Karte # 14: Utah. Colorado. Wüste. Klapperschlangen. Kojoten. Barry Lopez

In den Beiträgen dieses Blogs habe ich schon die unterschiedlichsten Gegenden besprochen. Ein Buch, das in einer Wüste spielt, war noch nicht dabei. Diese Lücke möchte ich heute schließen. Das Buch heißt „In der Wüste. Am Fluß“ von Barry Lopez. Der Originaltitel lautet „Desert Notes. River Notes“ und passt besser zum Buch, weil er auch auf die eigenartige Form hinweist. Es sind kurze Geschichten, Miniaturen, Erzählungen, Ortsbeschreibungen, auch Fabeln sind darunter. Das Buch besteht aus zwei Blöcken, wie der Titel schon sagt. Alle Texte drehen sich um je eine Landschaft. Hier geht es nur um den Teil „Die Wüste.“

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  • Los geht’s

Ein Mann besteigt einen 58-er Chevy Pickup. Er fährt 278 Meilen in das Great Bassin. Es klingt nach Road Movie. Dann badet der Mann in einer heißen Quelle. Dann ißt er eine Schale Körnerflocken und fährt zurück. Aha, denke ich, das kann ja noch ’ne ziemlich kontemplative Kiste geben. Ich lese weiter.

  • Die Geographie

Ein anderer spezieller Teil der Wüste ist begrenzt durch die blauen Berge im Westen. Das ist nahe Monticello in Utah. Der Abajo Peak gehört dazu. Die roten Berge bilden die Grenze im Osten.  Sie liegen zwischen Ouray County und San Juan County im Südwesten von Colorado. Im Norden, wo es einige kleine Flussläufe gibt, Arroyos, werden die Berge weiß, während sie im Süden gelb flimmern.

Es gibt Dünen, weiß wie Gips. Das Licht ist so hell, dass es die Augen erblinden lassen kann. Nachts liegt der Wind in einer Rille und schläft. Beifußgestrüpp. Ab und zu Cottonwoods, die harzige Fäden in die Luft abgeben, mit denen Bienen ihre Waben festigen. Hat man gerade diese kraftvolle Beschreibung der Cottonwoods gelesen, dann holt einen die deutsche Bezeichnung „lindenblättriger Eibisch“ wieder aus der Illusion zurück. Eigenartig, welche Kraft – oder Mangel an Kraft – alleine ein Name vermitteln kann. In der Stille lassen sich die Schwingen des Adlers gegen die ansteigende Warmluft schlagen hören. Gewitter ziehen über die Berge hinauf in die Wüste, wo sie sich verflüchtigen.

  • Pause
  • Die Geschichten

Früher, vor Urzeiten, lebten hier Menschen. „Das Volk der blauen Hügel“ richtete sich in Felsenhöhlen ein. Vor Jahren fand man 173 Tote. Es ist ein Rätsel, wovon sie lebten und was sie hier, mitten in der Wüste, machten.

Der Erzähler beschreibt den Zerfall einer verlassenen Schule. Die Ameise, die ein Körnchen durch die Gegend trägt und von einem Windstoß weiter getragen wird. Er beobachtet eine Spinne, die ein Netz webt. Das Sonnenlicht prallt von dem Spinnennetz ab wie von einem Trampolin.

Die Wüste hat ihre eigenen Fabeln: Es gab früher Raben und Krähen. Die Raben haben die Krähen überlistet, sich an einem salzigen Wasserloch zu Tode zu trinken. Der Kojote und die Klapperschlange unterhalten sich über zwei Gottheiten, Akashita und Schisa. Sie erscheinen ihnen so mächtig, dass sie ihr Jagdverhalten nach ihnen richten. Eines Tages versteht der Kojote, dass die Gottheiten nur in seiner Einbildung Macht haben. Endlich befreit er sich von dem Zwang, Shisa folgen zu müssen.

Eine wunderschöne Geschichte erzählt von einem Teppich, den eine Navahofrau vor Jahrzehnten gegen Lebensmittel getauscht hat. Das war in Winslow, Arizona (grübel…das ist da, wo auch schonmal die Eagles an einer Straßenecke standen…grübel Ende). Nun sitzt der Erzähler auf dem Teppich, und er lauscht aus den Fäden des Teppichs die Geschichten der Wüste heraus.

