Karten # 9 & # 10: 1822 – Pisa ohne schiefen Turm

Das nächste Buch ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Leckerbissen. Die Handlung wurde durch den Besuch einer Buchhandlung ausgelöst. Es ist autobiographisch. Der Autor Edward John Trelawny steht nicht mal im deutschen Wikipedia. Er schrieb „Recollections of the Last Days of Shelley and Byron“, das 1858 erstmals in England erschien. Meine Taschenbuchausgabe trägt den Titel „Letzte Sommer“ und ist von 1998.

  • Das Setup

Edward John Trelawny ist lebenslustiger Engländer und mit einem Privateinkommen ausgestattet, das ihm Reisen auf den Kontinent ermöglicht. Es ist das Frühjahr 1821. In Lausanne besucht er regelmäßig eine Buchhandlung. Der Buchhändler schwärmt von einem jungen englischen Dichter namens Percy Bysshe Shelley. Wochen später in Genf begegnet Trelawny einem Vetter Shelleys. Durch einen weiteren Bekannten, Williams, kommt schließlich der Kontakt mit Shelley zustande. Eine weite Reise durch Europa führt Trelawny schließlich 1822 nach Pisa. (Anmerkung – es ist die gleiche Zeit, zu der in Russland Puschkins „Dubrowski“ zum Räuber wird)

  • Die Geschichte

Gleich am Tag seiner Ankunft in Pisa begibt sich Trelawny in die Tre Palazzi. Dort wohnen Shelley und Williams, der Freund aus Genfer Tagen, mit ihren Frauen. Als er den knabenhaft wirkenden Shelley zum ersten Mal trifft, kann er nicht glauben, dass dieser Jüngling Schriften verfasste, wegen deren „antichristlichem Inhalt“ er gemieden wird wie die „pestilenzische Krankheit“. Shelley ist ein Energiebündel und kennt nur drei Aktivitäten, er liest, schreibt oder schläft. Alles drei macht er auch gerne am Wasser. Dann ist er unauffindbar, woran sich aber alle schnell gewöhnt haben.

Am nächsten Tag gehen Shelley und Trelawny zu Lord Byron, der mit großer Equipage ebenfalls in Pisa lebt. Zu dritt reiten sie aus, vespern Wein und Kuchen, ballern mit Pistolen auf Münzen und Rohre und reiten wieder zurück. Überhaupt sind sie oft zu Pferde unterwegs. Schwimmen geht nicht, zum Leidwesen Trelawnys. Der war nämlich bei der Marine und ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. Byrons Beine neigen zu Krämpfen und Zuckungen. Shelley kann gar nicht schwimmen. Byron hat außerdem Angst davor, dick zu werden und hungert viel. Byron ist misstrauisch gegenüber jedem und in Gesellschaft unausstehlich. Andererseits gilt er als unbedacht, sorglos und durch einen  frischen Geist leicht zu beeinflussen.

Shelley und Trelawny reiten nach Livorno, um Geschäfte zu erledigen. Sie unterhalten sich über Philosophie und Literatur. Trelawny vertritt den Standpunkt, dass die Vernunft und mit ihr die Wissenschaft die Erkenntnis zu neuen Höhen führen wird. Shelley hingegen hält die Vernunft für „von den Priestern verschüttet.“ Nur die kultivierte List und die Leidenschaften gewinnen die Oberhand.

Aus reiner Neugier gehen die beiden in Livorno zuerst an Bord eines griechischen Schiffes und anschließend an Bord eine amerikanischen Schiffes. Sie vergleichen die Schiffe und mit ihnen die Charaktere der beiden Völker in einem höchst unterhaltsamen Dialog.

Auf dem Rückritt (sagt man so?) beschließen die beiden, eine kleine Kolonie in der Bucht von La Spezia zu gründen. Es gelingt, die Herren Williams und Byron dafür zu begeistern. Williams kommt gleich mit, Byron bleibt jedoch in Pisa und will später nachkommen. Diese Zögerlichkeit wird ihm das Leben retten.

