Paris – Montreal – Manchester – Cambridge – Berlin: Geburtsjahre der Kernphysik

Nachdem Teil 1 des Romans „Atom“ von Karl Schenzinger eine Sittengschichte des antiken Grichenland darstellte, springt das Buch für den Teil 2 in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, genauer gesagt beginnt die Handlung 4 Jahre nach der Erfindung der Christbaumkugel. Die zentrale Figur der Handlung ist Ernest Rutherford. Schauplätze sind die wichtigsten Universitäten der damaligen Welt. Paris, Cambridge, Montreal, Berlin-Dahlem.  Die 10 Kapitel schildern episodenhaft die vielen Fortschritte, die in diesen Jahren in der Atomphysik gemacht wurden. Das Buch ist quasi eine Nummernrevue der Entdeckungen und Erfindungen. Oder ein Schaulaufen der Assistenten von Rutherford. In diesem Sinne:

Verehrtes Publikum

Hereinspaziert

 

Hier wackelt die Welt

  • Nummer 1

Paris: Am 18. Juni 1896 sitzt der Physiker Henri Becquerel im Dunkeln. Zufällig bemerkt er, dass ein Kristall aus Uransalz leuchtet und nicht mehr damit aufhört, und das, obwohl er (der Kristall) nicht bestrahlt wurde. Eine unbekannte Strahlung ist entdeckt. Sie wird weder geringer noch schwächer. Sie entsteht ohne plausiblen Grund. Als Quelle der Strahlung kommt nur Uranerz und Pechblende aus Sankt Joachimsthal in Frage.

Marie Curie sucht Becquerel auf, weil sie über diese Uranstrahlen promovieren möchte. Becquerel stimmt zu, nachdem er seine erste Skepsis überwunden hat. Maries Mann Pierre Curie liebt Feinmechanik und erfindet öfter mal neue und extrem feine Meßgeräte. Marie entdeckt, dass manche Elemente aktive Strahlung abgeben. Sie laugt Uranerz aus. Die Rückstände enthalten die Strahlen. Sie nennt diese Strahlung Radioaktivität. Außerdem entdeckt sie das Element Radium.

  • Nummer 2

Rutherford, gerade aus Christchurch, Neuseeland, nach Cambridge umgezogen, forscht mit den Strahlen weiter. Er entdeckt dreierlei Arten Strahlung, die er Alpha-, Beta- und Gammastrahlung nennt. Derweil bestellt Marie Curie in Sankt Joachimsthal 1 Tonne Uranerz. Überhaupt wird die Ärmste für den Rest ihres Lebens tagsüber Erz schaufeln.

Rutherford fährt nach Montreal an die McGill-Universität. Sein Assistent Owens entdeckt was Neues: die Thorium-Emanation. Sie ist ein Gas und nach 11 Stunden „verschwunden“.

  • Nummer 3

In Berlin entdeckt Max Planck das „Elementare Wirkungsquantum„. Es ist Herbst 1900. Strahlung ist nun nicht mehr kontinuierlich, sondern setzt sich aus vielen Quanten zusammen, denen jeweils eine Energiemenge innewohnt.

  •  Nummer 4

Rutherford und sein Assistent Soddy finden heraus, dass jede Emanation ein um die Zahl 4 kleineres Atomgewicht hat als das Element, von dem sie sich abgespalten hat. Weitere Experimente ergeben: Die Abspaltung ist Helium

Schließlich entdeckt Rutherford, dass die Strahlung sich in einem bestimmten Zeitraum halbiert, und zwar unabhängig vom Zustand und der Umgebung des Elements, und sich danach im gleichen Zeitraum wieder halbiert und so weiter.

  • Nummer 5

Man vermutet, dass Radiumstrahlung Krebs heilen kann. Folgerichtig entsteht eine Industrie um das Radium herum. Marie Curie steht vor einem Konflikt: Sie könnte sich die Methode zur Gewinnung von Uransalz patentieren lassen und reich werden, oder diese Methode als Wissenschaftlerin publizieren. Sie entscheidet sich für Letzteres.

Derweil erhält Rutherford – nun in Manchester – einen Assistenten namens Hans Geiger. Der erfindet ein Zählrohr für Alphateilchen. Nun kann man also die Menge der Alphateilchen messen. Außerdem erhält Rutherford noch einen Assistenten, Otto Hahn. Er forscht an der Anfangsgeschwindigkeit der Alphateilchen. Das wird später wichtig werden.

