Karte # 24: Wales / Cadair Idriss – „The Long Walk Home“ von Will North

Im Snowdonia Nationalpark im Norden Wales kann man gut wandern. Das wichtigste Bergmassiv ist der Cadair Idriss. Am seinem Fuße liegt die Kleinstadt Dolgellau, die der Anlaufpunkt für viele Touristen ist. Saison ist etwa Juni bis September. In dieser Gegend spielt der Roman „The Long Walk Home“ von Will North, und zwar im April 1999. Ich habe die deutsche Ausgabe „Am Ende des Weges“ als Heyne-TB aus dem Jahr 2009 mit 384 Seiten

  • Geografie Teil 1 (Cadair Idriss) – blaue Markierungen

Cadair Idriss ist ein Bergmassiv mit 5 Gipfeln. Von Norden aus führt der Pony Path und der Fox Path zum Gipfel, von Süden aus der Minfford-Path. Mit ihm beginnt die Geschichte. Die Hauptfigur Alec nimmt den Bus ab Dolgellau über die A 470 nach Süden, am Straßenrand wechseln Dorfgärten, Blumenwiesen und Steinmauern ab. An der Kreuzung zur A 487 steht ein einsamer Gasthof, Cross Foxes Inn, der Bus nimmt dann die A 487 bergauf über einen Pass. Dann kommt auf der rechten Seite ein Parkplatz mit Bushaltestelle. Hier beginnt die Minfford-Route.

Der Weg steigt schnell steil an. Verbogene, knorrige Eichen bilden einen Wald, der bald einer Landschaft aus Heidekraut, Ginster und Farnen weicht. Nach anderthalb Stunden Fußmarsch sieht man hinab auf das Tal y Llyn. Bald darauf bietet sich ein atemberaubender Anblick: Senkrechte Felsen, bis zu 300 Meter hoch, umschließen den Llyn Cau. An den Rissen und Rinnen der Felsen stürzen Wasserfälle in die Tiefe. Es geht weiter über einen schmalen Felsgrat, über einen Nebengipfel, den Craig Cau, durch eine Bodensenke und dann über Felsen aus windzerfressenem Granit. Der Weg ist nicht mehr sichtbar, er wird durch Steinhaufen markiert, denen jeder Wanderer einen Stein hinzufügt. Der Abstieg führt durch ein Hochmoor, ab und zu führt er an den Ruinen alter Farmen vorbei. Dann landet man wieder auf den Schafweiden. Für den ganzen Weg sind 4 Stunden zu rechnen.

Die Fuchs-Route führt von Dolgellau aus nach oben. Der Pfad beginnt mäßig ansteigend, nach einer Meile kommt man an einem kleinen See vorbei, dem Llyn Gaff. Dahinter wird es steiler, man klettert über Felsbänke und Gesteinsvorsprünge bis der Llyn y Gadair zu sehen ist. Geröll und rutschiges Gras behindern den Weg hoch zum Gipfel, dem Pen y Gadair. Dort bietet ein Steinverschlag mit Wellblechdach Schutz vor dem Wetter.

Beim Aufstieg und Abstieg vom Cadair Idriss kommt man auch an Weiden vorbei, auf denen Schafe leben. So erfährt der Leser auch einiges über Schafzucht, wie das Schafbad und die Probleme, die beim Ablammen auftreten können.

  • Handlung

Alec Hudson hat von seiner verstorbenen Ex-Frau (die beiden sind geschieden, aber Freunde) die Aufgabe erhalten, ihre Asche am Cadair Idriss zu verstreuen. Dafür mietet er sich in der Pension von Fiona und David Edwards ein. Die beiden haben eine Schaffarm ausgebaut. David hat nach mehreren Herzinfarkten keine Kraft mehr, sich um das Anwesen zu kümmern. Sie haben noch einen Schafhirten, Owen, und eine Tochter, die handlungsfern mit zwielichtigen Freund in Liverpool lebt. Alec wandert auf dem Cadair Idriss und erfüllt seinen Auftrag.

