Karte # 17: Greenwich Underground, „Dead of Summer“ von Camilla Way

Den Roman „Schwarzer Sommer“ entdeckte ich aufgrund des Verlagstextes auf der Rückseite. „Streifzüge entlang der Themse durch verrottende Industriegebiete…“ heißt es da. Das Buch wurde 2007 mit dem Titel „Dead of Summer“ veröffentlicht, meine deutsche Ausgabe ist ein Rohwolt TB aus dem Jahr 2008. Auf 204 Seiten entfaltet die Autorin einen eigenwilligen Psychothriller um eine Gruppe 13-jähriger Jugendlicher. Die Handlung spielt im quälend heißen Sommer des Jahres 1986.

  • Das Setup

Hauptfiguren sind die Halbwaise Anita Naidoo, der Nachbarsjunge Kyle Kite, mit dem sie eine ambivalente Freundschaft verbindet. Diese wird manchmal durch Kyles Anwandlungen von Eiseskälte auf die Probe gestellt. Und schließlich Denis, ein stiller, schüchterner und mutloser Junge, der zulässt, dass Kyle mit ihm anstellt, was er möchte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Anita 20, lebt in Bristol und ist seit wenigen Wochen mit einem jungen Mann zusammen. Sie hat Angst vor Berührungen, und hat deswegen einen Psychiater aufgesucht. Ihm erzählt sie die Geschichte, die sich 7 Jahre zuvor – also 1986 – in London abgespielt hat. Die Londoner Schauplätze der Handlung haben mich von Beginn an fasziniert.

  • Die Höhlen

Die Geschichte entführt in eine wenig bekannte Welt Greenwichs. Greenwich ist von einem System von aufgelassenen Kalk- und Sandminen durchzogen. Es sind die Höhlen und still gelegten Minen unter dem Greenwich Park und unter Blackheath. Ihr Ursprung ist unbekannt. Wahrscheinlich stammen sie vom Kalkabbau im 16. Jahrhundert, der teilweise auch illegal betrieben wurde. Während des Weltkrieges hat man kurzzeitig versucht, einige als Luftschutzkeller zu reaktivieren. Heute sind die meisten Höhlen vergessen, Spuren sind nicht mehr sichtbar, und zugänglich ist keine einzige. Die bekannteste ist die Jack Cade’s Cavern im Bereich von Greenwich Park und Blackheath.

Der Antagonist des Romans, der 13-jährige Junge Kyle Kite, beschäftigt sich viel mit den Höhlen. Er hat alte Bücher darüber ausgeliehen und nie zurück gegeben. Er kreuzte vermutete Höhlen auf einer selbst gestalteten Karte an. Und er ist oft, manchmal auch nachts unterwegs, um neue Höhlen zu finden. Um Höhlen zu erkunden, klettern die Jugendlichen auch mal gerne über Zäune auf verlassene Schrottplätze.

  • Die Themse

Die Freunde Anita, Kyle und Denis treffen sich oft „am Fluss“. Meist gehen sie ans Ufer in der Nähe des Greenwich Park. Dort liegt das Museumsschiff „Cutty Sark“. Von hier aus sehen sie auf die Themse. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt die Isle of Dogs. Zur rechten kann man die Naval College Gardens sehen. Wendet man sich nach links, dann stößt man auf die Mündung des Flüsschens Quaggy. Hier sitzen die Kids oft und rauchen, trinken und erzählen. Die Gegend ist geprägt von verlassenen Firmengeländen. Zwischen stllgelegten Lagerhäusern verdorrt das Gras in der Sonne. Eine verlassene Werft, auf deren Stahlträgern man in der Sonne sitzen kann. Scheppernde Geräusche kommen aus den Schrottlagern, die noch in Betrieb sind. An der Themse entlang führt ein Gehweg bis rüber nach Greenwich, ein Eisengeländer gibt Halt. Wenn Ebbe ist, kann man aber auch auf dem schmalen Schlickstreifen weiter laufen, der sich dann bildet.

Einmal werden sie von einem Jungen, Mike, verfolgt und retten sich gerade noch in den Greenwich Foot Tunnel. Der Tunnel stellt an dieser Stelle die einzige Verbindung zur anderen Seite der Themse dar. Dort drinnen ist es zwanzig Grad kühler als oben, Wasser tropft von der Decke, jeder Laut hallt von den Kacheln wider.

