„Das Totenschiff“ von B. Traven

Das Totenschiff Cover

Den Beitrag über „Das Totenschiff“ habe ich vor knapp einem Jahr veröffentlicht. Nun gibt es zu diesem sehr lesenswerten Buch auch die Karte.








Das Totenschiff
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StepMap Das Totenschiff



Der Roman „Das Totenschiff“ des geheimnisumwitterten Schriftstellers B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.

  • Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Während er nun im Hafen von Cadiz beim Angeln sitzt („Angeln ist gelebte Philosophie“), bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

  • Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

  • Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

  • Bemerkungen

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

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Lissabon – Marseille – Genua: „Die Geschichte eines Nashorns“ von Reinhold Schneider

Reinhold Schneider (1903 bis 1958) war ein badischer Autor, der stark mit der Stadt Freiburg verbunden war. In seinen ersten Werken hat er sich intensiv mit der Geschichte Portugals und Spaniens beschäftigt. Auch die Erzählung „Die Geschichte eines Nashorns“ – entstanden 1929 – spielt in der Umgebung des portugiesischen Königshofes. Der Text ist 20 Seiten lang.

  • Der Kontext

Die kurze Erzählung beginnt am Hofe König Emanuels des Glücklichen in Lissabon. Er regierte 1495 bis 1521. 20 Jahre vor dem geschilderten Ereignissen kehrte Vasco da Gama aus Calicut in Indien zurück. Nun, 1519, regiert der portugiesische König Brasilien, schickt Gesandte nach China und konkurriert auf dem internationalen Parkett mit den folgenden Herrschaften:

  • Franz I. Er regiert in Frankreich seit 1515. Frankreich galt als der militärisch stärkste Staat Europas. Franz war in ständigem Konflikt mit den Habsburgern um die Macht in Europa.
  • Karl V von Spanien. Er wurde am 28. Juni 1519 zum König gewählt. Zur Zeit der Erzählung ist dies bereits geschehen. Emanuel und der jeweilige spanische König sind in ständigem Konflikt um die Macht über Indien, Westindien und den Rest der Welt.
  • Der Papst zu dieser Zeit war Giovanni de‘ Medici. Ein prunksüchtiger Herrscher, der in unseren Breiten durch das Stichwort Ablasshandel und den Konflikt mit Luther berüchtigt ist. Emanuel schenkte dem Medici-Papst einmal einen Elefanten für dessen Menagerie.

 

Lissabon - Genua
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StepMap Lissabon - Genua

 

  • Die Geschichte

Ein indischer Fürst schenkte Emanuel ein Ungetüm mit einem nach hinten gebogenen Horn auf dem Rüssel. Emanuel ist der erste europäische Herrscher, der ein derartiges Ungeheuer besitzt. Das Tier gilt als wild und nicht zu bändigen. Dom Francisco, eine Art Minister am Hofe, schlägt dem König vor, dieses Tier und einen Elefanten in einem Triumphzug durch Lissabon laufen zu lassen. In einer Stierkampfarena sollen die beiden dann zur Ehre des Königs furchteinflößende Kurzweil veranstalten. Am nächsten Tage führt das geschmückte Nashorn einen Festzug an. Am Ende des Zuges reiten zwei Diener auf dem Elefanten, der in der Arena auf das Nashorn treffen soll.

Stolz betrachtet Emanuel des Festzug, zu dem er auch die Gesandten der anderen Herrscher eingeladen hat. Plötzlich bleibt das Nashorn stehen und starrt vor sich hin. Nichts mehr mit Ungetüm. Die ersten Zuschauer beginnen zu Lachen. Es trottet weiter bis in die Arena. Dort starrt es den Elefanten an. Der Elefant dreht durch, rennt aus der Arena und zerstört in der Stadt viele Marktstände. Gelächter bricht aus. Der König ist blamiert.