  • Pause

Zum Blick auf die Karte gibt es Cafe au Lait. Trelawny schätzt ihn bei seinen regelmäßigen Frühstücksgesprächen am Genfer See.

  • Weiter

In La Spezia beziehen sie einen kleinen verlassenen Palast, die Villa Magna. Sie geben den Bau zweier Boote in Auftrag. Die „Don Juan“ ist früher fertig und gehört Williams, die „Bolivar“ gehört Byron. Beide Schiffe werden mit Personal bestückt, die Herren Engländer schippern also nicht selbst.

Eines Tages wird Besuch aus Genua erwartet. Shelley möchte mit dem Schiff auslaufen, um Fische für das Gastmahl zu fangen. Er kehrt zurück, nackt und durchnässt und durchquert die Räume, wo der Besuch mit empörter Miene hinguckt. Die Episode veranschaulicht, wie unkonventionell sich Shelley stets verhielt.

Am 8. Juli 1822 fahren alle Mann mit beiden Schiffen nach Livorno. Schlechtes Wetter zieht auf. Die „Bolivar“ mit Trelawny an Bord wird von der Hafenpolizei angehalten und wegen fehlender Papiere am Auslaufen gehindert. Als das Gewitter verzogen ist, fehlt die „Don Juan“. Drei Tage später werden die Leichen von Shelley und Williams am Strand gefunden. Sie werden notdürftig im Sand vergraben, damit sie nicht weiter verwesen. Im August wurde werden sie dann im Beisein von diversen italienischen Beamten verbrannt. Der erforderliche Papierkram wie auch der Vorgang des Ausgrabens und Verbrennens wird sehr genau beobachtet und mit vielen physischen – und auf den Leser morbide wirkenden – Details geschildert.

Die späteren Untersuchungen des Schiffswracks ergeben, dass das Schiff von einer Feluke gerammt worden sein muss. Ein noch späterer Briefwechsel kommt zu dem Schluss, dass dies absichtlich geschah.

  • Anmerkungen

Dramatisch in der Handlung, tiefsinnig in der Dialogführung. Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht, obgleich es Trelawnys Hobby war, durch Europa zu reisen. Sein Interesse galt einzig den beiden Dichtern. Deswegen tauchen die allgemeinen Sehenswürdigkeiten Pisas nicht auf. Das Buch ist ein eher Psychogramm und gibt einen kurzen Überblick über den Zeitgeist, der von der romantischen Dichtung geprägt war. Auch in England. Die Fortsetzung des Buches führt Byron und Trelawny nach Griechenland, wo sie am Freiheitskampf teilnehmen. Shelleys Witwe übrigens machte später noch auf sich aufmerksam. Sie ist die Autorin des Romans „Frankenstein“.

http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_John_Trelawney

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/gulfofspezia/gulfofspezia.html

http://www.rc.umd.edu/reference/misc/shelleysites/italy/pisa/pisa.html

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Karte # 8: Londoner Maulbeerbäume, Beirut und ein Strand in Madrid

Zeit für ein wenig Musik. Ich habe in den Kisten eine LP gefunden, die aus der Sicht des geographisch interessierten Hörers spannend ist: „Update“ von Peter Sarstedt ist eine Art „Best of“. Naja, falls es bei diesem Künstler so etwas Sinn ergibt, denn soweit ich mich erinnere, zählt er zu den „One-Hit-Wonders“. „Update“ erschien nie als CD, obwohl die Lieder in anderen Zusammenstellungen häufig veröffentlicht wurden. Die Vorderseite des Covers zeigt den Sänger in rotes Licht getaucht mit Gitarre vor einem Mikrophon stehend. Die Platte ist mit ca. 46 Minuten Spielzeit ihren Preis Wert. Auf dem Cover befindet sich noch ein alter Aufkleber mit selbigem, und er betrug 14,90 Mark.