1908: Rutherford erhält den Nobelpreis.

  • Nummer 6

Rutherford schießt Alphateilchen (die sind positiv geladen) gegen Goldblättchen. Das Experiment ist berühmt. Das unerwartete Ergebnis: Einige Teilchen wurden von den Goldblättchen zurück geschleudert statt sie zu durchdringen. Die Elektronen im Atom sind negativ geladen. Also dürften sie die Alpha-Teilchen nicht abstoßen. Wenn sie sich aber abstoßen, dann gibt es im Atom auch positiv geladene Teilchen. Wenn es aber positiv geladene Teilchen gibt, dann müssen Abstände zwischen den beiden Teilchen liegen, sonst würden sie auseinanderfallen.

Weitere Experimente ergeben: Das Atom enthält nicht nur positive Protonen und negativ geladene Elektronen, sondern es müßte auch noch Neutronen enthalten, Teilchen, die Masse, aber keine elektrische Ladung enthalten. Die positiv geladenen Teilchen – Protonen – bedingen die Kernladung des Elements, aber nicht sein Gewicht. Elemente mit gleicher Ladung, aber verschiedenen Atomgewichten, heißen von nun an Isotope (isos=gleich, topos=Platz)

Rutherford erhält mal wieder einen neuen Assistenten: Niels Bohr. Er entdeckt, dass ein Atom durch Energiezufuhr in Unruhe gesetzt wird. Dann tragen die Elektronen ein höheres Mass an Energie.

  • Nummer 7

Rutherford, mittlerweile in Cambridge, experimentiert weiter. Ein Alphateilchen mit 2 Ladungen trifft auf Sauerstoff mit 7 Ladungen, schlägt ein Proton heraus, es bleibt ein Element mit 8 Ladungen übrig, das ist Stickstoff. „Der fundamentale den Satz von der Unwandelbarkeit der Elemente ist widerlegt.“

  • Nummer 8

Marie Curie muss immer noch und immer wieder Pechblende auslaugen, um daraus Radium zu gewinnen. Eine amerikanische Zeitungsbesitzerin beginnt eine Spendenaktion und schließlich überreicht US-Präsident Harding ihr das Gramm Radium. Und die Tocher Irene Curie lernt Dr. Joliot kennen. In der Sache forscht Chadwick (ein Assistent Rutherfords) daran, die bislang nur theoretisch bekannten Neutronen in Experimenten zu beweisen. Sie wären wegen ihrer neutralen Ladung ideale Objekte, um Atomkerne zu beschießen.

  • Nummer 9

Geiger und Chadwick weisen das Neutron im Experiment nach. Chadwick sucht weiter, wie er Teilchen mit weniger Ladung, aber mehr Masse und größerer Geschwindigkeit auf Atomkerne schießen kann. In der Abfolge vieler Experimente erfinden Urey und Lawrence das Zyklotron. Das ist ein Teilchenbeschleuniger, für dessen Erfindung es auch den Nobelpreis gab.

Rutherford stirbt und wird neben Newton beigesetzt.

  • Nummer 10

Otto Hahn beschießt einen Urankern mit Neutronen. Es entstehen Barium, Krypton sowie 10 neue Neutronen. Joliot beweist Hahns Entdeckung im Experiment.

Für mich – als bis dato von Kernphysik Ahnungsloser – war es schwer zu lesen. Das hat natürlich damit zu tun, dass mir der Kern der Materie (war’n Witz) völlig fremd war. Aber gerade deswegen wollte ich um jeden Preis durch. Und natürlich mußte ich meinen eigenen Zugang dazu finden.

Die Personen und deren Entwicklung sind in Teil 2 Nebensache. War in Teil 1 noch Demokrit und sein Atommodell erzählerisch in den Trubel des lebendig geschilderten Athen eingebunden, liegt im Teil 2 der Schwerpunkt darauf, die wissenschaftlichen Fakten darzustellen. Dieser Teil erscheint wie ein in essayistischem Stil verfasstes Sachbuch. Schlag auf Schlag wird entdeckt, erfunden, expermientiert, entwickelt, geforscht, publiziert, vorgetragen. Entweder wird etwas Neues entdeckt, oder es werden Apparate erfunden, mit deren Hilfe weitere Entdeckungen möglich sind. In jedem Kapitel wird die Erforschung des Innenleben der Atome um mindestens einen Schritt voran gebracht. Jede Entdeckung ist in eine Geschichte verpackt, in der die Wissenschaftler ihr Handeln im Dialog erläutern. Das immerhin erscheint mir nach dreimaligem Lesen verstehbarer als zuvor.
..if your standards are not too high…

