Karte # 20: Paris 1819 – „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac

„Paris ist ein Ozean. … Wie zahlreich und eifrig die Erforscher des Meeres sein mögen, immer findet sich eine jungfräuliche Stelle, ein unbekannter Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgendetwas Unerhörtes, Vergessenes.“

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Eines von vielen schönen Zitaten aus dem Roman „Vater Goriot“ von Honoré de Balzac. Der Roman erschien im Jahre 1835. Ich habe die deutsche Ausgabe (Übersetzung Siever Meyer-Berghaus) von Agrippina Wiesbaden ohne Jahr, vermutlich Anfang der 60er, mit 192 Seiten. Vater Goriot ist eine Folge der „Fortsetzungsserie“ Comédie Humaine.

  • Das Setup

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1819. Zentraler Ort der Handlung ist die Pension Vauquer. Sie befindet sich in der Rue Neuve-Saint-Genevieve. (Das ist die heutige Rue Tournefort). In dieser Pension wohnt Vater Goriot. Er ist ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Getreidespekulation zu unermesslichem Reichtum kam. (Ich vermute, dass es sich hier um eine Folge der Kontinentalsperre handelte) 1814 setzte sich Goriot zur Ruhe. Er ist Witwer und hat zwei Töchter. Zur Zeit Napoleons war Vater Goriot in den Häusern seiner Schwiegersöhne gerne gesehen. Seit die Bourbonen an der Macht sind, nicht mehr. Und die beiden Töchter nehmen ihren Vater aus, wie sie nur können.

  • Die zwei Töchter

Die ältere Tochter, Anastasia von Restaud, wohnt in der Rue du Helder. Sie hat ihren Mann zum Herrn über ihr Vermögen gesetzt. Goriot besucht sie manchmal durch den Dienstboteneingang, und manchmal besucht sie ihn in der Pension.

Die jüngere Tochter, Delphine von Nuncingen, hat einen „fettwanstigen Bankier“ geheiratet. Dieser verweigert Delphine so ziemlich alles, besonders ihre Apanage. Außerdem darf Goriot seine Tochter nicht in ihrem Haus in der Rue Saint-Lazare besuchen. Goriot wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als sie häufiger zu sehen.

Da kommt ihm sein Zimmernachbar Eugene de Rastignac, ein Jurastudent, gerade recht. Eugene seinerseits will unbedingt in die feine Gesellschaft von Paris gelangen. Zunächst lässt er sich von seiner Pariser Tante, einer Gräfin, zeigen, wie man sich in den besseren Kreisen so benimmt. Auf Bällen bandelt Eugene dann mit dieser und jener Dame an, bis er sich schließlich in Delphine verliebt. Für sie gewinnt und verliert er Geld beim Roulette. Mit ihr besucht er Opernaufführungen. Goriot bittet Eugene, an Delphine dranzubleiben und ihr Geliebter zu werden. Auf diesem Wege könne er – Goriot – seine Tochter wieder treffen.

Um das Thema weiter voranzubringen, verpfändet Goriot seine Leibrente. Von dem Geld bezahlt er eine Junggesellenwohnung in der Rue d’Artois. Als Gegenleistung verlangt er von Delphine einen Überblick über ihr Vermögen, besonders über die 800.000 Francs Aussteuer, die er für sie aus der Ehe auslösen und gewinnbringend anlegen möchte. Nach der Einweihungsfete gehen Eugen und Goriot in die Pension zurück und beschließen, aus der Pension auszuziehen. Frau Vauquer ist enttäuscht, weil damit ihr Einkommen wegbricht.

grüne Knöpfe = Die Wohnsitze der Familie Goriot

blaue Knöpfe = sonstige Orte der Handlung

  • Die Nebenhandlung (der Geldwäscher)

An dieser Stelle wird es Zeit für die Nebenhandlung. In der Pension wohnen noch andere Leute. Einer von ihnen, Monsieur Vautrin ist von Beginn an unsympathisch. Denn er beobachtet Goriot auf Schritt und Tritt und erzählt brühwarm in der Pension, wo Goriot überall so war, zum Beispiel beim Pfandleiher. Oder Silbergeschirr versetzen. Später stellt sich heraus, dass Vautrin eine Art Geldwäscher für Ganoven ist. Er verwaltet deren ergaunertes Geld und arbeitet nebenbei als Hehler. Ein Agent der Polizei entlarvt ihn und kann ihn mit Hilfe zweier anderer Bewohner der Pension, Mr. Poiret und Mme. Michonneau, überwältigen. Vautrin fällt also als Mieter in Zukunft aus, die beiden anderen wurden von der Polizei bezahlt und ziehen ebenfalls aus. Mme. Vauquer steht nun ohne Einkommen da.

