Karte # 4: Dünkirchen mit dem Fahrrad: Das Haus in den Dünen

Im Roman von dieser Woche geht es wieder nach Frankreich, diesmal in den Norden an die belgische Grenze. „Das Haus in den Dünen“ von Maxence van der Meersch aus dem Jahr 1932 liegt mir in einer Ausgabe von 1948 vor. Vorn ist „G.M.Z.F.O.“ eingedruckt, die Genehmigung der französischen Besatzungsbehörden. Das Buch hat 216 Seiten. Heute würde es wohl als Regionalkrimi bezeichnet werden. Die Geschichte spielt in dem kleinen Gebiet zwischen Dünkirchen und dem belgischen Furnes. Die Gegend ist geprägt von Dünen, Gräsern und verkrüppelten Sträuchern. Rauher, salziger Seewind fegt über die sandige Heidelandschaft. Die Äcker geben mageren Ertrag, meist Kartoffeln und Buchweizen. Auf der belgischen Seite kommt dann hier und da ein üppiger Baum dazu. Es wird viel Fahrrad gefahren, und so habe ich die Rubrik „Fahrradroman“ neu hinzu gefügt.

  • Das Setup

Sylvain ist ein ehemaliger Boxer (nordwestfranzösischer Meister), der seine Karriere aus Liebe zu Germaine aufgab. Germaine wiederum gab aus Liebe zu Sylvain ihr Dasein als Prostituierte auf. Sie wohnen in Bray-Dunes. Das Dorf ist klein, ihre besten Freunde sind gleichzeitig ihre Nachbarn. Dies sind César und seine Freundin Louise. César ist ein erfahrener Tabakschmuggler, und auch Sylvain verdient sein Geld mit Tabak“handel“. Der Tabak wird in Belgien billig gekauft, über die Grenze geschmuggelt und in Dünkirchen teuer verkauft. Zwei Häuser weiter wohnt der Polizist Jules, der von den Geschäften seiner Nachbarn weiß, sie aber in Ruhe läßt.

  • Die Geschichte

Sylvain kommt nach Hause. Er wurde von Polizisten festgenommen und hat sich mittels einer Schlägerei wieder befreit. Stolz erzählt er César davon, fürchtet jedoch, dass die Polizei ihn nun sucht. Als nächstes kauft César Tabak ein. Dafür hat er seinen Hund Tom abgerichtet. Sylvain bringt Tom für César nach Adinkerke in Belgien, wo der „Tabakgroßhändler“ lebt. Dann geht Sylvain weiter nach Furnes, um in einer Kneipe zu entspannen. Er trifft eine junge Frau, unterhält sich mit ihr und verschwindet wieder. Während dessen hat der Händler in Adinkerke dem Hund ein Bündel mit 18 Kilo Tabak umgeschnürt, und der Hund bringt es nach Bray-Dunes.

Sylvain zieht los, um Tabak zu verkaufen. Germaine entscheidet sich, in das Café von Jeanne zu gehen, ihrer früheren „Chefin“, mit der sie immer noch befreundet ist. Sylvain soll sie dann dort abholen. Hinter der Bar steht Henry, zu dem Gästen gehört Jules sowie Monsieur Lourges, ein Zollspitzel, der Informationen über César sammeln will. Nachdem alle nicht handlungsrelevanten Gäste gegangen sind, kommt es zwischen den genannten zu einem Wortgefecht. Am Ende stellen sich Lourges und Sylvain einem Ringkampf, den Sylvain gewinnt.

Sylvain macht öfter mal einen Spaziergang nach Furnes, wo er das Mädchen wieder trifft, Pascaline. Auch ihre alte Tante und ihr Onkel sind da, die – fast 80-jährig – immer noch das Lokal führen. Eines Tages fährt Sylvain zu Kunden, wozu er quer durch Dünkirchen radeln muss. Es ist viel Polizei unterwegs, da seit einigen Tagen „verdächtiger Fahrradverkehr“ beobachtet wurde. Sylvain fährt Schleichwege. An der Kreuzung der Rue de Paris zur Rue de Lille sieht er Lourges stehen. Es kommt zu einer amüsanten Verfolgungsjagd per Fahrrad, bei der Sylvain Sieger bleibt.

  • Kurze Pause.

Im Text wird Benediktiner getrunken. Zum Wohl

  • Weiter in der Geschichte

Lourges will ab nun um jeden Preis Sylvain schnappen. Schlägerei, Ringkampf und Verfolgungsjagd haben Lourges angestachelt. Der Barmann Henry verrät Lourges den Namen von Sylvains Zwischenhändler in Dünkirchen, dem „großen Fernand“. Lourges setzt Fernand unter Druck, für ihn als Spitzel zu arbeiten. Während dessen radelt Sylvain immer öfter nach Furnes, wo er Pascaline und ihrem Onkel und Tante im Haus hilft. Eines Tages stürzt er und verletzt sich. Er beauftragt César, bei Fernand seinen bestellten Tabak abzuholen. So wird César anstelle von Sylvain verhaftet.