Wieder unten angekommen, landen er und Fiona im Bett (Das war für den Leser ab Seite 30 klar, ich hätte mir das spannender gewünscht). Am nächsten Tag geht David auf den Berg, um sich dort umzubringen. (Nicht weil er das mit seiner Frau und Alec ahnt, sondern kontextfrei aus Depressionen). Alec findet ihn, tagelang kämpfen Ärzte im Krankenhaus um sein Überleben – erfolgreich (Das ist der spannende Teil). Nun kommt die Tochter zu Besuch, samt Freund. Freund Gerald (Student, Praktikant in einem Immobilienbüro und mit Affinität für Pubs) klopft großspurige Sprüche darüber, was er mit der Farm so alles machen könnte. Irgendwann brät ihm Owen eine über und alle zusammen werfen ihn raus. David kommt nach Hause, wo er eine Pflegerin benötigt, aber hin und wieder auch auf die Weiden gehen kann, um zu helfen. Owen ist in Fionas Tochter verliebt. Alec reist ab. Fiona findet in Alecs Bett einen Brief, in dem er seine Abreise begründet.

  • Geografie Teil 2 (Wales) – rote Markierungen

David liegt im Krankenhaus in Aberystwyth. Fiona besucht ihn. Dazu fährt sie von Dolgellau aus die A 470, die A 487, danach weiter bis Machynlleth. Dann weiter nach Süden über Tal y Bont und Bow Street, bis Aberystwyth. Die Rückfahrt führt bis Machynlleth, dann auf die A 493 Richtung Küste, den Dyfi River entlang. Enten und Kormorane ziehen ihre Kreise, Seeschwalben und Regenpfeifer sind zu sehen. Die Straße führt in die Küstenstadt Tywyn. Dann führt sie landeinwärts, um den Mäandern des Dysynni auszuweichen. In der Küstenstadt Fairbourne biegt sie nach Dolgellau ab.

Ach so, ja, das Wetter: Es drängt vom Atlantik über die Irische See herein. Es ändert sich plötzlich, und wenn es regnet, dass ist das Gebirgsmassiv von Wolken eingehüllt.  Was bedeutet, dass der Wanderer auch in den Wolken sich orientieren muss. Die Wolken bringen auch Hagel mit sich, ganz ungefährlich ist das alles also nicht.

  • Bemerkungen

Die Geschichte selbst ist in jedem Schritt vorhersehbar und nervig überraschungslos. Vor allem bleibt David für den Leser bis zum Schluss ein Phantom. Auch der stressige Freund der Tochter ist nicht viel mehr als ein handelsüblicher überkandidelter BWLer. Es liegen so viele potentielle Konflikte am Wegrand der Geschichte. Eigentlich. Der Autor schafft es dennoch, zielsicher allen Konflikten aus dem Weg zu gehen. So bleibt alles sehr „Heile-Welt“-mäßig.

Es ist einer jener Unterhaltungsromane, deren Lektüre schnell geht. Lohnt eigentlich nicht. Aber doch: wenn Alec seine Wanderungen auf den Berg macht, schafft es der Autor, Stimmung zu erzeugen und die Region im Kopf des Lesers zum Leben zu erwecken. Als erzählerischer Wanderführer hat das Buch seine Berechtigung.

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Karte # 23: Marrakesch 1954 – „Die Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti

Elias Canetti begleitet im Jahre 1954 ein englisches Filmteam nach Marokko. In dieser Zeit entstand der literarische Reisebericht „Die Stimmen von Marrakesch“, der aber erst 1968 veröffentlicht wurde. Es sind 14 skizzenhafte Berichte über Orte und Menschen, denen Canetti in den Wochen seines Aufenthaltes begegnete. Ich habe die Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2004 mit 110 Seiten und ohne Vor- oder Nachwort.

Über die Dauer des Aufenthaltes oder den Film oder Canettis Rolle im Team erfährt man wenig. Es sind 15 Personen, darunter der englische „Hersteller“ des Films und ein Amerikaner, der eine Rolle spielt. Der Zeitpunkt der Reise lässt sich ein wenig eingrenzen. Während des Aufenthalts Canettis findet in einer Moschee in Marrakesch ein Attentat auf den Sultan statt. Dies war am 5.3.1954. Marokko war französisches Protektorat. Der Sultan war durch die französische Besatzungsmacht eingesetzt. Die politischen Verhältnisse sind jedoch nicht Gegenstand des Buches, sondern Orte und Menschen. Ich habe die Geschichten nach den Schauplätzen sortiert.

  • Djema El-Fna (5 Geschichten)

Der Djema El-Fna ist der zentrale und größte Platz von Marrakesch. Der Autor wohnt in einem Hotel in der Nähe. Tagsüber führen Akrobaten, Tänzer, Schlangenbeschwörer, Feueresser ihre Kunststücke auf. Erzähler unterhalten stundenlang ihre Zuhörer mit Geschichten. Schreiber sitzen an einem stilleren Teil des Platzes und verfassen Texte für Menschen, die sie alleine deswegen aufsuchen („Erzähler und Schreiber“). „Der Unsichtbare“, die letzte Geschichte der Sammlung, ist vielleicht die mystischste.

