Karte 34: Pokrowskoje – „Familienglück“ von Leo Tolstoi

Aus dem Reclamheft mit Tolstois Erzählungen habe ich schon den „Dezember in Sewastopol“ hier behandelt. Die Erzählung „Familienglück“ ist aus dem Jahr 1859, also ebenfalls ein Frühwerk des Autors. Es liegt hier in der Übersetzung von Barbara Heitkam vor und hat 112 Seiten. Die junge Frau Marja, zu Beginn der Erzählung 16 Jahre alt, ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Das ist auch das, was sofort auffällt. Ein Mann erzählt aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau. Ich glaube, dass dies eine seltene Konstellation ist.

  • Das Setup

Sonja und Marja leben in dem Dorfgut Pokrowskoje und trauern um ihre Mutter, Sie sind nun Vollwaisen. Sergej, Nachbar und Freund des ebenfalls verstorbenen Vaters, kümmert sich um sie. Die Geschichte wälzt sich schwerfällig durch die Prokowskojeschen Jahreszeiten. Es wird Winter (mit Schneewehen bis über die Fenster), Frühjahr (mit Nachtigallen in überwucherten Beeten und Hecken), Sommer (mit Erntezeit und Garben beladenen knarrenden Fuhrwerken) und Herbst (mit umherschwebenden faserigen Spinngeweben) und zieht sich. Der Leser schweift also ab. Pokrowskoje? Da war doch was? Spurensuche.

  • Pokrowskoje bei Tolstoi und Puschkin

Die Novelle Dubrowski von Puschkin, die ich vor längerer Zeit hier besprochen habe, spielt auch in einem Dorf namens Pokrowskoje. Sind die beiden Dörfer identisch? Eher unwahrscheinlich. Puschkins Pokrowskoje gehörte dem alten Herrn und hatte eher den Charakter eines Landgutes mit Verwaltungseinheiten. Bei Tolstoi sind schon die Eigentumsverhältnisse anders, das heißt, sie werden gar nicht erwähnt. Und das Dorf ist größer. Auch ist nicht die Rede von einem Herrn oder von Verwaltern. Zwei verschiedene Orte gleichen Namens also.

Pokrowskoje ist ein Ortsname, der in Russland häufig auftaucht. Alleine das englische Wikipedia kennt 39 Orte dieses Namens. Der Ortsname ist vom slawischen Wort für „Schutz“ abgeleitet. In der Literatur könnte es also auch ein fiktiver Ort mit diesem metasprachlichen Kontext sein. Aber mal angenommen, es handele sich um ein echtes Pokrowskoje,  was für ein Pokroswkoje könnte es sein?

  • Pokrowskoje in der Geschichte

Es finden sich zunächst zwei Orte dieses Namens mit posttolstoianischer Relevanz. Pokrowskoje im Ural, am Ufer des Flusses Tura. Es ist berühmt, weil dort ein gewisser Rasputin geboren wurde, der als Scharlatan den russischen Hof durcheinander brachte. Außerdem gibt es ein Pokrowskoje im Süden zwischen Don und Dnjepr. Es ist die Gegend, in der die großen Panzerschlachten des letzten Weltkrieges tobten. In Pokrowskoje befindet sich ein deutscher Soldatenfriedhof.

Wer sich das Abenteuer einer Reise durch Moldawien antut, der kann 160 km nördlich von Chisniau noch ein Pokrowskoje besichtigen, das für seine ultraorthodoxen Mönche bekannt ist. Keiner der drei Orte kann bei Tolstoi gemeint sein, weil sie zu weit von Moskau und Petersburg entfernt sind.

  • Pokrowskoje in der Kunst

In der Oblast Kalinin (die früher Twer hieß) liegt Pokrowskoje, wo der Maler Soloka 1869 starb. Er war talentiert, und so wollte er nach Petersburg ziehen, um sich weiter zu bilden, Sein Gutsherr verbot ihm, weg zu gehen. Der Maler fügte sich, wurde dann Ikonenmaler und später bedeutungslos (ist aus Wikipedia). Dass Tolstoi ihn kannte, ist unwahrscheinlich. Zeitlich und geographisch kommt die Suche jetzt in die Region, in der es interessant wird.