  • Das Ende

Eugenes Tante fädelt ein, dass ihr Neffe mit Delphine in die besseren Kreise eingeführt wird, also ohne Delphines „dickwanstigem Banker“. Delphine wiederum stellt fest, dass sie pleite ist. Mit der Aussteuer hat ihr Mann Geschäfte getätigt und das Geld verloren. Zunächst aber braucht Delphine ein neues Kleid für den Ball. Deswegen bettelt sie ihren Vater an. Goriot hat aber nichts mehr, seit er alles für Delphine in die Wohnung gesteckt hat. Nun taucht auch noch die andere Tochter Anastasia in der Pension auf. Deren Mann wiederum hat angeblich viel Geld verspielt und deswegen schon den Schmuck seiner Mutter verkauft. Sie braucht aber auch ein neues Kleid für den Ball und die Schneiderin will frecherweise Vorkasse. Also bettelt auch sie ihren Vater an. Der sagt nochmal, dass er nichts mehr hat.

Direkte Folge: Die beiden Töchter streiten sich vor den Augen ihres Vaters erstmal darum, wer die bessere ist. Nächste Folge: Vater Goriot kippt um und erholt sich davon nicht mehr.

Auf dem Sterbebett klagt er Eugene von dem Undank seiner beiden Töchter. Goriot bittet Eugene, die beiden Töchter an sein Sterbebett zu holen. Beide sind jedoch darauf eingestellt, den Ball zu besuchen und nicht gewillt, ihre Pläne zu ändern. Zu Goriots Beerdigung schließlich schicken beide Töchter je einen leeren Wagen.

Eugene wiederum sind ebenfalls die Augen über die Gesellschaft geöffnet. Zum Ende des Romans geht er zu Delphine, um ihr zu sagen, dass die Pariser Gesellschaft ihm nichts mehr bedeutet.

  • Bemerkungen

Ich muss gestehen, dass ich mich lange um die Lektüre gedrückt habe. Zu Unrecht. Es ist ein modernes Buch, Manipulation des Getreidepreises, Geldwäscher, ein reicher Mann, der arm stirbt, und alles so geschrieben, dass man bei der Lektüre immer mal lachen muss. Manches ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Ich tue mir immer schwer damit, wenn neue Informationen mitgeteilt werden, indem die Figuren Briefe schreiben oder lesen. Ansonsten liest sich das Buch an manchen Stellen wie eine Satire auf eine Gesellschaft, deren höchstes Ideal darin besteht, bei anderen hoch angesehen zu sein.

Weil es so schön ist, zum Abschluss nochmal ein Zitat: „Wenn uns ein Unglück bevorsteht, dann gibt es immer Freunde, die bereit sind, …, uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, dessen Griff wir noch bewundern sollen.“

Und das hier: „je vais vous faire une proposition que personne ne refuserait.“ wurde aus dem Mund von Marlon Brando zu einem der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten.

http://de.wikipedia.org/wiki/American_Film_Institute#100_Movie_Quotes_.E2.80.93_Die_100_besten_Filmzitate_aus_US-Filmen_aller_Zeiten

http://www.writersinparis.com/formwritersinparis.php

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Karte # 18: Tschenstochau und Karte # 19: Wien 1910 – „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius

Das nächste Buch führt nach Polen, genauer in den Süden Polens. Der Roman „Schakale Gottes“ von C.C. Bergius erschien im Jahr 1977. Ich habe die Ausgabe als Goldmann-TB aus dem Jahr 1980 mit 319 Seiten. Das Buch hat 11 Kapitel. Die Handlung spielt in Tschenstochau und der weiteren Umgebung, dem Tschenstochauer Jura. Die Einteilung des Romans stammt von mir.

  • Die Geschichte Teil 1 (Die Mordermittlungen)

Die Geschichte beginnt am 5. März 1910 mit einem gefunden Edelsteinschatz. Der Finder Tadeusz Minka ist „Büttel“ eines kleinen Dorfes bei Tschenstochau, in der Nähe von Mstow. Er bringt den Schatz in das Kloster Tschenstochau.

Erster Exkurs zu einem untergegangen Wort: Ein Büttel war ein Fronbote, in späterer Zeit wurden die Aufgaben des Büttels vom Gerichtsdiener übernommen.

In den Tagen danach wird in der Warthe eine Leiche gefunden. Der Kommissar Pawel Bobak aus Nowo-Radomsk wird mit den Ermittlungen beauftragt. Seine Ermittlungen führen ihn auf Kutschfahrten durch den Tschenstochauer Jura und immer wieder zurück ins Kloster Jasna Gora. Schließlich findet er die Spur eines Verdächtigen, des Paters Rochus, der über Myszkow und Olkusz nach Krakau flieht. Dort, in Krakau, läßt Pater Rochus sich widerstandslos festnehmen.

Denn Krakau liegt 1910 im Ausland, in Galizien. Galizien ist von den Österreichern besetzt. Der festnehmende Kommissar in Krakau ist denn auch Österreicher. Ansonsten ist die Gegend um Tschenstochau von der russischen Geheimpolizei kontrolliert. Der Kommissar kann das Kloster mit der Drohung unter Druck setzen, dass es von der russischen Geheimpolizei überfallen werden könnte. Jedenfalls wirkt es kurzzeitig.