Emanuel beschließt, dass das Nashorn ein vortreffliches Diplomatengeschenkt wäre. Es ist „prächtig und schädlich zugleich“. Es soll an den Papst nach Rom geschickt werden. Auf der Vorbeifahrt darf es in Marseille Station machen. Dort soll es Franz I. bewundern dürfen. Der darf sich darüber ärgern, dass er sowas noch nicht besitzt.

Bald geht es los. Francisco fährt mit Diener und Nashorn via Ceuta, an Ibiza und Mallorca vorbei bis Marseille. Franz ist neidisch, und um Emanuel zu ärgern bietet er für das Nashorn einen hohen Preis. Francisco lehnt ab. Auf der Weiterfahrt gerät das Schiff in einen Sturm, das Nashorn reißt sich los und fegt über das Deck. Vor Genua versinken Schiff und Nashorn im Ligurischen Meer.

Das Nashorn wird gefunden, ausgestopft und nach Rom gebracht, wo es schließlich verstaubt.

  • Bemerkungen

Die Erzählung beginnt richtig turbulent und unterhaltsam. Der König, der von der Natur in seinen Absichten gestört wird, der sich dann überlegt, wen er mit einem Geschenk ärgern kann. Das Tier, das am meisten Unruhe stiftet, wenn es nur rumsteht. Das ist Material für eine unterhaltsame Geschichte. Leider säuft mit dem Schiff auch die Story ab. Zwar lehnt sich die Handlung an eine tatsächliche Begebenheit an. Aber als Erzählung endet es zu abrupt und unmotiviert. Fontane hat ja vorgemacht, wie man aus einem historischen Rahmen erzählerisch etwas entwickeln kann. Was hätte ein herumstehendes Tier bei Hofe noch so alles anrichten können. Schade.

Die Erzählung ist im übrigen schwer zu finden. Ich habe sie einer Anthologie entnommen: Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Bertelsmann Lesering, so etwa aus den frühen 60ern.

Great Lakes Disasters – Theodor Fontane und Gordon Lightfoot

Heute – für Karte 36 – kein Buch, sondern zwei kurze Texte. Es geht um zwei Schiffskatastrophen auf den Großen Seen. Daraus entstanden zwei sehr unterschiedliche Balladen in zwei sehr verschiedenen Epochen. 1974 sank auf dem Lake Superior das Frachtschiff „Edmund Fitzgerald“ in einem Sturm. 133 Jahre zuvor ereilte den Passagierdampfer „Erie“ auf dem Eriesee ein ähnliches Schicksal. Sie brannte während der Fahrt nieder.

  • Lake Superior

Nach Novemberstürmen behält das „große Wasser“ seine Toten. Das ist eine Redensart der Chippewa. Die Chippewa sind ein Indianerstamm im Gebiet der großen Seen. Das „große Wasser“ ist der „Gitche Gumee“, der zweitgrößte Süßwassersee der Erde. Bei uns ist er bekannt als Lake Superior. Seine französischen „Entdecker“ nannten ihn so, weil er höher liegt als die anderen Seen. Der Lake Superior entwässert in den 8 Meter tiefer liegenden Lake Huron.

Mit der Redensart der Chippewa beginnt die ergreifende Ballade „The Wreck of the Edmund Fitzgerald“ aus dem Jahr 1976. Gordon Lightfoot ist der wohl berühmteste Songwriter Kanadas, sein „If You Could Read My Mind“ ist jedermann bekannt. Die Ballade über das gesunkene Frachtschiff singt er bis heute in jedem Konzert.

  • Die „Edmund Fitzgerald“

Die Edmund Fitzgerald war ein Transportschiff für Eisenerz, 1958 in Dienst gestellt. In den großen Erzgebieten und -mühlen in Wisconsin und Minnesota wurde sie – wie viele andere Schiffe auch – beladen, und fuhr in die Industriestädte im Süden der großen Seen. Im November 1975 lud das Schiff in Duluth 26.000 Tonnen Takonit zum Transport nach Zug Island, einer Insel, die zu Detroit gehört. Anschließend sollte sie weiter nach Cleveland ins Winterdock fahren.