Lauscha in Thüringen: Christbaumkugeln und Glasbläser

Dieser Beitrag ist gewissermaßen das „Weihnachtsspecial“ dieses Blogs. „Die Glasbläserin“ von Petra Durst-Benning hat 496 Seiten. Ich fand die Taschenbuchausgabe von 2002. Das Cover zeigt das Gesicht einer konzentriert dreinschauenden Frau, ist ansonsten aber kontextfrei. Die Handlung konzentriert sich auf zwei Orte in Thüringen: Lauscha und Sonneberg.

Lauscha im Herbst 1890. Der ganze Ort lebt von der Glasbläserei. Der Glasermeister Joost Steinmann, ein Witwer, fertigt mit seinen drei Töchtern Johanna, Marie und Ruth Reagenzgläser. Johanna geht regelmäßig in die nächst größere Stadt, nach Sonneberg, um dort die Glasarbeiten ihres Vaters zu verkaufen. Joost stirbt. Seine Glasbläserei kann von seinen drei Töchtern nicht weiter geführt werden. Der Verleger Friedhelm Strobel aus Sonneberg bietet Johanna Arbeit an. (Anmerkung: Verleger waren Zwischenhändler für alle möglichen Waren. Den Kunden wurden Musterbücher vorgelegt, anhand derer sie die Bestellungen aufgaben). Johanna lehnt ab, da sie dann nicht mehr bei ihren Schwestern wohnen könne. Der Inhaber der größten Glasbläserei Lauschas, Werner Heimer, bietet schließlich allen dreien Arbeit an. Er fertigt Flakons. Der Lohn ist karg, die drei Frauen kommen kaum über die Runden.

In der Werkstatt gehen die drei Töchter verschiedene Wege: Ruth bemalt Flakons und verguckt sich in Heimers Sohn Thomas. Johanna lernt, Flakons zu versilbern. Und sie freundet sich mit ihrem Nachbarn an, dem Glasbläser Peter. Er bläst (also fertigt) Glasaugen. Schließlich noch Marie. Sie bemalt die Flakons mit leichter Hand und zarterem Federstrich als die erfahreneren Frauen. Heimer gefällt Maries Arbeit, doch entstehen Neidereien zwischen den Arbeiterinnen.

Johanna schlägt ihrem Chef immer wieder einmal Verbesserungen im Arbeitsablauf vor. Schließlich wird sie von Heimer gefeuert. Peter schenkt ihr zu Weihnachten einige bunte Tierfiguren aus Glas, mit denen er sich ein zweites Standbein – zusätzlich zu den Glasaugen – aufbauen möchte. Peter bittet Johanna, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten. Da ihr die Beziehung zu eng wird, lehnt sie ab. Sie fragt nun bei Strobel nach, ob dessen Angebot noch gilt. Das tut es, und er stellt sie als seine Assistentin ein. Sie macht Inventur, wohnt während der Woche in einem Dienstbotenzimmer und verdient etwa das dreifache wie bei Heimer. Peter ist eifersüchtig.

Zum Maienfest (es ist nun 1891) wollen Ruth und Heimers Sohn Thomas ihre Verlobung bekannt geben. Am Ende der Feier sind alle betrunken und das Fest endet in einer Dorfschlägerei. Ruth ist enttäuscht. Am gleichen Tag kommt der amerikanische Kaufmann Woolworth zu Strobel und gibt eine Bestellung nie gekannten Umfanges auf. Strobel gewinnt außerdem Gefallen an Johannas „Widerborstigkeit“.