Sylvain erkennt das Schäbige an seiner Tätigkeit und nimmt eine Arbeit als Dockarbeiter an. Die Arbeit ist gut bezahlt. Germaine ist trotzdem enttäuscht, denn sie hat weniger zur Verfügung als zuvor zu „Schmugglerzeiten“. Sie geht immer häufiger zu Jeanne, wo sie mit Lourges anbandelt.  Eines Tages erfährt Lourges, dass Sylvain regelmäßig über die Grenze nach Furnes fährt, und er beginnt, an Sylvains Veränderung zu zweifeln. Er erzählt Germaine, dass Sylvain in Furnes ein Verhältnis pflege. Germaine überzieht Sylvain mit Vorwürfen. Sylvain kehrt enttäuscht in sein altes Leben zurück. Allerdings schickt er nun Germaine über die Grenze, um einzukaufen. Eines Tages wird Germaine an der Grenze verhaftet. Sie verlangt nach Lourges, der sie befreit. Im Gegenzug verlangt er von ihr, dass sie ihm Sylvain liefert. Sie willigt ein und verrät Sylvain endgültig.

Bei einer nächtlichen Schmuggelaktion kommt es an der Grenze zu einem Feuergefecht zwischen einer Schmugglerbande mit Sylvain und französischen Zöllnern. Sylvain wird von zwei Kugeln getroffen. Er will sich zu Pascaline durchschlagen, stirbt jedoch unterwegs.

  • Gedanken

Eine traurige Geschichte, die sich nach schelmischem Beginn zur Tragödie wandelt. Die Landschaft spielt hier eine große Rolle. Schmugglergeschichten spielen ja häufiger auf See oder in den Bergen, aber auch hier auf dem flachen Land wirkt die Geschichte eindringlich. Ich konnte nicht immer Sylvains Motive verstehen. Es ist nicht klar, warum er sich nicht völlig von Germaine abwendet. Die Geschichte ist auf jeden Fall spannend, und die Figuren wechseln ihren moralischen Standpunkt manchmal, was zu einigen überraschenden Wendungen führt. Am gewöhnungsbedürftigsten ist der sehr allwissende Erzählstil. Der Autor schildert chronologisch, was jeder der Figuren widerfährt, an einer Stelle begleitet er sogar den Schmugglerhund Tom bei seiner Flucht vor einem Zollhund.

Es lohnt sich auch, sich einmal kurz mit dem Tabakschmuggel zu befassen. Er gehört zu den ältesten heute noch ausgeübten Gewerben. In der Grenzregion zwischen Belgien und Frankreich scheinen die Menschen schon immer davon zu leben. Üblicherweise sind solche informellen Arbitragegeschäfte die Folge von staatlichen Eingriffen in Form von Verboten oder Besteuerung. 1932 liegt die Ursache darin, dass der belgische Tabak billiger und von besserer Qualität ist als der französische. Der Autor beschreibt zu Beginn Sylvains Kalkulation, ohne auf die Gründe für den Preisunterschied einzugehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Maxence_Van_der_Meersch

http://www.dunkirk-tourism.com/

http://fr.wikipedia.org/wiki/B%C3%A9n%C3%A9dictine

Karte # 3: Pompeji, Troja und Kreta: das Buch der Statuen

Es ist an der Zeit, auch „Götter, Gräber und Gelehrte“ mal weiter zu lesen. Im Buch der Treppen wurde die Wiederentdeckung Mexikos geschildert. Nun also das „Buch der Statuen“. Es geht um drei Forscher, die maßgeblich die Entdeckung des antiken Europa in Gang gebracht haben.

  • Winckelmann

Der erste ist Johann  Joachim  Winckelmann, der ab 1758 als Archivar in Rom arbeitete und dort Zugang zu einem „Museum“ in Herculaneum bekam. Er war der erste, der systematisch in der Umgebung grub und die verschüttete Stadt fand. Ebenso entdeckte er das verschüttete Pompeji. Beide Städte wurden ja bekanntlich bei dem Ausbruch im Jahr 79 verschüttet, jedoch auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Tagen der mehrtägigen Katastrophe.

Winckelmann wurde 1768 in Triest von einem italienischen Bekannten ermordet. Die Motive sind nicht letztlich geklärt, Ceram vermutet Motive aus „Neigungen“.