  • Paris – Juan-les-Pins – St. Moritz

Die Hinterhöfe von Neapel irgendwann in der Vergangenheit. Der Ich-Erzähler und ein Mädchen namens Marie-Claire spielen auf den Straßen. Sie verlieren sich aus den Augen. Jahre später spricht er sie wieder an. Ob aus der Ferne oder aus der Nähe weiß man nicht. Beide sind also erwachsen, so zwischen „zwanzig und dreißig, ein sehr begehrenswertes Alter“. Aus dem Mädchen Marie-Claire wurde eine gesellschaftlich anerkannte Frau, die den Glamour liebt. Sie wohnt in Paris am Boulevard Saint-Michel. Im Sommer zieht es sie nach Juan-Les-Pins, um sich einen gleichmäßigen Teint anzubräunen. Wenn Schnee fällt, dann geht es nach St. Moritz, mit all den anderen aus dem Jet-Set, um Napoleon Brandy zu schlürfen. Aber sie ist dabei, ihre Seele zu verlieren. Er beobachtet die Frau aus der Ferne, ein wenig sehnsüchtig, ein wenig Neid, aber auch viel Mitleid schwingen mit. Beide werden wohl nichts mehr gemeinsam unternehmen. Der Song ist Peter Sarstedts berühmtester: „Where Do You Go To My Lovely“.

  • Madrid

Das nächste Stück spielt in Madrid. „Frozen Orange Juice“ ist ein fröhliches Lied über die reine Freude, lachend durch einen Sommertag zu tanzen und zu spazieren. Und dabei eben das Getränk aus dem Titel zu geniessen. Doch fällt auf, dass sie an den Strand gehen. In Madrid? Oder gibt es einen Stadtstrand des Ebro in Madrid? Jedenfalls ist das Lied optimistisch und schön anzuhören.

  • Londoner Maulbeerbäume und der Berkeley Square

Kein Scherz: Ein Musikstück über Londoner Maulbeerbäume: „Mulberry Dawn“. Hier werden Parties gefeiert, in der Nähe des Berkeley Square. Es muss wohl lustig gewesen sein, John Lennon war auch da. Sowas erzählt „man“ zwar nicht (das ist die unmaßgebliche Meinung des Blog-Autors), aber wenn man es mitgenommen hat, dann kann man ja ein Lied drüber machen (das war wohl die Meinung des Song-Autors). Jedenfalls kam erst die Liebe und dann der Morgen unter Maulbeerbäumen. Was den geographisch interessierten Hörer zu Webseiten führt, die Londoner Bäume lokalisieren.

http://mulberrytrees.co.uk/locations/

http://www.londontrees.co.uk/mulberry.html

„Mulberry Dawn“ ist einer der Pop-Songs, die meine Meinung bestätigen, dass britische Musik im Prinzip aus Heimatliedern besteht.

  • Der Rest der A-Seite

Der Rest der A Seite ist für diesen Blog Off-Topic. „I Am A Cathedral“ ist ein Stück über mystische Erfahrungen. „Mellowed Out“ ist rhythmischer als die anderen auf der Platte, klingt aber wie schonmal gehört. „English Girls“ ist dann wieder heimatverbunden. Englische Frauen zeigen ihre Gefühle nicht. Und kommen aus einfachen Verhältnissen und „entwickeln“ sich nach oben.

  • Pause. Platte umdrehen. 

Es gibt Creme de Menthe. Das Getränk darf auf der B-Seite für eine Metapher herhalten. Lichter grüner Ampeln glitzern auf der nassen Straße wie ausgeschüttete Creme de Menthe.

  • Nochmal Paris

Ein Song über jemanden, der sein Leben lang die Liebe suchen wird: Mit „Boulevard“ wenden wir uns noch einmal dem Boulevard Saint Michel zu. Ein Straßenmusikant von Cafe zu Cafe und singt traurige Lieder. Das Boulevard kennt mich und meine Sorgen, und irgendwann finde ich mein Leben.

