Karte # 30 a und b: Paris 1984 – „Die Taube“ von Patrick Süskind

Die Erzählung „Die Taube“ von Patrick Süskind erschien 1987. Ich habe die Erstauflage von Diogenes mit 100 Seiten.

Jonathan Noel ist Wachmann einer Bank in Paris, in der Rue de Sèvres. Er ist über 50, macht den Job seit 30 Jahren, bekommt 3.200 Francs im Monat. Er hasst nichts mehr, als Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Leben verläuft ereignislos, sein Alltag bewegt sich immer in den gleichen Bahnen.

  • Der tägliche Weg

Er wohnt in einem Zimmer in der Rue du Planche. Er legt den Weg zwischen Zimmer und Arbeitsplatz zu Fuß zurück. Er geht immer den gleichen Weg nach Hause. Von der Bank an der Rue de Sèvres aus nach rechts in die Rue Du Bac und von dort in die Rue du Planche.

Eine Ausnahme gab es, und zwar in einem Herbst in den 60er Jahren. Das kam so: Einmal im Monat geht er zum Postamt in die Rue Dupois. Er zahlt dort seine Stromrechnung. Damals musste Jonathan auf dem Weg zur Post mit ansehen, wie ein Clochard auf der Straße sein Geschäft verrichtete. Angeekelt kann er nicht an ihm vorbei gehen und nimmt daher einen Umweg nach Hause, über die Rue du Cherche Midi und den Boulevard Raspail. Die Karte zeigt, dass sich Jonathans Leben in einem Umkreis von 300 Metern abspielte.

Taube
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  • Der Vormittag

Den immer gleichen Weg nimmt Noel auch am Tag der Geschichte, einem Freitag im August 1984. Dieser Tag verläuft dann jedoch völlig anders als alle anderen Tage zuvor. Wegen der Taube. Die sass nämlich im Treppenhaus und hatte die Fliesen verunreinigt. Er steigert sich gedanklich in Fantasien hinein, in denen die Taube völlige Anarchie in dem Haus ausbrechen ließe. In der Hitze dieser Fantasien packt er seinen Hausstand zusammen und geht mit Koffer und Winterklamotten zur Arbeit.

Den ganzen Vormittag über ist Jonathan unruhig. Seine Bewegungsabläufe verändern sich (sitzen – aufstehen – 7 Schritte nach links – 7 Schritte nach rechts – das passiert in einer anderen Reihenfolge). Dann muss der Fahrer des Direktors hupen, damit Jonathan ihn bemerkt und das Rolltor öffnet. Das ist peinlich und noch nie passiert.

  • Erledigungen in der Mittagspause

Was ein Glück ist irgendwann Mittagspause. Jonathan nutzt die Zeit, um sich in der Rue Saint-Placide in einem Hotel ein Zimmer zu mieten (50 Francs die Nacht). Im Kaufhaus Bon Marché kauft er sich dann eine Rosinenschnecke und eine Tüte Milch, setzt sich auf eine Parkbank im Square Boucicaut und vespert. Auf dem Rückweg zur Bank fällt ihm ein, dass er den Milchbeutel nicht in einen Papierkorb geworfen hat. Er geht zurück und holt das nach. Dabei reißt ihm die Hosennaht. Also geht er zur Schneiderin in Kaufhaus. Die hat aber so viele Aufträge, dass die erst in 3 Wochen Zeit für Jonathans Hose hat. Jonathan kauft sich eine Rolle Tesafilm und sitzt sehr unbequem den Rest des Nachmittags auf seinem Platz.

  • Der Nachmittag

Nun kann er sich nicht mehr bewegen, was er zunächst als unangenehm empfindet. Völlig durchgeschwitzt gibt er sich wieder Untergangsphantasien hin. Er will die frechen Kellner im Café gegenüber verprügeln. Er will auf die schmutzigen und lauten Autos in der Rue de Sèvres schießen (als Wachmann trägt er eine Waffe). Er bekommt einen solchen Hass auf alles und jeden, dass er wild m sich schießen will. Die Vorstellung, diese Macht zu haben, versteinert ihn. Dann wird ihm klar, dass er dazu gar nicht fähig wäre. Er ist ein Dulder, kein Täter.

Solchen Gedanken nachhängend verbringt er den Nachmittag. Irgendwann kommt wieder das Auto des Direktors. Er bemerkt es rechtzeitig und – als löste das Hören des Motors alle weiteren Bewegungen in ihm aus – öffnet er das Rolltor. Er hält sich nun für eine „Marionettenmaschine“.