  • Schliemann

Der zweite Entdecker ist Heinrich Schliemann. Durch diverse Geschäfte reich geworden, widmete er sich seinem Hobby, Troja zu finden. dafür lernt er Griechisch. Er tut dies schnell und als Autodidakt mit Methoden, die er bereits angewandt hat, um andere Fremdsprachen in jeweils sechs Wochen zu erlernen. Der Ort wurde damals an anderer Stelle vermutet. Schliemann aber las die alten Texte wörtlich und suchte ein Gelände, dessen topographische Beschaffenheit zuließ, dass sich die beschriebene Handlung genauso abgespielt hat wie beschrieben. Er wurde fündig und grub tatsächlich Mauern Trojas aus. Am vorletzten Tag seiner Grabungsreise findet er schließlich einen Schatz, schickt unter einem Vorwand seine Arbeiter nach Hause und birgt ihn.

Noch einmal widmet sich Schliemann den Texten Homers. Der aus Troja heimkehrende Agamemnon wird in Mykenä zum Festmahl eingeladen und dabei hinterrücks ermordet. Acht Jahre später erscheint Agamemnons Sohn Orest und rächt den Tod seines Vaters. Es ist von – Aischylos bis Sartre – ein berühmter Dramenstoff.

Die Burg von Mykenä war bekannt. Unklar war die Lage der Königsgräber. Schliemann vermutete Sie innerhalb der Burg. Er fand sie. In späterer Zeit stellte sich heraus, dass es nicht die Gräber Agamemnons waren, sondern sie waren 400 Jahre älter. Aber sie waren reich an Schätzen und Grabbeigaben. Und ein weiterer Schritt zur Entdeckung der Antike war getan.

Eine kleine Intrige findet die besondere Aufmerksamkeit des Autors. Der König von Brasilien besucht die Grabungsstätten. er steckt einem Polizisten ein Trinkgeld von 40 Franken zu. Ein Bürgermeister verleumdet den Polizisten mit der Behauptung, er habe 1000 Franken erhalten. Es entstehen lange Verhandlungen, bis Schliemann am Ende die Wiedereinsetzung des Polizisten erreicht.

Die spektakulären Funde Schliemanns wurden in seiner Heimat begeistert aufgenommen. Nun schildert Ceram den Zeitgeist, der damals herrschte, man nannte es „Gründerzeit“. Der „Reine Wissenschaftler“ grenzte sich vom Laien ab, und diese neue Spezies des „reinen Wissenschaftlers“ hat Schliemann als „Dilettanten“ verachtet.

Schließlich gräbt Schliemann noch ein weiteres mal und findet die Burg Tinys. Sie war noch vollständig erhalten, also keine Ruine und zeugte so von der Pracht und der Baukunst zur Zeit des antiken Griechenland. 1890 stirbt Schliemann in Neapel.

  • Evans

Der dritte Entdecker war der Engländer Evans, der sich Kreta vornahm. Dort findet er den Palast des Minos in Knossos. Der Palast erinnert mit seinen unzähligen Hallen, Gängen und Speichern an ein „Labyrinth“. Und er findet Vorratstanks für Olivenöl mit einem Fassungsvermögen von 75000 Litern. Und er findet Wandmalereien, darunter häufiger das Motives des „Stiertänzers“. Der minoische König sandte seinen Sohn zu den Spielen nach Olympia. Dort siegte er. Der athenische König ließ ihn aus Neid ermorden, Minos überzog Athen mit Krieg, siegreich. Athen mußte jährlich Tribut an Minos entrichten, in Form von Menschenopfern für das Ungeheuer des Minos. Bis der Sohn des athenischen Königs nach Kreta reist und den Stier umbringt.

Kreta, die Kultur des Minos, wurde zerstört, plötzlich und scheinbar ohne Grund. 1926 erlebt Evans auf Kreta ein Erdebeben. Dass ein gewaltiges Erdbeben Kreta zerstört hat, gilt heute als wahrscheinlich. Und dann sind da noch Schriftzeichen aus Knossos. 1935 erklärt Evans, dass die Entzifferung noch in den Anfängen steckt. Wenige Jahre danach erklären andere Forscher die Schrift für nicht entzifferbar. Bis die Methodik zur Entzifferung von Geheimschrift durch den Krieg einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und auch auf das Kretische angewandt werden kann.

Winckelmann und Schliemann ist gemeinsam, dass sie von ihrer Umgebung und der wissenschaftlichen Welt angefeindet oder abgelehnt wurden. Über Evans nennt der Autor keine biographischen Details.

