Karten # 29a und 29b: Alabama – „Flying Home“ von Ralph Ellison

Flying HomeRalph Ellison gehört zu den unbekannteren amerikanischen Autoren, zumindest bei uns. Er wurde 1914 in Oklahoma City geboren. 1933 zog er nach Tuskagee in Alabama, um Musik zu studieren.  Dort lernte er die Schrecken des Rassismus im „Deep South“ kennen. 3 Jahre später geht er nach New York, studierte Kunst und Literatur, veröffentlichte einen Roman („The Invisible Man“) und mehrere Erzählungen. Seine Protagonisten sind meistens Farbige. Ab 1964 lehrt Ellison an der Yale University. 1994 starb er in New York. Posthum wurden mehrere Erzählungen entdeckt, die 1996 in dem Band „Flying Home and Other Stories“ erstmals veröffentlicht wurden. Die deutsche Übersetzung als Rororo-TB trägt den Titel „Flying Home“ und hat 220 Seiten. Sie ist mit einem ausführlichen editorischen Vorwort des literarischen Nachlassverwalters und Herausgebers John Callaghan versehen. Das Umschlagfoto zeigt ein Portrait des Autors.

  • Die Geographie

Der Leser lernt Alabama gut kennen. Eisenbahnstrecken durchziehen das Land. Vor allem die Linie von Montgomery weiter über Nashville bis nach St. Louis ist eine Lebensader des Landes. Viele Farbige fahren auf den Zügen auf der Suche nach Jobs nach Norden. „Auf“ den Zügen ist wörtlich zu nehmen. Man reist als Tramp, liegt auf den Dächern der Güterwaggons und hofft, von keinen Wachposten oder Polizisten entdeckt zu werden. Da fehlt der Blick für die Landschaft mit den roten Kardinalsvögel in den Feldern. Nur manchmal finden die Protagonisten ein wenig Ruhe, Pfirsichbäume blühen, die Pfirsichernte ist ein großes Ereignis. Es gibt Kirschen und Äpfel, manchmal sitzt man auf staubigen Verandas. Nachts hört man den hellen Ruf einer Wachtel, und im Fluss springen mondsüchtige Fische. Die Geschichten spielen in der Zeit zwischen 1924 und 1945.

  • Alabama

Die erste Geschichte des Buches heißt „Ein Feuerwerk in der Stadt“ („A Party Down At The Square“) und setzt den beeindruckenden Anfangsakkord der Sammlung. Es ist Nacht. Ein Dorf irgendwo in Alabama, an der Straße nach Birmingham. Es sind auch Leute von Phenix City rübergekommen. Deren Autos stehen zwischen den Fuhrwerken. Es regnet, die Tropfen gefrieren auf dem Boden. Man friert. Der Ich-Erzähler: Ein 10-jähriger weißer Junge aus Cincinnati, der hier Urlaub macht. Er wird angesprochen, das Feuerwerk in der Stadt anzusehen.

Es riecht nach Benzin. Ein Mann brennt. Ein lynchender Mob stößt ihn immer wieder ins Feuer zurück. Das Feuer irritiert den Piloten einer TWA-Maschine, die notlandet und ein Stromkabel abreißt. Eine Frau stirbt an einem elektrischen Schlag. Der Lynchmord geht weiter, von dem Jungen im Detail beobachtet. Danach bricht ein dreitägiger Sturm über die Stadt herein. Der Junge, der dem Mordopfer helfen wollte, wird als Weichei verschrien. Das ist ihm egal. Er hat seine Unbefangenheit in dieser Nacht verloren. Die Erzählung ist gerade mal 10 Seiten lang und dabei von einer Intensität und Beklommenheit, die ihresgleichen sucht.

Ralph Ellsion, Flying Home
Jetzt eigene Europakarte auf stepmap.de erstellen

StepMap Ralph Ellsion, Flying Home


„Ich weiß nicht einmal ihre Namen“ spielt „auf“ dem Zug von Santa Fe nach St. Louis (untere Karte, blaue Strecke). Der Erzähler lernt ein altes Ehepaar kennen, klettert „in“ den Waggon. Dort führt das Ehepaar mit ihm „normale“ Gespräche über Ziele und Träume. Diese Erfahrung eines alltäglichen Gesprächs mit Weißen macht er zum ersten Mal in seinem Leben. Von St. Louis aus nimmt er den Zug über Nashville nach Montgomery. In Decatur – der ersten Stadt hinter der Staatsgrenze – wird er verhaftet.

