Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.

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3 Gedanken zu “Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

  1. Vielen Dank für diese Rezension. HIer in Mexiko bekomme ich leider keine deutschsprachigen Bücher zu kaufen, muss also alles von Übersee, sprich D,A,CH schicken lassen, Transport und Zoll machen die Sache bisweilen teuer und langwierig. So freue ich mich natürlich über detaillierte Buchbesprechungen, die mich vor einem evtl. Fehlkauf schützen.
    Schöne Festtage und GLG aus Mexiko.

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  2. Pingback: Paris – Montreal – Manchester – Cambridge – Berlin: Geburtsjahre der Kernphysik « Leopolds Leselampe

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