  • Bemerkungen

Zuerst war ich enttäuscht, denn ich habe eine Erzählung erwartet. Aber einige der Texte entfalten eine eigenartige meditative Kraft. Die lakonische Sprache, die Fähigkeit, etwas zu sehen, wo scheinbar nichts ist, hinterlassen Eindruck. Die Wüste ist gar kein lebensfeindlicher Ort, sondern ein mythologischer Ort voller Faszination.

Es ist merkwürdig: Die Kartierung tut nichts zur Sache. Es ist ein Reisen von Irgendwo nach Irgendwo. Die Wüste fordert ein, völlig auf sich zurück geworfen zu werden. Zu warten. So heißt es: „Zweifelhaft ist auch die Wegbeschreibung… Wo es links heißt, mußt du manchmal rechts gehen. Lies manchmal Süd, wo Nord steht. Es hängt ein wenig davon ab, wo du herkommst, aber nicht unbedingt. Aber wenn Du Dein Bestes tust, wirst Du keine Probleme haben. Halte durch.“ Hab ich getan. Hat sich gelohnt.

Der zweite Block der Texte trägt den Titel „Am Fluss“. Aber nach der Wüste brauch ich erstmal Pause.

http://de.wikipedia.org/wiki/Lindenblättriger_Eibisch

http://de.wikipedia.org/wiki/Red_Mountain_Pass

http://en.wikipedia.org/wiki/Winslow,_Arizona

http://blog.cardomain.com/2009/08/10/cardomain-obscure-muscle-car-parking-lot-the-1955-to-58-chevrolet-cameo-pickup/

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Karte # 13: die Strecke Paris – Limoges „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von F. Sagan

Zum ersten Mal habe ich ein Buch begeistert begonnen und dann enttäuscht zur Seite gelegt. Also rechtfertige ich mich mal: Das Buch heißt „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ von Françoise Sagan. Klingt gut. Außerdem habe ich mit „Franzosen“ bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Das Buch hat 5 „Teile“; jeder ist entweder überschrieben mit Paris (3 mal) oder Limoges (2 mal). Ich dachte mir, dass in diesem Buch zwischen den beiden Städten gependelt wird, oder sie sonstwie eine Rolle spielen, und war begeistert. Das Buch erschien im Jahr 1969, ich habe die deutsche Ausgabe von Bertelsmann (ohne Jahr) mit 220 Seiten.

  • Geographisches

Nach Limoges kommt man von Paris aus entweder mit dem Zug über Vierzon und Chateauroux oder per Flugzeug von Orly aus. Es gibt die Inlandsfluggesellschaft Air Inter, die aber nie zu dem Zeitpunkt fliegt, wenn eine Person gerade mal schnell nach Limoges will. Also fahren alle mit der Eisenbahn.

  • Das Setup

Das Buch spielt im Jahr 1967. Die Hauptfigur ist Gilles, Auslandsredakteur eines unerwartet erfolgreichen „Linksblatts“. Er wohnt in Paris, in der Rue Monsieur-le-Prince. Er ist mit Eloise zusammen, einem wenig erfolgreichen Mannequin. Gilles geht zum Arzt, weil er Angst vor Krebs hat. Der Arzt stellt bei Gilles aber „nur“ eine Depression fest. Gilles geht darauf hin zu seiner Freundin Gilda, einer Prostituierten in Passy, und fragt, was er tun soll. Sie und ein Freund raten ihm zu einem Erholungsurlaub.

  • Die Geschichte

Gilles fährt zu seiner Schwester nach Limoges. Dort geht er in eine Bar und lernt Nathalie kennen. Sie beginnen eine Affäre. Der dritte Teil beginnt mit Gilles‘ Rückkehr nach Paris. Dann die Szene, die für den Leser alles ändert: Eloise holt ihn vom Bahnhof ab. Es heißt ausdrücklich, dass er sich wieder an sie erinnere. Dann – völlig ironiefrei: „…sie wohnt bei mir, das ist ja furchtbar.“ An dieser Stelle war mir klar, dass diese eigentlich dramatische Geschichte eher emotionslos dahin dümpeln wird.