Wichtig ist in diesem Buch aber noch etwas: Ceram sagt, dass die Antike immer von dem Wissensstand aus der Gegenwart her interpretiert wird. Es ist unwahrscheinlich, dass die Statuen so weiß waren, wie sie uns heute präsentiert werden, das die abgebildeten Personen tatsächlich diejenigen sind, die angegeben werden. Es gab neben allem Prunk einen Alltag, der auch seine Spuren hinterließ, und der uns völlig unbekannt ist.

Mein Lob zum Buch der Treppen gilt auch für das Buch der Statuen. Sehr gut lesbar geschrieben. Auf der Basis der zu seiner Zeit bekannten Fakten entwickelt Ceram aus der Sicht der Entdecker und ohne viel Spekulation seine Geschichte, die er „Roman der Archäologie“ nennt. Mit sehr schwungvoller Sprache und anekdotischem Erzählstil bringt er dem Leser auch schwierigere Themen näher.

Karte # 2: Humoristisches die Mosel runter bis Koblenz und zurück

Der letzte Text war trist und schwermütig. Deswegen ist es Zeit für was witziges: Heinrich Spoerls „Wenn wir alle Englein wären“ habe ich in einer Ausgabe aus dem Jahr 1950. Es ist neben der Feuerzangenbowle Spoerls bekanntestes Werk. Die Geschichte spielt zwischen einem 22. Mai und dem folgenden 30. Juni. Wobei am 24. Mai Himmelfahrt war. Die Hauptfigur Christian Kempenich wurde 1882 geboren. Ein Blick in den ewigen Kalender sagt, dass diese Konstellation auf das Jahr 1906 paßt.

  • Das Setup

Christian Kempenich, ist Kanzleivorsteher im Bürgermeisteramt des fiktiven Ortes Weinheim an der Mosel. Seine Kusine in Köln bekam Zwillinge. Anläßlich deren Taufe fährt er nach Köln. Seine Frau Hedwig bleibt zuhause.

Die Veranstaltung in Köln dauert mit allem drum und dran 3 Tage. Am Himmelfahrtstag gegen 19 Uhr wird Herr Kempenich in eine Droschke gesetzt, die ihn zum Bahnhof bringen soll. Auf dem Weg fällt ihm die Hohe Straße auf, und er erinnert sich daran, dass seine Kegelbrüder viel davon erzählt haben. Er nutzt die Gelegenheit, um durch die Kneipen zu bummeln. An diesem Himmelfahrtstag entscheidet sich Hedwig, einen kleinen Ausflug per Schiff zu machen. Zufällig steigt der Gesangslehrer Fanetti, bei dem Hedwig Gesangsstunden nimmt, in das gleiche Ausflugsschiff.

  • Die Geschichte

Herr Kempenich ist von seinen „sittengeschichtlichen Studien“ enttäuscht. Ungezogene Damen setzten sich ungefragt an seinen Tisch, ein Komödiant erzählt Witze, die schlechter sind als die der Kegelbrüder. Und schließlich landet er in dem Hotel Monbijou, ohne sich an weiteres zu erinnern.

Das Ausflugsschiff mit Frau Kempenich und Fanetti an Bord kommt mit Verspätung in Koblenz an. Nun fährt kein Dampfer mehr zurück. Frau Kempenich hat sich nun ihres Gesangslehrers zu erwehren. Der hat ein „zweispänniges Gemach“ bestellt. An der Zimmertür ergreift sie die Flucht und geht zum Bahnhof. Der nächste Zug fährt auch erst am nächsten Morgen. Also übernachtet sie im Wartesaal.

Am nächsten Tag begegnen sich Herr und Frau Kempenich wieder zuhause. Herr Kempenich denkt, seine Frau wäre zuhause gewesen, hat ein schlechtes Gewissen und möchte seine Eskapade vor ihr verheimlichen. Frau Kempenich ist der Meinung, ihr Mann habe bei Verwandten geschlafen, und sie möchte ihren Ausflug samt Übernachtung verheimlichen. Außerdem storniert sie ihre Gesangsstunden. Fanetti möchte sich bei Frau Kempenich wieder beliebt machen (immerhin fehlt ihm das Honorar) und schenkt ihr Alfons, einen Dackelwelpen.

Eines Tages treffen zwei Briefe der Polizei ein, in denen Herr und Frau Kempenich des „Hoteldiebstahls“ beschuldigt werden. Bettwäsche ist aus dem Hotel Monbijou verschwunden, in dem laut Meldezettel Herr Kempenich mit Frau nächtigte. Beide verschweigen die Briefe voreinander. Sie stehen sich dann doch auf der Polizeistation gegenüber. Beide versuchen, den jeweils anderen aus dem Raum zu komplimentieren, damit sie vor der Polizei nicht lügen müssen.