Vor den Toren Moskaus wird es spannend. Hier liegt Pokrowskoje, hervorgegangen aus einem Landgut des Zaren, das Alexei Michailowitsch Romanow (1629—1676) erbaute. Entlang der Straße von Moskau nach Pokrowskoje lebten die Basmanniki, die Hofbäcker, die das staatliche Brot «Basman» buken, und Handwerker, die auf Metall und Leder Muster aufbrachten.

Dieses Prokowskoje spielte eine kleine Nebenrolle in den historischen Ereignissen rund um den Krieg gegen Napoleon. Es ist nur konsequent, dass es Tolstoi in „Krieg und Frieden“ erwähnt. Es taucht auch in „Anna Karenina“ auf. Ist es gemeint? Höchst wahrscheinlich, denn das gleiche Dorf spielt in der Biographie Tolstois eine Rolle. Sofja Behrs, die der Autor 1862 heiratete, wurde hier geboren. Und in „Familienglück“ geht man von Pokrowskoje nach Moskau, um einzukaufen.

Es wird erwähnt, dass mehrmals täglich Briefe zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje hin und her geschickt wurden. Nikolskoje ist der Heimatort von Sergej. Nikolskoje übrigens ist auch Handlungsort des etwa zeitgleich erschienen „Väter und Söhne“ von Turgenjew.

Welches Pokrowskoje gemeint ist, (und welches bei Puschkin) ist nicht mit Sicherheit identifizierbar. Ich würde mich für das bei Moskau entscheiden.

  • Die Geschichte (grüne Punkte)

In der Zwischenzeit ist in Pokrowskoje ein wenig Handlung geschehen. Es entstehen zarte Liebesbande zwischen Marja und Sergej. Sie heiraten und ziehen von Pokrowskoje nach Nikolskoje. Um ein wenig Gesellschaft zu bekommen, gehen sie für den Winter nach Petersburg. Und nun, endlich, nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Marja geht gerne in Gesellschaften. Ihr Mann wird Stück für Stück immer eifersüchtiger, der Ton zwischen beiden zynischer. Wenn einer von beiden irgend etwas macht oder nicht macht, ist schnell das Wort „Opfer bringen“ im Spiel, die beiden begleiten ihr Leben wechselseitig mit boshaften Kommentaren. Sie kehren weniger glücklich nach Nikolskoje zurück. Drei Jahre verbringen sie nebeneinander her lebend. Dann verbringen sie einen Sommer in Baden-Baden.

Sergej geht bald aus geschäftlichen Gründen nach Heidelberg. Marja unterdessen vergnügt sich in Baden-Baden. Sie besichtigt die Ruine des Alten Schlosses und genießt den Ausblick von dort. Irgendwann kreuzt ein französischer Graf ihren Weg, ihre Hand und ihre Haut und stürzt sie in ein Wechselbad der Gefühle. Überstürzt reist Marja nach Heidelberg ab. Dort trifft sie Sergej wieder. Der Gefühlswirrwarr hält an. Was weiß er? Was ahnt er? Was vermutet er fälschlicherweise?

Bald nach ihrer Heimkehr wird das Gut in Nikolskoje umgebaut. Also geht es wieder nach Pokrowskoje. Die beiden haben zwei Kinder. Marja ist unglücklich.  Sergej ist glücklich. Die beiden streiten lange, bis Marja sich in ihr Schicksal fügt, in Zukunft als glückliche Mutter zu leben.

  • Bemerkungen

„Familienglück“ liest sich zäh. Wer durchhält, der wird auf den letzten 30 Seiten voll entschädigt. Da öffnet sich die Erzählung und mit ihr der Stil hin zu den neu entdeckten Gefühlswelten. Das Thema der jungen Frau, die bewundert werden möchte anstatt in einer konventionellen Ehe zu versauern, beschäftigte die Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts offensichtlich. 25 Jahre nach „Familienglück“ behandelte Maupassant das Thema deutlich kompakter und reflektierter in seiner Novelle „Die vertane Schönheit“.