Man ist arabische Musik gewöhnt. Drei weitere Geschichten spielen nach Einbruch der Dunkelheit, wenn der Platz stiller wird. Die Bettler in Lumpen legen sich am Straßenrand zum Schlaf nieder. Acethylenlampen brennen, es riecht danach. Eines Abends erregt ein Mann mit einem ausgehungerten tanzenden Esel Aufsehen („Die Lust des Esels“). Ansonsten findet das Leben in den umliegenden Bars statt. Diese sind teuer, es wird europäische Musik gespielt („Scheherazade“). Schließlich gibt es eine Stelle an einem Ende des Platzes, an der abends Frauen Brote verkaufen. Ein Mann kauft einen Laib und verschwindet. Canetti beobachtet sie alle sehr genau und neugierig („Die Brotwahl“).

  • Mellah (2 Geschichten)

Die Mellah ist das jüdische Viertel. Am dritten Tag seines Aufenthaltes geht Canetti alleine dorthin. Er geht an kleinen Läden vorbei, in denen Stoffe verkauft werden. Dahinter befinden sich Läden mit allen möglichen anderen Dingen, von Gemüse bis Kohle. Dann – weiter im Innern des Viertels – gibt es einen Platz, auf dem es ärmer zugeht. Garküchen, ein einzelner Bettler, ein Händler, der lebende Hühner verkauft. Später findet Canetti eine Schule mit ca. 200 Kindern. Ein junger Mann bietet sich als Führer über den israelitischen Friedhof an. Am Ende des Rundgangs ein Bethaus, am Ausgang werden die beiden dann von unzähligen Bettlern bedrängt. Schließlich gibt Canetti dem Führer etwas Geld und der Rundgang ist zu Ende.

Die zweite Geschichte („Die Familie Dahan“) beginnt am nächsten Morgen. Canetti geht nochmals in die Mellah und möchte ein Haus von Innen besichtigen. Der Zufall führt ihn in das Haus der Familie Dahan, in dem am Tag zuvor eine Hochzeit gefeiert wurde. Die Menschen sind arm, dennoch laden sie Canetti ein. Ein junger Mann aus der Familie, Elie Dahan, besucht Canetti Tage später im Hotel. Er bittet darum, Briefe an den amerikanischen Kommandanten zu schreiben und um Arbeit für sich und seinen Bruder zu bitten. Schließlich stellt Elie seinen Vater vor, einen Uhrmacher mit einem kleinen Laden am Bab Agnaou. Canetti ist von dem alten Mann derart begeistert, dass er Elie Dahan keinen Wunsch mehr abschlägt.

  • Kutubiya (1 Geschichte)

Es ist ein Restaurant. Das ganze Filmteam isst dort regelmäßig. Das hat sich herum gesprochen. Also kommen immer wieder Bettelkinder. Der Wirt ist von ihnen genervt. Also erzählt er eines Tages, dass einige von ihnen für 50 Francs dafür einstehen, dass man „alles von ihnen haben konnte“. Es bleibt offen, ob die Geschichte stimmte, doch sie vor allen und im Beisein der Kinder zu erzählen, ließ den Wirt tiefer sinken, als es die Kinder jemals werden. („Die Verleumdung“)

  • Bab El-Khemis (1 Geschichte)

Hier beginnt das Buch. An diesem Tor in der Stadtmauer ist Kamelmarkt. Dreimal besucht Canetti den Kamelmarkt – immer zufällig beim Vorbeifahren. Einmal steht nur ein Kamel da, anstatt der erwarteten vielen. Einmal sind es 107 Kamele. Der Autor wird aus den Gedanken der Wüstenromantik gerissen und erfährt, dass sie auf dem Weg zum Schlachthof sind. Beim dritten Mal ist wieder ein einzelnes krankes Kamel da.

  • Ohne konkreten Ort (5 Geschichten)

In „Stille im Haus und Leere der Dächer“ steht der Autor auf einem Dach und lässt seinen den Blick in die Ferne schweifen. Dann aber muss er feststellen, dass auf dem Dach ganz spezielle Verhaltensregeln gelten, die unfreier machen als man auf der Straße ist. „Die Rufe der Blinden“ handelt von einer Gruppe Blinder. Jeder einzelne betet mit seiner eigenen Stimme, alle zusammen in einer eigenartigen Art von Gesang. „Der Speichel des Marabu“ führt die Geschichte weiter. Auch der Marabu ist ein Blinder, aber ein heiliger Mann. Er erhält eine Münze, kaut sie und spuckt sie wieder aus. Erst später erfährt Canetti, dass er das macht, um den Wert der Münze festzustellen.