  • Pause 

Den Rest des Buches habe ich nur noch schnell quer gelesen. Deswegen kann ich zu den restlichen Figuren nicht viel sagen. Es gibt noch eine Nebenhandlung, weil Gilles‘ Chef früh von der Affäre erfährt.

  • Schnell weiter

Nathalie scheint ziemlich gut im Bett zu sein. Sie ist auch sonst ein Knaller, denn sie hatte eine „Art, ein Adjektiv auszusprechen oder einen Nebensatz durch einen andern zu ersetzen, die dieses … Leben fast herzzerreißend machten.“ Also bittet Gilles sie, mit ihm zu kommen. Sie vertröstet ihn, denn sie ist mit Francois verheiratet und muss sich erst mal von ihm trennen. Gilles ist traurig, denn „Ich habe so schiefe Situationen nicht gern.“  Der Leser denkt: das ist ja kein schlechtes Reflektionsniveau für einen Depressiven zwischen zwei Frauen. Nathalies Bruder will Gilles die Affäre ausreden, denn Gilles wisse ja selbst nicht, was er wolle. Der Leser harrt also nun einer Klärung der Lage. Gilles fährt zurück nach Paris. Plötzlich ist Nathalie dort (also in Gilles‘ Wohnung in Paris) Sie liebt ihn sehr. Sie beginnt, in einem Reisebüro zu arbeiten. Überhaupt ist Gilles von Nathalies Selbständigkeit genervt, was er einem Freund klagt. Nathalie hört zufällig mit, ist betrübt und begeht schließlich Selbstmord. Gilles ist traurig.

  • Anmerkungen

Finis und Gääähn. Das Thema böte genug Stoff für eine Tragödie oder Komödie. Aber hier ist alles nur unlogisch und langweilig. Ein paar Argumente: Eine zu anfangs eingeführte Diagnose eines Arztes ergibt Sinn, wenn die Auseinandersetzungen mit der Diagnose in die Handlung einfließen. Ein Autor hat viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Françoise Sagan nutzt diesen Kniff,  um die männliche Hauptfigur emotionslos schildern zu können. Nathalie wiederum ist stark genug, um sich aus einer etablierten Ehe zu lösen. In Paris angekommen baut sie sich ein eigenes Leben auf, vor diesem Hintergrund ist das Motiv ihres Selbstmordes  zu belanglos. Für die aufgewühlte und destruktive Seelenlage der Hauptfiguren ist mir persönlich der Erzählstil zu einseitig erotiklastig. Und auch aus der Air Inter hätte man erzählerisch mehr machen können. Weg damit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Air_Inter

Karte # 12: 12 Mal „Am Mittelmeer“. Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, ein spanischer Autor, in Valencia lebend, veröffentlichte „Mediterraneos“ im Jahr 1997 als Buch. Es sind Miniaturen, kurze Beschreibungen mediterraner Städte, die ursprünglich (1990 – 1996) für eine Zeitschrift verfasst wurden. Chirbes reist dem Buch „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Zeit Philipps II“ von Fernando Braudel nach. Die Texte wurden ins Deutsche übersetzt und erschienen in dem Band „Am Mittelmeer“. Die Städte werden auf 124 Seiten in der Kürze dargestellt, die ein Reisender  zwischen Ankommen und Weiterziehen erfassen kann. Jede Stadt oder Gegend lebt einen ganz speziellen Gegensatz aus. Die Überschriften der einzelnen Beiträge habe ich in die Landkarte eingefügt.

  • Los geht’s

Das Buch beginnt auf Kreta, dem „bis zur Decke lichtgefliesten Badezimmer Europas“. Es ist der Gegensatz zwischen der Antike, die ihren Reiz an die Besucher der vergangenen Jahrhunderte verschwendet hat, und dem modernen Suchenden, der keinen Eindruck festhalten kann. T-Shirts bedruckt mit 1000-jährigen Motiven sind ebenso zu sehen wie Ruinen, die sich schon zu sehr vergeudet haben.  Chirbes fährt von Chania aus zum Palast von Knossos, dann blumengesäumten Strassen weiter an den Strand. Der Autor gibt auch das Thema der Reportagen vor: Übersättigt vom vielen Umherreisen gilt es, den Augenblick zu wählen, den der Reisende von einem Ort in Erinnerung behalten wird. Das ist nicht einfach an einem Ort, dessen Ruinen nichts mehr hergeben, weil sie den Besuchern in über tausend Jahren schon alles gegeben haben.