  • Der Rest der B-Seite

„Eternal Days“ wurde für einen Film über Grönland geschrieben. „Take Off Your clothes“ ist ort- und zeitfrei, und es ist – Überraschung! – voller Ironie und richtig „rock’n’Rollig“. Ein Junge will mit dollen Sprüchen imponieren („Main Daddy ist der Papst, und ich will nur..“) und hat Erfolg. Die Mischung aus ironisch und direkt ist einfach das, was den typisch englischen Humor ausmacht. „Tall Tree“ ist ein allegorisches Stück, der große Baum wird wieder blühen, so wie früher und so wie das Leben auch wieder besser wird. Unoriginell. Im Covertext heißt es, dass die Melodie monoton bleibt, um ein Gefühl der Endlosigkeit zu vermitteln. So kann man es auch sagen. Mit „Southern Belle“, einem Liebeslied will man die Platte ausklingen lassen, und dann das:

  • Beirut

Auf jeden Fall ein Höhepunkt der Platte. „Beirut“ aus dem Jahr 1978 führt den Hörer in die vom Bürgerkrieg zerrissene Stadt. Ohne zu Moralisieren erzählt Sarstedt eine Geschichte, die gleichzeitig zu einer Momentaufnahme Beiruts wird. Sicher, die Geschichte, die das Lied erzählt, ist komplex. Die Form ist zu einfach gewählt. So etwas wie ein „Long Song“ wäre einfach geeigneter. Die Frau, die Verletzung, der Bürgerkrieg als Kulisse, all das sind keine üblichen Themen für 3:45 Min.

Der Ich-Erzähler bezeichnet sich als „Anti-Held“. Kein Wunder, denn er zerfließt vor Selbstmitleid. Gerade eben hat er im Casino 50 Riesen verloren. Er baut sich wieder auf, indem er eine wunderschöne Frau betrachtet, die vor dem Casino steht. Plötzlich wird geschossen, der Erzähler wird am Arm getroffen, dann in einen weißen Mercedes gestoßen, die Frau verbindet seine Schusswunde. Sie ist – Überraschung – arm geboren und irgendwie reich geworden. Unnahbar. Aber trotzdem ganz nett.

Zusammenfassung: Grundmotiv sind reich gewordene Frauen aus armen Verhältnissen. Und es ist eine nette Reise durch die Welt. Frage: Gibt es in Madrid tatsächlich einen Strand?

Karte # 7: Köln um 1300. Mit und ohne Bier

Ecce Colonia.

 

  • Das Setup

Im vorigen Beitrag hat Niklas das Brauerhandwerk gelernt und zog über mehrere Stationen nach Bitburg. Dort erlangte er Bürgerrechte. Mit all diesen Erfahrungen erfüllt er sich nun seinen Traum, sich in Köln als Brauer nieder zu lassen. Von den Erlebnissen in Köln und danach handelt dieser Beitrag, quasi als Fortsetzung des Beitrags von letzter Woche.

  • Die Geschichte

Niklas findet schnell ein Haus für seine Braustube. In Köln werden meist Kräuterbiere gebraut. Auch besondere Spezialitäten wie Honigbiere. Hopfenbiere sind unbekannt. Also läßt sich Niklas den Hopfen aus der Gegend von Bitburg (siehe Teil 1) kommen. Als nächstes will er Albertus Magnus besuchen, der ist aber schon zwei Jahre zuvor gestorben. Mit Bierspenden erkauft sich Niklas die Erlaubnis, den Kräutergarten von Albertus Magnus pflegen zu dürfen. Dort experimentiert er mit Hopfenpfanzen. Die Ergebnisse kann er dann in Holsthum umsetzen.

Er freundet sich mit dem Buchhändler Rosenzweig an, dessen Söhne in seiner Brauerei aushelfen. Bei einer Feuersbrunst im Judenviertel sterben Herr und Frau Rosenzweig. Niklas nimmt sich der beiden Söhne an.

Auf seiten der Kölner Bürger nimmt Niklas – gemeinsam mit den anderen Brauern der Stadt – an der Schlacht von Worringen teil, am 5. Juni 1288.