„Die Frau am Gitter“ beschreibt eine Frau, die unverschleiert an einem vergitterten Fenster steht und spricht. Der Überraschung des Autors folgt die Ernüchterung, als er erfährt, dass sie „malade“ ist. , „Die Souks“ sind eine kleine Führung durch das Angebot und die Düfte der Märkte. Dem Leser wird auch die Technik des Feilschens näher gebracht.

  • Bemerkungen

Das Buch hat Spaß gemacht. Der Autor beobachtet genau. Er begnügt sich nicht damit, Gebäude oder die üblichen Attraktionen zu sehen. Er ist interessiert, zu verstehen, was hinter dem Gesehenen steckt. Er fragt und forscht immer weiter, auch auf eigene Faust, was ihn öfter in Konflikt mit den Sitten und Gebräuchen bringt. Auch wenn das Buch „Stimmen … “ heißt und viele Geschichten diese Stimmen zum Thema haben: Das andere Thema Canettis sind die Blicke der Menschen.

Die Blicke der verschleierten Brotverkäuferinnen, die Blicke der Händler in der Mellah, die Blicke der Bettler finden besondere Beachtung des Reisenden. Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist es Unsicherheit, manchmal ist es Verlegenheit, manchmal ist es die Faszination des Unbekannten. Es ist auch ein Ersatz für das Sprechen, wenn man einander ohnehin nicht verstehen würde.

  • Wie es weiter ging

Der Sultan dankt 1955 ab. Sein Nachfolger erklärt 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich. Im gleichen Jahr dreht Alfred Hitchcock auf dem Djema el-Fna die Außenaufnahmen zu „The Man who Knew too Much“.  Elias Canetti erhält 1981 den Nobelpreis für Literatur.

http://www.marrakech.travel/de/html/homepage

http://en.wikipedia.org/wiki/Jemaa_el-Fnaa

http://en.wikipedia.org/wiki/Bab_Agnaou

http://en.wikipedia.org/wiki/Mellah

Karte # 22: Großraum Paris 1890 – „Die vertane Schönheit“ von Guy de Maupassant

Das Buch „Die vertane Schönheit“ enthält 11 „Novellen“ von Guy de Maupassant. Die Geschichten wurden ursprünglich für Zeitungen geschrieben. Der Autor hat den Band 1890 selbst zusammen gestellt. Ich habe die TB-Ausgabe des dtv aus dem Jahr 2000, Nachwort und Neuübersetzung von Hermann Lindner. Auf dem Umschlag ist ein Teil des Gemäldes „Portrait of Lise“ von Renoir abgebildet. Etliche Geschichten spielen im Großraum westlich von Paris. Man bewegt sich mit allem, was es gibt: Kutsche, Eisenbahn und Boot.

  • Geschichten in der Umgebung von Paris
  • In der Kutsche: Die vertane Schönheit (L’Inutile Beauté, April 1890)

Grüne Knöpfe: Eine Kutschfahrt durch Paris. Über die Champs-Elysee, am Arc de Triumphe vorbei bis zum Bois de Boulogne. Von dort zurück zur Kirche Saint-Philippe-Du-Roule. In der Kutsche sind Comte und Comtesse  Mascaret. Sie haben 7 Kinder. In der Kirche gesteht sie ihm, dass eines nicht von ihm sei. Jahre später gesteht sie ihm dann, dass sie ihn angelogen hat. Sie wollte nicht mehr von ihrem Mann unterdrückt werden, sondern ausgehen und ob ihrer Schönheit bewundert werden. (Gute Unterhaltung mit viel Sympathie für die Comtesse)

  • Im Ruderboot: Fliege (Mouche, Souvenir d’un Canotier, Februar 1890)

Blaue Knöpfe: Die fünf Ruderer haben ihr Vereinsheim in Argenteuil. Von dort aus fahren sie die Seine hoch bis Asnières und runter bis Maisons-Lafitte. Die „Fliege“ ist die Steuerfrau des Ruderbootes und die Geliebte aller fünf Ruderer. Sie wird schwanger. Bei Le Pecq erleidet die „Fliege“ einen dramatischen Bootsunfall. Auf die Lebensfreude aller hat das keine Auswirkungen. Klamaukig und bestenfalls karnevalstauglich.

