1651 – Tulpen aus Amsterdam

Lorenzo Marini, „Der Tulpenmaler“ hat 351 Seiten. Die Ausgabe von 2003 ist die einzige auf Deutsch erschienene, das Cover zeigt eine gemalte Tulpe, deren rote und weiße Streifen ineinander fließen. Es ist ein historischer Roman, der im Amsterdam der Jahre 1649 bis 1651 spielt. Holland wurde gerade von Spanien unabhängig. Amsterdam ist eine aufstrebende, optimistische und durch den Gewürzhandel reich gewordene Stadt. In dieser Atmosphäre legen die reichen Bewohner ihr Geld in Gemälden an, und so tummeln sich hier viele Maler, die oft auf einzelne Motive spezialisiert sind. Die Ateliers haben viele Angestellte.

  • Das Setup

Napilut ist einer dieser Genremaler. Er malt Tulpen, ausschließlich Tulpen. Seine Bilder sind besonders beliebt, weil eine spezielle Firnis ihnen seidigen Glanz verleiht, den Napilut-Effekt. Marco de Roos ist Napiluts größter Konkurrent und malt Rosen. Er ist ein kreativer, technisch jedoch durchschnittlicher Maler, aber ein außergewöhnlich guter Verkäufer seiner Bilder. Und ein noch besserer Intrigant.

Van der Lens ist ebenfalls Maler, fühlt sich aber selbst als Forscher. Er sammelt Insekten und erforscht sie mit einer starken Lupe. Als Broterwerb malt er Insekten. Die Blumenmaler geben ihm ihre Bilder, damit er darauf ein Insekt malt.

Professor van Kalm ist Wissenschaftler. Er arbeitet an Versuchen, die Erdumdrehung zu verlangsamen und so die Zeit zu verlängern. Doktor Claudius, ein Astronom, träumt davon, das Innere der Wolken – ihr Herz – zu erforschen.

Man merkt schnell, dass der Autor mit den Namen seiner Figuren Scherze treibt.

  • Die Geschichte

Napiluts Bilder, ohnehin schon perfekt und erfolgreich, treffen den Geschmack der Zeit ganz besonders, als Tulpen immer beliebter werden. Bei den Verkaufsausstellungen sind die Interessenten euphorisiert. Man sagt sich, dass die Bilder nach Tulpen duften.

Napilut begegnet Absentia, einer sehr sensiblen jungen Frau, die bei einem Stadtbrand zur Waisen wurde. Napilut porträtiert sie, behält das Bild jedoch für sich. Es entsteht eine zarte Freundschaft. Napilut möchte, dass Absentia für immer bei ihm bleibt. Sie aber weigert sich. Absentia hat sich einem Seemann versprochen, der mit der „Den“ – einem prachtvollen Handelsschiff – nach Ostindien unterwegs ist. Darauf hin schickt Napilut sie weg.

Derweil schließt Napiluts Konkurrent De Roos mit van der Lens einen exklusiven Vertrag. Er soll seine Insekten nur noch auf Bilder von Roos setzen. Es geht um viel Geld. Der Verleger van der Boock wird tot in der Herengracht gefunden. Doktor Claudius war der letzte, der ihn lebend sah, und Passanten haben die beiden streitend gesehen. Auch Napilut und de Roos streiten. Sie treffen sich in einer Kneipe und streiten – fast philosophisch -über die Bedeutung von Tulpen und Rosen.

Die „Den“ ist in der Nähe des Kap der Guten Hoffnung explodiert. Mit ihm ging auch Absentias Geliebter unter. Sie weiß nun, dass ihr Versprechen nutzlos war.

Claudius erzielt mit seinem Wolkenexperiment Fortschritte. Er und Van Kalm erfinden ein Hebemeter, eine gewaltige Leiter mit Flaschenzugvorrichtung, die von 3 mal 5 Personen gehalten wird. Claudius wagt schließlich den Aufstieg und sieht das Innere einer Wolke. Auf dem Rückweg nach unten stürzt er von der untersten Sprosse des Hebemeter, und wird bewußtlos. Die Umstehenden rätseln, ob er Überwältigendes oder Banales sah. Später wird er erklären, dass die Wolken nichts sind, schon gar nicht das erwartete Herz haben.

