Karte 31: Römischer Bürgerkrieg 46 v.Chr. – „Drei Reden vor Cäsar“ von Cicero

Die heutige Reise ist eine Zeitreise etwa 21 Jahrhunderte in die Vergangenheit. Vor mir liegt das Reclam-Bändchen „Drei Reden vor Cäsar“ von Marcus Tullius Cicero. Das Heft hat 64 Seiten und ein Nachwort der Übersetzerin Marion Giebel. Der Autor ist ein Politiker und Anwalt, dessen Reden im damaligen Rom berühmt waren. Er galt im öffentlichen Leben als Autorität. Die Reden des Buches wurden in den Jahren 46 und 45 v.Chr. gehalten und sind ein Nachhall des Bürgerkrieges.

  • Das Setup

Die Geschichte der Reden beginnt einige Jahre zuvor. Es ist das Jahr 49. Rom ist eine Republik. Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Ja, vor allen Dingen auch Gallia Cisalpina (also Norditalien). Die Römer, das sind vor allen Dingen Cäsar und seine Armeen. Wobei Cäsar nicht eigenmächtig handelte, sondern vom Senat (also sozusagen dem Parlament) dazu beauftragt war.

Nun strebt Cäsar nach Macht in Rom selbst. Er will vom Senat zum Konsul gewählt werden – das ist eine Art Reichspräsident mit weitreichenden Vollmachten, auch am Parlament vorbei zu regieren. (Anmerkung: Als Balance of Power gab es deswegen nur eine einjährige Wahlperiode und außerdem zwei Konsuln pro Jahr, die sich mit Vetos blockieren konnten).

Cäsar entscheidet sich dafür, mit seinen Armeen nach Rom zu gehen und die Kandidatur zu erzwingen. Also ist Bürgerkrieg. Sprichwortalarm: Cäsar beginnt den Krieg, indem er den Grenzfluss Rubikon überschreitet. Die Parteien: Cäsar gegen den römischen Senat (mit Pompejus als Feldherrn). Der Senat verläßt Rom sicherheitshalber schonmal, und im Jahr 46 kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Pharsalas. Cäsar gewinnt. Damit herrscht er alleine und nicht vom Senat autorisiert – er ist also Diktator. Pompejus und viele seiner Anhänger müssen ins Exil gehen.

Auch Cicero, der für die Republik – also für Pompejus – Partei ergriffen hat, muss ins Exil, wird aber später von Cäsar begnadigt und darf seinen Platz als Senator wieder einnehmen.

  • Rede für Marcellus

Marcellus gehört ebenfalls zu denen, die ins Exil gehen müssen. Er hält sich im Jahr 46 auf Lesbos auf. Cäsar begnadigt Marcellus.

Im Senat erhebt sich Cicero und adressiert eine Dankesrede an Cäsar. Er schmiert Cäsar Honig um den Mund. Gütig sei er, und gerecht. Sein Großmut sei grenzenlos. Und durch seine Großzügigkeit sichere er sich sein Ansehen und damit seine Macht. Und damit er seine Größe noch mehr beweise, solle er nun auch den Staat in Ordnung bringen. Das heißt aus Ciceros Mund, dass er die Republik einführen solle.

Die Rede ist popeliges politisches Tagesgeschäft: A macht was, B sagt: toll, aber noch besser wäre es, wenn Du was anderes machen würdest. (A = Cäsar, B = Cicero, was anders = Republik wieder einführen.) Marcellus wird auf der Rückfahrt von Lesbos nach Rom in Piräus ermordet.

Karte 31
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  • Rede für Ligarius

Ganz anders sind die Voraussetzungen bei der Rede für Ligarius. Es handelt sich um eine Verteidigungsrede bei einer Gerichtsverhandlung. Ligarius ist im Exil – aus den gleichen Gründen wie Marcellus (Parteinahme für Pompejus) . Der Staatsanwalt Tubero klagt Ligarius des Hochverrats an.

Warum? Ligarius war Legat (so ne Art Botschafter) in der Provinz Africa. Der Vater des Staatsanwaltes hatte vom Senat den Auftrag, in Africa Soldaten zu gewinnen. Ligarius weigerte sich, ihn ins Land zu lassen. Deswegen Hochverrat. Doch auch der Ankläger war im Bürgerkrieg auf der Seite des Pompejus, nicht auf der Seite Cäsars.

