Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

Es ist an der Zeit, auch „Götter, Gräber und Gelehrte“ mal weiter zu lesen. Im Buch der Treppen wurde die Wiederentdeckung Mexikos geschildert. Nun also das „Buch der Statuen“. Es geht um drei Forscher, die maßgeblich die Entdeckung des antiken Europa in Gang gebracht haben.

  • Winckelmann

Der erste ist Johann  Joachim  Winckelmann, der ab 1758 als Archivar in Rom arbeitete und dort Zugang zu einem „Museum“ in Herculaneum bekam. Er war der erste, der systematisch in der Umgebung grub und die verschüttete Stadt fand. Ebenso entdeckte er das verschüttete Pompeji. Beide Städte wurden ja bekanntlich bei dem Ausbruch im Jahr 79 verschüttet, jedoch auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Tagen der mehrtägigen Katastrophe.

Winckelmann wurde 1768 in Triest von einem italienischen Bekannten ermordet. Die Motive sind nicht letztlich geklärt, Ceram vermutet Motive aus „Neigungen“.

  • Schliemann

Der zweite Entdecker ist Heinrich Schliemann. Durch diverse Geschäfte reich geworden, widmete er sich seinem Hobby, Troja zu finden. dafür lernt er Griechisch. Er tut dies schnell und als Autodidakt mit Methoden, die er bereits angewandt hat, um andere Fremdsprachen in jeweils sechs Wochen zu erlernen. Der Ort wurde damals an anderer Stelle vermutet. Schliemann aber las die alten Texte wörtlich und suchte ein Gelände, dessen topographische Beschaffenheit zuließ, dass sich die beschriebene Handlung genauso abgespielt hat wie beschrieben. Er wurde fündig und grub tatsächlich Mauern Trojas aus. Am vorletzten Tag seiner Grabungsreise findet er schließlich einen Schatz, schickt unter einem Vorwand seine Arbeiter nach Hause und birgt ihn.

Noch einmal widmet sich Schliemann den Texten Homers. Der aus Troja heimkehrende Agamemnon wird in Mykenä zum Festmahl eingeladen und dabei hinterrücks ermordet. Acht Jahre später erscheint Agamemnons Sohn Orest und rächt den Tod seines Vaters. Es ist von – Aischylos bis Sartre – ein berühmter Dramenstoff.

Die Burg von Mykenä war bekannt. Unklar war die Lage der Königsgräber. Schliemann vermutete Sie innerhalb der Burg. Er fand sie. In späterer Zeit stellte sich heraus, dass es nicht die Gräber Agamemnons waren, sondern sie waren 400 Jahre älter. Aber sie waren reich an Schätzen und Grabbeigaben. Und ein weiterer Schritt zur Entdeckung der Antike war getan.

Eine kleine Intrige findet die besondere Aufmerksamkeit des Autors. Der König von Brasilien besucht die Grabungsstätten. er steckt einem Polizisten ein Trinkgeld von 40 Franken zu. Ein Bürgermeister verleumdet den Polizisten mit der Behauptung, er habe 1000 Franken erhalten. Es entstehen lange Verhandlungen, bis Schliemann am Ende die Wiedereinsetzung des Polizisten erreicht.

Die spektakulären Funde Schliemanns wurden in seiner Heimat begeistert aufgenommen. Nun schildert Ceram den Zeitgeist, der damals herrschte, man nannte es „Gründerzeit“. Der „Reine Wissenschaftler“ grenzte sich vom Laien ab, und diese neue Spezies des „reinen Wissenschaftlers“ hat Schliemann als „Dilettanten“ verachtet.

Schließlich gräbt Schliemann noch ein weiteres mal und findet die Burg Tinys. Sie war noch vollständig erhalten, also keine Ruine und zeugte so von der Pracht und der Baukunst zur Zeit des antiken Griechenland. 1890 stirbt Schliemann in Neapel.

  • Evans

Der dritte Entdecker war der Engländer Evans, der sich Kreta vornahm. Dort findet er den Palast des Minos in Knossos. Der Palast erinnert mit seinen unzähligen Hallen, Gängen und Speichern an ein „Labyrinth“. Und er findet Vorratstanks für Olivenöl mit einem Fassungsvermögen von 75000 Litern. Und er findet Wandmalereien, darunter häufiger das Motives des „Stiertänzers“. Der minoische König sandte seinen Sohn zu den Spielen nach Olympia. Dort siegte er. Der athenische König ließ ihn aus Neid ermorden, Minos überzog Athen mit Krieg, siegreich. Athen mußte jährlich Tribut an Minos entrichten, in Form von Menschenopfern für das Ungeheuer des Minos. Bis der Sohn des athenischen Königs nach Kreta reist und den Stier umbringt.

Kreta, die Kultur des Minos, wurde zerstört, plötzlich und scheinbar ohne Grund. 1926 erlebt Evans auf Kreta ein Erdebeben. Dass ein gewaltiges Erdbeben Kreta zerstört hat, gilt heute als wahrscheinlich. Und dann sind da noch Schriftzeichen aus Knossos. 1935 erklärt Evans, dass die Entzifferung noch in den Anfängen steckt. Wenige Jahre danach erklären andere Forscher die Schrift für nicht entzifferbar. Bis die Methodik zur Entzifferung von Geheimschrift durch den Krieg einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und auch auf das Kretische angewandt werden kann.