Der Mord ist also aufgeklärt. Ganz aufgeklärt? – Nein, denn niemand weiß, wer die Leiche ist. Der Verhaftete Pater Rochus wird zur Staatsanwaltschaft nach Petrikau gebracht. Dort gibt er die Geschichte von Mord und Edelsteindiebstahl zu Protokoll.  Nun beginnt erst Kapitel 5. Da geht also noch was.

  • Die Geographie

Blaue Knöpfe: Ermittlungen: Nowo-Radomsk, Tschenstochau, Mstow, Poraj, Myszkow, Olkusz

gelb: Fluchtweg des Mörders: Koniecpol, Mokrzesz, Zawada, Mstow, Tschenstochau, Poraj, Zarki, Myszkow, Lazi, Olkusz, Zabierzow, Krakau

  • Die Geschichte, Teil 2 (Die Geldgier)

Die Geschichte des Mordes beginnt im Sommer 1908 und dreht sich zunächst um eine kleine Gruppe polnischer Freiheitskämpfer. Die Gruppe wird angeführt von Fedor Zadek, einem Goldschmied (Monatslohn 100 Rubel) , dessen Verlobter Natascha, einer Telefonistin mit 45 Rubel Monatslohn. Beide leben in Warschau. Dann ist da noch Nataschas Bruder Roman Gorski. Er lebt in Krakau. Sie überfallen einen Postzug zwischen den Städten Rudniki und Klomnice, erbeuten 150.000 Rubel, streiten sich um die Beute und arbeiten zukünftig nicht mehr zusammen. Fedor und Natascha besuchen das Kloster Jasna Gora, das der Leser von den Ermittlungen des Kommissars bereits kennt. Eher zufällig lernten sie bei einem Besuch den Pater Rochus kennen. Rochus zeigt ihnen die Schwarze Madonna und die geschmückten Kammern, die voller Edelsteine sind. Fedor und Natascha geben sich als Geschwister aus,

Fedor und Natascha wollen sich als Goldschmiede selbständig machen. Natascha bettelt den Pater deswegen – wenn auch mit einer Lüge – um Geld an. Pater Rochus willigt ein, ihr 6.000 Rubel zu schenken. Da die Mönche auf verschiedenen Wegen immer mal wieder Geld für sich abzweigen, bekommt Rochus die Summe schnell zusammen. Er bittet Natascha, das Geld im Kloster abzuholen. Das tut sie, bringt die 6.000 Rubel nach Hause zurück. Sie muss allerdings als Gegenleistung ihren Gönner auf eine Reise nach Wien begleiten.

Zum Weihnachsfest 1908 wird schließlich auch Pater Rochus nach Warschau eingeladen. Er und Natascha gehen nachts im Lazienki-Park zwei Stunden spazieren. Zuhause angekommen erwartet Natascha ein „Rencontre“.

Zweiter Exkurs zu einem untergegangenen Wort: Das rencontre war eine Zusammenkunft mit einer gewissen feindseligen Note. Der Pater wiederum verlangt im Kloster noch mehr Geld. Der Custos jedoch weigert sich. (wieder ein altes Wort, das ist der Schatzmeister des Klosters). Ein anderer Pater schlägt vor, die Schlüssel zu Schatzkammer und Tresor nachmachen zu lassen. So stehlen die beiden 13.000 Rubel.

  • Die Reise nach Wien

Natascha und Rochus fahren für eine Woche nach Wien. Hier der Reiseplan:

Sie fahren vom Bahnhof am Prater vorbei über den Parkring zum Kärtner Ring ins Hotel, wo sie unter falschen Namen einchecken (blaue Tour). Sie besichtigen die Goethestatue, die Hofburg, den Volksgarten, die Pestsäule am Graben, den Stein-im-Eisen-Platz, den Stephansdom und kaufen Klamotten ein (grüne Tour). Nach einer Woche geht es wieder zurück. Rochus und Natascha einigen sich, dass sie für 500 Rubel im Monat seine Geliebte wird. Im Kloster wurden derweil die Schlösser ausgetauscht und…

  • Die Geschichte, Teil 3 (Die Eskalation)

….Rochus und sein Komplizenpater in Tschenstochau beschließen, statt Geld zukünftig Edelsteine zu stehlen. Sie lassen von den Steinen Imitationen anfertigen und tauschen die echten Steine gegen Imitationen aus. Um die Imitationen kümmert sich Nataschas Verlobter Fedor. Der kann das Geld für seine Selbständigkeit gut gebrauchen und lässt Natascha daher freie Hand. Natascha stellt Pater Rochus zur Rede, was er mit den Imitationen vorhat und woher er das viele Geld hat. Vom Reichtum geblendet, fordert sie ihn auf, noch mehr zu stehlen, aus dem Orden auszutreten und sie zu heiraten. Das erzählt sie auch Fedor.

