Die Auvergne. Kastanienwälder und erloschene Vulkane

Cover IsabelleDie Auvergne. Erloschene Vulkane, grüne Kraterseen, unendliche Heidelandschaften, Kastanienwälder, Gebirgsflüsse, Grotten und Höhlen, Puys und Ploms. Das schwarze Wasser der „Gours„, das Torfmoos der „Sagnes“. Dieses Szenario wird auf den beiden ersten Seiten des Romans eingeführt. Der geographisch interessierte Leser ist elektrisiert und liest weiter. 124 Seiten von Tessa de Loo, geschrieben 1989. Das Buch heißt auf deutsch „Schönheit, komm, der Tag ist halb vergangen“. Der Originaltitel „Isabelle“ war den Übersetzern wohl zu unspektakulär.

Isabelle Amable ist eine berühmte Filmschauspielerin, die ihre Kindheit in dieser Gegend verbracht hat. Noch heute kehrt sie regelmäßig zur Erholung in die Auvergne zurück. Eines hellichten Tages verschwindet sie spurlos. Die Suche verläuft ergebnislos. Die Menschen in der Region gehen wieder zur Tagesordnung über. Nur der melancholische Dorfschullehrer Bernard Buffon findet sich nicht damit ab und sucht weiter nach Isabelle. Er vergöttert Isabelle von Kindheitstagen an. Der Grund hierfür ist konkret und liegt zwanzig Jahre zurück. Auf dem Schulweg wurde Bernard von einigen Jungen verprügelt und in eine Regentonne gesteckt. Isabelle kam mit ihrem Vater vorbei und rettete ihn aus der Tonne. Das hinterließ bei Bernard bleibenden Eindruck.

Bald tritt auch Jeanne Bitor in die Geschichte. Sie ist eine – betont häßliche – einsam lebende Frau, die nachts in der Dorfkneipe arbeitet und tagsüber Bilder malt. Ihr Lieblingsmotiv sind verwesende Tierkadaver. Sie lebt mit ihren beiden Pitbulls in einem einsamen Haus mit Blick auf den Plom du Cantal in der Nähe des Städtchens Murat.

Schnell wird klar, dass Jeanne Isabelle entführt hat. Sie ist besessen davon, den allmählichen Zerfall von Schönheit in einer Reihe von Portraits festzuhalten und verlangt von Isabelle, dafür Modell zu liegen. Es entsteht ein Zusammenspiel zwischen Isabelle und Jeanne. Jeanne zeigt Isabelle ihre Bilder, Isabelle erzählt von zwei gescheiterten Ehen und der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Schönheit nur schlechte Rollen bekommt. Jeanne ist von diesen Einblicken hinter die trügerische Kulisse der Schönheit fasziniert und so entsteht ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis. Jeanne, die neben zwei stärkeren und beruflich erfolgreichen Brüdern aufwuchs, erzählt von ihrer einzigen Liebe. Jeanne wird glücklicher, weil sie die Schattenseiten der Schönheit erfährt.

Eines Abends fällt Bernard in der Dorfkneipe auf, dass Jeanne über ihr ganzes Gesicht strahlt. Er bringt das Gespräch auf Isabelle und behauptet, dass Isabelle bis zu ihrem Verschwinden glücklich war. Jeanne wird klar, dass Isabelle sie belogen hatte. Noch während ihrer Arbeit gerät sie in Panik und unternimmt einen Selbstmordversuch. Der arme Bernard versteht nicht, weshalb das Gespräch mit ihm so einen Eindruck auf Jeanne gemacht hat.

Wütend kehrt Jeanne in ihr Haus zurück. Am nächsten Morgen behandelt sie ihr Opfer tyrannischer als je zuvor, jagt sie trotz Erschöpfung immer wieder zum Modell sitzen und verweigert ihr jegliches Essen. Isabelle versteht die Veränderung nicht. Am darauf folgenden Morgen findet Jeanne Isabelle erhängt vor. In Panik verbrennt sie alle Bilder, läßt die Hunde frei und verschwindet in Richtung Puy Griou.

Zur gleichen Zeit erscheint Bernard an Jeannes Haus. Er hatte sich auf den Weg gemacht, weil er Jeannes merkwürdiges Verhalten in der Kneipe verstehen wollte. Er sieht, wie Jeanne Dinge ins Feuer wirft und nutzt die Gelegenheit, um sich ins Haus zu schleichen. Dabei findet er die an einem Strick hängende Isabelle noch lebend. Sie wollte ihren Selbstmord fingieren, jedoch kamen die Hunde hinzu und stießen sie in den Strick, so dass aus dem Fingieren beinahe Ernst wurde.