Es geht weiter zu dem turbulenten Treiben auf dem Mercado Central in Valencia. Chirbes zitiert viel aus dem Werk von Blasco Ibanez „Arroz y Tartana“. Es herrscht „deftige Üppigkeit“, die man sich im Schatten von Reliquienschreinen nicht vorzustellen vermag.

Istanbul wird mit vielen historischen Einschüben beschrieben. Die Stadt war über Jahrtausende mal Weltmetropole und mal bedeutungslos. Heute sieht man die Paläste, Moscheen und Märkte aus allen Zeiten. Europa ist allgegenwärtig, den Asiatischen Teil sieht man mit einer Vertrautheit, die „man aus der Distanz der Bücher und Enzyklopädien geknüpft hat“.

Lyon liegt bekanntlich nicht am Mittelmeer. Aber es ist die erste Stadt des europäischen Nordens, wenn man von Süden her anreist, und die erste Stadt Südeuropas, wenn man von Norden kommt. Ein „expressionistisches Portrait des gemarterten Herzens“. Mit lautstarker Melancholie und starren Ritualen verkleidet sich die Stadt nach dem Geschmack desjenigen, der mit ihr zusammen trifft.

Es folgt ein Spaziergang durch die Museen Genuas. Deren äußere Prachtentfaltung korrespondiert mit deren Schätzen im Innern.

Venedig erlebt der Autor an einem Regentag. Die Stadt, in der alles zerfließt, wurde auf magische Weise eins mit dem Wasser. Ein fragiles Gleichgewicht zwischen Wasser und festem Weg entsteht, von dem übrigens schon Byron und Shelley fasziniert waren.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es „nicht zu harten , nicht zu weichen Reis der Paella“ aus Denia, dazu „Wodka, mit einem Schuss Zitrone verfeinert“ aus einem russischen Lokal in Istanbul.

  • Weiter

Alexandria ist die Stadt mit zwei Häfen, dem des Mittelmeeres und dem ins Landesinnere führenden Nilhafen im Mareotis-See. (Wirklich? der See scheint nicht gerade schiffbar zu sein? – Anmerkung des Bloggers). Man sieht Reiterstandbilder, Basare, Märkte und Geschäfte. Die Stadt ist schon mehrmals gestorben.

Es folgt ein Beitrag, nicht über eine Stadt, sondern über einen ganzen Landstrich. Chirbes fährt die Ostküste Tunesiens runter von Monastir bis zur Insel Djerba. Er fährt durch trostlose Weite, in der Erde und Meer ineinander übergehen.

Denia, ein kleines Städtchen an der spanischen Mittelmeerküste, zwischen Valencia und Benidorm, ist die Heimat des Autors und so ist der Bericht voller persönlicher Reminiszenzen. Die Gegend ist „janusköpfig“ zwischen karger Ödnis und kirschbaumbewachsenen Bergterrassen. Außerdem durfte Denia ab und zu als Filmkulisse herhalten.

Der Artikel über Kairo heißt „Das Erbe der Welt“. Mir blieb unklar, weshalb. Die ganze Stadt ist ein Markt, eine riesige Auslage. Über eine Seite lang wird die Bestückung der Märkte beschrieben, mitsamt der Herkunftsregionen der Produkte. Der Reisende jedenfalls ist benommen von Keuchen der Lasttiere, die beladen sind mit allem, was die Ufer des Nils hergeben. Ansonsten ist alles in dieser Stadt grenzenlos, sie ist ein vielschichtiges Palimpsest. Der Artikel wurde 1994 geschrieben.

Schließlich geht es um Benidorm. Der Beitrag heißt „Vom Wohlfahrtsstaat“. Der Leser merkt auf. Die Überschrift lässt zur Abwechslung einen gesellschaftlichen Schwerpunkt vermuten. Tatsächlich ist Benidorm was Besonderes. Die einzige Stadt der Region, die zum Winter hin zum Leben erwacht, wenn Heerscharen von Rentnern und Rekonvaleszenten zum Überwintern vor Anker gehen. Die Kultur des Ortes ist von ihnen geprägt.