  • Im Zug: Probe aufs Exempel (L’Epreuve, Juli 1889)

Gelbe Knöpfe: Herr und Frau Bondel leben in Saint-Germain. Sie streiten oft. Meist darüber, was schlimmer sei: Betrügt er sie oder betrügt sie ihn. Aber sie sind sich sicher, dass es in ihrer Ehe nie vorkam. Sie hatte zwar mal einen brüderlichen Freund, Tancred aus Paris, den sie eines Tages rauswarf. Herr Bondel fährt zu Tancred, um mit ihm zu sprechen. Bondel nimmt den Zug von Saint-Germain über Le Pecq nach Saint-Lazare. Tancreds Reaktion zeigt: Da war nichts. Beim Wiedersehen mit Frau Bondel merkt Herr Bondel dann aber: Da war doch was. Unterhaltsam und stilsicher.

  • Im Zug: Der Invalide (L’Infirme, Oktober 1888)

Heny Bonclaire und Leutnant Rivalière sitzen im Zug nach Saint-Germain. Der Leutnant hat zwei Holzbeine. Er erzählt seine Geschichte: Er verzichtete nach seiner Verwundung auf die Ehe mit seiner Verlobten. Nun bringt er ihr und ihren Kindern Spielzeug mit. Journalistisch-dokumentierend mit Sympathie für den Leutnant.

  • Im Elysee Montmartre: Maske (Le Masque, Mai 1889) 

Roter Knopf: Im Elysee Montmartre ist Faschingsball. Ein junger, maskierter Tänzer bricht zusammen. Helfer entfernen die Maske. Darunter steckt ein Greis. Ein Arzt bringt ihn nach Hause. Die Ehefrau des alten Mannes schüttet dem Arzt ihr Herz aus. Der Alte war Starfriseur im Salon an der Oper und geht in Verkleidung auf Bälle, weil er sich mit dem Älter werden nicht abfinden kann. Witzig.

  • Zur Geographie

Die Texte bieten Hinweise auf den Alltag im Paris der Jahre 1888 – 1890. Zwei Dinge sind besonders bemerkenswert. Die Seine war eine Kloake. Besonders die Ruderer hatten darunter zu leiden, die sich „auf faulig moderndem Wasser“ befanden, „in dem der ganze Abfall von Paris zum Meer hin trieb.“

Zum anderen:  Gleich zweimal erwähnt Maupassant die Steigung auf der Eisenbahnstrecke zwischen Saint-Lazare und Le Pecq auf dem Weg nach Saint-Germain. Die Strecke ist die erste ausschließlich dampfbetriebene Eisenbahnstrecke Frankreichs. Sie wurde 1837 eröffnet und endete zunächst nach ca. 20 Kilometern in Le Pecq. Hinter Le Pecq muss die Bahn auf einer Entfernung von 2,5 Kilometern eine Steigung von 3,5 % überwinden. Die ersten Bahnen – auch die sogenannten „atmosphärischen Eisenbahnen“ – waren dafür zu schwach. Zur Zeit von Maupassant waren diese Schwierigkeiten überwunden. Dafür, dass die Lektüre dieses eisenbahnhistorische Detail in Erinnerung ruft, sei dem Autor gedankt.

  • Dann gibt es die Geschichten, die irgendwo in Paris spielen.
  • Das Portrait (Un portrait, Oktober 1888)

Der Ich-Erzähler lernt Milial kennen, von dem alle begeistert sind. Am nächsten Tag wird er in Milials Wohnung eingeladen, wo er ein Portrait von Milials Mutter studiert. Sie ist der Ursprung von Milials Ausstrahlung. Für die Rubrik „Vermischtes“.

  • Ein Scheidungsfall (Un Cas de Divorce, August 1886) 

Madame Chassel will die Scheidung beantragen. Ihr Anwalt liest aus dem Tagebuch ihres Mannes vor. Darin betrauert er, dass er bei der Eheschließung nur seiner Fleischeslust folgte. Jetzt züchtet er Blumen, die ihm mehr Schönheit und Herzlichkeit geben als seine Frau. Weil das gar nicht geht, soll sie sich scheiden lassen dürfen. Journalistisch-dokumentierend,

  • und es gibt die Geschichten, die an anderen Orten spielen
  • Die 25 Francs der Schwester Oberin (Les Vingt-cinq Francs de la Supérieure, März 1888)

Auf dem Land. Ein lustiger Erntehelfer fällt vom Erntewagen und bricht sich ein Bein. Weil er so lustig ist, schenkt ihm die Oberin des Hospitals 25 Francs. Wieder genesen, haut er die auf den Putz. Er besucht ein Freudenhaus, aus dem er rausgeworfen wird. Dabei bricht er sich das andere Bein und landet wieder bei der gleichen Schwester Oberin. Witzig und unterhaltsam.