Sie gesteht, dass sie Jeanne beeindrucken wollte, indem sie die Biographie von Marylin Monroe als die ihre ausgab, und äußert Verständnis für ihre Peinigerin. Bernard hat Isabelle nun als eine „Frau aus Fleisch und Blut“ erkannt und sie hat für ihn ihren Zauber verloren. Er macht sich auf die Suche Jeanne, deren Geheimnisse er nun ergründen möchte.

Spannend? Ja- denn schnell stellt sich im Kopf des Lesers die Frage, ob und wie Isabelle entkommt. Ansonsten hinterläßt so ziemlich alles an dem Buch Verwirrung. Die Erzählung ist vielerlei: Eine Variation des Themas, was alles geschehen kann, wenn zwei Menschen auf engstem Raum miteinander auskommen müssen. Eine Geschichte zweier Menschen, die einander bekämpfen. Eine Geschichte zweier gegensätzlicher Menschen, die sich auf ihre Schönheit reduziert sehen.

Im Laufe der Zeit erfährt der Leser immer mehr über Jeannes Motive, die jedoch widersprüchlich und verwirrend sind. Neid auf Schönheit, von Männern verkannt, durch Zurückweisungen verunsichert, auch ein Machtgefühl gegenüber der Schöneren, das alles spielt eine Rolle.

Der einzige Mann, der zur Handlung beiträgt, ist Bernard. Die Autorin tut alles, damit er ja nicht als Held dasteht. Er ist melancholisch, ein Gegner von Sport im Allgemeinen. Im Land der Tour de France wirkt er alleine schon deswegen – seltsam. Als er Isabelle befreit, ist sein innerstes Motiv der Dank dafür, dass Isabelle ihn vor zwanzig Jahren aus der Tonne geholt hat. Als er sich am Ende der Geschichte auf die Suche nach Jeanne macht, tut er dies, weil er das Böse und das Häßliche verstehen möchte. Aus dem Kauz wird eine unheimliche Figur.

Eine „böse Heldin“ mit chaotischer Motivation, eine „gute Heldin“, die zu eindimsional angelegt ist und ein „Nicht-Held-Mann“, der viel zu weltfremd ist. Insgesamt passt diese verworrene Geschichte in die Landschaft mit ihren schroffen Gegensätzen. Deren Beschreibung zu Anfang des Buches waren mit Abstand das Beste an der Lektüre. Übrigens habe ich die Ausgabe aus dem Jahr 1996. Der Umschlag zeigt einen Ausschnitt eines Gemäldes von Leonor Fini, „La Chambre d’Echo“ aus dem Jahr 1974. Aufgrund des Buches habe ich ihre Bilder entdeckt. Das ist auch etwas Positives.

Advertisements

4 Gedanken zu “Die Auvergne. Kastanienwälder und erloschene Vulkane

  1. Ja, Schönheit ist vergänglich, und ja, Schönheit fasziniert jeden, ob er will oder nicht. Die verlockend schöne, junge Frau auf dem Buchcover fesselt sicherlich so manchen Blick – und könnte so manchen bei der Kaufentscheidung beeinflussen. Ein interessantes Thema. Ich kenne das Buch nicht, auch nicht die Autorin – aber muss schon sagen, dass der eigenartige deutsche Titel und das Titelbild mich wohl auch zumindest innehalten ließe.
    LG von Rosie.

    Gefällt mir

    • Danke, Rosie, für Deinen Kommentar. Das Titelfoto ist leider nur ein Ausschnitt aus dem Bild. Auf dem ganzen Bild, sind drei Personen, und das Thema des Bildes ist das Hören. Ich vermute mal, dass hier der Aspekt des Hinguckens vom Verlag beabsichtigt war. Naja, es hat funktioniert. Ausschlaggebend für mich war darüber hinaus übrigens auch das Format. Etwa so groß wie ein Reclamheft paßt es in jede Sakkotasche. Grüße Leo

      Gefällt mir

  2. Ein schöner Titel, aber nach deiner Beschreibung scheint es eine verworrene, insgesamt düstere Geschichte zu sein, die aber Potenzial beinhaltet. Die Auvergne … wir waren mal im Sommer dort und ich habe sie als sehr urwüchsig in Erinnerung.
    Herzliche Grüße, Franka

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s