Das Wetter war schlecht, der See ist für seine schweren Novemberstürme berüchtigt, die „November Gales“. Die Edmund Fitzgerald fuhr an der Isle Royal vorbei und weiter nach Norden Richtung kanadische Küste. Dort war das Wetter zunächst etwas ruhiger. Doch bald erreichte der Sturm die Stärke eines Hurrikans. Es begann zu schneien, und bis zu 10 Meter hohe Wellen brachen über das Deck des Schiffes. Nördlich an Caribou Island vorbei fuhr sie weiter Richtung Whitefish Point, einer Landzunge mit Leuchtturm am Südufer des Sees, wo eine ruhigere Bucht die Einfahrt in die Schleusen bei Sault Saint Marie ermöglichen sollte.

15 Meilen nördlich von Whitefish Point wurde sie von schweren Wellen getroffen und sank innerhalb weniger Minuten. Sie konnte nicht mal mehr SOS funken. Alle 29 Seeleute ertranken.

  • Die Ballade

Gordon Lightfood hat dem Schiff und vor allem den Seeleuten ein Denkmal gesetzt. Zunächst schildert er die Fakten. Zusätzlich führt er Dialoge der Crew ein, die natürlich nicht überliefert sind. Die Stimmung an Bord ist professionell, Der Koch verschiebt das Abendessen wegen des rauen Wetters. Kurz nach 7 verabschiedet er sich von den anderen angesichts des Todes. Dann zerbricht das Schiff, oder es schlägt Leck oder es kentert. Der Blick wechselt zu den Suchtrupps, die nichts mehr finden. Was bleibt sind die winterlichen Seen, Fragen und ein Hauch Ewigkeit. Es ist eine Trauerballade voller Mitgefühl.

  • Lake Erie

Über den See führte eine Schiffahrtslinie von Buffalo über Erie, Cleveland und Detroit. Von dort aus passierten Schiffe den Huron, um dann weiter bis Chicago zu fahren. So auch am 9. August 1841 der Dampfer „Erie“

  • Die „Erie“

Fast 300 Menschen befinden sich an Bord der „Erie“. Die meisten von ihnen Auswanderer, die von Buffalo weiter bis nach Chicago wollten. An Bord sind auch einige Handwerker auf dem Weg in die Stadt Erie. Sie haben sechs Behälter Farbe und Terpentin dabei, die in der Nähe des Kessels gelagert werden. Einer explodiert, schnell steht das gesamte Schiff in Flammen, es gibt Probleme mit den Rettungsbooten. Über 200 Menschen kommen ums Leben.

  • Die Ballade

Die Geschichte des Schiffsuntergangs und eines heldenhaften Steuermannes bewegte die Menschen. Schnell entstanden Gedichte und Erzählungen, die auch das heldenhafte Verhalten von John Maynard thematisierten, obwohl der Name ebenso wenig überliefert ist wie das Verhalten des Steuermannes. Auch Fontane, der den Text 1886 schrieb, feiert John Maynard schon im Gedichtanfang. Bei Fontane steht der Name des Steuermannes wie ein Ausrufezeichen am Beginn des Gedichts. Das Schiff heißt „Schwalbe“ und fährt in die entgegen gesetzte Richtung, von Detroit nach Buffalo. Ein Richtungswechsel, der aufgrund der Phonetik und des Sprachrhythmus erforderlich ist.

Die Stimmung an Bord ist fröhlich und ausgelassen, bis der Ruf „Feuer“ erschallt. Der Kapitän des Schiffes befiehlt dem Steuermann mehrmals, mit dem Schiff an Land zu fahren. Der Kapitän und die Passagiere feuern John Maynard an. 15 Minuten später gelingt es ihm, das brennende Schiff an den Strand zu setzen. Alle Passagiere konnten an Land gehen. Einzig John Maynard selbst kam ums Leben. Zehntausende kommen dann in Buffalo zur Trauerfeier zusammen, um ihn für seine Tat zu ehren. Die Ballade ist eine Heldengeschichte, John Maynard wird wegen seines Opfermutes verehrt. Dazu nimmt Fontane die tatsächliche Geschichte nur als Gerüst, um diese Heldengeschichte zu erzählen. Fakten sind ihm nicht so wichtig wie die poetische Überhöhung der Historie zugunsten eines Ideals.