  • Zwischen Marseille und Toulon: Der Olivenhain (Le Champ d’Oliviers, Februar 1890)

Im Olivenhain wohnt Abbé Vilbois. Er war früher Baron in Paris. Bitterst enttäuschte Liebe führte ihn in den Priesterberuf und nach Südfrankreich. Eines Tages steht ein Landstreicher vor ihm. Es ist sein Sohn aus der Zeit der Pariser Liebe. Wiedersehensfreude bei Vater und Sohn Fehlanzeige. Aber der Sohn darf seine Lebensgeschichte erzählen, die mit mehreren Morden gepflastert ist. Irgendwann kommt es zu einem Handgemenge, das den Abbé mit durchtrennter Kehle zurücklässt. Im Schlusssatz meint Maupassant, dass es Selbstmord gewesen sein, was aber keiner je erfuhr. Sehr gut erzählt: der Sohn wird immer betrunkener und dabei immer skurriler.

  • Fécamp: Der Ertrunkene (Le Noyé, August 1888) 

Patin ist Fischer an der Kanalküste in Fécamp. Er verflucht und verprügelt seine Frau 10 Jahre lang. Nach einem schweren Sturm kehrt er nicht mehr zurück. Die Frau kauft Jahre später einen Papagei. Der verflucht sie, wie es früher ihr Mann tat. Sie erdrosselt den Papagei und entsorgt ihn im Meer. Unterhaltsam.

  • Paris und Rouen: Wer weiß (Qui sait, April 1890)

Der Ich-Erzähler beobachtete eines Nachts, wie seine Möbel aus dem Haus spazierten wie in einer Parade. In Rouen findet er die Möbel in einem Antik-Laden wieder. Am nächsten Tag sind sie alle in sein Haus zurück gekehrt. Seitdem sitzt er freiwillig in einem Sanatorium. Schaurig-unterhaltsam.

  • Anmerkungen

Ich habe jeder Geschichte einen kurzen Kommentar angefügt. Erzählerisch interessant ist, dass die Fahrten nicht alleine der Fortbewegung dienen. In Kutsche, Boot und Zug wird viel gesprochen und so der weitere Verlauf der Handlung gelenkt. Der kleine Raum bietet den Personen keine Chance, sich Gesprächen zu entziehen.

Man merkt etlichen Texten den journalistischen Charakter an. Einige Erzählungen sind die eines Berichterstatters, der Gehörtes dokumentiert. Andere Geschichten sind einfach für die „Vermischtes“-Seite tauglich. Humorvolles, Oberflächliches und  Gesellschaftskritisches wechseln sich ab. Die witzigen Geschichten leiden ein wenig darunter, dass moralisierende Schlussbemerkungen ihnen die Schärfe rauben.

Die Titelgeschichte wurde von Maupassant selbst als die beste Novelle der Sammlung bezeichnet. D’Accord. Zwei Opernbesucher, die sich angesichts der Schönheit der Comtesse zu seitenlangen philosophischen Assoziationen aufschwingen, geben der Geschichte einen doppelten Boden. Alles in allem bietet das gesamte Buch gute Unterhaltung.

http://www.maupassantiana.fr/Biographie/biographie.html

http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89lys%C3%A9e_Montmartre

http://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4rische_Eisenbahn

Karte # 21: Amsterdam 1659: „The Coffee Trader“ von Daniel Liss

Das heutige Buch ist wieder ein historischer Roman. „The Coffee Trader“ von Daniel Liss erschien im Jahr 2003. Meine Ausgabe (Übersetzt von A. Carstens) ist das btb-TB von 2007 mit dem Titel „Der Kaffeehändler“ und 478 Seiten. Die Geschichte spielt in Amsterdam und beginnt am 13. Mai 1659.

  • Das Setup

Auf der Flucht vor der Inquisition wanderten etliche portugiesische Juden nach Amsterdam aus, wo sie in einem eigenen Stadtviertel, Vlooyenburg, wohnten. Aus den Erfahrungen mit der Inquisition haben sie einen eigenen Gemeinderat gegründet. Dessen mächtigstes Mitglied ist der Händler und Strippenzieher Parido. Auch die Hauptfigur Miguel Lienzo kam aus Lissabon nach Amsterdam, ebenso sein Bruder Daniel mit seiner Frau Hannah.