Dann gehen sie heim. Dort ist Tante Selma. Sie redet Frau Kempenich ein, dass sie sich scheiden lassen solle, und sagt Herrn Kempenich, dass seine Frau diesen Entschluss bereits gefasst habe.

Kempenich engagiert Fanetti für 90 Mark. Dafür soll er nun Frau Kempenich erzählen, dass er unter dem Namen Kempenich in dem Kölner Hotel abgestiegen sei. In Hedwigs Gegenwart beschimpft er Fanetti dafür, dass der sich auf den Namen Kempenich eine Vergnügungsreise gegönnt hat. Frau Kempenich bezichtigt nun beide der Lüge, was keiner der beiden Herren versteht.

Tage später findet bei Frau Kempenich ein Kaffeekränzchen statt. Zwei Polizisten klingeln und nehmen eine Hausdurchsuchung vor. Sie finden eine Quittung des Hotels Monbijou, da Herr Kempenich inzwischen 100 Mark als Schadenersatz gezahlt hat. Schlecht für ihn. Aber auch Frau Kempenich hat kein Alibi für die fragliche Nacht. Stotternd gesteht sie, dass sie in Koblenz war und dort übernachten mußte. Sie kann aber den Namen des Hotels nicht nennen.

Kempenich wird bis zur endgültigen Klärung vom Bürodienst suspendiert. Eines Tages wandert er durch die Weinberge und anschließend kauft er sich 6 Hemden, läßt sich seinen Schnurrbart rasieren, bringt seiner Frau Blumen mit und versöhnt sich mit ihr. Tage später findet gegen beide eine Verhandlung im Schöffengericht statt. Zur Vorbereitung geht er zu einem Anwalt. Dort wird entschieden, alle Hotelportiers aus Koblenz vorzuladen, da irgend einer ja Frau Kempenich gesehen haben muss.

Der Zug mit den Portiers fährt von Koblenz über Zell, Zeltingen, Brauneberg nach Weinheim. Auf jedem Bahnhof kaufen sie sich eine Flasche Wein. Gerade noch rechtzeitig kommen die – mittlerweile betrunkenen – Portiers an. Einer erkennt Frau Kempenich wieder, die er im Hotel mit ihrem Mann gesehen hat. Die Kempenichs werden freigesprochen, da sie offensichtlich in Köln waren. Nur Herr Kempenich ist unzufrieden, da er nicht weiß, wer der Mann war, den der Portier für ihn hielt. Der Portier plaudert weiter und wirft Herrn Kempenich vor, dass er nach einem Streit seine Frau einfach davon laufen ließ. Damit ist auch Herr Kempenich zufrieden.

Und alles ist gut.

  • Bemerkungen

Die Geschichte ist witzig zu lesen und lebt von der Komik der Handlung, die an eine der üblichen Verwechslungskomödien erinnert. Aber auch Spoerls Schreibe ist voller Sprachwitz und Schlagfertigkeit, was den Text lebendig macht. Der Leser kennt die Verwicklungen von Anfang an. Der Leser erlebt mit, wie sich die beiden Hauptpersonen immer stärker verwirren, je mehr sie ihre Erlebnisse vertuschen wollen. Ist aber lustig. Vorausgesetzt, man kann damit leben, dass der Wäschediebstahl nicht aufgeklärt wird.

Die im Buch genannten Weine exisitieren wirklich und gehören heute zu den besten Rieslingen weltweit. Zum Wohl.

http://www.brauneberger-juffer.com/home.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Katz

http://www.riesling.de/de/lage/zeltinger-himmelreich/53_210.html

Karte # 1: Die Garonne bei Toulenne: Wein, Fleisch und Blut. Mauriac

Das nächste Buch ist wieder ein Roman, und er führt nach Frankreich. Nachdem schon die Auvergne und die französischen Alpen in Romanen abgehandelt wurden, geht es nun an die Atlantikküste in die Gegend um Bordeaux. Wer von hier aus 50 km die Garonne flußaufwärts fährt, der gelangt in das Städtchen Toulenne. Hier spielt die folgende Geschichte hauptsächlich. Das Buch heißt „Fleisch und Blut“ von Francois Mauriac. Ich habe die Ausgabe von 1954 mit 208 Seiten. Das Original „La Chair et le Sang“ wurde 1920 vollendet. Die Handlung spielt im 1. Halbjahr 1914. Der Autor erhielt 1952 den Nobelpreis.