Und zum Schluss wieder mal ein Stück Eisenbahngeschichte: Marja nimmt die Bahn von Baden-Baden nach Heidelberg. Es handelt sich um die Badische Bahn. Diese Strecke war ab Mai 1844 befahrbar.
http://moscow.ru/de/guide/entertainment/attractions/square/index.php?id4=452

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheintalbahn

http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hohenbaden

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Karte # 33: Die Zuckerinseln der Karibik: „Zucker“ von Henri Hobhouse

Vor kurzem habe ich das Buch „Unter falscher Flagge“ aus der Drinkwater- Serie vorgestellt. Ein Thema dabei war der Zuckerschmuggel. Da trifft es sich, dass ich ein Bändchen fand, das sich mit der ökonomischen Geschichte des Zuckers befasst (nicht der Kulturgeschichte wohlgemerkt).

Vor mir liegt das Buch „Fünf Pflanzen verändern die Welt“ von Henri Hobhouse. Es ist eines der typisch englischen Sachbücher, die mit ihrer humorvollen Erzählweise gerne originelle Gedanken in die Welt setzen. Speziell geht es hier um das Kapitel „Zucker“, das sind die Seiten 68 – 126.

  • Das Produkt

Es geht um die Jahre von 1432 (da haben Portugiesen in Funchal auf Madeira erstmals Zuckerrohr zu Pulpe verarbeitet) bis zur Veröffentlichung des Buches 1985. Und es geht im Kern um drei karibische Inseln, die in jeweils einem Jahrhundert die Produktion und den Handel von Zucker prägten.

  • Das Problem

Mitte des 17. Jahrhunderts hat England ein Problem: Die Karibikinseln haben zwar eine strategische Bedeutung als Stützpunkte gegen die Spanier. Aber sie sind unrentabel. Also stellt sich die Frage: Wie bringt man die Entwicklung von Ländern voran, die einen Ozean weit von den Märkten in Europa entfernt lagen. Wie bringt man die Kosten der Besiedelung wieder rein?

Es gibt Plantagen mit verschiedenen Produkten. Maschinen müssen importiert werden. Schwieriger ist es mit den Arbeitern. In Europa ist es üblich, dass ein Eroberer die einheimische Bevölkerung untertan macht und für sich arbeiten läßt. In der Karibik aber ist diese einheimische Bevölkerung  entweder geflohen  oder tot. Also müssen die Arbeiter importiert werden. Man nimmt zunächst Schuldner, Kleinkriminelle und ähnliche Leute mit.

  • Die Lösung

Irgendwann fällt die strategische Entscheidung, die Kolonien durch den Anbau von Zuckerrohr rentabel zu machen. Dafür benötigt man: Gute Wachstumsbedingungen, Brennmaterial, viele Arbeitskräfte und einen wachsenden Absatzmarkt. Den wachsenden Absatzmarkt gibt es in Europa, wo Kaffee, Tee und Kakao die Nachfrage nach Zucker ankurbeln. Hobhouse stellt dar, dass diese Nachfrage künstlich erzeugt wurde und die Bevölkerung systematisch süchtig nach Zucker gemacht wurde, um die Kolonien rentabel zu machen. Fruchtbaren Boden und Brennmaterial hat man auch.

Aber dann die Sache mit den Arbeitskräften. Man stellt schnell fest, dass die mitgereisten Engländer nicht ausreichen. Zweimal im Jahr, einmal zur Pflanzung und einmal zur Ernte, ist körperliche Schwerstarbeit zu verrichten. England beginnt, Sklaven aus Afrika in die Karibik zu verschiffen.

Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

StepMap Karte 33 "Zucker" von Henry Hobhouse

 

  • Barbados (17. Jahrhundert)

1660 ist Barbados der größte Zuckerproduzent weltweit. Das Brennmaterial wächst auf der Insel. Als alles abgeholzt ist, importiert man Kohle aus Newcastle.

Es gibt 16.000 Grundbesitzer, dazu 30.000 Zwangsverpflichtete und Sklaven. Zucker wird in Monokultur angebaut, die Betriebsgröße beträgt 200 Morgen. Doch nicht jeder tut sich freiwillig dieses arbeitsintensive Geschäft an. Und so sinkt die Zahl der Grundbesitzer und die Zahl der Sklaven – schwarzer wie weißer – steigt. Der Dreieckshandel wird etabliert. Barbados ist der am dichtesten besiedelte Flecken der Erde. Die harten Bedingungen führen zu einer Brutalisierung der Lage. Dennoch bleibt die Insel bis 1808 von Aufständen verschont.