Im Sommer heiraten Tomas Heimer und Ruth Steinmann. Strobel fährt für mehrere Wochen „nach B.“ und Johanna führt in dieser Zeit Strobels Laden. Es gibt Verwirrung um die Bestellung von Woolworth. Er bestellte verspiegelte Glaskugeln mit 5 cm Durchmesser. Für die Glasbläser in Lauscha ist das ein unbekanntes Produkt. Ein Glasbläser mit Namen „Karl der Schweizer Flein“ traut sich daran. Derweil wird Marie bei Heimer immer weniger glücklich. Sie schlägt regelmäßig neue Produkte vor, die ihr Chef ebenso regelmäßig ablehnt. Von Johannas Schilderung der bestellten Glaskugeln elektrisiert, reaktiviert sie die väterliche Glasbläserei und versucht, sich autodidaktisch das Glasblasen beizubringen. Es klappt. Sie stellt ebenfalls verzierte Kugeln her. Außerdem ist Ruth von Thomas schwanger und Strobel schenkt Johanna ein Buch des Marquis de Sade.

Zu Beginn des Jahres 1892 gebiert Ruth eine Tochter. Woolworth gibt per Post eine neue umfangreiche Bestellung auf. Und Johanna lernt, dass Strobel seine konkurrenzfähigen Preise durch Druck auf die Hersteller erzielt. Ihre Meinung über ihn wird zwiespältiger.

Damit endet Teil 1. Er ist insgesamt bieder und hat viele Längen.

Teil 2 beginnt turbulent. Thomas Heimer begann kurz nach der Geburt der Tochter, Ruth regelmäßig zu verprügeln. Strobel vergewaltigt Johanna. Peter verprügelt wiederum Strobel. Beide Schwestern ziehen wieder bei Marie ein, die nun als einzige Arbeit hat. Marie bläst weiter Weihnachtskugeln. Johanna sucht in Sonneberg vergeblich nach Käufern für diese. Strobel hat überall erzählt, dass Johanna ihn bestohlen habe.

Ruth erfährt, dass Mr. Woolworth wieder nach Sonneberg kommt. Mit Musterkugeln bewaffnet, gelingt es ihr, sich in sein Hotelzimmer zu stehlen. Er ist von Ruths Courage und der Qualität der Arbeit begeistert. Sie kommt mit einem Riesenauftrag und einem kurzen Liefertermin nach Hause. Mit vereinten Kräften sowie Hilfe von einigen Freunden gelingt es den dreien, alle Kugeln pünktlich fertig zu stellen und an den Bahnhof von Sonneberg zu liefern. Ruth trifft dabei auf Steven Miles, den Einkäufer von Woolworth. Sie verlieben sich. Steven erteilt den Auftrag, Valentinsherzen aus Glas zu produzieren. Marie entwirft immer neue Formen, zusammen mit ihrem Nachbarn Peter gründet sie eine Gemeinschaftsglasbläserei. In vielen Briefen überzeugt Steven schließlich Ruth, dass sie Lauscha verläßt und mit ihm nach New York fährt.

Teil 2 ist actionreich und entschädigt dafür, dass man sich durch den 1. Teil gequält hat. Immerhin lösen die drei Frauen ihre Probleme durchaus fantasievoll und tatkräftig. Es entsteht eine Rollenverteilung, Marie ist die Künstlerin und Glasbläserin, Johanna ist diejenige, die organisiert und Ruth ist schließlich die Verkäuferin. In allen Rezensionen wird Marie herausgestellt, weil sie die erste Frau in dem Männerberuf des Glasbläsers ist. Ich sehe das nicht so, denn alle drei brechen Konventionen. Johanna die ihrer Herkunft, als sie die Anstellung bei Strobel annimmt und weltgewandter wird. Marie, indem sie den Glasbläserin wird  (ihre eigentliche Leistung ist es jedoch, zwei Jahre lang mit vier Stunden Schlaf täglich auszukommen) und Ruth, indem sie sehr nachhaltig verkauft. Am Ende ist mir noch aufgefallen, dass es im Buch niemals Ärger mit einer Zunft gab. Gab es etwa keine Zunft der Glasbläser in Lauscha?
Auf jeden Fall das passende Buch zum Christbaumschmuck.

Athen von 2 1/2 Jahrtausenden – Revisited: Das Atommodell

Das nächste Buch, das mir in die Hand kam, heißt „Atom“. Es ist ein historischer Roman von Karl Schenzinger. Er wurde 1950 geschrieben und besteht aus drei Teilen. Diese sind in Struktur und Erzählstil zu verschieden, und so habe ich drei Beiträge daraus gemacht.