  • Ein großer Spaziergang am Abend


Wieder hat er Glück: Es ist Feierabend. Doch Jonathan geht nicht nach Hause. Er durchwandert Paris: Rue de Sevres – Rue de Abbé Grégoire – Rue de Vaugirard. Von dort in den Jardin du Luxembourg, den er dreimal umrundet (außen, wo die Jogger laufen). Weiter über den Boulevard de Montparnasse zum Friedhof von Montparnasse. Dann geht er – die Straßen werden nun nicht mehr genannt – ins 15. Arrondissement, die Seine entlang ins 7. und ins 6. Von dort aus wieder Richtung Jardin du Luxembourg. Es ist 9 Uhr abends, die Rue de Vaugirard ist wenig befahren, er bekommt Hunger. Beim Tunesier in der Rue d’Assas kauft er Ölsardinen, Brot und eine Birne und kehrt ins Hotel zurück. Es sind über 17 Kilometer.

Nachts dann noch ein Gewitter, der nächste Morgen – eine Katze huscht am Kaufhaus vorüber – er geht durch die Pfützen, die der Gewitterregen zurück liess in die Rue du Planche. Die Taube ist weg. Ein Putzlumpen liegt zum Trockenen auf den Kacheln.

So ist das.

  • Bemerkungen

Der Reiz der Geschichte liegt in ihrer Absurdität. Ins Absurde gesteigerte Banalitäten haben etwas Sympathisches, und sie gewinnen ihre eigene Größe. Aber sie ist gar nicht so absurd. Ein ungewöhnliches, doch wenig spektakuläres Ereignis löste eine ganze Kette absurder Gedanken und Reaktionen aus. Die Ereignisse, die ihm widerfahren sind unspektakulär, werden vor dem Hintergrund des noch unspektakuläreren Alltags aber zu etwas Besonderem. Vor meinem geistigen Auge sah ich bei der Lektüre Mr. Bean rumlaufen. Das permanente Spiel, Belangloses und Besonderes immer wieder neu zu interpretieren, machen das Buch aus.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schnecke_(Geb%C3%A4ck)
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lsardine

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15 Gedanken zu “Karte # 30 a und b: Paris 1984 – „Die Taube“ von Patrick Süskind

  1. Lieber Leo,
    was ist das denn für ein armer Mensch, der sein ganzes Leben in so einem kleinen Radius verbringt? Gibt es denn Hinweise, dass dieser besondere Tag der Absurditäten, der ihn immerhin dazu bringt, neue Stadtteile zu erkunden, zu einer zukünftigen Erweiterung seines Horizontes beitragen kann?
    Viele Grüße, Claudia

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    • Hallo Claudia, es gibt wenige kleine Hinweise: Jonathan sehnte sich seit seiner gescheiterten Ehe nach Monotonie und Ruhe. In der Gewitternacht am Ende bekommt er Angst und gesteht sich ein, ohne andere Menschen nicht leben zu können. Aber es bleibt eine Momentaufnahme, eine echte Veränderung tritt nicht ein. Aber ich denke, dass man die Geschichte ironisch lesen muss, ansonsten müsste man sie deprimierend nennen. Grüße. Leo

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  2. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich „Die Taube“ gelesen habe – und ich fand sie damals sehr deprimierend, um ehrlich zu sein. Mit deinen Karten und deinen Eindrücken im Hinterkopf lohnt sich wohl ein zweites Lesen. Die Erzählung ist ja nicht sehr lang…

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  3. Ich habe „Die Taube“ vor vielen Jahren gelesen. Sie war mir auch ganz aus der Erinnerung geglitten, da sich doch „Das Parfum“ hartnäckiger hielt. Ich danke Dir fürs Erinnern und das Aufzeigen der „Lebenswege“ auf der Karte.

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  4. Süsskind ist unglaublich vielfältig. Klar hat das Parfum beeindruckt, die Taube kenne ich noch nicht, werde mir das Buch aber vormerken. Und Leo, Du beeindruckst immer wieder mit Deiner Kartenarbeit! Danke für den Tipp und GLG

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  5. Mich erinnert das an die Verunsicherung, in die Autisten geraten, wenn ihre ritualisierten Verhaltensweisen durchkreuzt werden. Süskinds Sprache dazu und ich habe die Vorstellung von einem sehr lesenswerten Buch.

    Deine Art, die Bücher im wahrsten Sinn des Wortes zu kartographieren, gefällt mir..:-)

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