Zu guter Letzt führt der Weg nach Rom. Von der Antike über die Renaissance her kommend, lebt die Stadt bis heute von ihrer ruhenden und maßlosen Präsenz. Sie lebt also gerade nicht von dem, was sich verändert. Oder doch? Dem Autor fallen die großen Regisseure ein, und plötzlich beschreibt er eine moderne Stadt aus Fleisch und Blut, nicht aus Stein, in der die Erdtöne fröhlicheren Farben weichen.

  • Anmerkungen

Die einzelnen Berichte folgen einem Muster. Schnell entsteht der Eindruck, dass der Autor in jedem Text eine vertraute Struktur wiederholt. Das ganze Mittelmeer besteht aus Bauwerken, ganz vielen Märkten und etlichen Gegensätzen. Gegensätze zwischen alt und neu, turbulent und ruhend, riechend und lauschend. Chirbes schreibt über Alexandria: „Doch lehrt es, dass an den Ufern des Mittelmeeres die Trümmer Teil allen Überdauerns sind“. Diese Erkenntnis vermittelt das Buch für die gesamte Region. Der Autor beobachtet gut und beschreibt detailliert.

Leider verfasst Chirbes gerne endlos lange Sätze, die schwer zu lesen sind. Es ist kein Buch, um es auf die Schnelle durchzulesen. Dennoch ein gutes Begleitwerk zu aktuellen Reiseführern. Müsste ich eine Reise planen, und müsste ich mich alleine aufgrund dieses Buches entscheiden, dann wären Valencia und Lyon erste Wahl.

Karte # 11: Dschungel. Tropischer Regenwald. Wilde Tiere. Tiger besonders

Der Fluß Irawaddi durchzieht Birma von Norden nach Süden. Weit östlich davon fließt der Mekong, ebenfalls in südlicher Richtung. Er bildet die Grenze zwischen Laos und Thailand. Etwa in der Mitte, zwischen den beiden Strömen, spielt das Buch „Der Tiger von Xieng-Mai“ von Helmut Petri. Ich habe die Ausgabe von 1963 mit 102 Seiten und einigen sehr schönen Skizzen. Die Geschichte selbst bietet noch einige geographische Hinweise.

Titelbild Tiger

Ort der Handlung ist ein Dorf im Dschungel. Reisfelder werden mit Wasserbüffeln gepflügt. Mit Arbeitselefanten wird Teakholz abgebaut, was dem Dorf ein Einkommen sichert. Die nächste größere Stadt, Xieng-Mai, ist einen Tagesmarsch entfernt. Der Junge Phu Pong bekam einmal von einem weißen Arbeiter am Staudamm einen Kompass geschenkt. Damit dürfte der Mae Kuang Check Dam gemeint sein. Falls der Damm 1963 schon im Bau war, was ich nicht weiß. Man sieht das Kreuz des Südens am Nachthimmel, im Süden türmen sich jeden Vormittag Wolken auf, die nach Xiang-Mai ziehen und sich an den Hängen dort abregnen. Jeden Tag um die Mittagszeit rauscht also ein gewaltiger Regenschauer durch das Dorf.

Eindrucksvoll wird die Flora und Fauna des Dschungels vor dem Auge des Lesers entfaltet.

  • Das Setup

Die Hauptfigur ist der Junge Phu Pong. Er wohnt in besagtem Dorf. Es gibt – wie fast überall zwischen Pakistan und Laos – einen Dorftiger. Der Dorftiger geht niemals ins Dorf hinein, sondern er jagt nachts Wildschweine und Hirsche und schützt so die Ernte. Die Bewohner mögen den Dorftiger. Dieser hier jedoch dreht eines Tages durch.

  • Die Geschichte

Phu Pong bemerkt es als erster. Er pflügt mit dem Wasserbüffel das Reisfeld seines Vaters.

Wasserbüffel auf Reisfeld

Der Büffel wittert und dreht sich langsam im Kreis, die Hörner in Richtung Wald gerichtet. Nach einem der kräftigen Regenschauer entdecken die Dorfbewohner im Schlamm die Tatzenspuren des Tigers. Phu Pong besucht seinen Freund Lao Nam. Sie wandern einen Berg hinauf zu Teeplantagen. Plötzlich hören sie den Tiger und Sekunden später stehen sie ihm gegenüber. Er setzt zum Sprung an. Ein Gaur rettet ihnen das Leben, indem er den Tiger wegräumt.