Zunächst also zu Teil 1, der im antiken Griechenland spielt, in einer Epoche, die ich schon einmal in diesem Beitrag behandelt habe.  Hier geht es speziell um die Zeit von 404 – ca. 390 v. Chr. Die Hauptperson der Handlung ist Demokrit von Abdera. Dieser Teil 1 trägt den Titel „Die Frage“.

Demokrit ist jung und Schüler des Leukippos. Er verehrt dessen Tochter Xenia. Athen wird von Kritias in tyrannischer Form regiert. Kritias hat vor den Truppen Spartas kapituliert und wird von Sparta als Regent geduldet.

Kritias ließ Demokrit verhaften. Nun sitzt Demokrit in einem Gefängnisturm über der Stadt, darf jedoch seinen Schreiber Pharkias empfangen. Er erzählt seinem Schreiber von einem Besuch in Babylon, wo der höchste Turm steht, den Menschen je gebaut haben. Auf ihm gehen Astronomen ihrer Arbeit nach.

Xenia besucht Demokrit und überredet ihn zur Flucht, weil sie Krieg befürchtet. Außerdem weiß sie, dass Kritias seine Gegenspieler (vor allen Dingen Theramenes – einen der 30 Oligarchen) aus dem Weg räumen lassen möchte. Als Demokrit die Flucht ablehnt, wendet sich Xenia dem Kritias zu. In einer Situation der Orientierungslosigkeit läßt sie sich auf eine Liaison mit ihm ein, obgleich sie ihn haßt.

Theramenes trifft Sokrates in einer Kneipe. Nach einem kurzen Dialog über die Unehrlichkeit der Politik gehen sie gemeinsam durch Athen. Von Kritias gedungene Mörder töten Theramenes auf den Stufen des Tempels. Xenia und Kritias führen den Trauerzug für den Ermordeten an. Leukippos, Xenias Vater ist von ihr enttäuscht und möchte sich umbringen, wird jedoch davon abgehalten.

Kritias besucht Demokrit in seinem Gefängnis und läßt ihn frei. Demokrit genießt seine wieder gewonnene Freiheit mit einem  Spaziergang durch Athen.

Nach langem Zaudern besucht Demokrit Xenia in ihrem Palast. Während dessen tobt die Schlacht von Munychia. Kritias fällt, womit auch Xenias Schicksal besiegelt ist. Pharkias bringt Xenia das Haupt des Kritias und erschlägt sie anschließend damit. (Anmerkung des Blogautors: Sehr bildhaft beschrieben – das Krachen höre ich jetzt noch)

Mittlerweile ist Sokrates verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Demokrit besucht Sokrates am Tag seiner Hinrichtung. Auf dem Rückweg sinniert er. Materie ist in unvorstellbar kleine Teile geteilt, diese Atome sind ohne Eigenschaften, sind nie geworden und vergehen nie. Sie bewegen sich ständig in der Leere, die sie umgibt. Dabei bilden sie Gruppen. Diese Gruppen sind die verschiedenen Stoffe. Die Stoffe verändern sich, die Atome nicht.

Demokrit taucht für mehrere Monate ab, um weiter nachzudenken. Er stellt fest, dass alles, was er sieht, ihn immer wieder davon abhält „die Kostbarkeiten, die große Antwort auf die große Frage“ zu erkennen. In letzter Konsequenz blendet er sich mit einem Hohlspiegel. danach lebt er an einem entlegenen Ort, vermutlich in Abdera.

Dort ereilt ihn die Nachricht, dass in Athen seinen Ansichten schroff widersprochen wird. Also macht er sich nach Athen auf, um sich der Rede zu stellen.

Ein letztes – öffentliches Streitgespräch: „Ich kann teilen, immer wieder teilen.“ – „Aber wo ist das Ende?“ … „Du kannst es Logos nennen.. Der Logos ist das Atom, was unteilbar ist.“ – „Erfahren wir das Letzte nicht in uns? Kann reines Gefühl nicht mehr sein als edler Beweis?“.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht stirbt Demokrit.

Der Text ist eine turbulente, bunte und manchmal grausame Sittengeschichte Athens in der Zeit von ca. 410 – 390 v. Chr. Gesichert erscheinen die Daten 404 (Ermordung des Theramenes), 403 (Tod des Kritias) und 399 (Tod des Sokrates). Mit viel Handlung werden die Intrigen der griechischen Politik anschaulich dargestellt. Der Text besteht manchmal aus langen Dialogen, da mußte ich schonmal zurück blättern, um zu verstehen, wer gerade spricht. Die Erzählpassagen sind teilweise in einem schlagwortartigen Stil geschrieben, der gewöhnungsbedürftig ist. Trotzdem: Der Ansatz des Autors ist es, das gesamte Leben des Demokrit darzustellen. Und der ist gelungen.