Das Buch ist aus einer doppelten Perspektive erzählt. Die Geschichte von Miguel Lienzo wird unterbrochen von Auszügen aus den Memoiren des Alonzo Alferonda. Miguel ist Händler und Börsenmakler. Er war mal mit Paridos Schwester verlobt, ließ sich aber mit ihrem Hausmädchen erwischen, was ihm die Feindschaft Paridos einbrachte. Auch Alonzo Alferonda war Händler, bis Parido dafür sorgte, dass er aus der Gemeinde ausgeschlossen wird. Seither schlägt er sich als Wucherer durch, verleiht Geld und wartet auf eine Gelegenheit, sich an Parido zu rächen. In diesem Dreieck Parido – Miguel – Alonzo spielt die Geschichte.

  • Die Börse

Miguel handelt mit Warenterminkontrakten, die zum 20. jeden Monats zu einem aktuellen Preis abgerechnet werden. Früher war Miguel auf den Zuckerhandel spezialisiert. Der Zuckerpreis fiel eines Tages ins Bodenlose, Miguel verarmte und muss nun bei seinem Bruder Daniel wohnen, bei dem er auch sonst in der Kreide steht. So wie es aussieht, wird Miguel mit Terminkontrakten auf Weinbrand wieder viel Geld verlieren. Parido weiß um Miguels Verlustposition und vermittelt Kontakt zu einem Franzosen, der bereit ist, die Kontrakte abzukaufen. Die Börse wird als sehr modern geschildert. Es gibt Intradayhandel, Terminhandel und Settlementfragen (also dass das Geschäft auch bezahlt und beliefert wird).

  • Die Geographie

Der Ort, um den sich alles dreht, ist die Börse. Sie war ein von Tribünen umgrenzter, nicht überdachter Platz am Dam. Die Glocken der Nieuwe Kerk sind zu hören. Von hier aus geht es über die Warmoesstraat nach Börsenschluss in die Kneipen. Die eingewanderten Juden wohnen in Vlooyenburg, ihr privater Aufenthaltsbereich reichte bis an den Nieuwe Markt, an dessen Südgrenze eine Waage stand. Der Voorburgwal, den Hanna einmal durchquert, ist also „verbotenes“ Terrain. Über die Heerengracht, Keizersgracht und Prinsengracht hinweg kommt man zu dem Viertel Jordaan. Es wird neu gebaut, überall ist der Lärm von Handwerkern zu hören. Das Gefängnis ist am Heiligeweg. Insgesamt wird Amsterdam als aufstrebende Stadt beschrieben. Reger Handel, auch aus heutiger Sicht modern wirkende Usancen und wirtschaftliche Dynamik bestimmen das Bild.

  • Der  Kaffeedeal

Eine holländische Freundin, Gertruid Damhuis, bietet Miguel einige Tassen Kaffee an. Zu dieser Zeit ein exotisches Getränk, das in kleinen Mengen gehandelt wird. Gertruid entwirft ihm den Plan, den Kaffeehandel in Amsterdam auszubauen und zu kontrollieren.

Um an das nötige Kleingeld zu kommen (Erinnerung: Miguel ist pleite wegen der Zuckergeschäfte) handelt Miguel auf einen Tipp Alonzos hin Walfischtrankontrakte.  Er kauft zur Eröffnung und verkauft am gleichen Tag mit großem Gewinn wieder. Der Erfolg macht Miguel mutiger, das Kaffeegeschäft zu planen. Er nimmt Kontakt zu Isaiah Nunez auf, der wiederum gute Verbindungen zur Ostindien-Compagnie hat. Die beiden wollen unter größtmöglicher Geheimhaltung 90 Tonnen Kaffee nach Amsterdam bringen. Nach Ankunft des Schiffes würde der Preis fallen und Miguel einen Gewinn bescheren. Gleichzeitig würden Gertruids Mittelsmänner den Kaffee zu den nun gefallenen Preisen aufkaufen. Der Preis würde soweit steigen, dass der weitere Kauf von Kaffee unrentabel wird. Damit hätten Miguel und Gertruid ein Monopol – genauer: einen Corner – errichtet.

Nunez will natürlich für die Schiffsladung Kaffee Geld sehen. Kein Problem, denn Miguel hat ja gerade bei Walfischtran gewonnen. Doch ein Problem: Das Geld aus dem Gewinn ist noch nicht da. Stück für Stück stellt sich heraus, dass der einflussreiche Parido überall seine Finger drin hat. Alonzo schließlich klärt den Leser auf, dass es Daniel ist, der seinem Bruder das Geld aus dem Walfischtrangeschäft schuldet.