Cicero haut dem Tubero also erstmal die eigene Parteinahme im Krieg um die Ohren. Er hätte doch wohl im Krieg gegen Cäsar gekämpft. Hochverrat? – „Er hat es nicht getan, nicht geplant, falsch sind die Zeugen, erdichtet die Anklage“. Würde also Ligarius schuldig gesprochen, dann würde dies geschehen, obwohl er doch Cäsar einen Vorteil verschaffte. Ein Schuldspruch würde das Werk von Cäsars Gegnern tun. In Verbindung mit dem Apell an Cäsars Großmut kann Ligarius nur freigesprochen werden.

Die Rede für Ligarius ist ein rhetorisches Meisterwerk. Appelle, Argumente, Thesen, das Entkräften der Vorwürfe, verbunden mit Vorwürfen an den Ankläger, immer wieder abwechselnd an Cäsar und Tubero gerichtet. Da wird sogar dem heutigen Leser noch schwindelig. Die Rede führte tatsächlich zu einem Freispruch und beendete gleichzeitig Tuberos Karriere als Staatsanwalt.

  • Rede für König Deiotarus

Deiotarus war König in Galatien, einem Reich in der heutigen Türkei. Er war dem Senat gegenüber loyal. Über den Bürgerkrieg gelangten nur wenige Nachrichten zu ihm. Als loyaler König mit wenigen Informationen schloss er sich Pompejus an. Nach dem Bürgerkrieg wandte er sich von Pompejus ab.

Vor kurzem war Cäsar bei Deiotarus zu Gast. Während dieses Besuchs soll Deiotarus versucht haben, Cäsar zu ermorden. Dessen wird Deiotarus angeklagt. Der Prozess findet – in Abwesenheit des Angeklagten – in Cäsars Haus statt. Cicero verteidigt den Angeklagten.

Zunächst beklagt sich Cicero über die fehlende Öffentlichkeit. Anschließend fasst der den Ablauf des Bürgerkrieges kurz und gut lesbar zusammen. Dann sagt er, dass die Anklage absurd sei: Der Richter – Cäsar – ist gleichzeitig das potentielle Opfer, Ankläger ist der Enkel des Täters – absurd! Die Anklage fußt auf Aussagen eines freigelassenen und bestochenen Sklaven – absurd! Es wird der Ablauf von Cäsars Besuch geschildert (interessant, wie sowas ablief). Die Anklage behauptet, dass der Mörder stets exakt in dem Raum lauerte, den Cäsar gerade in diesem Augenblick mied – absurd! Später habe Deiotarus zwar alle Anwesenden „Mitwisser“ verhaften lassen, einen Sklaven jedoch ließ er entlaufen, damit er von der geplanten Tat erzählte. Auch das ist absurd, der „Prozess“ endet ohne Urteil.

Für alle Reden gilt: Cäsar will mit den Begnadigungen seiner Gegner den Eindruck vermeiden, er habe geputscht. Der darin gezeigte „Großmut“ wird immer wieder angesprochen, und Cicero versteht es, in jeder Rede an diesen Großmut zu appellieren. Diese Appelle nimmt er als Vorlage für weitere Argumente.

  • Wie es weiter ging

Cäsar wird 44 ermordet. Ligarius ist unter den Attentätern. Cäsars drei Nachfolger bilden eine Arbeitsgruppe dreier Diktatoren, das Triumvirat. Die Begnadigungen unter Cäsar werden durch „Proskriptionen“ ersetzt. Das sind Listen von Leuten, die straffrei ermordet werden dürfen, darunter auch Cicero. Die Ermordeten finanzieren mit ihrem Vermögen den nächsten Bürgerkrieg. Auf den Bürgerkrieg folgt ein Kaiserreich und mit dem Kaiserreich zieht ein Personenkult mit brutalsten Auswirkungen auf die Bevölkerung ein. Die Republik wird nie wieder in Kraft gesetzt.

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13 Gedanken zu “Karte 31: Römischer Bürgerkrieg 46 v.Chr. – „Drei Reden vor Cäsar“ von Cicero

  1. Pingback: Schuld und Sühne | hinterindien

  2. Lieber Leo, toll, wie Du die Vorgaenge unterhaltsam und leicht verstaendlich beschreibst. Das erinnert mich, dass ich jetzt endlich mal Robert Harris‘ zweiten Teil zur Cicero/Caesar Saga „Lustrum“ vom GuB runterholen sollte. Einen schoenen Abend wuenscht Dir Peggy

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  3. hallo leo, ich bin begeistert von der idee und der gestaltung deines blogs. diesen blog genießt man wie ein gutes buch. man kann ihn nicht durchscrollen und zum nächsten blog weiter springen. man braucht zeit und ruhe. die zeit für diesen blog nehme ich mir gerne und die ruhe gesellt sich ganz von selbst hinzu. vielen dank :-).

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