  • Jamaika (18. Jahrhundert)

Im 18. Jahrhundert wird Barbados von Jamaica (britisch seit 1655) als Hauptproduktionsort abgelöst. Schnell werden Kingston und Port Royal zum Hauptumschlagplatz des gesamten Karibikhandels. Die Betriebsgröße beträgt 700 Morgen, auf jeder Plantage leben vier mal so viele Sklaven wie in Barbados, diese sind jedoch nur halb so produktiv. England kontrolliert 1783 über 60 % des weltweiten Zuckerhandels.

  • Vom Niedergang des Zuckerhandels zur Abschaffung der Sklaverei

Ende des 18 Jahrhunderts geht es mit der karibischen Zuckerindustrie bergab. Die Ursachen:

Bis 1783 führt der Merkantilismus das Regiment: Exporte sind wichtiger als Importe. Mit dem Erlös der Exporte kauft man Gold und Silber. Das Anhäufen von Reichtümern ist wichtiger als der Verbrauch. Der Handel bereichert also den einheimischen Industriellen. Eigenbedarf deckt man folglich durch Eigenproduktion. Der Staat unterstützt den Export, das Anhäufen von Gold und den Transport von Waren mit eigenen Schiffen. Und greift immer wieder mal ein.

Ab 1783 wird die Basis für den freien Welthandel gelegt. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen für das Gemeinwohl wird wichtig. Der Reichtum der Nationen entsteht aus der Summe dessen, was die Individuen erwirtschaften. Die Exporterlöse stehen denen zu, die die exportierten Güter herstellen, transportieren und handeln. Importe ermöglichen ein komfortableres Leben. Sinkende Preise kommen den Konsumenten zugute.

Die konkreten Auswirkungen: Der Dreieckshandel ist in das Endstadium eines Massengeschäftes getreten und nicht mehr rentabel. Der Krieg gibt der englischen Regierung 1807 die Möglichkeit, Schiffsladeraum zu beschlagnahmen. Der Zuckeranbau lastet schwer auf den Bankbilanzen. Die Bankiers wenden sich neuen Investitionsmöglichkeiten zu. Die industrielle Revolution steht vor der Tür.

Der Sklavenhandel wird verboten, die verblieben Sklaven steigen im Wert. Zunächst sind damit die Bankdarlehen wieder besser gesichert. 1834 wird die Sklaverei gänzlich verboten. Von den Entschädigungszahlungen können Zuckerproduzenten ihre Kredite zurück führen. Oft reicht das Geld aber nicht aus und viele Betriebe werden insolvent.

Ein weiterer Grund spielt sich mitten in Europa ab. Der deutsche Botaniker Marggraf hatte bereits Mitte des 19 Jahrhunderts Rübenzucker isoliert. Durch Kreuzungen wurden noch stärker zuckerhaltige Rüben geschaffen. Napoleon wird auf diese Forschungen aufmerksam. Mit der Zuckerrübe kann sich nun jedes Land selbst mit Zucker versorgen. 1851 schafft England alle Zölle auf Rübenzucker ab. Die Karibik ist pleite. Die Sklaverei ist erledigt.

  • Kuba (19. Jahrhundert)

Dann ist da noch die Sache mit Kuba. Nach der Abschaffung der Sklaverei in den USA 1865 zieht es die Zuckerproduzenten aus dem Südosten der USA nach Kuba. Dort erzielen sie Fortschritte in der Produktivität. Sie führen eine zentrale Zuckermühle ein (anstelle einer Mühle pro Plantage) und bauen 1845 die erste Eisenbahnlinie Mittelamerikas, von Havanna nach Guines. Immer neue Unruhen führen dazu, dass die USA 1898 Kuba von den Spaniern erobern. Nach 1945 bricht der amerikanische Absatzmarkt ein und erholt sich auch in den 50er Jahren nicht mehr. Fidel Castro, Sohn eines Besitzers von 10.000 Morgen Zuckerplantage, übernimmt die Macht. Kuba versorgt jetzt die UdSSR. So hat das Land zweimal mit viel Tamtam seinen Großabnehmer gegen einen anderen ausgetauscht.