Bereits im Jahr zuvor starb ein Papst – Honorius IV. Das folgende Konklave war eines der längsten der Geschichte. Nach fast einem Jahr wurde ein Franziskanermönch gewählt, Nikolaus IV. Der neue Papst weiß ein gutes Bier zu schätzen. Der Kölner Erzbischof (Siegfried von Westerburg) hat von dieser Vorliebe erfahren. Um sich mit dem Papst zukünftig gut zu stellen, möchte Siegfried ihm das beste Bier Kölns schicken. Er entscheidet sich für Niklas‘ Bier. Der Papst ist so begeistert, dass er Niklas einlädt, im Vatikan zu brauen. Niklas lehnt ab, sendet jedoch regelmäßig Bier nach Rom. Im Sommer 1291 bekommt der Papst Durchfall. Niklas wird beschuldigt, schlechtes Bier geliefert zu haben. In einem Prozess vor einem Schöffengericht der Stadt wird er von diesem Vorwurf freigesprochen. Man entscheidet, dass das Bier auf der sechswöchigen Reise im Sommer unterwegs verdorben ist.

Im April 1292 stirbt Papst Nikolaus IV. Bier hat damit nichts zu tun.

Der erste Weihwasserautomat wird erfunden. Nach dessen Vorbild lässt sich Niklas einen Bierautomaten anfertigen. Schnell entsteht der Vorwurf, dass der Automat Trunkenheit fördere und auch den Verkauf von Alkohol an  Kinder zulassen würde. Also wird der Automat wieder abgeschafft.

Niklas hat sich nun unter den Kölner Brauern etabliert und versorgt die Dombaustelle mit Bier. Die Freundschaft mit dem Dombaumeister nutzt er für Werbezwecke. Er vereinbart, dass er auf dem Altargemälde als Apostel Thomas erscheint. Seinen Konkurrenten Bodo läßt er als Teufel malen. Ein Jahr später – es ist 1307 – geht das Altargemälde in Flammen auf. Bei Bodo gibt es tagelang Freibier.

Niklas‘ Tochter Agnes Maria erkrankt an Blattern. Sie überlebt zwar, ist jedoch teils gelähmt und verbringt den Rest ihres Lebens im Kloster Ebstorf. Niklas besucht sie mehrmals, und eines Tages reist er weiter nach Lübeck.

  • Pause

Zur Pause gibt es heute einen malzig schmeckenden irischen Whiskey aus Niklas‘ nun folgender Reise.

  • Weiter

In Lübeck, der Hauptstadt der Hanse, lernt Niklas, wie Malz aus verschiedenen Getreidesorten verschnitten wird. In Lübeck gibt es wiederum nur Kräuterbiere. Die Konkurrenz aus England ist groß, denn dort wurde ein Hopfenbier – das Ale – erfunden und wird exportiert. Niklas erhält die Erlaubnis, seine haltbaren Hopfenbiere im Namen der Hanse zu verkaufen und macht Geschäfte mit Händlern in Brügge und Antwerpen.

Nun betreibt Niklas für einige Jahre gute Geschäfte, die ihn zu einem reichen Mann machen. Im Frühjahr 1310 bricht er nach London auf, um sich mit dem dortigen Bier zu befassen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Er lernt dort auch den wichtigsten Konkurrenten des Bieres kennen. Engländer destillieren aus so ziemlich allem Schnäpse. Auch aus Malz. Deswegen ist das uishe beatha, für Niklas besonders interessant.

Im Herbst 1310 fährt er zurück nach Köln. Ihm kommen beunruhigende Nachrichten entgegen, die zur traurigen Gewissheit werden: Während seiner Abwesenheit zogen Kölner Bürger brandschatzend durch das Judenviertel. Auch Niklas‘ Brauerei wurde zerstört. Der Mob ermordete die jüdischen Brauerjungen. Die Stadt Köln geht unangenehm schnell zur Tagesordnung über.

Niklas ist ein gebrochener Mann. Er zieht ins Kloster Urbrach, wo er sein Leben auf Papier – auch so eine neue Erfindung – niederschreibt und 1326 stirbt.

