Wien am 7. Februar oder: Bücher haben keine Musik

Wien. Es ist der 7. Februar.

  • Das Setup

Ein Militärpolizist (Der Ich-Erzähler) und ein abgehalfteter Schriftsteller treffen sich bei einer Beerdigung. Sie kommen ins Gespräch, das gemeinsame Thema ist der Beerdigte, ein Doktor der Medizin. Er wurde vor seinem Haus von einem Auto überfahren.

  • Die Geschichte

Nach zwei Tagen treffen sie sich wieder, und der Schriftsteller erzählt, was er seit dem Begräbnis erlebte. Er traf einen Bekannten des Beerdigten, um etwas über den Tod seines Freundes zu erfahren. Dieser Bekannte war Zeuge des Unfalls und half, den Verunglückten weg zu tragen. Er erzählt von einem weiteren Zeugen, einem Amerikaner namens Cooler. Langsam dämmert dem Schriftsteller, dass mit diesem Unfall möglicherweise etwas „nicht stimmt“. Danach trifft der Schriftsteller die Freundin des Verstorbenen, eine Schauspielerin. Er erfährt weitere Einzelheiten über den Tod seines Freundes, der immer mysteriöser erscheint (der Freund ebenso wie sein Unfall).

Der Schriftsteller besucht als nächstes den Arzt des Verstorbenen. Der ist sehr einsilbig und widmet sich während des Gesprächs lieber seiner Sammlung von Kruzifixen, die er permanent gerade hängt. Schließlich geht der Schriftsteller nochmal zu dem Haus, in dem sein Freund wohnte und vor dem er überfahren wurde. Ein Bewohner, Herr Kuhn, erzählt, dass er drei Männer sah, die den Leichnam weg trugen. Bisher war nur von zweien die Rede. Wer aber war – „Der Dritte Mann“.

  • Pause

Den Film kennt jeder, den Roman von Graham Greene nicht. Ich fand eine Ausgabe aus dem Jahr 1952.

Der Militärpolizist ist der britische Polizeioffizier Calloway. Der Schriftsteller Rollo Martin wohnt im „Hotel Sacher“. Die Schauspielerin heißt Anna Schmidt und hat ein Engagement im Theater an der Josephstadt. Sie ist Ungarin und hat gefälschte Papiere und Angst vor den Sowjets. Der Beerdigte ist natürlich Harry Lime.

  • Weiter in der Handlung

Rollo Martins macht den Amerikaner Cooler ausfindig und erzählt vom „Dritten Mann.“ Anschließend besucht er Anna Schmidt in ihrer kleinen und eiskalten Wohnung. Um das Geheimnis von Harrys Verschwinden zu klären, wollen sie noch einmal in Harrys Wohnung gehen. Vor dem Haus ist eine Menschentraube, weil Herr Kuhn, der Zeuge, ermordet wurde. Ein britischer Militärpolizist gabelt Rollo bei einer Autorenlesung auf und bringt ihn zu Calloway.

Calloway eröffnet Martins, dass Harry Lime der Kopf einer Bande sei, die Penicillin stiehlt, anschließend verdünnt bis es fast wirkungslos ist und dann an Ärzte weiter verkauft. Martins betrinkt sich und geht zu Anna. Er erzählt ihr die Neuigkeiten und sagt ihr, dass er sie liebt. Sie wirft ihn raus. Auf dem Heimweg sieht er im Lichtschein einer Straßenlaterne eine Gestalt, die Harry Lime ähnelt. Sie verschwindet unter einer Litfaßsäule in der Kanalisation Wiens. Verwirrt kehrt Rollo zu Anna zurück, es ist 4 Uhr morgens. Anna wurde jedoch in der Zwischenzeit von einem russischen Besatzungsoffizier entführt. Calloway erfuhr davon. Es gelingt, den russischen Wagen anzuhalten, der sich noch in der englischen Zone befindet und Anna zu befreien.

Über Kurtz läßt Rollo Harry Lime ausrichten, dass er am Riesenrad auf ihn wartet. Lime kommt zu dem Treffen, sie fahren eine Runde Riesenrad. Martins will Lime vom Unrecht seines Tuns überzeugen, Lime rechtfertigt sich. Beide denken dabei permanent darüber nach, dass die Gondel ein perfekter Ort wäre, den anderen umzubringen.

Noch einmal treffen sich Calloway und Rollo. Rollo soll Anna nun überreden, Lime aus der russischen Zone heraus zu locken. Sie lehnt ab. Rollo bietet nun Calloway an, den Lockvogel zu spielen. Er fädelt den Kontakt ein und wartet in einem Kaffeehaus. Lime kommt tatsächlich, ein Fehler Rollos sorgt dafür, dass Lime die Situation durchschaut und flieht. Nun beginnt die Verfolgungsjagd durch die Kanalisation.

Vier Schüsse fallen: Harry schließt einem Polizisten die Taschenlampe aus der Hand. Ein zweiter Schuss tötet den Polizisten, den dritten Schuss feuert Martins, der von Calloway eine Pistole bekam, auf Harry ab. Als sie sich gegenüber stehen und Harry schwer verwundet im Sterben liegt, schießt Rollo ein letztes Mal.

Es ist eine Woche nach dem 7. Februar. Harry Lime wird beerdigt. Anschließend entschwinden Anna und Rollo untergehakt Calloways Blicken.

  • Persönliches

Wow. Ausatmen. Ein brillanter Krimi, erzählt in mehreren Ebenen von Rückblenden, trotzdem temporeich und mit einem spannenden Schluß, mit Einfühlungsvermögen in die Figuren und einer dichten Atmosphäre. Der subtile britische Humor des Ich-Erzählers Calloway kommt sehr gut zur Geltung. Trotzdem: ich habe den Film so oft gesehen, dass ich mich nicht von seinen Bildern lösen konnte, erst recht nicht von der Musik, die den Bildern etwas Mystisches gibt. Graham Greene selbst schrieb im Vorwort über die Unterschiede zwischen Buch und Film. Hier im Text sind deren vier versteckt.

Der Ort der Handlung ist Wien. Die Kärtnerstraße, der Zentralfriedhof. Die Ringstraße mit ihren mächtigen Statuen. die Cafes und natürlich der Prater mit dem Riesenrad. Auch die Aufteilung Wiens zwischen den vier Siegermächten wird immer wieder thematisiert. Und natürlich die Kanalisation, denn „wir leben über einer Höhlenlandschaft von Wasserfällen und rauschenden Flüssen.“

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2 Gedanken zu “Wien am 7. Februar oder: Bücher haben keine Musik

  1. Danke Leo. Ich las das Buch irgendwann in den letzten Monaten wieder.
    Green schrieb eine ähnliche Geschichte, welche im asiatischen Raum spielt.
    Der Knüller heisst “Der stille Amerikaner, The Quiet American“ und wurde verfilmt.
    Das in den USA als antiamerikanisch kritisierte Buch war ein Grund dafür, dass Greene bis zu seinem Tod 1991 unter Überwachung der amerikanischen Geheimdienste stand. Welch eine Auszeichnung!

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