt besonders auf, als Ceram sich dezidiert dagegen wendet, in den Pyramiden Zahlensymbolik und -mystik zu vermuten.

Lesenswert.
Die ägyptische Expedition
Tingeltangel

Christopher Fielden „Ein Gläschen Port in Ehren“

Es gibt zwei Autoren mit Namen Christopher Fielden. Einer schreibt Kurzgeschichten, der andere ist als Weinautor bekannt. Von letzterem gibt es das Buch „Is this the Wine I’ve ordered?“, das sehr unironisch mit dem Titel „Der Weinbetrug“ ins Deutsche übersetzt wurde. In 13 Kapiteln erzählt Fielden Geschichten davon, dass Etikette und Inhalt nicht immer übereinstimmen. Hier schildere ich das Kapitel, das dem Portwein gewidmet ist. Laut Fielding könne man den Portwein nicht trinken, ohne seine Geschichte zu verstehen

Portwein
Frankreich Landkarten auf stepmap.de

StepMap Portwein


Vorauszuschicken ist, dass es schon seit Jahrhunderten englische Handelsvereinigungen in Porto, Viana und Lissabon gab. Und dass England stets dann Frieden mit Portugal hatte, wenn mit Frankreich gerade Krieg war. Letzteres ist für die Geschichte des Portweins wichtig. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1678. Der Import französischer Weine ist gerade mal wieder verboten. (Es war die Regierungszeit von Charles II und Louis XIV. Obgleich es der Regentschaft dieser beiden Herren nicht gerade an Episoden ermangelte, habe ich die konkrete Geschichte hierzu nicht recherchieren können).

Wie in diesen Situationen üblich, weichen englische Verbraucher auf portugiesische Weine aus. Zwei junge englische Weinhändler besuchen das Kloster Lamego. Es liegt im Tal des Duoro, 90 Kilometer flussaufwärts . Sie kosten dort einen besonders delikaten, süßlichen Wein. Der Abt erklärt, dass er vor der Gärung Branntwein zusetzt. Außerdem übersteht dieser Wein die Reise nach England besser als die säurehaltigen Weine. England ist also auf den Geschmack gekommen.

  • Das 18. Jahrhundert

1703 schließlich unterzeichnen die Briten und die Portugiesen den Methuen-Vertrag, nach dem britischen Botschafter in Lissabon benannt. Es ist ein Freihandelsabkommen, mit dem der portugiesische Markt für englisches Tuch und der britische Markt für portugiesischen Wein geöffnet wird.

1730 kam man darauf (auch hier gibt’s von Fielden keine Details), den Branntwein während der Gärung beizugeben, so dass der Wein noch süßer wurde. Somit hatte man den Wein gefunden, den der englische Markt nachfragte – süß und mit hohem Alkoholgehalt. (Danke an Low aus Hinterindien für die naturwissenschaftliche Beratung)

1754 ist die Nachfrage eingebrochen, weil die Qualität der Weine immer schlechter wurde. Die Händler beschweren sich bei der Kontrollbehörde in Regua. Die Winzer geben wiederum den Händlern die Schuld. Der Streit bleibt ohne Ergebnis, bis…

…1756. Dann erlässt der Marquis des Pombal – der zugegeben nach dem Erdbeben andere Sorgen hat – einige Verordnungen, die dem Weinhandel neuen Auftrieb geben. Zunächst werden die Anbauflächen begrenzt. Dann vergibt er der Oporto-Weinhandelsgesellschaft das alleinige Recht, Weine aus dem Duoro-Tal zu exportieren. Und sie darf als einzige Gesellschaft Branntwein destillieren. Schließlich muss der Branntwein auch aus einheimischen Trauben destilliert sein. Es muss Buch geführt werden über die Erntemengen. Tierdung als Düngemittel wird verboten. Und es müssen alle Holunderbäume gefällt werden. Holunder? Damit wird der Wein üblicherweise gefärbt.

Die Maßnahmen sind erfolgreich. Ende des 18. Jahrhunderts ist Portwein der „In-Drink“ in England. Wieder treten etliche Billighändler auf dem Markt.

