Karte # 4: Dünkirchen mit dem Fahrrad: Das Haus in den Dünen

Im Roman von dieser Woche geht es wieder nach Frankreich, diesmal in den Norden an die belgische Grenze. „Das Haus in den Dünen“ von Maxence van der Meersch aus dem Jahr 1932 liegt mir in einer Ausgabe von 1948 vor. Vorn ist „G.M.Z.F.O.“ eingedruckt, die Genehmigung der französischen Besatzungsbehörden. Das Buch hat 216 Seiten. Heute würde es wohl als Regionalkrimi bezeichnet werden. Die Geschichte spielt in dem kleinen Gebiet zwischen Dünkirchen und dem belgischen Furnes. Die Gegend ist geprägt von Dünen, Gräsern und verkrüppelten Sträuchern. Rauher, salziger Seewind fegt über die sandige Heidelandschaft. Die Äcker geben mageren Ertrag, meist Kartoffeln und Buchweizen. Auf der belgischen Seite kommt dann hier und da ein üppiger Baum dazu. Es wird viel Fahrrad gefahren, und so habe ich die Rubrik „Fahrradroman“ neu hinzu gefügt.

  • Das Setup

Sylvain ist ein ehemaliger Boxer (nordwestfranzösischer Meister), der seine Karriere aus Liebe zu Germaine aufgab. Germaine wiederum gab aus Liebe zu Sylvain ihr Dasein als Prostituierte auf. Sie wohnen in Bray-Dunes. Das Dorf ist klein, ihre besten Freunde sind gleichzeitig ihre Nachbarn. Dies sind César und seine Freundin Louise. César ist ein erfahrener Tabakschmuggler, und auch Sylvain verdient sein Geld mit Tabak“handel“. Der Tabak wird in Belgien billig gekauft, über die Grenze geschmuggelt und in Dünkirchen teuer verkauft. Zwei Häuser weiter wohnt der Polizist Jules, der von den Geschäften seiner Nachbarn weiß, sie aber in Ruhe läßt.

  • Die Geschichte

Sylvain kommt nach Hause. Er wurde von Polizisten festgenommen und hat sich mittels einer Schlägerei wieder befreit. Stolz erzählt er César davon, fürchtet jedoch, dass die Polizei ihn nun sucht. Als nächstes kauft César Tabak ein. Dafür hat er seinen Hund Tom abgerichtet. Sylvain bringt Tom für César nach Adinkerke in Belgien, wo der „Tabakgroßhändler“ lebt. Dann geht Sylvain weiter nach Furnes, um in einer Kneipe zu entspannen. Er trifft eine junge Frau, unterhält sich mit ihr und verschwindet wieder. Während dessen hat der Händler in Adinkerke dem Hund ein Bündel mit 18 Kilo Tabak umgeschnürt, und der Hund bringt es nach Bray-Dunes.

Sylvain zieht los, um Tabak zu verkaufen. Germaine entscheidet sich, in das Café von Jeanne zu gehen, ihrer früheren „Chefin“, mit der sie immer noch befreundet ist. Sylvain soll sie dann dort abholen. Hinter der Bar steht Henry, zu dem Gästen gehört Jules sowie Monsieur Lourges, ein Zollspitzel, der Informationen über César sammeln will. Nachdem alle nicht handlungsrelevanten Gäste gegangen sind, kommt es zwischen den genannten zu einem Wortgefecht. Am Ende stellen sich Lourges und Sylvain einem Ringkampf, den Sylvain gewinnt.

Sylvain macht öfter mal einen Spaziergang nach Furnes, wo er das Mädchen wieder trifft, Pascaline. Auch ihre alte Tante und ihr Onkel sind da, die – fast 80-jährig – immer noch das Lokal führen. Eines Tages fährt Sylvain zu Kunden, wozu er quer durch Dünkirchen radeln muss. Es ist viel Polizei unterwegs, da seit einigen Tagen „verdächtiger Fahrradverkehr“ beobachtet wurde. Sylvain fährt Schleichwege. An der Kreuzung der Rue de Paris zur Rue de Lille sieht er Lourges stehen. Es kommt zu einer amüsanten Verfolgungsjagd per Fahrrad, bei der Sylvain Sieger bleibt.

  • Kurze Pause.