  • Das Setup

Claude Faverau hat das Priesterseminar in Bordeaux abgebrochen. Er fährt mit dem Zug nach Hause, das ist eine Chartreuse in Lur nahe Toulenne, ein altes Weingut aus dem 18. Jahrhundert. Dort lebt und arbeitet sein Vater Dominique Favreau als Verwalter. Die Chartreuse hat gerade einen neuen Besitzer, Bertie Dupont-Gunther. Er ist Witwer und Protestant und gilt als arroganter, grobschlächtiger Geschäftsmann. Er hat Dominique Faverau als Verwalter übernommen.

  • Die Geschichte

Auf der Chartreuse tummelt sich eine Menge Personal: Berties Sohn Edward ist ein verzogener Schönling, der meist in weißen Anzügen und mit Zigaretten im Mundwinkel rumläuft. Edward verachtet jedes Gefühl. Berties Tochter May spielt Klavier, liebt die Einsamkeit und ist ansonsten unscheinbar. Beide freunden sich mit Claude an, sehr zum Widerwillen ihres Vaters. Dann gibt es da eine Gesellschafterin, Melanie Gonzales. Sie ist eine stämmige Frau, die alles unter Kontrolle hat und jeden dadurch nervt, dass sie permanent vor sich hin plappert. Sie hat eine Tochter, Edith. Bertie Dupont-Gunther wiederum ist eher selten anwesend. Meist kommt er nur kurz vorbei, stänkert überall rum und fährt mit seinem Auto zurück zu seinen Geschäften und Mätressen nach Bordeaux.

Edward, Claude und May gehen in der Garonne schwimmen. Sie finden eine schöne Stelle zwischen Saint-Macaire und Saint-Pierre-d’Aurillac. Anschließend liegen sie im Gras, diskutieren über Religion und Philosophie und lesen sich aus „Fleurs du Mal“ vor. May führt die Diskussionen über die nächsten Wochen fort. Es entstehen zarte Bande der Sympathie zwischen den beiden. Edward langweilt sich und beginnt zu malen.

Edith trifft ein. Frau Gonzales will sie mit Bertie Dupont-Gunther verkuppeln (also ihre Tochter mit einem Mann in ihrem eigenen Alter), um diesen besser kontrollieren zu können. Und natürlich gibt es auch eine Dame, die ihren Sohn mit May verkuppeln möchte. Diese Dame, Frau Castagnedes, ist sehr fett, ihr Sohn Marcel ebenso. Von nun an gehen alle Intrigen schief:

Edith verliebt sich in Edward. May ist von Marcels Benehmen angeekelt und läuft schreiend durchs Haus. Schließlich kommt es zu einem dramatischen Dialog zwischen Edward und Claude. Edward kündigt an, dass er das Gut verlassen wird, und dass Claude für seine – Edwards – Eskapaden Leid auf sich ziehen wird. An dieser Stelle weiß der Leser, dass die Eckpunkte eines Dramas gesetzt sind. Claude auch, denn er beschließt, dass er Edward nicht wieder sehen möchte.

  • Pause

Eine Gesellschaft, also eine große Familienfeier führt alle Personen zusammen. Außerdem kommen noch einige weitere Gäste. May nimmt als einzige nicht von Beginn an teil. Später erscheint sie, angewidert von der ganzen Gesellschaft, besonders dem fetten Marcel, trinkt einige Gläser Rotwein, spielt Klavier, singt „Isoldes Liebestod“ und verzieht sich wieder.

  • Weiter

Herr Dupont-Gunther erfährt, dass seine Dauergeliebte fremd geht und ist zornig auf sie. Frau Gonzales beobachtet May und Claude bei einem innigen Kuß. Sie stellt May zur Rede, die schließlich unter dem Redeschwall zusammen bricht. May fragt Claude um Rat, und als dieser sie abweist, flieht sie zu dem fetten Marcel. Nicht einfach, denn das setzt für die protestantische May eine Konversion voraus.  Claude wiederum betrauert seine eigene Einsamkeit, die er – von seinem tiefen Katholizismus geleitet – als Strafe für seine Schuld ansieht. Edward fährt nach Paris. In einem langen Briefwechsel mit seinem Freund Firmin betrauert er seine einsame Lage. Edith gesteht ihrer Mutter, dass sie in Edward verliebt ist, und auf keinen Fall dessen Vater heiraten wird. Es kommt zum Streit, und in der Folge wirft Bertie Dupont-Gunther Frau Gonzales aus dem Haus.

May kapituliert vor dem Druck aller und heiratet den fetten Marcel. Derweil ist Edith in Paris Edwards Geliebte geworden. Ihre Mutter drängt Edith, dass sie Edward zur Heirat drängen möge. Claude hilft derweil bei den Arbeiten im Weinberg mit. Als Mittel gegen drohenden Frost zieht man mit qualmenden Pechpfannen durch die Weinberge. May entschwindet aus der Handlung.

