Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

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4 Gedanken zu “Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

  1. Danke für die traurige Tiergeschichte, mit dem Trost: Das Tierlein wurde nicht von Kleptomanewitsch aufgefressen.
    Als Nashornspezialist fühle ich mich angesprochen.
    Horn auf dem Rüssel…, tönt nach Münchhausen.
    Ein Bild vom Tier in Lissabon existiert von A. Dürer in
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rhinocerus
    oder in (1)
    Low: Geschichten über Nashörner.
    (1) http://wp.me/p2ljyL-mo
    (2) http://wp.me/p2ljyL-mA
    Nashornbaby
    (3) http://wp.me/p2ljyL-19c
    Gruss aus Chiang Mai, Low

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