Dem Buch angehängt ist ein langer Epilog. Der Autor beschreibt dort den historischen Rahmen des Romans, und er wird so zu einem Nachschlagewerk.

  • Gedanken

Es ist weniger ein historischer Roman als ein Wissenschaftsroman. Die Handlung dreht sich um technischen Fortschritt. Die Produktionsmethoden von Bier werden immer weiter rationalisiert, das Bier geschmacklich verfeinert und haltbarer. Der Autor versteht es, seinen Helden an allen wichtigen Entwicklungen der Zeit teilhaben zu lassen. Der Leser nimmt an mehreren Revolutionen teil: Der Erfindung de Hopfenbieres, der Haltbarmachung des Hopfens, der Erfindung des Kühlschiffchens. Und auch wichtige gesellschaftliche und politische Ereignisse werden in die Handlung eingebunden, von der Entstehung eines Festes zu Beginn der Fastenzeit bis hin zu Kaiserkrönungen, wenn ein Tross mal kurz auf ein paar Fässer Bier vorbeischaut.

Das alles geschieht unspektakulär und wie zufällig. Daraus zieht der Roman seine Spannung. Der Aufbau des Buches, erst die Technik des Bierbrauens, danach die gesellschaftlichen Entwicklungen der Epoche einzubinden, sind für den Leser plausibel. Das Erscheinen des bösen Inquisitors erscheint jedoch aufgesetzt, und auch die Familiengeschichte ist für die Handlung nicht wichtig. Aber gerade das macht den Roman erfrischend anders.

Hier nochmal die Umgebungskarte.

Die Schlacht von Worringen

Siegfried von Westerburg

und nochwas zur Industriellen revolution des Mittelalters

Karten # 5 & # 6: Weihenstephan und Bitburg im Mittelalter: Hopfenbier und andere Revolutionen

In einigen der letzten Bücher spielte Wein eine Rolle. Zeit für ein wenig Abwechslung. Und natürlich habe ich den Text dazu: Der Bierzauberer von Günther Thömmes aus dem Jahr 2008 mit 374 Seiten.

  • Das Setup

Niklas wurde im Jahre 1248 in Franken geboren, als Sohn eines unfreien Bauern. Er hilft seiner Mutter gerne im Haushalt beim Bierbrauen, einer sehr schweren Arbeit. Eines Tages begegnet er einem Mann, der seinen Jungen im nahe gelegenen Kloster Urbrach abgeben möchte. Niklas schnappt die beiläufige Bemerkung auf, dass dort gutes Bier gebraut wird. Ab diesem Tag nervt er seinen Vater, dass er auch ins Kloster möchte. Mit 14 Jahren kommt er schließlich ebenfalls nach Urbrach. Damit beginnt seine Karriere als der beste Bierbrauer seiner Zeit.

Die Landkarte dazu. Die Reihenfolge der Stationen in der Geschichte ist blau-rot-grün.

  • Die Geschichte in den Klöstern

Niklas lernt zunächst viel über Getreide, er studiert Techniken des Brauens großer Mengen. Immerhin müssen viele Mönche das ganze Jahr über mit Bier versorgt werden. Die Biere sind Kräuterbiere. Je nach Zweck werden unterschiedliche Kräuter beigemischt, so dass ein Bier bekömmlich, durstlöschend oder heilend ist. Jedes Frühjahr gibt es dann das immer gleiche Problem: Die Kühlung des Bieres wird immer schwieriger. Bis dann – O Schreck – das Bier verdirbt. Eines Tages verkauft ein Händler dem Kloster etwas Hopphakraut. Das damit testweise gebraute Bier schmeckt bitterer als die Kräuterbiere, ist jedoch länger haltbar. Es entsteht ein Streit unter den Brüdern, am Ende setzt sich das Hoppha-Bier durch.