Fedor und Rochus planen einen ganz großen Raubzug. Er scheint zunächst zu gelingen, doch als das Gespräch auf Natascha kommt, brennen beiden die Sicherungen durch. Pater Rochus erschlägt Fedor. Auf der Flucht hängt er den Beutel mit den Edelsteinen an die Tür des Büttels Tadeusz Minka. Der Kreis der Geschichte hat sich geschlossen.

  • Bemerkungen

Das Buch ist in der Struktur originell: Ein Krimi – nach einer wahren Begebenheit übrigens -, der die Antwort auf die Frage ermittelt: Wer ist die Leiche? Die vielen Haupt- und Nebenfiguren bringen viel Abwechslung in die Geschichte. Einige tauchen auf, spielen dann ohne Grund im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, andere kommen dafür hinzu, die zunächst ohne Bedeutung schienen. Die Sache mit dem Freiheitskampf verschwindet ganz aus dem Blickfeld. Immerhin bietet die Handlung ein paar überraschende Wendungen, der historische Rahmen ist spannend.

Natascha und Rochus verstricken sich zunächst unabhängig voneinander, später gemeinsam, immer mehr in Geldgier. Aber die Figuren bleiben ansonsten psychologisch oberflächlich. Das ist bei Bergius, der eher handlungstreibend schreibt, üblich. Auch aus geographischer Sicht habe ich den Eindruck, der Autor habe aus ein paar Büchern und Reiseführern abgeschrieben, es ist ein atmosphärefreies Aufzählen von Stationen.

Im Anhang des Buches gibt es einen ausführlichen Überblick des Autors über die Geschichte Polens. Im Buch erfährt man auch eine Menge über die Schwarze Madonna, den polnischen Freiheitskampf, polnische Königshäuser. Erzählerisch löste Bergius das, indem er diese Dinge Nataschas Tante erzählen läßt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Krakau-Tschenstochauer_Jura

http://bop.jasnagora.pl/

https://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Galizien_und_Lodomerien

Karte # 17: Greenwich Underground, „Dead of Summer“ von Camilla Way

Den Roman „Schwarzer Sommer“ entdeckte ich aufgrund des Verlagstextes auf der Rückseite. „Streifzüge entlang der Themse durch verrottende Industriegebiete…“ heißt es da. Das Buch wurde 2007 mit dem Titel „Dead of Summer“ veröffentlicht, meine deutsche Ausgabe ist ein Rohwolt TB aus dem Jahr 2008. Auf 204 Seiten entfaltet die Autorin einen eigenwilligen Psychothriller um eine Gruppe 13-jähriger Jugendlicher. Die Handlung spielt im quälend heißen Sommer des Jahres 1986.

  • Das Setup

Hauptfiguren sind die Halbwaise Anita Naidoo, der Nachbarsjunge Kyle Kite, mit dem sie eine ambivalente Freundschaft verbindet. Diese wird manchmal durch Kyles Anwandlungen von Eiseskälte auf die Probe gestellt. Und schließlich Denis, ein stiller, schüchterner und mutloser Junge, der zulässt, dass Kyle mit ihm anstellt, was er möchte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Anita 20, lebt in Bristol und ist seit wenigen Wochen mit einem jungen Mann zusammen. Sie hat Angst vor Berührungen, und hat deswegen einen Psychiater aufgesucht. Ihm erzählt sie die Geschichte, die sich 7 Jahre zuvor – also 1986 – in London abgespielt hat. Die Londoner Schauplätze der Handlung haben mich von Beginn an fasziniert.

  • Die Höhlen

Die Geschichte entführt in eine wenig bekannte Welt Greenwichs. Greenwich ist von einem System von aufgelassenen Kalk- und Sandminen durchzogen. Es sind die Höhlen und still gelegten Minen unter dem Greenwich Park und unter Blackheath. Ihr Ursprung ist unbekannt. Wahrscheinlich stammen sie vom Kalkabbau im 16. Jahrhundert, der teilweise auch illegal betrieben wurde. Während des Weltkrieges hat man kurzzeitig versucht, einige als Luftschutzkeller zu reaktivieren. Heute sind die meisten Höhlen vergessen, Spuren sind nicht mehr sichtbar, und zugänglich ist keine einzige. Die bekannteste ist die Jack Cade’s Cavern im Bereich von Greenwich Park und Blackheath.

Der Antagonist des Romans, der 13-jährige Junge Kyle Kite, beschäftigt sich viel mit den Höhlen. Er hat alte Bücher darüber ausgeliehen und nie zurück gegeben. Er kreuzte vermutete Höhlen auf einer selbst gestalteten Karte an. Und er ist oft, manchmal auch nachts unterwegs, um neue Höhlen zu finden. Um Höhlen zu erkunden, klettern die Jugendlichen auch mal gerne über Zäune auf verlassene Schrottplätze.