  • Bemerkungen

Das Buch ist mit viel Zahlenwerk (Statistiken und Anmerkungen) unterfüttert. Außerdem schreibt der Autor in mehreren Handlungssträngen, die er am Ende zusammen führt. Nicht einfach zu lesen also. Aber andererseits ist es unterhaltsam in der Diktion. Auch vertritt der Autor einige skurrile Thesen, die augenzwinkernd gedacht sind. Und so vermittelt er einen erfrischend ungewöhnlichen Blick auf Geschichte. Und der macht Spass.

Geschichte kann man eben auch als Organisation von Absatzmärkten und Rohstoffmärkten interpretieren. Zucker – sagt das Buch – ist ein schönes Beispiel dafür, wie freier Welthandel zu mehr Freiheit führt und mit der Ausbreitung von Menschenrechten einher geht. In Verbindung mit Pflanzenforschung führte er zur Abschaffung der Sklaverei.

Karte # 32: Burgund – „Burgundy Stars“ von William Echikson

Heute stelle ich einen biographischen Roman aus dem Jahr 1995 vor. Es geht um „Burgundy Stars“ von William Echikson. In der deutschen Übersetzung von Petra Hrabak und Rita Seuß aus dem Jahr 1998 heißt es „Die Sterne Burgunds“. Das Knaur-TB hat 368 Seiten. William Echikson erzählt die Lebensgeschichte des Kochs Bernard Loiseau.

  • Das Setup

Loiseau wurde 1951 in Clermont-Ferrand geboren. Er geht in Roanne in die Lehre als Koch. Einige Stationen später wird er Küchenchef eines Lokals in Paris, das dem Unternehmer Vergers gehört. Er gerät in die Szene der Stars, Unternehmer und Politiker. 1975 kauft Vergers in Saulieu das „Cote d’Or“. Es hat zwei Michelin-Sterne. Saulieu liegt in Burgund, in der Umgebung haben bereits mehrere Lokale zwei oder drei Sterne Fünf Jahre später kauft Loiseau das Lokal seinem Gönner ab. Er investiert, baut das Lokal aus und will den dritten Stern bekommen. Nein, er will nicht, er ist besessen davon, ihn haben zu müssen.

  • Das Personal

Zunächst kann der Leser Bernard dabei zusehen, wie er das Lokal umorganisiert. Jeder Angestellte wird zuständig für einen bestimmten Aufgabenbereich. Militärisch gekleidete Kellner bringen den Gästen Speisen an den Tisch, es gibt einen Käsetester, einen Patisseur, einen Abteilungskoch für Fleisch und die Praktikanten zur Perfektionierung der ständig wiederkehrenden Tätigkeiten (Schälen und Rupfen). Im Laufe des Buches wird man immer wieder Zeuge verschiedener Konflikte. Die Angestellten haben die Befehle des Kochs entgegen zu nehmen. Ein amerikanischer Praktikant sagt, dass die Franzosen deswegen auch so dumme Fragen stellen.

  • Das Konzept

Er kreiert neue Varianten alter Rezepte. Mehl- und Sahnesaucen werden abgeschafft. Schnecken und Froschschenkel werden leichter. Der Eigengeschmack der Speisen wird herausgearbeitet. Bernard erfindet Neues, wie Hecht und Schnapper auf Seeigel. Er komponiert Themenmenus aus Kartoffeln oder Spargeln.

  • Die Kosten

Auf der Jagd nach dem Stern schaut sich Bernard andere Lokale an, die den dritten Stern haben. Alle haben mit viel Aufwand umgebaut, aus ihren Restaurants wurden Chateaus oder Wohlfühlpaläste mit Hotelbetrieb. Also stürzt sich Loiseau in die Verhandlungen mit Banken.  Es ist Wirtschaftskrise, die Autobahn wurde um Saulieu gebaut und hält Gäste davon ab, in den Ort zu kommen, die Branche gilt als „schlecht“. Am Ende hat Loiseau 15 Mio Francs aufgenommen, die er in Monatsraten von 225.000 Francs zurück zahlen muss. Ohne zu wissen, ob wegen des Umbaus ein einziger Gast mehr kommt.