Der Text wurde 1978 von Achim Reichel vertont.

http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/mythen-aamp-wirklichkeiten-mainmenu-288/geschichte-mainmenu-289/1849-ein-dampfschiff-gert-in-brand
http://de.wikipedia.org/wiki/Takonit
 

Boxen in New York – Hemingway, Irwin Shaw, Djuna Barnes – 3 Erzählungen

Harte Bandagen

Also eigentlich boxen Menschen ja miteinander, seit es Menschen gibt. In adligen Kreisen Englands wurde Boxen dann seit dem 17. Jahrhundert zu einem kultivierten Sport in der Form des modernen Faustkampfs entwickelt.

Seither waren auch viele Autoren vom Boxsport fasziniert und haben in der einen oder anderen Form darüber geschrieben. Einige dieser Werke sind in der Anthologie „Harte Bandagen“ zusammen gefasst. Der Einband des Taschenbuches aus dem Jahr 1997 zeigt ein Ölgemälde von George Bellows, „Stag at Sharkey’s“ aus dem Jahr 1909. In Analogie zur Struktur eines Boxkampfes (12 Runden, 11 Pausen) enthält das Buch 12 Erzählungen und 11 Gedichte, darunter von Camus, Brecht, Thomas Mann.

Speziell dieser Sport ist heute nicht mehr mit dem Adel und auch nicht mit England assoziiert. Der soziale und ökonomische Kontext des Boxsports weist in die USA. Im genannten Buch finden sich mehrere Texte, die in und um New York spielen.

  • „Fifty Grand“ von Hemingway (1927)

„Fifty Grand“ gehört zu den selten genannten und besprochenen Stories von Ernest Hemingway. Man könnte den Titel so etwa „Fuffzich Riesen“ übersetzen. Die Erzählung liegt in der – schlechten – Übersetzung von Horschitz-Horst vor und ist etwas merkwürdig mit „Um eine Viertelmillion“ betitelt. Die Geschichte hat viele Facetten. Eine davon ist eine Wette.

Jack Brennan ist ein Mittelgewichtsboxer, bislang erfolgreich, doch nun eher am Ende seiner Karriere. Der Leser erfährt außerdem, dass Jack außerhalb des Rings geschäftstüchtig ist. Er schläft schlecht aus Sorge um seinen Besitz. Noch hat er den Gürtel des Weltmeisters, aber Walcott, ein Tscheche mit amerikanisiertem Künstlernamen, fordert ihn heraus. Jack trainiert „drüben in Jersey„. Er wird begleitet von seinem langjährigen Freund Jerry Duncan. Jerry ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Jack hasst das Trainingslager. Er weiß, dass er verlieren wird, sofern beide Boxer ihr bestes geben. Nach dem Besuch zweier zwielichtiger Geschäftsleute verrät Jack dem Ich-Erzähler, dass er die titelgebenden 50.000 Dollar auf den Sieg seines Gegners gewettet hat.

Der Kampf findet im „Garden“ statt. Das ist offensichtlich der Madison Square Garden – Horschitz-Horst übersetzt allen Ernstes mit „Sportpalast“. Der Fight – von Hemingway fachkundig und dramatisch geschildert – geht über die volle Distanz von 12 Runden. Jack beginnt stark, wird aber immer schwächer, steht kurz vor der erwarteten Niederlage, als Walcott ihm einen Tiefschlag versetzt. Das hätte Jacks Sieg zur Folge. Also quält sich Jack über das Anzählen hinweg, torkelt wieder auf Walcott zu, setzt ein paar Treffer, und setzt schließlich selbst einen Tiefschlag. So garantiert er seine Niederlage und rettet seine 50000 Dollar plus Gewinn. Es ist eine Geschichte über einen Mann, der um einen moralischen Sieg kämpft. Seine Niederlage muss er sich auf die allerhärteste Tour erarbeiten.

