New York – Südschwarzwald und zurück. New Yorker Legende

Louis Bromfield, „New Yorker Legende“. Der Roman wurde 1939 in dem Band „It Takes All Kinds“ zusammen mit anderen Texten veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe ohne Jahresangabe, vermutlich ca. 1980, hat 126 recht groß bedruckte Seiten. Ein Umschlagfoto zeigt eine junge Frau mit langen Haaren, sie scheint in Bewegung zu sein, vielleicht zu tanzen. Die äußere Aufmachung erweckt den Eindruck eines oberflächlichen Unterhaltungsromans. Mir war gerade danach, also ran. Doch es kam anders. Der Reihe nach.

  • Das Setup

New York. Die 1890er Jahre. Das ist die Zeit als von dort aus Woolworth Christbaumkugeln bestellt hat. Und es ist die Zeit, in der in Europa die Kernphysik begann. Der Ich-Erzähler William berichtet von seinem Großvater, einem Anwalt, der vor Jahrzehnten von dem Finanzjongleur Michael Denning ruiniert wurde. Williams Tante Sarah heiratete Denning später und bekam einen Sohn, Ogden. Ogden ist also der Vetter des Erzählers, beide wuchsen eng miteinander auf.

Das Haus in New York, in dem Ogden lebte, steht nicht mehr. Eine der vielen Sanierungen fegte über es hinweg. Damit beginnt die rückblickende Erzählung dessen, was darin geschah.

  • Die Geschichte

Nach Michael Dennings Tod fahren seine Witwe Sarah und sein Sohn Ogden nach Europa. Etwa zur gleichen Zeit, doch unabhängig davon auch der Erzähler. Er geht für 10 Tage nach Freiburg, von wo aus er in den Schwarzwald wandert. Er erreicht Bad Münster. Dort begegnet er mehrmals kurz einer Frau, die mit ihrem Freund urlaubt, wie sich herausstellt incognito. Ihre Ausstrahlung fasziniert William derart, dass er sie nie wieder vergessen wird. Bei seiner Rückkehr nach Amerika erfährt William, dass Tante Sarah tödlich verunglückte. Ogden treibt sich noch drei Jahre lang in Nizza und Umgebung herum, bevor er in sein Elternhaus nach New York zurück kehrt. Er lädt William ein, um ihm seine Frau Elena vorzustellen.

Elena ist die Frau von damals im Schwarzwald. Ogden hat sie in Nizza aufgegabelt, als sie gerade von ihrem Geliebten verlassen wurde. Der nämlich war der Erbe des fiktiven Fürstentums Hohenstein und durfte nur eine adlige Frau heiraten.

Ogden bietet Elena gesellschaftliche Anerkennung und baut das Haus im Stile des österreichischen Barock um. Das tut er jedoch nicht seiner Frau zuliebe, sondern um die Erinnerung an seinen verhaßten Vater zu zerstören. William ist nur selten mit Elena allein. Bei diesen Begegnungen baut sich Stück für Stück eine Verliebtheit auf, schließlich beginnen sie eine Affäre. Elena zerstreut Williams Skrupel. Ihre zwielichtige und lebensfreudige Freundin Kate dient dabei als Alibi.

Bald darauf entzieht sich Elena William wieder und wird unnahbar. Sie verschwindet mitunter für einige Tage, und nicht einmal Kate weiß, wo sie sich aufhält. Bei dem großen Brand des Hotels Windsor im Jahr 1899 wird William hinzu gerufen, um seinen Onkel zu identifizieren. Auch Elena ist unter den Todesopfern. Mit ihr wird der Leichnam eines unbekannten Mannes entdeckt. Nur William weiß, dass er ihr Freund ist, dem er im Schwarzwald begegnet ist. In Hohenheim wird er als verschollen gelten.

  • Meine Gedanken dazu

Das Buch steckt voller Überraschungen. Die Geschichte ist erzählt aus der Perspektive des Siegers, der mit liebevoller Gelassenheit den Verlierer beschreibt. Aber auch aus der Perspektive des Lebenserfahreneren. Ogden wird dargestellt als jemand, der lediglich gelernt hat, seinen Reichtum zu genießen und auszugeben, dabei jedoch kaum Rückgrat besitzt.

William weiß aber auch, dass ihm sein Sieg nichts gebracht hat. Er vergleicht Elenas Leben mit einer griechischen Tragödie, in der die Frau die Menschen um sie herum in den Abgrund reißt. Das alles ist nachvollziehbar und wird konsequent durchgehalten. Elenas Aussehen wird nie direkt beschrieben, sondern ihre Kleidung, ihr Schmuck und vor allen Dingen immer wieder ihre Körpersprache. Das Zusammentreffen der Personen (Wiedersehen mit Elena, der Aufenthalt im Windsor) besteht aus unglaubwürdigen Zufällen. Sie ermöglichen dem Autor aber, Elenas Abwenden von William erzählerisch souverän zu handhaben. Spannend ist auch der Gegensatz zwischen dem wild-natürlichen Schwarzwald und dem wild-turbulenten New York, der anhand der Menschen beschrieben wird. Empfehlenswert.

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6 Gedanken zu “New York – Südschwarzwald und zurück. New Yorker Legende

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