  • Das 19. Jahrhundert

1829 erscheint ein Buch, das die üblichen Zutaten aufzählt: Rotwein, Branntwein und Farbstoffe. Und so kippt der Text nun in eine kleine Geschichte der Weinfärberei. Neben Holundersaft beliebt ist Berry-Drye, ein Saft aus deutschen Blaubeeren.

In der Zwischenzeit experimentiert seit 1812 ein gewisser George Sandeman in Vila Nova mit Branntweinen und findet eine lang haltbare und wohlschmeckende Mixtur aus Wein und Branntwein. Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht dann ein reger Tauschhandel zwischen beiden Ländern. Portugal importiert Branntwein aus England und exportiert die doppelte Menge Port.

Danach jedoch geht der Verkauf zurück. Grund ist vor allem eine schlechte Presse. Und die Färbereien, mit Schlehendorn, mit schwarzen Kirschen, und besonders mit Blauholz (Logwood). Letzteres wird auch heute noch als Farbstoff verwendet. Allerdings hat man die Portwein-Episode aus der Geschichte des Logwood gestrichen.

Der Hin- und Her-Export von Branntwein schließlich führte 1904 zur kuriosen C14-Affäre. Der auf verschlungenen Wegen durch halb Europa transportierte portugiesische Branntwein kehrte mysteriöserweise als Industriealkohol zurück und der damit gemischte Port war einer der grandiosesten Jahrgänge. So kann es auch gehen.

Auf jeden Fall „Zum Wohl“.

Sven Hedin – Wildes Heiliges Tibet

Sven Hedins Berichte über seine Reisen nach Asien sind Klassiker. Meine Neugier war entsprechend groß, als mir die Kisten das Buch „Wildes heiliges Tibet“ zugelost haben. Es ist ein Reclamband mit 76 Seiten. Bisher habe ich auch aus editorischer Sicht recht gute Erfahrungen mit den Reclamheften gemacht. Also erstmal nach dem Vorwort geblättert- da ist nichts. Der Text von Sven Hedin beginnt, der Text hört auf, und mehr ist einfach nicht zwischen den Buchdeckeln. Aus editorischer Sicht enttäuschend. (Dass Reclam das besser machen kann, haben sie bei Tolstoi und Cicero gezeigt)

Dafür aber sind Zeichnungen des Verfassers abgedruckt. Charakterköpfe, dramatische Reiterszenen und beeindruckende Gebäudeskizzen wechseln sich ab.

  • Aufbruch nach Tibet (blaue Strecke)

Der Text selbst beginnt mit einem kurzen historischen Abriss bisheriger  Tibetreisen, besonders von Przewalski (der mit dem gleichnamigen Pferd). Die besprochene Exkursion beginnt dann im August 1896. Hedin muss den Text – oder zumindest den Anfang – ca. 1928 verfasst haben, denn er verweist auf das Rätsel von Lob-Nor, das erst dann gelöst wurde.

Jetzt aber: Esel, Pferde und Kamele gesattelt, und los geht es. Von Kashgar aus – dort war Hedin schon auf früheren Reisen – zieht man erstmal nach Khotan. Die Karawane besteht zunächst aus 54 Tieren, dazu kommen 17 einheimische Helfer, sowie zwei Vertraute, besonders Islam Baj. Der ist Karawanenführer, also sowas wie der Organisationsleiter des Trupps. Hedin selbst reitet am Ende, macht Zeichnungen, sammelt Gestein, und schreibt. Dann geht es von West nach Ost am Nordrand Tibets entlang.

Die Gegend ist unwirtlich. Bereits seit August sind Flüsse und Seen zugefroren, es leben wenige Menschen dort, und man begegnet Antilopen und wilden Yakherden. Zwischen dem Gebirge Arka-Tag im Süden und Wüste im Norden reiten sie durch Gegenden mit stachligem Gebüsch und Tamariskensteppen. Sandstürme bei Temperaturen von – 20 Grad und mehr machen das ganze sehr ungemütlich, abends sitzt man am Feuer und trinkt Tee und gegorene Stutenmilch. Die wenigen Menschen der Gegend sind leicht in zwei Gruppen zu teilen: Nomadenhirten und Räuberbanden. Sich gegen die Banden zu schützen oder wehren, nimmt denn auch einen größeren Raum in der Erzählung ein.