  • „I stand by Dempsey“ von Irwin Shaw (1939)

Die Kurzgeschichte „Ich bin für Dempsey“ wurde am 11. März 1939 in der Zeitschrift „The New Yorker“ veröffentlicht. Der Autor wurde in den 50er Jahren als Drehbuchautor berühmt, zum Beispiel für „Krieg und Frieden“ mit Henry Fonda und Audrey Hepburn. Worum geht es?

Die Freunde Gurske und Flanigan sehen sich um Madison Square Garden einen beliebigen Kampf im Schwergewicht an. Gurske ist enttäuscht („Nicht ein Tropfen Blut“) und meint, dass Dempsey alle auf die Bretter gelegt hätte. Flanigan widerspricht, denn er ist ein Fan von Joe Louis. Die beiden streiten sich im Taxi („du 120-Pfund-Napoleon“), streiten sich in der Bar, gehen in einen Tanzsalon nach Midtown Manhattan, streiten dort weiter, prügeln sich, Gurske liegt schwer getroffen auf dem Parkett des Tanzsalons. Endlich ist auch er ein Fan von Louis. Das ist die ganze Geschichte.

Hm. Die Handlung ist pubertär. Zwei Männer prügeln sich um eine Meinung, und der Verlierer nimmt die Meinung des Gewinners an. Aber Shaws Erzählstil ist turbulent, viele Dialoge, viel Bewegung, man steht immer direkt im Geschehen. Besonders köstlich aus der Sicht eines europäischen Lesers: Jemanden als Napoleon zu titulieren, um ihn zu beleidigen. Ich hätte gewettet, dass es nicht funktioniert und hätte verloren.

  • “My Sisters and I at a New York Prizefight” von Djuna Barnes (1914)

Djuna Barnes war eine amerikanische Journalistin und Schriftstellerin.  Sie war dem Boxsport verbunden. 1928 führte sie ein langes Interview mit Jack Dempsey. Bereits 1914 schrieb sie ihren journalistischen Text „Meine Schwestern und ich bei einem Preisboxkampf“, hier übersetzt von Karin Kersten. Die Erzählung spielt nicht in den großen Hallen, wir begleiten die Autorin in einen Athletic Club in Far Rockaway. Das liegt eine halbe Stunde Zugfahrt außerhalb Manhattans auf Long Island. Der Text dreht sich um Frauen als Boxzuschauer.

Sie zahlen verlegen ihre zwei Dollar Eintritt, bewundern die Schönheit der Kämpfer, befingern ihre Kettchen, fiebern mit, lassen sich von der Atmosphäre mitreißen. An einem Abend mit sechs Kämpfen ist es „nicht der Boxer, der grauenerregend ist, sondern die Menge, die kein Erbarmen kennt“. Der Hauptkampf schließlich ist langweilig. Barnes beobachtet die Frauen um den Ring, sie fächern, murmeln gleichgültige Dinge und feuern die Kämpfer mit derben Sprüchen an. Was fasziniert Frauen am Boxkampf, fragte Barnes zu Beginn ihres Textes. Am Ende gesteht sie ihre Ratlosigkeit ein.

  • Nach dem Schlußgong

Drei Geschichten, die die ganze Bandbreite dessen abdecken, was das Boxen für Autoren so reizvoll macht. Eben auch die dramatischen Geschichten außerhalb des Rings. Da gibt es wirklich alles: Gewinner, Verlierer, Wetten, manipulierte Kämpfe, gescheiterte Existenzen und Egoismus.

  • Mitteilung aus dem Trainingscamp

Und noch eine kleine Änderung: Ich werde die Karten  nicht mehr im Titel durchnumerieren. Der Leser hat nichts davon, ich gewinne mehr Platz für inhaltsbezogene Überschriften, und die Statistik kann ich auch auf der Seite „Über diesen Blog“ fortführen.
http://www.boxen.com/boxen-von-a-z/boxregeln.html