  • Die Suche nach Verbündeten

Auf der Suche nach weiteren Verbündeten kauft Miguel den stadtbekannten Bettler Johann Wagenaar aus dem Zuchthaus, dem Rasphuis, frei.

Trotz aller Widerstände geht das Kaffeegeschäft voran, weil Gertruid sich stark engagiert. Aber sie wird immer mysteriöser. Sie schießt Geld in den Handel, dessen Herkunft unklar ist. Sie treibt sich in zwielichtigen Kneipen herum, wo sie Gerüchte über ankommende oder untergegangene Schiffe verbreitet.

Miguel hat nicht genug Geld, deswegen fälscht er eine Bürgschaft seines Bruders. Dann entsteht das Gerücht, dass das Kaffeeschiff umgeleitet wurde. Die Lieferung würde sich um ein Jahr verspäten. Miguels Verkaufsoptionen würden wertlos. Der Bettler Johann Wagenaar taucht plötzlich gut gekleidet bei Miguel auf und fragt ihn über seine Geschäfte aus. Er wurde von Parido gekauft. Dann jedoch beginnt er, für eigene Rechnung zu arbeiten und verbündet sich wieder mit Miguel. Er erzählt, dass der Kaffee zwar auf jeden Fall pünktlich kommt. Allerdings auf einem Schiff, das Parido gehört. Daniel feuert seine Haushaltshilfe Annetje, die – wie sich herausstellt – Daniel und Miguel für Alonzo ausspioniert hat. Alonzo bezahlt Annetje, damit sie Miguel erzählt, sie stehe in Diensten Gertruids.

  • Die Schlacht

Schließlich ist wieder Abrechnungstag. Der Kaffeepreis ist hoch. Miguel ist Long, hält Puts und will billig wieder Long gehen. Parido, sein mächtiger Gegenspieler hält Calls und hat die Ware unter Kontrolle. Die Glocke läutet. Die Schlacht beginnt. Der Preis schließt nach heftigen Kursbewegungen auf Tagestief. In den Tagen danach kehrt jeder seine Scherben zusammen. Miguel hat viel Geld gewonnen, Gertruid ausgebootet und seinem Bruder die Frau ausgespannt. Parido hat viel Geld verloren. Zwei lange Gespräche, eines mit Gertruid und eines mit Alonzo bringen Miguel die ganze Wahrheit aller Intrigen ans Licht. Es war ganz anders, als er vermutete. Der Gewinn hat Miguel gesellschaftlich rehabilitiert, aber einsam gemacht.

  • Bemerkungen über das Buch

Das Buch lässt sich nicht so recht in ein Genre stecken. Krimi? Dazu fehlen die typischen Spannung schaffenden Elemente. Bis auf ein paar Kneipenschlägerein gibt es auch keine Gewalt, erst recht keine Leiche. Historischer Roman? Die Atmosphäre der Zeit wird nicht dicht genug geschildert. Am ehesten geht das Buch als psychologischer Roman durch.

Die Beziehungen zwischen den Personen verändern sich ständig. Wer steht in wessen Diensten? Wer schlägt Finten? Es gilt, immer wieder zu sortieren und überlegen. Wer ist vertrauenswürdig und wer nicht. Koalitionen ändern sich, Verdachtsmomente ändern sich. Geschäftliche Interessen gehen vor persönlichen Interessen, und manchmal ist es umgekehrt. Wieweit darf man einem Gerücht glauben, wer profitiert von ihm und wer hat schon profitiert? Diese ständige Veränderung im Beziehungsgeflecht ist es, was das Buch spannend macht.

Und der Autor bringt die Angst und die Gier auf den Punkt, die sich angesichts von Kursentwicklungen einstellen. Wie weit darf man einem steigenden Kurs zuschauen, bis man aussteigt? Wie schnell muss man bei einem fallenden Kurs abstoßen, welche Kursentwicklungen sind kurzfristig, welche sind von Dauer? Das Fieber, das in wenigen Stunden über Reichtum und Armut entscheidet, kommt rüber, und zwar besser als im Film „Wall Street“.

Letztendlich bietet das Buch dem ökonomisch interessierten Leser einige Themen, die es in die schlüssig erzählte Geschichte einbindet.

Lesenswert.

Die Amsterdamer Börse

Der Dam in Amsterdam

Den Markt über einen Corner kontrollieren

Kaffeegeschichte