Am Silvestertag 1990 ist das umgebaute Lokal erstmals voll (120 Gäste á 1000 Francs Umsatz).

Karte 32 - Burgund
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StepMap Karte 32 - Burgund


  • Die Region

Als nächstes sucht er sich die besten Zutaten und Lieferanten für Produkte aus der Region. Diese Kapitel (eines pro Produkt) sind eine wunderbare Reise durch die Dörfer Burgunds. Er sucht Pfifferlinge und Steinpilze in den unzugänglichen Wäldern von Morvan. Er schießt Tauben (fleischige, nicht die städtischen). Weine findet Bernard in und um Savigny-sur-Beaune und Nuits-Saint-Georges. Käse in Epoisse (die Käsesuche ist mein Lieblingskapitel). Schnecken in Blancey. Rindfleisch in Charolles. Nur der Bäcker in Brazey lehnt ab, weil er keine Lust hat, seine Produktion auszuweiten.

Dann beginnt die Pressearbeit. Bernard fährt mit Fernsehteams und Journalisten zu jedem seiner Lieferanten. Fototermine, Auftritte in TV-Shows folgen. Die Preise der Gerichte steigen. Nur der Gewinn stagniert bei 60 Angestellten. Dann endlich erhält er den dritten Stern.

Das Lokal ist jeden Tag voll besetzt. Schließlich kommt sogar Mitterand. Er bringt übrigens selbst gesammelte Pilze mit.

  • Neue Wege

Die Nouvelle Cuisine ist mittlerweile zu einer Spielwiese von Experimentalköchen geworden (es gibt so merkwürdige Sachen wie Ente in Schokolade) oder für schöne Gemälde auf dem Teller, die mit Kiwis verziert sind, aber nicht schmecken. Die guten Köche, darunter neben Loiseau auch Bocuse schauen sich nach neuen Geschäftsideen um.

Bocuse ist es schließlich, der die Parole ausgibt: Wir müssen von McDonalds lernen. Zwei Dinge können die besser. Sie beziehen die Kinder in den Betrieb mit ein, und sie machen ein Menu für Familien mit Kindern preislich attraktiv. Und dann gibt es weitere potentielle Kunden. Das sind alle die, die sich von der förmlichen Atmosphäre eines 3-Sterne-Lokals abgeschreckt fühlen.

Die Lösungen sind Tiefkühlgerichte – pardon: Tiefkühl-Gourmet-Gerichte. Außerdem entstehen Bistro-Ketten, und schließlich stellen die Sternköche ihre Namen auch für einfachere Lokale zur Verfügung. Es kommen Kochbücher auf den Markt, und es kommen Anfragen aus anderen Ländern, Restaurants zu eröffnen. Bernards erstes ausländisches Restaurant steht in Kobe in Japan. Dann folgen Gespräche mit den Produktmanagern von Unilever und eine Suppenedition entsteht.

Aber der Markt ist gesättigt. Die Bistros sind das erste Anzeichen für die Sehnsucht nach mehr authentischem Leben. Rindfleisch wird durch mehrere Skandale diskreditiert. Die Kreditzinsen sind hoch; Bernard muss 13 Angestellte entlassen. Seinen Konkurrenten geht es nicht besser. Da helfen auch ein paar verliehene Orden nicht weiter. Irgendwann kommt aber auch der nächste Aufschwung, neue Preise. Die Geschichte endet 1994.

  • Bemerkungen

Es kein Gourmet-Buch, kein erzähltes Kochbuch. Das Buch handelt von den organisatorischen Problemen eines Mannes, der ein Unternehmen führt, seinem Wettlauf um die beste Qualität, und natürlich seinen finanziellen Herausforderungen. So erfährt man, dass die wichtigste Neuerung der Nouvelle Cousine eine ökonomische war. Der Koch ist von nun an gleichzeitig der Besitzer des Lokals, nicht mehr Angestellter. Und der Maitre d’hotel ist an Weisungen des Kochs gebunden. An dieser kleinen Bemerkung erahnt man die Spannungen, die es zuvor zwischen den beiden gegeben haben muss. 
Es ist spannend erzählt und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte, Kultur und Ökonomie Burgunds. Das weitere Leben Loiseaus verläuft tragisch. Er erschoss sich 2008. Seine Witwe führt das „Cote d’Or“ bis heute weiter.