In einem Dorf irgendwo in der Steppe benötigt die Karawane neue Tiere, die Karawane ist auf 7 Tiere geschrumpft. Wie, das erfährt man nicht. Wenn man bedenkt, dass der Verlust von Tieren in solch einer Gegend dramatische Konsequenzen haben kann, denkt sich der Leser, dass da ein Textstück fehlt.

Weiter dann zum Kuku-Nor, dem schwarzen See, dem größten See Chinas, auf 3000 Metern Höhe. Hedin erzählt eine Geschichte, die er von Nomaden gehört hat. In der Mitte des Sees würden einige Mönche in völliger Abgeschiedenheit leben. Sie würden nur Vorräte bekommen, wenn Abgesandte anderer Klöster im Winter übers den gefrorenen See zu ihnen pilgerten.

  • Taschilhunpo (roter Knopf)

Ein neues Kapitel beginnt in Taschi-Lunpo. Es ist der 11. Februar. Der Leser denkt zunächst, es sei die Fortsetzung dessen, was bis dahin geschrieben ist. Taschi-Lunpo ist eine Klosterstadt. Aus allen Gegenden Tibets haben sich Menschen zum Neujahrsfest versammelt. Es wird 15 Tage dauern. Buntes Treiben herrscht, Festtagsstimmung. Zum ersten Mal nimmt ein Europäer an dem Fest teil. Während des Festes bekommt Hedin auch die Möglichkeit, den Taschi-Lama zu besuchen.

Das Gespräch dreht sich um große Politik. Der Lama möchte alles über Rußland, England und andere Mächte wissen. Es war ist die Zeit dessen, was gerne „The Great Game“ heißt. Da ging es um die Frage, wie die beiden Reiche ihre asiatischen Interessen abgrenzen.

Dann besucht Hedin einige prachtvolle Mausoleen der früheren Lamas. Gleich mehrmals vergleicht er dann die Rolle des Lama direkt mit der des Kirchenstaates, speziell in der Kombination von weltlicher und geistlicher Herrschaft bestehen Gemeinsamkeiten. Am Ende folgen noch das Kapitel „Seltsame Klöster“ und ein kurzer Abschnitt, der sich um das Begräbnis eines eingemauerten Mönches dreht.

  • Bemerkungen

Ich fand das Buch halbherzig, was keinesfalls am Autor, sondern an Reclam liegt. Der Leser denkt sich, dass zeitlich etwas nicht zusammen passt. Entweder wurden in dem Reclamband völlig unabhängige Texte zusammen gefasst, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, von Tibet zu handeln. Oder Hedin hat in den späten 20er Jahren seine „Best of Tibets“ geschrieben. Ein  Vorwort hätte dem Buch gut getan. Ich hätte mir auch noch mehr über die wissenschaftliche Arbeit gewünscht.

Trotzdem: Ich habe das Buch verschlungen, es ist spannend, dramatisch und flott geschrieben. Hedins Berichte sind und bleiben Klassiker. Es gibt sicher bibliophile oder kommentierte Ausgaben, die den Leser besser informieren.

Przewalski

.. und das Pferd dazu

Karte 39: München 1902 – „Gladius Dei“ von Thomas Mann

In den letzten Beiträgen wurde eifrig Schiffe versenken gespielt. Deswegen ist mal wieder Zeit für einen Landgang. Der findet in München statt. Es ist eine Stadtplangeschichte. Eine, die sich im Umkreis von wenigen hundert Metern abspielt. Es ist das Jahr 1902, und die Geschichte ist „Gladius Dei“ von Thomas Mann. Sie ist zeitgenössisch, und mit gerade mal 17 Seiten eher „was Kurzes“ des Autors.

  • München 1902


Ort der Handlung ist der blau markierte Bereich zwischen Odeonsplatz, Türkenstraße und Siegestor. München strotzt im Juni 1902 nur so vor Lebensfreude. Vogelgeschwätz und „heimlicher Jubel“ liegen über der Stadt, man fährt in Droschken daher. Farbenfroh gekleidete Menschen lassen „den hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken“. Radfahrer umklingeln die Menschen. Man sitzt auf den Treppen der Stadt in der Sonne. Nicht nur die Stadt blüht, auch die Kunst. Bücher über Kunst und über Farbensinn werden tausendfach gekauft und gelesen, und abends wird vor vollen Sälen darüber geredet. Und so verbinden sich Kunst und Lebensfreude auch, als ein Maler mit seiner Geliebten durch die Ludwigstraße fährt. Oder man hat das Glück, einer berühmten Frau zu begegnen. So ergibt es sich, dass eine Kunstgalerie „Schönheitsgeschäft“ heißt. Und der Besitzer den frühlingsfarbenfröhlichen Namen Blüthenzweig trägt.