Im Text wird Benediktiner getrunken. Zum Wohl

  • Weiter in der Geschichte

Lourges will ab nun um jeden Preis Sylvain schnappen. Schlägerei, Ringkampf und Verfolgungsjagd haben Lourges angestachelt. Der Barmann Henry verrät Lourges den Namen von Sylvains Zwischenhändler in Dünkirchen, dem „großen Fernand“. Lourges setzt Fernand unter Druck, für ihn als Spitzel zu arbeiten. Während dessen radelt Sylvain immer öfter nach Furnes, wo er Pascaline und ihrem Onkel und Tante im Haus hilft. Eines Tages stürzt er und verletzt sich. Er beauftragt César, bei Fernand seinen bestellten Tabak abzuholen. So wird César anstelle von Sylvain verhaftet.

Sylvain erkennt das Schäbige an seiner Tätigkeit und nimmt eine Arbeit als Dockarbeiter an. Die Arbeit ist gut bezahlt. Germaine ist trotzdem enttäuscht, denn sie hat weniger zur Verfügung als zuvor zu „Schmugglerzeiten“. Sie geht immer häufiger zu Jeanne, wo sie mit Lourges anbandelt.  Eines Tages erfährt Lourges, dass Sylvain regelmäßig über die Grenze nach Furnes fährt, und er beginnt, an Sylvains Veränderung zu zweifeln. Er erzählt Germaine, dass Sylvain in Furnes ein Verhältnis pflege. Germaine überzieht Sylvain mit Vorwürfen. Sylvain kehrt enttäuscht in sein altes Leben zurück. Allerdings schickt er nun Germaine über die Grenze, um einzukaufen. Eines Tages wird Germaine an der Grenze verhaftet. Sie verlangt nach Lourges, der sie befreit. Im Gegenzug verlangt er von ihr, dass sie ihm Sylvain liefert. Sie willigt ein und verrät Sylvain endgültig.

Bei einer nächtlichen Schmuggelaktion kommt es an der Grenze zu einem Feuergefecht zwischen einer Schmugglerbande mit Sylvain und französischen Zöllnern. Sylvain wird von zwei Kugeln getroffen. Er will sich zu Pascaline durchschlagen, stirbt jedoch unterwegs.

  • Gedanken

Eine traurige Geschichte, die sich nach schelmischem Beginn zur Tragödie wandelt. Die Landschaft spielt hier eine große Rolle. Schmugglergeschichten spielen ja häufiger auf See oder in den Bergen, aber auch hier auf dem flachen Land wirkt die Geschichte eindringlich. Ich konnte nicht immer Sylvains Motive verstehen. Es ist nicht klar, warum er sich nicht völlig von Germaine abwendet. Die Geschichte ist auf jeden Fall spannend, und die Figuren wechseln ihren moralischen Standpunkt manchmal, was zu einigen überraschenden Wendungen führt. Am gewöhnungsbedürftigsten ist der sehr allwissende Erzählstil. Der Autor schildert chronologisch, was jeder der Figuren widerfährt, an einer Stelle begleitet er sogar den Schmugglerhund Tom bei seiner Flucht vor einem Zollhund.

Es lohnt sich auch, sich einmal kurz mit dem Tabakschmuggel zu befassen. Er gehört zu den ältesten heute noch ausgeübten Gewerben. In der Grenzregion zwischen Belgien und Frankreich scheinen die Menschen schon immer davon zu leben. Üblicherweise sind solche informellen Arbitragegeschäfte die Folge von staatlichen Eingriffen in Form von Verboten oder Besteuerung. 1932 liegt die Ursache darin, dass der belgische Tabak billiger und von besserer Qualität ist als der französische. Der Autor beschreibt zu Beginn Sylvains Kalkulation, ohne auf die Gründe für den Preisunterschied einzugehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Maxence_Van_der_Meersch

http://www.dunkirk-tourism.com/

http://fr.wikipedia.org/wiki/B%C3%A9n%C3%A9dictine

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2 Gedanken zu “Karte # 4: Dünkirchen mit dem Fahrrad: Das Haus in den Dünen

  1. Das kommt mir alles ziemlich verworren vor, menschliche Verirrungen. Anscheinend weiß keiner so richtig, was er/sie will??
    Toll wie schon letztes Mal, dass man die erwähnten Orte auf der Karte sehen kann.
    LG, Franka
    P.S. Und frohe Ostern!

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