Karte 31: Römischer Bürgerkrieg 46 v.Chr. – „Drei Reden vor Cäsar“ von Cicero

Die heutige Reise ist eine Zeitreise etwa 21 Jahrhunderte in die Vergangenheit. Vor mir liegt das Reclam-Bändchen „Drei Reden vor Cäsar“ von Marcus Tullius Cicero. Das Heft hat 64 Seiten und ein Nachwort der Übersetzerin Marion Giebel. Der Autor ist ein Politiker und Anwalt, dessen Reden im damaligen Rom berühmt waren. Er galt im öffentlichen Leben als Autorität. Die Reden des Buches wurden in den Jahren 46 und 45 v.Chr. gehalten und sind ein Nachhall des Bürgerkrieges.

  • Das Setup

Die Geschichte der Reden beginnt einige Jahre zuvor. Es ist das Jahr 49. Rom ist eine Republik. Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Ja, vor allen Dingen auch Gallia Cisalpina (also Norditalien). Die Römer, das sind vor allen Dingen Cäsar und seine Armeen. Wobei Cäsar nicht eigenmächtig handelte, sondern vom Senat (also sozusagen dem Parlament) dazu beauftragt war.

Nun strebt Cäsar nach Macht in Rom selbst. Er will vom Senat zum Konsul gewählt werden – das ist eine Art Reichspräsident mit weitreichenden Vollmachten, auch am Parlament vorbei zu regieren. (Anmerkung: Als Balance of Power gab es deswegen nur eine einjährige Wahlperiode und außerdem zwei Konsuln pro Jahr, die sich mit Vetos blockieren konnten).

Cäsar entscheidet sich dafür, mit seinen Armeen nach Rom zu gehen und die Kandidatur zu erzwingen. Also ist Bürgerkrieg. Sprichwortalarm: Cäsar beginnt den Krieg, indem er den Grenzfluss Rubikon überschreitet. Die Parteien: Cäsar gegen den römischen Senat (mit Pompejus als Feldherrn). Der Senat verläßt Rom sicherheitshalber schonmal, und im Jahr 46 kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Pharsalas. Cäsar gewinnt. Damit herrscht er alleine und nicht vom Senat autorisiert – er ist also Diktator. Pompejus und viele seiner Anhänger müssen ins Exil gehen.

Auch Cicero, der für die Republik – also für Pompejus – Partei ergriffen hat, muss ins Exil, wird aber später von Cäsar begnadigt und darf seinen Platz als Senator wieder einnehmen.

  • Rede für Marcellus

Marcellus gehört ebenfalls zu denen, die ins Exil gehen müssen. Er hält sich im Jahr 46 auf Lesbos auf. Cäsar begnadigt Marcellus.

Im Senat erhebt sich Cicero und adressiert eine Dankesrede an Cäsar. Er schmiert Cäsar Honig um den Mund. Gütig sei er, und gerecht. Sein Großmut sei grenzenlos. Und durch seine Großzügigkeit sichere er sich sein Ansehen und damit seine Macht. Und damit er seine Größe noch mehr beweise, solle er nun auch den Staat in Ordnung bringen. Das heißt aus Ciceros Mund, dass er die Republik einführen solle.

Die Rede ist popeliges politisches Tagesgeschäft: A macht was, B sagt: toll, aber noch besser wäre es, wenn Du was anderes machen würdest. (A = Cäsar, B = Cicero, was anders = Republik wieder einführen.) Marcellus wird auf der Rückfahrt von Lesbos nach Rom in Piräus ermordet.

Karte 31
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  • Rede für Ligarius

Ganz anders sind die Voraussetzungen bei der Rede für Ligarius. Es handelt sich um eine Verteidigungsrede bei einer Gerichtsverhandlung. Ligarius ist im Exil – aus den gleichen Gründen wie Marcellus (Parteinahme für Pompejus) . Der Staatsanwalt Tubero klagt Ligarius des Hochverrats an.