In „Hymies Bulle“ schaffen es ein paar Tramps – auch von Norden kommend – über Decatur hinaus nach Birmingham und bis Montgomery. Einer von ihnen, Hymie, hat unterwegs einen Polizisten im Gerangel ermordet. In Montgomery wird der Zug von Polizisten umstellt, den Tramps gelingt die Flucht.

Schließlich die Titelgeschichte „Flying Home“. Todd ist Ausbildungspilot, stationiert in Tuskegee. Wegen eines Flugfehlers muss er auf dem Land von Mr. Graves notlanden. Graves ist berüchtigt, weil er schonmal Schwarze gelyncht hat. Ein alter farbiger Bauer findet Todd und rettet ihn vor Graves.

  • Andere Geschichten

Zwischen der schweren Kost tun die unterhaltsamen „Buster and Riley“-Geschichten gut. Buster und Riley sind zwei 11 Jahre alte Jungs, die sich die Nachmittage mit einigen Streichen um die Ohren schlagen. Einmal stehlen sie Kirschen, einmal versuchen sie, Küken das Fliegen beizubringen und einmal unterhalten sie sich über ihre nervigen Eltern, einmal wird Riley ertappt, als er durch ein Fenster eine nackte Frau beobachtet.

„Der Junge im Zug“ spielt – nicht nötig, das zu erwähnen – in einem Eisenbahnwaggon, im Jahr 1924, jedoch nicht im „Deep South“. Ein Junge fährt mit seiner Mutter von Oklahoma City nach McAlester, weil sie dort Arbeit bekommen hat (grüne Strecke). Sie eröffnet ihm, dass sein Vater gestorben ist, und dass er sich nun um sein Leben als „Schwarzer“ ohne Hilfe seines Vaters zu kümmern hat.

Es folgen Geschichten in denen schwarze junge Männer ihre ersten Schritte als Erwachsene in einer schwierigen Umgebung machen. In „Da soll noch einer mitkommen“ fahren Tom und Joe nachts um 4 in einem Zug in Chicago ein. Es schneit, Hasen hoppeln durch das Schneegestöber, Straßenlaternen bilden Eiskristalle. Sie sehen einen farbigen Mann nackt durch den Schnee rennen, Schüsse fallen. Sie haben Todesangst und sind erleichtert, als sie erfahren, dass der Mann das Objekt einer Wette zwischen zwei Gangstern war.

In „Der schwarze Ball“ lernt der Erzähler einen weißen Gewerkschafter kennen, den ein Mob fast gelyncht hätte, weil er vor Gericht wahrheitsgemäß zugunsten eines Schwarzen aussagte. Später erlebt er, wie sein 4-jähriger Sohn beim Ballspielen zum ersten Mal mit dem alltäglichen Rassismus konfrontiert wird. Und schließlich wird in New York ein Schwarzer beim Bingo-Spiel betrogen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist ein schriftliches Road-Movie auf mehreren Ebenen. Es ist eine Eisenbahnreise durch Amerika. Es ist auch eine Reise durchs das Erwachsenwerden in einer schweren Epoche und eine Reise durch die Geschichte der Schwarzen in Amerika. Ellison lässt seine Figuren sprechen, einige Erzählungen bestehen fast nur aus Dialogen. Er offenbart so die Niederlagen und die Selbstschutzmechanismen seiner Figuren und schafft eine beklemmende, doch nie ausweglose Atmosphäre. Nie fühlt sich eine Figur in ihrer aktuellen Lage vollständig gefangen. Das Reisen im Zug oder in der Zeit öffnet immer wieder Auswege aus der aktuellen Situation. Darüber hinaus vermittelt Ellison Auswege durch die Literatur und die demokratische Identität Amerikas. Absolut lesenswert.

Advertisements

6 Gedanken zu “Karten # 29a und 29b: Alabama – „Flying Home“ von Ralph Ellison

  1. Alabama steht noch auf meiner Liste für Reiseziele in den USA – abgesehen von einer kurzen Durchreise früher mal. Und Ellison steht noch auf meiner Literaturliste.
    Liebe grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s