  • Die Themse

Die Freunde Anita, Kyle und Denis treffen sich oft „am Fluss“. Meist gehen sie ans Ufer in der Nähe des Greenwich Park. Dort liegt das Museumsschiff „Cutty Sark“. Von hier aus sehen sie auf die Themse. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt die Isle of Dogs. Zur rechten kann man die Naval College Gardens sehen. Wendet man sich nach links, dann stößt man auf die Mündung des Flüsschens Quaggy. Hier sitzen die Kids oft und rauchen, trinken und erzählen. Die Gegend ist geprägt von verlassenen Firmengeländen. Zwischen stllgelegten Lagerhäusern verdorrt das Gras in der Sonne. Eine verlassene Werft, auf deren Stahlträgern man in der Sonne sitzen kann. Scheppernde Geräusche kommen aus den Schrottlagern, die noch in Betrieb sind. An der Themse entlang führt ein Gehweg bis rüber nach Greenwich, ein Eisengeländer gibt Halt. Wenn Ebbe ist, kann man aber auch auf dem schmalen Schlickstreifen weiter laufen, der sich dann bildet.

Einmal werden sie von einem Jungen, Mike, verfolgt und retten sich gerade noch in den Greenwich Foot Tunnel. Der Tunnel stellt an dieser Stelle die einzige Verbindung zur anderen Seite der Themse dar. Dort drinnen ist es zwanzig Grad kühler als oben, Wasser tropft von der Decke, jeder Laut hallt von den Kacheln wider.

  • Greenwich

Die belebteren Teile Greenwichs verdienen das Attribut kaum. Kleine Siedlungen schwarzer Backsteinhäuser, kleine Eckkneipen mit einsamen alten Männern drin. Leer stehende Geschäfte, mit Eisengittern verschlossen, alte Schwarzweißfotos in einem längst geschlossenen Frisiersalon. Orangefarbene Straßenlampen glühen die Straßen aus. Nichts ist gewöhnlich hier, außer dem Verlassenen und dem Zerrissenen.

  • Vanbrugh Castle und das Ende der Geschichte

Anita fand zufällig, und von Kyle unbemerkt, eine lange vermutete Sandhöhle in der Nähe des Flusses. Sie geht 40 oder mehr Stufen ins Erdreich, die Wände der Höhle sind mit Fratzen bemalt. Hier wird es am Ende der Geschichte zum „Showdown “ kommen. Dieses Ende der Geschichte beginnt in einem Schwimmbad in Greenwich. Anita möchte anschließend zu dem Schloß Vanbrugh Castle gehen. Es liegt an der Ostseite des Greenwich Park. Kyle lehnt ab. Auf dem Heimweg durch die Gassen der heruntergekommenen Straßenzüge wird sie von Mike fast vergewaltigt. Kyle kommt dazu und rettet Anita, indem er Mike mit dem Messer verletzt. Kyle geht dann nachts um drei mit Anita zum Vanbrugh Castle, wo er auch eine kleine Höhle kennt. Dort setzte er sich auf den Boden und weint in Erinnerung an seine Schwester, die vor Jahren verschwand. Anita lässt ihn alleine und setzt sich auf den Point Hill. Von dort aus beobachtet sie das nächtliche London.

Anita trifft sich mit Mike, um sich an ihm zu rächen. Sie gehen in die erwähnte kleine Sandgrube am Fluss. Dort eskaliert die Situation. Am Ende gibt es drei Leichen (Mike, Denis und Kyle – das weiß der Leser schon zu Beginn), eine Täterin (Anita), aber 3 sehr unterschiedliche Motive (Rache, Zeugenbeseitigung und Enttäuschung)

  • Bemerkungen

Was die Schauplätze und ihre Einbindung in die Handlung betrifft, gehört es zum Besten, was ich hier besprochen habe. Der Roman bietet einen interessanten Einblick in die unterirdische Welt von Greenwich. Es ist durch die Seelenlage der Hauptpersonen und die Schilderungen offener Grausamkeit ein schweres Buch. Außerdem kommen viele subtile Grausamkeiten zur Sprache. Zum Beispiel, als die Kinder ihre Verachtung gegenüber einem Penner zum Ausdruck bringen, oder auch wie sie untereinander die Machtverhältnisse klären. Besonders bei Kyle werden diese Dinge intensiv beschrieben. Das Buch ist auf jeden Fall sehr spannend bis zum turbulenten und überraschenden Schluss.

http://www.thegreenwichphantom.co.uk/2007/05/underground-greenwich-3-jack-cades-cavern/

http://de.wikipedia.org/wiki/Cutty_Sark

http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwich-Fußgängertunnel

http://en.wikipedia.org/wiki/Vanbrugh_Castle

Karte # 16: Die Griechenland-Anleihe von 1825. Spurensuche in „Letzte Sommer“ von Trelawny

Letzte Sommer Bildausschnitt

In diesem Beitrag setzte ich meinen Artikel über das Buch „Letzte Sommer“ von Trelawny fort, diesmal mit wirtschaftsgeschichtlichem Schwerpunkt. Im ersten Teil fuhr der Autor nach Pisa, um Shelley und Lord Byron kennen zu lernen. Hier nun fährt er mit Lord Byron sowie einem englischen Unterhändler namens Hamilton Browne von Livorno aus nach Griechenland.