  • Der Gegenspieler (rote Strecke)

Doch keine dynamische Idylle ohne Gegenpart. Im zweiten Kapitel ändert sich die Szenerie schlagartig. Ein Mann läuft die Schellingstraße hinab, die Augen zu Boden gerichtet. Die Kapuze des schwarzen Mantels über den Kopf gezogen, geht er in die fast leere Ludwigskirche. Dort verharrt Hieronymus, so heißt der Mann, bevor er weiter geht und an der Kunsthandlung am Odeonsplatz ankommt. Menschen drängen sich vor ein Schaufenster, bestaunen die Fotografie einer entblößten Madonna.

Eigentlich ist es keine Fotografie einer Madonna, sondern die Ablichtung eines Gemäldes mit einer Madonna, das der Staat kürzlich angekauft hat.

Zuschauer fachsimpeln vor dem Schaufenster oberflächlich daher. Hieronymus aber verharrt eine Viertelstunde lang vor dem Bild, starr und bleich, bevor auch er weiter geht.

Zwei Tage vergehen. Dann macht sich Hieronymus wieder zur Galerie auf. Diesmal geht er hinein und verlangt, den Inhaber zu sprechen. Die Verhandlung geht Schlag auf Schlag: Madonna kostet 70 Mark, Hieronymus will nicht kaufen, hat auch gar kein Geld, Inhaber winkt einen Angestellten herbei, der sich nun um den Nicht-Kunden kümmern soll. Dieser Angestellte, mit dem „Aspekt von Schlechtbezahltheit und Pflanzenkost“ hört sich dann Hieronymus‘ Ausführungen an.

Zunächst flüsternd, dann immer bebender sprechend, verlangt Hieronymus, das Bild zu entfernen. Dabei betextet er den Angestellten mit wirrem Allerley. Wissen erlöse, nicht schnöder Genuss, Kunst sei etwas Heiliges, das nicht das Elend der Welt übertünchen dürfe. Drei Seiten lang ergeht sich Hieronymus in den unterschiedlichsten Tiraden gegen das Werk, die Schönheit und die Galerie. Plötzlich öffnet er seinen Kapuzenmantel und zeigt drohend auf die Madonnengemäldefotografie. Nun wird es bedrohlich und es kommt zum…

  • … Showdown

Blüthenzweig wird es zuviel, und er zeigt mit dem Federhalter auf die Tür. Hieronymus geht aber nicht; also ruft Blüthenzweig seinen Packer Krauthuber herbei. Der soll Hieronymus die Tür weisen, was er „mit kleinem Stoß und Schwung“ auch tut.

Draußen – über der Theatinerstraße – zieht ein Gewitter auf, irr und ekstatisch halluziniert Hieronymus dort weiter.

  • Bemerkungen

Ich hatte beim ersten Mal mit der Geschichte meine Schwierigkeiten. Erst beim zweiten Lesen fiel mir auf, dass es nicht nur die Geschichte eines Lebensverneiners ist, der sich aus übergeordneten Motiven um Dinge kümmert, die ihn eigentlich nichts angehen.

Die Beschreibung der Figuren bis in die kleinsten Zuckungen im Gesicht sind geschriebene Karikaturen. Mann wechselt zwischen dem lebensfrohen München und dem lebensverneinenden Hieronymus hin und her und lässt den Leser diesen Wechsel mit allen Sinnen nachvollziehen.  Als die Lage im Laden turbulent wird, muss der Leser aufpassen, dass der „Film im Kopf“ nicht schon längst seine eigene Dynamik entwickelt hat. Und auch, wenn die Geschichte jetzt 112 Jahre alt ist, hat sie kein bisschen Staub angesetzt.