Demokrits Leben und Wirken (was im Kern aus Denken und Reden besteht) wird in den Kontext des damaligen Athen eingebunden. Er wird geschildert als intelligenter, doch schrulliger Einzelgänger, der mit sozialen Anforderungen überfordert scheint. Der Held lebt in einem sozialen Umfeld, an dem er wenig Freude hat. Seine auf das Denken – und gerade nicht auf das Fühlen – bezogene Weltsicht setzt der Demokrit dieses Romans auch seinem Alltag um. Nach seiner Freilassung weigert er sich tagelang, Xenia zu besuchen, nach dem Tod des Sokrates taucht er monatelang ab und kommt mit noch weltabgewandteren Ansichten wieder. Der Vorgang des Blendens – ob er historisch stattgefunden hat, ist wohl strittig – macht aus Demokrit einen umnachteten Menschen. Demokrit wird als der Denker dargestellt, dessen Ansichten zwar überdauern, der als Person aber an der Wirklichkeit scheitert.

Im Gesamtgefüge des Buches (Zur Erinnerung: das Buch heißt „Atom“) ist der Text aber eher ein überlanger Prolog. Das Atommodell wird an zwei Stellen ein wenig beschrieben. Wie Demokrit auf seine Gedanken kommt, wird nicht geschildert. Auch sonst bleibt seine wissenschaftliche Arbeit im Hintergrund und das Sittengemälde der Gesellschaft ist der eigentliche Inhalt.

Die Auvergne. Kastanienwälder und erloschene Vulkane

Cover IsabelleDie Auvergne. Erloschene Vulkane, grüne Kraterseen, unendliche Heidelandschaften, Kastanienwälder, Gebirgsflüsse, Grotten und Höhlen, Puys und Ploms. Das schwarze Wasser der „Gours„, das Torfmoos der „Sagnes“. Dieses Szenario wird auf den beiden ersten Seiten des Romans eingeführt. Der geographisch interessierte Leser ist elektrisiert und liest weiter. 124 Seiten von Tessa de Loo, geschrieben 1989. Das Buch heißt auf deutsch „Schönheit, komm, der Tag ist halb vergangen“. Der Originaltitel „Isabelle“ war den Übersetzern wohl zu unspektakulär.

Isabelle Amable ist eine berühmte Filmschauspielerin, die ihre Kindheit in dieser Gegend verbracht hat. Noch heute kehrt sie regelmäßig zur Erholung in die Auvergne zurück. Eines hellichten Tages verschwindet sie spurlos. Die Suche verläuft ergebnislos. Die Menschen in der Region gehen wieder zur Tagesordnung über. Nur der melancholische Dorfschullehrer Bernard Buffon findet sich nicht damit ab und sucht weiter nach Isabelle. Er vergöttert Isabelle von Kindheitstagen an. Der Grund hierfür ist konkret und liegt zwanzig Jahre zurück. Auf dem Schulweg wurde Bernard von einigen Jungen verprügelt und in eine Regentonne gesteckt. Isabelle kam mit ihrem Vater vorbei und rettete ihn aus der Tonne. Das hinterließ bei Bernard bleibenden Eindruck.

Bald tritt auch Jeanne Bitor in die Geschichte. Sie ist eine – betont häßliche – einsam lebende Frau, die nachts in der Dorfkneipe arbeitet und tagsüber Bilder malt. Ihr Lieblingsmotiv sind verwesende Tierkadaver. Sie lebt mit ihren beiden Pitbulls in einem einsamen Haus mit Blick auf den Plom du Cantal in der Nähe des Städtchens Murat.

Schnell wird klar, dass Jeanne Isabelle entführt hat. Sie ist besessen davon, den allmählichen Zerfall von Schönheit in einer Reihe von Portraits festzuhalten und verlangt von Isabelle, dafür Modell zu liegen. Es entsteht ein Zusammenspiel zwischen Isabelle und Jeanne. Jeanne zeigt Isabelle ihre Bilder, Isabelle erzählt von zwei gescheiterten Ehen und der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Schönheit nur schlechte Rollen bekommt. Jeanne ist von diesen Einblicken hinter die trügerische Kulisse der Schönheit fasziniert und so entsteht ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis. Jeanne, die neben zwei stärkeren und beruflich erfolgreichen Brüdern aufwuchs, erzählt von ihrer einzigen Liebe. Jeanne wird glücklicher, weil sie die Schattenseiten der Schönheit erfährt.

