Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php

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3 Gedanken zu “Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

  1. Balzacs menschliche Komödien könnten ein Stück Hinterindien sein.
    Während die Technik beinahe unheimliche Fortschritte machte, entwickelte sich
    die Denkweise der meisten Erdenbewohner kaum. Wir sind grösstenteils die alten Egoisten geblieben. Leider. Low.

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    • Hallo Low, danke für die Transfer – Interpretation. Immerhin nährt sich fast die gesamte Literatur daraus, dass sich Menschen mit ihren Egoismen arrangieren müssen und daran scheitern. Solange man das lesen darf, aber nicht im wirklichen Leben haben muss, geht’s noch. Grüße. Leo

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  2. Pingback: Honore de Balzac: Vater Goriot | Literatur und Schreiben

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