  • Über die Reise

Die Passage endet am 2. August 1823, als sie in Argostoli, dem Hafen von Kephalonia, vor Anker gehen. Es folgt ein kurzer Abstecher touristischer Art auf die Insel Ithaka. Trelawny und Browne betreten schließlich den Peloponnes in der Nähe des Dorfes Pyrgos. Gleich am nächsten Morgen ziehen sie weiter. Es geht zunächst nach Tripoliza, der Hauptstadt des Peloponnes. Das Land ist unfruchtbar. Von Zeit zu Zeit begegnen sie einigen Hirten, die auf dem kargen Land ihre Ziegen und Schafe weiden und mit der Hilfe von wilden Hunden bewachen. Nach einigen Tagen reisen sie weiter nach Argos. Die Gegend ist vom Krieg gezeichnet. Sie reiten durch die Schlucht von Dervenakia. Dort liegen die Skelette von Soldaten und Tieren eines ottomanischen Heeres, das im Herbst zuvor (also 1822) hier geschlagen wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt in Korinth stzen sie nach Salamis über. Dort treffen sie die Anführer der wichtigsten Militärparteien, die sich gerade gegenseitig Verschwendung öffentlicher Gelder vorwerfen.

blaue Strecke: gemeinsame Reise Trelawnys mit Hamilton Browne

grüne Strecke: Trelawny mit Odysseus

rote Knöpfe: Lord Byrons Aufenthalt

Warum nahmen die Herren diese Strapazen auf sich? Eine allgemeine Zeitströmung des Philhellenismus animierte viele Europäer dazu, mit dem griechischen Freiheitskampf zu sympathisieren oder sich direkt zu engagieren. In England hatte sich auch ein Komitee zur Unterstützung der Griechen gegründet. Die Reise fand vor diesem Hintergrund zu verschiedenen Zwecken statt. Unter anderem hatten die Reisenden den Auftrag, einige griechische Verhandlungspartner zu Gesprächen über eine Anleihe nach London zu schicken. Byron war dafür vorgesehen, die Kontrolle über die Verteilung der Gelder zu erhalten. Byron stattete Trelawny mit Empfehlungsbriefen an die griechische Regierung aus, in denen er seine Dienste empfielht. Immerhin hat er bereits in Italien Kontakt zu Unterhändlern der griechischen Regierung geknüpft. Die griechische Kriegspartei stellte sich als unerwartet zerstritten heraus. Es gab die Nationalversammlung, einige Militärführer und Stammesführer, die aufeinander eifersüchtig waren.

Schließlich trennt sich Browne von Trelawny und fährt mit Unterhändlern der Regierung nach England zurück, um dort über eine Anleihe zu verhandeln.

Im Januar 1824 lebt Byron in Mesolongion, die Verhandlungen über die Anleihe stehen kurz vor dem Abschluss und einige Engländer sitzen mit den griechischen Unterhändlern in Athen zusammen. Während eines Botenritts erfährt Trelawny vom Tode Byrons. Zunächst recherchiert Trelawny die Umstände, die zu Byrons Tod führten. Die mehrseitige Schilderung findet zu dem Schluss, dass die Ursache eine Kombination aus Sumpffieber und inkompetenten Behandlungen war.

  • Über die Anleihe

Als die ersten Informationen über eine mögliche Anleihe durchsickern, können es einige Militärs nicht glauben. Immerhin birgt die Anleihe – sie hat einen Zinssatz von 5 % – hohe Risiken. Gläubiger ist kein Staat, keine Regierung, sondern eine Region, die einen Freiheitskampf gegen ihre Besatzer führt. Es gibt also keine Sicherheiten. Die allgemeine graecophile Stimmung führt zu Euphorie an der englischen Börse. Die erste Tranche von 1824 über 800.000 Pfund wird überzeichnet. Trelawny beschreibt, wie ein englisches Schiff  mit der ersten Rate von 40.000 Pfund an Bord in Griechenland ankommt. Es kommt zu Straßenschlachten mit Räuberbanden, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollten. Der Tag endet in Tumulten. Die Regierung greift hart durch. Sie will die Anführer des Aufruhrs, sowie einige andere Stammesführer verhaften oder ermorden lassen, darunter auch ein gewisser Odysseus, der gleich noch eine Rolle spielt. Die zweite Konsequenz aus den Ereignissen ist , dass Griechenland „nur“ 240.000 Pfund direkt erhält. Der Rest wird in Kriegsmaterial geliefert.

Aufgrund der Überzeichnung kann 1825 eine zweite Tranche über 2,1 Millionen Pfund aufgelegt werden. Später beschreibt Trelawny, dass von der Anleihe fast nichts mehr übrig war. Erstmal nicht schlimm, denn mit aufgenommenem Geld sollte ja ein konkretes Vorhaben finanziert werden. Trelawnys Ärger rührt aber auch daher, dass einige Abgeordnete Geld aus der Anleihe unterschlagen haben.