Edith schlägt Edward vor, dessen Maler-Atelier zu organisieren. Als sie meint, dass er nur die Wahl zwischen ihr und dem Tod habe, schreit er sie an, dass er den Tod wähle. Sie verläßt ihn. Er wird immer einsamer und sein Gemüt verfinstert sich immer mehr. Edward rafft sich nach Wochen auf, in einem Lokal zu essen. Zufällig begegnet er dabei den Gonzales‘. Angewidert begibt er sich in ein Lokal voller verführerisch tanzender Mädchen. Am nächsten Morgen will er aus Paris fliehen. Er nimmt ein Zugticket nach Chalons-sur-Marne.

In Chalons kauft er sich einen Revolver und setzt sich in ein Hotelzimmer. Er kündigt in zwei Briefen seinen Selbstmord in 5 Tagen an, einen schickt er an Edith, einen an Claude. Claude möchte zu Edward fahren, leiht sich bei einem befreundeten Abbé das Geld für die Fahrkarte, gerät in Streit mit seinem Vater, der ihn schließlich einschließt. Bei einem Sprung aus dem Fenster verletzt er sich. Er kommt in Chalons zu spät an. Edward liegt bereits im Sterben. Am Totenbett erscheint Edith, die den Brief zuerst nicht ernst nahm. Edward kehrt mit Sarg nach Hause zurück.

1914 wird ein guter Weinjahrgang, heißt es.

  • paar Gedanken

Mauriac hat eine außergewöhnlich kraftvolle Sprache. Die Personen werden in der Fantasie des Lesers lebendig. Sie werden auch psychologisch einfühlsam geschildert. Die Natur in der Gegend von Bordeaux kann man fast schmecken. Die Vielzahl der Personen macht das Buch an einige Stellen kompliziert. Einige Figuren habe ich in diesem Beitrag der Übersichtlichkeit halber unterschlagen. Die Konflikte um die Liebe, Schuld und Enttäuschung sind nachvollziehbar geschildert, aber doch aufs Äußerste dramatisch zugespitzt. Die Unselbständigkeit und Manipulierbarkeit der Personen befremdet den modernen Leser dennoch sehr. Am Schluß bleibt ein wenig Ratlosigkeit. Alles geht weiter, nur eben ohne Edward.

Lesenswert.

Ab sofort gibt es noch als neue Rubrik

  • Die interaktive Karte zum Buch (zum gucken draufklicken)

Hanford, Oak Ridge, Los Alamos – Schenzingers Atom Teil 3

Ich tue mir schwer, Bücher zu lesen, die sich auf tatsächliche Ereignisse beziehen, wenn diese Ereignisse die Handlung maßgeblich begrenzen. Deswegen habe ich nie einen Pompeji-Roman gelesen. Man weiß schon vorher, dass der Vulkanausbruch alles zerstört und damit die Handlung beendet ist.

Um den dritten Teil von Schenzingers Atom habe ich mich aus ähnlichen Gründen gewunden. Der zentrale Punkt, auf den alles hinausläuft, steht fest. Andererseits: Die beiden ersten Teile waren gut, wenn auch für einen Laien wie mich nicht in jedem Detail sofort zu verstehen. Und so gebietet es die Höflichkeit, das Buch zu Ende zu lesen.

  • Das Setup

In Teil 1 wird beschrieben, wie Demokrit im antiken Athen ein Atommodell entwickelt, Professor Rutherford hat – zusammen mit vielen anderen Physikern – im Experiment ein Atommodell besätigt und weiter entwickelt. Davon handelt Teil 2. Teil 3 spielt hauptsächlich in den USA, von wo aus auch nach Berlin und nach Norwegen geschielt wird, denn die USA und Deutschland lieferten sich ein Wettrennen bei unvollkommener Information.

  • Die Geschichte

Niels Bohr und Fermi forschen in den USA, dort erreicht sie eine Nachricht von Dr. Joliot in Paris. Ihm ist es gelungen, die von Otto Hahn vermuteten Neutronen im Experiment nachzuweisen. Damit rückt die Möglichkeit einer Kettenreaktion näher. Bohr berichtet auf einem Vortrag in Princeton davon.
Allerdings ergibt sich ein neues Problem: Wenn Uran 235 beschossen wird, gibt es Neutronen ab. Diese werden von Uran 238 aufgefangen und von diesem quasi „vereinnahmt“. Um eine Kettenreaktion zu erreichen, müssen mehr Neutronen von Uran 235 abgegeben werden als von Uran 238 aufgenommen werden können. Es wird also viel Uran 235 benötigt. In natürlichem Uran ist Uran 235 aber nur spärlich enthalten.  Also muss es separiert werden. Bei den Versuchen hierzu entdeckt Bohr das neue Element Plutonium, erzählerisch schön zusammen gefaßt anläßlich eines weiteren Vortrages von Bohr an der Columbia University.