Winckelmann und Schliemann ist gemeinsam, dass sie von ihrer Umgebung und der wissenschaftlichen Welt angefeindet oder abgelehnt wurden. Über Evans nennt der Autor keine biographischen Details.

Wichtig ist in diesem Buch aber noch etwas: Ceram sagt, dass die Antike immer von dem Wissensstand aus der Gegenwart her interpretiert wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Statuen so weiß waren, wie sie uns heute präsentiert werden, das die abgebildeten Personen tatsächlich diejenigen sind, die angegeben werden. Es gab neben allem Prunk einen Alltag, der auch seine Spuren hinterließ, und der uns völlig unbekannt ist.

Mein Lob zum Buch der Treppen gilt auch für das Buch der Statuen. Sehr gut lesbar geschrieben. Auf der Basis der zu seiner Zeit bekannten Fakten entwickelt Ceram aus der Sicht der Entdecker und ohne viel Spekulation seine Geschichte, die er „Roman der Archäologie“ nennt. Mit sehr schwungvoller Sprache und anekdotischem Erzählstil bringt er dem Leser auch schwierigere Themen näher.

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8 Gedanken zu “Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

  1. Ich habe mal als Jugendliche in einem Kalender gelesen, wie Schliemann sich Sprachen beigebracht hat, wie zielstrebig und einfallsreich er dabei vorgegangen ist – und all‘ das, weil er von Homers Versen fasziniert war. Er ist schon ein ganz besonderer Mensch gewesen, auch wenn er kein studierter Archäologe war.
    Ich glaube, ich habe Cerams Buch ganz früher auch mal gelesen, aber damals hat es keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
    Viele Grüße,
    Franka

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    • Hallo Franka, das Buch habe ich schon vor vierzig Jahren im Schrank meiner Eltern stehen sehen. Eindruck gemacht hat es erst jetzt. Schliemanns Lernmethode wird in dem Buch sehr gut beschrieben, er benötigte für die meisten Sprachen sechs Wochen.
      Mir selbst wurde abgenötigt, mich neun Jahre lang mit dem Erlernen des Lateinischen zu beschäftigen. So war mir der Weg, es in sechs Wochen zu lernen, verwehrt. Heute bin ich schon zufrieden, wenn ich ein Buch pro Woche in deutsch lese und be-blogge. O tempora, o mores. Grüße Leo

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      • Zuerst mal ‚danke‘ für dein Kompliment wegen meiner Karte. Das beschämt mich jetzt, wenn ich deine sehe. Ich habe erst jetzt auf ‚vergrößern‘ geklickt und gesehen, dass du zu jedem Punkt eine Erklärung geschrieben hast. Toll!

        Schliemanns Sprachenlernmethode hat mich sehr beeindruckt und auch geprägt, glaube ich. Was neun Jahre Latein anbetrifft – glaube mir – dann hast du wenigstens etwas behalten. Ich habe das Latinum in drei Jahren nachgeholt – von null auf Cicero sozusagen – und nun ist alles wieder vergessen. Das war zu kurz, um sich zu festigen; die Wiederholung fehlte. Ich bin eben kein Sprachgenie wie Schliemann.

        Viele Grüße,
        Franka

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  2. Wesentlich ist, Ceram erweckte Neugier. Das ist etwas, das die Lehrer in Hinterindien komplett verschliefen. Danke all den alten Herren, von Ceram bis e=mc2 für das Kicken. Low, still in hinterindien.com

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  3. Hallo Low, ich schließe mich dem Dank an. Interesse zu wecken ist die Aufgabe der Lehrer (aller, nicht nur der schulischen). Bei der Antike hat es jetzt erst, mit über 50, funktioniert, dank einiger alter Bücher, nicht dank der schulischen Lehrer. Das mit dem Kicken lief bei mir wohl im falschen Augenblick. Physik habe ich abgewählt und mich dann studienhalber den Facetten der Kreditschöpfung gewidmet. Herzliche Grüße . Leo

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  4. Ja, wenn die antiken Statuen aus Eisen statt aus Marmor wären, würden heute alle denken, daß Griechenland damals von Indianern bevölkert gewesen wäre.

    Ceram habe ich schon zur Volksschulzeit gelesen, allerdings natürlich zu Hause, wenn ich mich in der Schule in welchem Unterricht auch immer verplapperte, gab es schlechte Noten, denn ich wußte da ja Stoff, der laut Lehrplan noch nicht „dran“ war und somit falsch.

    Daher unterstelle ich, daß das damalige Schulsystem in Deutschland auch nicht besser als das in Thailand gewesen sein kann.
    Die Qualität der heutigen Schulen sieht man an Praktikanten, denen man 30 Minuten lang erklären muß, wie man ein Päckchen im Paketshop abgibt, und die das dann trotzdem noch falsch machen.

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  5. Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Indianisches Eisen gehört tatsächlich zu den ungelösten Mysterien der Antike. Die Erkenntnis, dass Marmor und Eisen bricht, wie auch Stein, hat sich erst postantik in einem Sprichwort verfestigt. Immerhin löste es eine öffentliche Debatte über Grammatik aus. Grüße. Leo

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