Was aus der Anleihe wurde? Einmal noch habe ich eine Spur gefunden, in einem Börsenbericht aus dem Jahr 1830. Sie notierte schnell im Bereich von 20 Prozent. 1830 wurde bekannt, dass Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum König des neuen Griechenland werden sollte. Der Anleihekurs schoss auf über 41 Prozent. Später wurde die Anleihe fast wertlos. Zinsen wurden nie gezahlt. 1878 wollte Griechenland wieder auf dem Kapitalmarkt aktiv werden. Wie in solchen Fällen nicht unüblich wurde zunächst verlangt, dass die früheren Anleihen reguliert werden. Die Gläubiger zu wurden mit 31,6 % abgefunden.

Ein neuer Chart zu der Anleihe

Eine wissenschaftliche Arbeit über besagte Anleihen

Die Griechenland-Anleihe in einem Börsenbericht von 1830

  • Über Trelawny

Und Trelawny? Er schließt sich zunächst dem Freiheitskämpfer Odysseus an. Ein eingeschleuster Schotte versucht, Trelawny zu ermorden. Trelawny überlebt zwei Musketenkugeln in seinem Körper. Odysseus wird verhaftet und später am Fuße der Akropolis tot aufgefunden. Trelawny kehrt 1832 nach England zurück, schreibt hie und da Bücher, heiratet ein paar Mal, fährt nach Amerika, wo er den Niagara durchschwimmt und kehrt nach England zurück, wo er im Jahre 1881 89-jährig stirbt. Das Buch „Letzte Sommer“ ist als engagierter und unkonventioneller Reisebericht und als Zeitdokument empfehlenswert.

Karte # 15: Mit Marnie kreuz und quer durch England

Bücher, die eine Flucht zum Thema haben, sind immer auch Bücher mit starkem geographischem Bezug. Fluchten sind ja zunächst einmal unfreiwillig oder gezwungenermaßen durchgeführte Reisen. Gegenden werden nicht besucht, sondern durchzogen. Die Orte haben keine eigene Ausstrahlung, sondern sind Wegpunkte. Der durchquerte Raum alleine ist wichtig. Veränderungen definieren sich über zurück gelegte Entfernungen. Dieses Buch handelt von Fluchten, die kreuz und quer durch England führen. Es geht um „Marnie“ von Winston Graham aus dem Jahr 1960. Ich habe die Ausgabe von 1961 (Übersetzung: M. Tilgner) mit 284 Seiten. Die Geschichte ist durch den Film von Hitchcock so richtig berühmt geworden. Hitchcock verlegt die Handlung, die er an einigen wichtigen Stellen verändert, in die USA.

  • Das Setup

Marnie

Die Hauptperson ist Margaret Elmer, genannt Marnie. Sie ist die Ich-Erzählerin des Romans. Ihre Flucht findet auf zwei Ebenen statt. Sie flieht davor, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihr viel Gewalt angetan wurde. Unter dem Vorwand, ihre Mutter zu unterstützen (in Wahrheit jedoch, um sich selbst zufrieden zu stellen) stiehlt sie Geld von ihren Arbeitgebern. Anschließend verschwindet sie und taucht unter neuem Namen in einer anderen Stadt auf.

  • Die Geographie

Das Buch beginnt in dem Städtchen Cirencester. Die „Alte Krone“ in Cirencester ist sozusagen Marnies Rückzugsort. Hierher kehrt sie nach ihren „Fischzügen“ immer wieder zurück. In einem Gestüt in der Nähe hält sie sich ein Pferd. Zu Beginn des Buches hat sie bereits unter verschiedenen Namen immer wieder Stellen als Buchhalterin angetreten. Nach kurzer Zeit unterschlug sie Geld und verschwand spurlos, so in Brimingham, Newcastle und Manchester. Nun tritt sie ein Stelle bei der Firma Rutland in Barnet bei London an. In der Folge werden im Roman drei große Strecken zurück gelegt.

Strecke 1: London – Paddington – Wolverhampton – Walsall – Nottingham – Swindon – Cirencester (grüne Knöpfe)

Strecke 2: Cirencester – Fairford – Oxford – Aylesbury – Berkhamsted (rote Knöpfe)

Strecke 3: Torquay – Newton Abbot – Exeter – Andover – Honiton – Ilminster – Ilchester – Wincanton – Newbury -High Wycombe (gelbe Knöpfe)

Blaue Knöpfe stellen sonstige Orte der Handlung dar.