Der Klosterbraumeister verunglückt tödlich. Er stürzt kopfüber in den Bottich mit heißer Maische. Niklas, dem der Unfall von einigen Brüdern angelastet wird, verläßt das Kloster und zieht nach Weihenstephan. Dort wird seit Jahrhunderten mit Hopfen gebraut. Neues Problem: Der gelagerte Hopfen verliert schnell an Geschmack. Niklas gelingt es nach vielen Experimenten, Hopfen haltbarer zu machen. Das größte Problem besteht aber darin, die Maische abzukühlen. Das sollte stets so schnell wie möglich geschehen. Niklas erfindet das Kühlschiff. Das ist ein breiter, jedoch nur eine handbreit tiefer Behälter. Da hinein wird der Inhalt des Maischekessels gekippt. So kühlt die Maische schnell ab, und der Gärungsprozess kann zum optimalen Zeitpunkt beginnen.

1270 wird Weihenstephan von einem schweren Erdbeben weitgehend zerstört. Niklas zieht daraufhin nach St. Gallen weiter. Die Klosterbrauerei ist ein Großbetrieb mit drei Produktionsstätten, der täglich über 2000 Krüge verschiedener Qualitäten produziert. Für jeden Arbeitsschritt gibt es eigene Eisenkessel, Niklas lernt den Umgang mit Pech zur Abdichtung der Fässer. Später übernimmt er eine der drei Produktionsstätten, und zwar die des schrulligen Mönches Reginald. Niklas findet heimlich heraus, dass Reginald seine Kammer zur Giftmischerei umgebaut hat. Tatsächlich sterben ab im Kloster – es ist 1273 – immer mal wieder Menschen an Vergiftungen.

Reginald droht Niklas offen, ihn an die Inquisition zu verraten, worauf Niklas den Abt um Entlassung bittet. Auf der Heimreise findet er ganze Landstriche, auch sein Heimatdorf, von der Pest verwüstet. Heimatlos geworden, zieht er nach Regensburg, übernimmt eine Klosterschänke und heiratet Maria, die Tochter eines Handelskaufmannes.

  • Pause

Es gibt „Braces“. Einer der Klosterbrüder, ein Bäcker, sah seine Mitbrüder, wie sie mit verschränkten Armen auf Bier warteten. Diese verschränkten Arme inspirierten ihn zu einem Backwerk, das noch heute gerne zu Bier gereicht wird.

  • Weiter mit der Geschichte als Bürger

Die Klosterschänke in Regensburg floriert. Niklas ist jedoch noch immer im Stande eines Unfreien und möchte das ändern. Eines Tages besucht Albertus Magnus seine Braustube und erzählt vom Kölner Biersteuerstreit, den er – Albertus Magnus – zwischen dem Bischof und den Kölner Bürgern geschlichtet hat. Außerdem meint er, dass Niklas in Köln gute Chancen hätte, ein reicher Mann zu werden. Um sich auf die Tücken eines Leben als Freier Mann vorzubereiten, zieht Niklas jedoch zunächst nach Bitburg in die Eifel. Er läßt sich vom Rat der Stadt die Bürgerrechte vegeben. Er baut sich eine Brauerei und eröffnet mehrere Braustuben. In Holsthum gewinnt Niklas einen Hopfenbauern als Lieferanten. Das Geschäft floriert. Vor allen Dingen muss er schmerzhaft lernen, dass er nun Abgaben und Steuern zu entrichten hat. Es gibt Getreidesteuer für den Einkauf von Getreide, Büttensteuer für jedes verkaufte Fass, Biersteuer für den Ausschank und Malzsteuer für das Mälzen. Der Einfachheit halber sitzt Niklas im Sommer einmal im Schuldturm.

In Bitburg hat er außerdem einen Konkurrenten, Peter de Foro, der ordentlich Stimmung gegen ihn und sein Bier macht. Entnervt verkauft Niklas schließlich seine Brauerei für viel Geld an seinen Konkurrenten. Mit diesem Geld und seiner Familie macht sich Niklas nun auf nach Köln.

Diese Geschichte – und was sonst noch passiert – folgt nächste Woche. Hier noch die Orte der Handlung in Bitburg

Bitburg

Hopfenanbau in der Eifel

Die sehr gute Website der Brauerei Weihenstephan

Und noch was zu den Braces