Eines Abends fällt Bernard in der Dorfkneipe auf, dass Jeanne über ihr ganzes Gesicht strahlt. Er bringt das Gespräch auf Isabelle und behauptet, dass Isabelle bis zu ihrem Verschwinden glücklich war. Jeanne wird klar, dass Isabelle sie belogen hatte. Noch während ihrer Arbeit gerät sie in Panik und unternimmt einen Selbstmordversuch. Der arme Bernard versteht nicht, weshalb das Gespräch mit ihm so einen Eindruck auf Jeanne gemacht hat.

Wütend kehrt Jeanne in ihr Haus zurück. Am nächsten Morgen behandelt sie ihr Opfer tyrannischer als je zuvor, jagt sie trotz Erschöpfung immer wieder zum Modell sitzen und verweigert ihr jegliches Essen. Isabelle versteht die Veränderung nicht. Am darauf folgenden Morgen findet Jeanne Isabelle erhängt vor. In Panik verbrennt sie alle Bilder, läßt die Hunde frei und verschwindet in Richtung Puy Griou.

Zur gleichen Zeit erscheint Bernard an Jeannes Haus. Er hatte sich auf den Weg gemacht, weil er Jeannes merkwürdiges Verhalten in der Kneipe verstehen wollte. Er sieht, wie Jeanne Dinge ins Feuer wirft und nutzt die Gelegenheit, um sich ins Haus zu schleichen. Dabei findet er die an einem Strick hängende Isabelle noch lebend. Sie wollte ihren Selbstmord fingieren, jedoch kamen die Hunde hinzu und stießen sie in den Strick, so dass aus dem Fingieren beinahe Ernst wurde.

Sie gesteht, dass sie Jeanne beeindrucken wollte, indem sie die Biographie von Marylin Monroe als die ihre ausgab, und äußert Verständnis für ihre Peinigerin. Bernard hat Isabelle nun als eine „Frau aus Fleisch und Blut“ erkannt und sie hat für ihn ihren Zauber verloren. Er macht sich auf die Suche Jeanne, deren Geheimnisse er nun ergründen möchte.

Spannend? Ja- denn schnell stellt sich im Kopf des Lesers die Frage, ob und wie Isabelle entkommt. Ansonsten hinterläßt so ziemlich alles an dem Buch Verwirrung. Die Erzählung ist vielerlei: Eine Variation des Themas, was alles geschehen kann, wenn zwei Menschen auf engstem Raum miteinander auskommen müssen. Eine Geschichte zweier Menschen, die einander bekämpfen. Eine Geschichte zweier gegensätzlicher Menschen, die sich auf ihre Schönheit reduziert sehen.

Im Laufe der Zeit erfährt der Leser immer mehr über Jeannes Motive, die jedoch widersprüchlich und verwirrend sind. Neid auf Schönheit, von Männern verkannt, durch Zurückweisungen verunsichert, auch ein Machtgefühl gegenüber der Schöneren, das alles spielt eine Rolle.

Der einzige Mann, der zur Handlung beiträgt, ist Bernard. Die Autorin tut alles, damit er ja nicht als Held dasteht. Er ist melancholisch, ein Gegner von Sport im Allgemeinen. Im Land der Tour de France wirkt er alleine schon deswegen – seltsam. Als er Isabelle befreit, ist sein innerstes Motiv der Dank dafür, dass Isabelle ihn vor zwanzig Jahren aus der Tonne geholt hat. Als er sich am Ende der Geschichte auf die Suche nach Jeanne macht, tut er dies, weil er das Böse und das Häßliche verstehen möchte. Aus dem Kauz wird eine unheimliche Figur.