  • Die Geschichte

Rutland ist eine Spezialdruckerei für besonders hochwertige Druckerzeugnisse. Marnie ist dort als Lohnbuchhalterin angestellt. Eines Tages beginnt sie, Geld zu unterschlagen. Sie geht sehr planvoll vor. Der Leser erfährt einiges über englische Lohnabrechnungen, das Sozialsystem und auch Marnies Kontenstruktur. Als Marnie genug Geld unterschlagen hat, verschwindet sie. Nun folgt „Strecke 1“. Sie deponiert das Geld bei verschiedenden Banken und kehrt zurück nach Cirencester. In Cirencester spürt der Inhaber Mark Rutland sie auf. Auf der langen Fahrt zurück nach Berkhamsted stellt er sie zur Rede. Das ist Strecke 2. In einem – auf 20 Seiten geschilderten – rhetorischen Machtkampf überzeugt er Marnie, ins Büro zurück zu kehren. Ein paar Tage danach fordert er sie auf, ihn zu heiraten. Gegen ihren Willen stimmt sie zu.

Die Hochzeitsreise geht nach Mallorca, nach Las Catalas, 4 Meilen außerhalb von Palma. Marnie verweigert sich ihrem Mann, wofür sie immer neue Gründe findet. Schließlich vergewaltigt er sie. Mark Rutland stellt für Marnie einen Kontakt zu dem Psychiater Dr. Roman her. Und Marnie besucht die Pokerabende ihres Arbeitskollegen Terry. Sie ist nicht in der Lage, die möglichen Bluffs zu durchschauen oder – wenn sie durchschaut – entsprechend zu setzen. Bei einem Dinnerempfang wird sie von ihrem früheren Chef aus Birmingham erkannt. Also trifft sich Rutland mit einem pensionierten Chief Constabler. Aus diesem Gespräch zieht Rutland die Konsequenz, dass er sich bei den Betrogenen offenbart und die Beträge zurück zahlt. Marnie beschließt, sich den zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu stellen und bei nächster Gelegenheit Mark zu verlassen.

  • Pause

Als Snack gibt es englisches „Starkbier“ zu einem Stück Schinken aus dem Pub in Torquay. In dem Buch wird viel gegessen, es gibt Dinnerempfänge und gemeinsame Mahlzeiten mit Rutland. Aber es werden nur die Getränke beschrieben. Auch eine Art Flucht. Erst gegen Ende,  im Pub, sticht Marnie eine Gabel in ein Stück Schinken. Es ist das erste Mal, dass Essen konkret beschrieben wird.

  • Weiter

Einige Tage später reiten die Rutlands gemeinsam mit vielen anderen zur Fuchsjagd aus. Marnies Pferd geht durch und stürzt beim Sprung über eine Hecke. Es muss eingeschläfert werden. Auch Mark Rutland verletzt sich schwer. Während er gesund gepflegt wird, beschließt Marnie, abzureisen. Sie dringt nachts in die Firma ein, nimmt Geld aus dem Tresor, bekommt Skrupel und legt es zurück. Danach fährt sie nach Torquay und erfährt, dass ihre Mutter am Tag zuvor starb. Von der Freundin ihrer Mutter (Lucy Nye, die Marnie auch großgezogen hat) erfährt sie schreckliche Details aus ihrer Vergangenheit. Marnies Mutter arbeitete als Hafenprostituierte, aus der Geschichte ging ein Kind hervor, Marnies Bruder, der kurz nach der Geburt ermordet wurde.

Mit diesem Wissen fühlt sich Marnie zum ersten Mal frei, ihr Zwang fällt von ihr ab. Nach der Beerdigung ihrer Mutter kehrt Marnie in einem Pub ein (die Sache mit Starkbier und Schinken). Als sie später nach Hause kommt, sitzt Terry dort. Er überredet sie, mit zurück nach London zu fahren. Sie fahren Strecke 3. Unterwegs halten sie an einem Haus, in dem ihre ehemaligen Chefs aus Birmingham auf sie warten. Sie geht zu ihnen, um die Dinge zu klären. Sie weiß nun, dass ihr Leben alleine in ihren eigenen Händen liegt.

  • Anmerkungen

Es ist ein besonderes Buch. Zunächst fällt auf, dass das Wetter keine Rolle spielt. Der Autor verzichtet darauf, das Klischee des englischen Regens zu bemühen. Marnies Leben kann nur bei völliger Kontrolle funktionieren. Mark Rutland zwingt sie in Situationen, in denen sie keine Kontrolle mehr hat. Sie windet sich, flieht, lügt, will sich zweimal umbringen. Bei der Fuchsjagd erkennt sie ihre Lage so deutlich wie nie zuvor. Sie versucht Rollenwechsel, plant Reisen, die sie niemals ausführen wird, bis sie schließlich aufgibt und frei wird. Dieser innere Kampf wird eindrucksvoll dargestellt und durch die Fluchten auch geographisch abgebildet.

Dazu kommt eine gehörige Portion Selbstironie der Ich-Erzählerin, und so ist es bei aller Dramatik kein humorloses Buch. Es hat sicherlich auch Schwächen. So ist die Rolle von Terry, besonders am Ende, nicht schlüssig. Andererseits ist das Gespräch auf „Strecke 2“ ein Meisterwerk in der Kategorie Dialogführung. Absolut lesenswert.