Das Dorf schickt einen Boten nach Xieng-Mai, um dort einen Jäger zu bestellen. Phu Pong warnt den Marathera. Das ist der Dorfheilige, der stets unter einem Feigenbaum am Dorfrand sitzt und meditiert. In der folgenden Nacht schleicht der Tiger wieder durchs Dorf und verwundet Phu Pongs Vater. Phu Pong kann den Tiger mit einer Fackel blenden.

Als der Jäger nicht kommt, ist schnell klar, dass der Bote auch vom Tiger getötet wurde. Auch der Marathera scheint tot. Einige Bewohner wollen seinen Leichnam verbrennen. Zuvor jedoch erhebt er sich zum Erstaunen aller und geht wieder zurück zu seinem Feigenbaum.

Eines Tages verfolgt der Tiger Phu Pong wieder. Der flüchtet sich in die Arme des Maratheras. Der Tiger legt sich beiden vor die Füße. Der Junge bemerkt, dass der Marathera einmal pro Minute atmet. (Deswegen hielt man ihn für tot). Ein gewaltiger Sturm kommt auf. Der Tiger sucht sich ein sichereres Plätzchen. Der Junge muß mit ansehen, wie der Sturm den Feigenbaum samt Marathera hinweg hebt.

  • Pause

Es gibt Klebreis mit starkem Curry, so scharf, dass die Hunde nicht die Reste wegfressen (Die Leibspeise von Phu Pongs Eltern).

  • Weiter

Phu Pongs Vater stirbt an Wundbrand. Der Tiger sitzt jede Nacht im Dorf, vor Phu Pongs Haus, und heult eher als dass er faucht. Die Dorfbewohner zwingen den Jungen dazu, das Dorf zu verlassen. Seit Phu Pong den Tiger geblendet hat, lastet auf ihm (dem Jungen) ein Fluch, der das ganze Dorf zu erfassen droht. In der Nähe liegt ein Kloster mit Bettelmönchen. Phu Pong geht zunächst dorthin. Dann verläßt er das Kloster wieder. Er fühlt sich verpflichtet, etwas gegen den Tiger zu unternehmen. Er klettert auf einen Baum. Bald sitzt der Tiger am Fuße des Baumes und kratzt an der Rinde.

Python und Panther

Am nächsten Morgen sieht Phu Pong ein Pantherpärchen mit zwei Jungen. Panther kommen auch Bäume hoch. Er ist also in höchster Gefahr. Dann aber greift eine Python den Panther an. Ein gewaltiger Kampf entbrennt, den der Panther mit letzter Karft gewinnt. Eine andere Python kriecht auf Phu Pong zu. Runter klettern kann er nicht, weil da der Tiger wartet. Der Junge klettert in die Krone des Baumes und springt in die Krone eines anderen Baumes. Dann hangelt er sich weiter bis zu einem Abhang, wo er den Tiger zur Strecke bringen kann.

Der Junge kehrt in das Dorf zurück. Alle sind erleichtert.

  • Bemerkungen

Es ist ein Jugendbuch, und doch echter Thriller. Der Kampf zwischen Python und Panther wird alleine auf 6 Seiten geschildert. Und es wird viel über Land und Leute gesagt. 1963 ist es auch als Versuch zu sehen, dem Leser fremde Regionen näher zu bringen. So wird die Verletzung und später der Tod des Tigers nicht als heroische Tat gesehen, sondern als Tat, mit der dem Tier Leid zugefügt wurde, obgleich es doch auch leben wollte. Anderes würde man heute so nicht mehr schreiben. Die Häuser sind „sauber und ordentlich wie Häuser des niederländischen Flachlandes“. Im Gegensatz zu den Häusern in Birma, die „unsauber sind wie die Misthaufen auf einem schwäbischen Bauernhof“. Der Büffel hört auf Phu Pong „wie eine Rakete auf die gefunkten Impulse“. Alles in allem ein spannendes Buch. Und ein gutes Buch über Initiative und Eigenverantwortung.

Hier was über das typisch thailändische Haus