  • Greenwich

Die belebteren Teile Greenwichs verdienen das Attribut kaum. Kleine Siedlungen schwarzer Backsteinhäuser, kleine Eckkneipen mit einsamen alten Männern drin. Leer stehende Geschäfte, mit Eisengittern verschlossen, alte Schwarzweißfotos in einem längst geschlossenen Frisiersalon. Orangefarbene Straßenlampen glühen die Straßen aus. Nichts ist gewöhnlich hier, außer dem Verlassenen und dem Zerrissenen.

  • Vanbrugh Castle und das Ende der Geschichte

Anita fand zufällig, und von Kyle unbemerkt, eine lange vermutete Sandhöhle in der Nähe des Flusses. Sie geht 40 oder mehr Stufen ins Erdreich, die Wände der Höhle sind mit Fratzen bemalt. Hier wird es am Ende der Geschichte zum „Showdown “ kommen. Dieses Ende der Geschichte beginnt in einem Schwimmbad in Greenwich. Anita möchte anschließend zu dem Schloß Vanbrugh Castle gehen. Es liegt an der Ostseite des Greenwich Park. Kyle lehnt ab. Auf dem Heimweg durch die Gassen der heruntergekommenen Straßenzüge wird sie von Mike fast vergewaltigt. Kyle kommt dazu und rettet Anita, indem er Mike mit dem Messer verletzt. Kyle geht dann nachts um drei mit Anita zum Vanbrugh Castle, wo er auch eine kleine Höhle kennt. Dort setzte er sich auf den Boden und weint in Erinnerung an seine Schwester, die vor Jahren verschwand. Anita lässt ihn alleine und setzt sich auf den Point Hill. Von dort aus beobachtet sie das nächtliche London.

Anita trifft sich mit Mike, um sich an ihm zu rächen. Sie gehen in die erwähnte kleine Sandgrube am Fluss. Dort eskaliert die Situation. Am Ende gibt es drei Leichen (Mike, Denis und Kyle – das weiß der Leser schon zu Beginn), eine Täterin (Anita), aber 3 sehr unterschiedliche Motive (Rache, Zeugenbeseitigung und Enttäuschung)

  • Bemerkungen

Was die Schauplätze und ihre Einbindung in die Handlung betrifft, gehört es zum Besten, was ich hier besprochen habe. Der Roman bietet einen interessanten Einblick in die unterirdische Welt von Greenwich. Es ist durch die Seelenlage der Hauptpersonen und die Schilderungen offener Grausamkeit ein schweres Buch. Außerdem kommen viele subtile Grausamkeiten zur Sprache. Zum Beispiel, als die Kinder ihre Verachtung gegenüber einem Penner zum Ausdruck bringen, oder auch wie sie untereinander die Machtverhältnisse klären. Besonders bei Kyle werden diese Dinge intensiv beschrieben. Das Buch ist auf jeden Fall sehr spannend bis zum turbulenten und überraschenden Schluss.

http://www.thegreenwichphantom.co.uk/2007/05/underground-greenwich-3-jack-cades-cavern/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cutty_Sark

http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwich-Fußgängertunnel

http://en.wikipedia.org/wiki/Vanbrugh_Castle

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6 Gedanken zu “Karte # 17: Greenwich Underground, „Dead of Summer“ von Camilla Way

    • Hallo Low. Fast. Beim Zustechen ist der Meridian abgebrochen und die Erde geriet aus den Angeln. Danke für die Inspiration. In der Hitze entstehen eben doch die besten Geschichten. Im Ernst: Ich habe den Beitrag um zwei Sätze ergänzt. Grüße. Leo

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  1. Sehr interessant! Du zeigst mir eine Seite, die ich an meinem Wohnort nicht kenne. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es in Greenwich 1986 auch noch etwas anders aussah. Das war, bevor man mit der DLR in 15 Minuten die damals noch nicht existierende Buerostadt Canary Wharf erreichen konnte. Die Wiederbelebung und Umgestaltung der Industriegebiete an der Themse ist immer noch in vollem Gange. Die Olympischen Spiele letztes Jahr haben das Ihrige dazu beigetragen. Danke fuer den Buchtipp. Mal schauen, ob ich das Original irgendwo finde, denn das gehoert natuerlich in meine Bibliothek in Greenwich. Lieben Gruss, Peggy

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    • Hallo Peggy. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar mit den vielen Informationen. Ich finde es immer spannend, einen Ort über viele Jahre hinweg zu vergleichen. Die Geschichte spielt vor 27 Jahren, und da hat eine Stadtverwaltung Zeit genug, viel zu verändern. Viel Spass mit dem Original. Herzliche Grüße. Leo

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