Warum? Ligarius war Legat (so ne Art Botschafter) in der Provinz Africa. Der Vater des Staatsanwaltes hatte vom Senat den Auftrag, in Africa Soldaten zu gewinnen. Ligarius weigerte sich, ihn ins Land zu lassen. Deswegen Hochverrat. Doch auch der Ankläger war im Bürgerkrieg auf der Seite des Pompejus, nicht auf der Seite Cäsars.

Cicero haut dem Tubero also erstmal die eigene Parteinahme im Krieg um die Ohren. Er hätte doch wohl im Krieg gegen Cäsar gekämpft. Hochverrat? – „Er hat es nicht getan, nicht geplant, falsch sind die Zeugen, erdichtet die Anklage“. Würde also Ligarius schuldig gesprochen, dann würde dies geschehen, obwohl er doch Cäsar einen Vorteil verschaffte. Ein Schuldspruch würde das Werk von Cäsars Gegnern tun. In Verbindung mit dem Apell an Cäsars Großmut kann Ligarius nur freigesprochen werden.

Die Rede für Ligarius ist ein rhetorisches Meisterwerk. Appelle, Argumente, Thesen, das Entkräften der Vorwürfe, verbunden mit Vorwürfen an den Ankläger, immer wieder abwechselnd an Cäsar und Tubero gerichtet. Da wird sogar dem heutigen Leser noch schwindelig. Die Rede führte tatsächlich zu einem Freispruch und beendete gleichzeitig Tuberos Karriere als Staatsanwalt.

  • Rede für König Deiotarus

Deiotarus war König in Galatien, einem Reich in der heutigen Türkei. Er war dem Senat gegenüber loyal. Über den Bürgerkrieg gelangten nur wenige Nachrichten zu ihm. Als loyaler König mit wenigen Informationen schloss er sich Pompejus an. Nach dem Bürgerkrieg wandte er sich von Pompejus ab.

Vor kurzem war Cäsar bei Deiotarus zu Gast. Während dieses Besuchs soll Deiotarus versucht haben, Cäsar zu ermorden. Dessen wird Deiotarus angeklagt. Der Prozess findet – in Abwesenheit des Angeklagten – in Cäsars Haus statt. Cicero verteidigt den Angeklagten.

Zunächst beklagt sich Cicero über die fehlende Öffentlichkeit. Anschließend fasst der den Ablauf des Bürgerkrieges kurz und gut lesbar zusammen. Dann sagt er, dass die Anklage absurd sei: Der Richter – Cäsar – ist gleichzeitig das potentielle Opfer, Ankläger ist der Enkel des Täters – absurd! Die Anklage fußt auf Aussagen eines freigelassenen und bestochenen Sklaven – absurd! Es wird der Ablauf von Cäsars Besuch geschildert (interessant, wie sowas ablief). Die Anklage behauptet, dass der Mörder stets exakt in dem Raum lauerte, den Cäsar gerade in diesem Augenblick mied – absurd! Später habe Deiotarus zwar alle Anwesenden „Mitwisser“ verhaften lassen, einen Sklaven jedoch ließ er entlaufen, damit er von der geplanten Tat erzählte. Auch das ist absurd, der „Prozess“ endet ohne Urteil.

Für alle Reden gilt: Cäsar will mit den Begnadigungen seiner Gegner den Eindruck vermeiden, er habe geputscht. Der darin gezeigte „Großmut“ wird immer wieder angesprochen, und Cicero versteht es, in jeder Rede an diesen Großmut zu appellieren. Diese Appelle nimmt er als Vorlage für weitere Argumente.

  • Wie es weiter ging

Cäsar wird 44 ermordet. Ligarius ist unter den Attentätern. Cäsars drei Nachfolger bilden eine Arbeitsgruppe dreier Diktatoren, das Triumvirat. Die Begnadigungen unter Cäsar werden durch „Proskriptionen“ ersetzt. Das sind Listen von Leuten, die straffrei ermordet werden dürfen, darunter auch Cicero. Die Ermordeten finanzieren mit ihrem Vermögen den nächsten Bürgerkrieg. Auf den Bürgerkrieg folgt ein Kaiserreich und mit dem Kaiserreich zieht ein Personenkult mit brutalsten Auswirkungen auf die Bevölkerung ein. Die Republik wird nie wieder in Kraft gesetzt.