1940 richtet die Regierung in Washington auf Drängen Einsteins eine kommission ein, die sich um Mittelvergabe für die weitere Forschung kümmern soll, zunächst jedoch skeptisch ist, ob jemals konkrete Ergebnisse zustande kommen.
In weiteren Experimenten wird festgestellt, dass Plutonium die gleichen Spaltungseigenschaften besitzt wie U 235. Allerdings ist es leichter herzustellen. Dabei wird immer mal wieder über den Atlantik geschielt. Es ist bekannt, dass deutsche Wissenschaftler in Berlin-Dahlem und vor allen Dingen in Norwegen Atomforschung betreiben, aber niemand weiß, wie weit die Ergebnisse fortgeschritten sind.
Der japanische Überfall auf Pearl Harbor sorgt dafür, dass die Forschung an der Bombe mit unermeßlichen finanziellen Mitteln ausgestattet wird. Schnell gelingt es, in größerem Maße Plutonium herzustellen.
Anfang des Jahres 1943 wird in der Wüste südlich von Santa Fe ein Militärposten gebaut. In Tennesse, am Clinch-River wird ein Uranwerk gebaut, um das herum die Stadt Oak Ridge entsteht. Eine Plutoniumfabrik entsteht in Hanford im Staate Washington am Columbia River. Und in Wendover in Utah werden Piloten für einen Geheimauftrag ausgebildet. Der Posten in der Wüste heißt Los Alamos, keine Straßen führen zu ihm hin, die Post wird nach Santa Fe geschickt.
Der Krieg verdrängt die Frage, wofür die Energie verwendet werden kann, außer um Bomben zu bauen. Schnell ist klar, dass bei den Prozessen unendlich viel Energie frei wird. In Hanford geschieht das in Form von Wärme, der Columbia River wird mächtig aufgeheizt. Die Frage nach einer sinnvollen Verwendung der Energie wird jedoch wegen des Krieges nicht gestellt.

In weiteren Experimenten werden Spontanzündungen erreicht. Jedoch ist es nicht möglich, kontrollierte Zündungen zu erzeugen. Die entscheidende Idee ist es, die Kernmasse mit einem „Tamper“ zu umhüllen, einem Mantel, der die ausgworfenen Neutronen wieder in die Masse zurück schleudert, solange bis die Masse explodiert. Außerdem wird die Masse in zwei Teile zerlegt, die erst kurz vor der Zündung zusammen gesetzt werden.

Der fortschreitende Krieg zwingt Physikalische Heeresanstalt dazu, die Forschungsstätten von Berlin nach Haigerloch zu verlegen. Am 22.4.1945 beschlagnahmen amerikanische Soldaten alles.

Die Insel Tinian im Pazifik: Von dort aus werden regelmäßig Luftangriffe auf japanische Stellungen geflogen. Eine Einheit übt abgesondert und unter dem Spott aller für einen vermeintlichen Spezialauftrag. Schließlich treffen Flugzeuge und Piloten aus Wendover auf Tinian ein. Auf dem entscheidenden Flug unterhalten sich zwei Soldaten der Flugzeugbesatzung über einige philosophische Fragen.

  • ein paar Gedanken

Auch im Teil 3 ist mir die stakkatohafte Sprache Schenzingers aufgefallen, die für den 2. Teil typisch war und zu dem Wettlauf stilistisch passt. Im Vergleich zum 2.Teil hat sich nun das gesellschaftliche Klima verändert, das den Boden für die Forschungen bildet. Während zunächst der reine Erkenntnisgewinn im Vordergrund stand, ist nun der Krieg die Sache, die das ergebnis vorantreibt. Schenzingers Schreibstil passt zu dem immer schneller werdenden Wettlauf, der sich nun auf zwei Ebenen abspielt. Da ist einmal die wissenschaftliche Fragen, Uran 235 zu gewinnen oder Plutonium herzustellen wie auch mit der Frage der kontrollierten Zündung. Gleichzeitig findet der durch den Krieg getriebene Wettlauf statt.  Gegen Ende des Buches, wenn es um die erste Bombenzündung in Los Alamos geht, und das Leben der Fliegerstaffel beschrieben wird, läßt das Tempo nach. Zugleich verliert das Buch an Spannung, Die Stärke des Buches ist auf jeden Fall die Beschreibung des wissenschaftlichen Fortschritts.