Eine „böse Heldin“ mit chaotischer Motivation, eine „gute Heldin“, die zu eindimsional angelegt ist und ein „Nicht-Held-Mann“, der viel zu weltfremd ist. Insgesamt passt diese verworrene Geschichte in die Landschaft mit ihren schroffen Gegensätzen. Deren Beschreibung zu Anfang des Buches waren mit Abstand das Beste an der Lektüre. Übrigens habe ich die Ausgabe aus dem Jahr 1996. Der Umschlag zeigt einen Ausschnitt eines Gemäldes von Leonor Fini, „La Chambre d’Echo“ aus dem Jahr 1974. Aufgrund des Buches habe ich ihre Bilder entdeckt. Das ist auch etwas Positives.

Sewastopol im Dezember 1854. Tolstoi.

Der Text ist eine Miniatur, die Reklamausgabe von 1992 packt ihn gerade mal in 20 Seiten. Tolstoi schrieb „Sewastopol im Dezember“ als Teil der Sewastopoler Erzählungen. Grundlage waren seine Erlebnisse im Dezember 1854, als Sewastopol während des Krimkrieges von französischen und englischen Truppen belagert wurde. Die Ereignisgeschichte ist allenthalben nachzulesen. Die Erzählung ist ein sehr spezieller eintägiger Stadtrundgang. Beginnend um 8 Uhr morgens zieht der Autor von Ort zu Ort innerhalb der belagerten Stadt und nimmt den Leser auf eine sehr beeindruckende Weise mit.

Die Stadt bietet in diesen Kriegsmonaten eine „seltsame Vermischung städtischen Treibens mit dem Lagerleben“. Am Hafen geht es laut zu. Es mengen sich Matrosen mit Hafenarbeitern und Menschen, die Leichen abtransportieren. Tolstoi legt zu einer kurzen Bootsfahrt ab, die ihn an vertäuten Schiffen vorbei zur Grafskaja führt. Dort geht er an dem Gewimmel von Menschen vorüber zur alten „Adelsversammlung“. Sie ist zu einem Lazarett umfunktioniert. Er besucht die Krankenstation, wo er mit Verwundeten spricht, die auf ihre Heilung hoffen. Gleich nebenan ist der Operationssaal, in dem Ärzte dem „wohltätigen Werk des Amputierens“ nachgehen. Etliche Soldaten reden mit Stolz von der „vierten Bastion“.

Also entscheidet sich Tolstoi dafür, diese Bastion zu besuchen. Auf dem Weg dorthin – bei leichtem Nieselregen – geht er zunächst an der Kirche und der Barrikade vorbei in den belebtesten Teil der Stadt. Händler, elegante Offiziere und Frauen mit Hüten erwecken den Eindruck von Normalität. Er kehrt in ein Wirtshaus ein, hört den Soldaten zu. Er setzt seinen Rundgang fort, passiert verlassene Häuser, danach zerstörte Häuser, danach Trümmerhaufen aus Stein und Brettern und schließlich wassergefüllte Trichter. Schließlich steht er in der „Janowschen Redoute“, einer Art Vorposten, von dort geht es weiter durch Laufgräben, bis er in der Bastion ankommt. Er beobachtet Soldaten bei allen ihren Arbeiten, die meist Warten oder Bereithalten sind. Aus der Bastion kann er nicht in die Ferne schauen, „ob der der vielen umherschwirrenden Kanonenkugeln“. Dann beschreibt Kugeln von Kanonen und Mörsern, die um ihn herum fliegen und in der Bastion einschlagen.

Am Nachmittag geht er in die Stadt zurück. Er gesteht, von der Technik der Verteidigung nichts verstanden zu haben, doch aus den Augen der Matrosen gewann er die Überzeugung, dass Sewastopol nicht fallen wird. Der Abend senkt sich. Auf dem Boulevard spielt eine Militärkapelle einen Walzer.

Tolstoi nimmt den Leser mit auf einen eindringlich geschilderten Stadtrundgang durch eine vom Krieg geschundene Stadt. Es ist aber auch ein Dokument über Menschen, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Das Wort „Seelenstärke“ taucht ein paar Mal auf, eine Eigenschaft, vor der sich Tolstoi sich nur verneigen kann. Die realisitische Schilderung des Lazaretts ist eine besondere Leistung. Der Höhepunkt des Textes ist für mich die von allen Sinnen geschärfte Beschreibung umherfliegender Kugeln.

Die Erzählung gilt als Beginn der Kriegsberichterstattung. Die handlungstreibenden Dialoge, die scharfsinnigen und detailversessenen Beobachtungen machen den Text jedoch auch zu einer besonderen erzählerischen Leistung.