Marco de Roos beschließt, seinen schärfsten Konkurrenten Napilut aus dem Weg zu räumen. Seine Motive sind Neid auf Napiluts Können und der Drang, der erfolgreichste Maler zu sein. Er intrigiert er in der gehobenen Gesellschaft Amsterdams gegen Napilut. Schließlich lockt er die nun orientierungslose Absentia in sein Haus, wo er sie vergewaltigt.

Napilut beginnt – altersbedingt – zu erblinden und steigert sich immer mehr in seine Malerei hinein.

Es ist Frühjahr 1651. Die Maler stellen ihre Bilder zum Verkauf. Alle gehen zu de Roos, keiner kauft bei Napilut.

Ein Schiff aus Südamerika bringt ein seltsames Tier mit. Es wird, wegen seiner Langsamkeit, Van Kalm übergeben. Es ist ein Faultier. Er darf  es beobachten. Aus den Beobachtungen erstellt er eine lange Zahlenreihe. Ergebnis: Langsamkeit führt zu einem längeren und glücklicheren Leben als Geschwindigkeit. Das Schiff bringt auch ein neues Getränk mit: Schokolade.

Van der Lens stirbt bei einem Spaziergang auf tragische Weise: Er möchte eine Biene einfangen, um sie später zu malen. Dummerweise erwischt er die Königin und ein ganzer Bienenschwarm fällt nun über ihn her.

Auch Absentia stirbt, von einer Krankheit dahin gerafft. Napilut bereut sein Verhalten ihr gegenüber. Nach dem Begräbnis schließt er sich drei Tage und Nächte lang ein und malt ein weiteres Bild von ihr. Dieses wird nun, 2001, in London versteigert.

  • Ein paar Gedanken

Eine melancholische Geschichte. Absentia wie auch Napilut scheitern ohne Sinn, de Roos handelt nur aus Gewinnsucht, seine Boshaftigkeit bleibt ungesühnt. Trotzdem ist die Geschichte keineswegs zynisch. Das hat vor allen Dingen mit dem Schreibstil zu tun. Er changiert wie die Bilder der Protagonisten. Mal wirkt der Text wie Lyrik, dann wieder reihen sich Dialogfetzen turbulent aneinander, gefolgt von besinnlichen Sequenzen, inneren Monologen und höchst dramatischen Schilderungen. Faszinierend, wie unterschiedlich ein Autor das Malen von Bildern beschreiben kann. Die Figuren entstehen mit den Gemälden, die Gemälde machen ihre Maler lebendig.

Der Erzähler ist mehr als ein üblicher „Allwissender“. Er beobachtet alle Figuren, springt in der Zeit der Handlung hin und her, wendet sich aber manchmal auch an „Euch im 21 Jahrhundert“. Die Dynamik der Epoche ist einprägsam beschrieben, auch mit ihrer Oberflächlichkeit. Die Figuren sind allesamt fiktiv. Die Maler, ebenso wie die Erfinder mit ihren Ideen gab es in der Epoche tatsächlich.

Und so viele Umschreibungen der neu importierten Schokolade, anregender als Bier, süßer als Kaffee, berauschender als Wein, gesünder als Aquavit und vieles mehr.

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3 Gedanken zu “1651 – Tulpen aus Amsterdam

  1. Das klingt sehr interessant – du hast das Buch natürlich auch auf interessante Weise vorgestellt. Es kommt mir vage bekannt vor und ich habegerade bei A. gesehen, dass man es noch gebraucht bekommen kann. Ich glaube fast, ich habe es vor längerer Zeit auch einmal gelesen. Hätte ich jetzt ein Leseblog, wüsste ich es …

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