Ein Hut, ein paar Eiswürfel und edler Gitarrenklang: Leo Kottke

Die nächsten Bücherartikel werden schon mit Hochdruck bearbeitet. Zwischendurch ein wenig Musik. Und irgendwann muss ich ja auch mal an das viele gefundene Vinyl ran. Zufallsanfang ist die LP „Ice Water“ von Leo Kottke aus dem Jahr 1974.

Bisher kannte ich Leo Kottke hauptsächlich von Sonora’s Death Row. Jetzt also habe ich diese LP von ihm gefunden. Das Cover von John Van Hamersveld zeigt einen Hut, eine Melone, dessen Krempe mit schmelzenden Eiswürfeln besetzt ist. Auf der Innenseite des Hutes ist der Name des Interpreten zu lesen. Das Bild sagt mir gar nichts, und auch der Titel Ice Water bleibt unverständlich.

9 Songs sind auf der LP, auf 6 davon ist auch Kottkes Gesang zu hören. Mit ziemlich exakt 38:00 Minuten Spielzeit würde ich die Platte als kurz bezeichnen. Mit der Eigenkomposition „Morning is the Long Way Home“ eröffnet die A-Seite. Es ist das auch das längste Stück mit 6:26.  Aber genug der Statistik, los geht’s.

„Morning is the Long Way Home“ ist von einem komplexen und treibenden Gitarrenspiel geprägt, das mit einem temperamentvollen Schlagzeug zu kämpfen hat. Der Gesang ist die schwächste Komponente des Stückes. Wie man liest, hat Kottke daraus später die Konsequenz gezogen und den Song nochmal instrumental eingespielt.

Anschließend geht es um den Jungen, der nicht „Pamela Brown“ geheiratet hat. Sie war hübsch und nahm den Typen, der einen Pick-Up Truck hatte. Der enttäuschte Junge wurde zum Wanderer, hat viele fremde Länder gesehen und ist Pamela dankbar dafür. Es ist ein sympathischer, melodischer Country Song.

„A Good Egg“ ist das erste Instrumental auf der Platte und originell, spritzig und hörenswert. Es ist das Spiel des virtuosen Gitarrenkünstlers, als den man Kottke kennt.

Das rockige „Tilt Billings and the Student Prince“ ist die Ballade über einen Anfänger an der Gitarre. Er nennt seine Gitarre „Student Prince“. Sie war einfach das Beste, was ihm unterkam. Dummerweise tritt ein Besoffener auf seine Gitarre. Man hört es, die Musik ist abhackt und klingt bis zur letzten Note nach zorniger Enttäuschung. Der Gesang erinnert ein wenig an Dylan – das heißt, er klingt nasal und man versteht nicht viel. Ein großer Teil des Songs besteht dann auch daraus, dass eine Schlägerei im Hintergrund zu hören ist. Das ist originell und sicher mit viel Aufwand produziert, man würde es aber nicht bei Kottke erwarten.

Mit dem leider zu kurzen „All Through the Night“ schließt die A-Seite. Es ist ein Stück, das man wirklich die ganze Nacht durch hören kann. Oder könnte, wenn es denn länger wäre.

Die B-Seite fällt gegenüber der A-Seite deutlich ab. „Short Stories“ ist ein sehr countrylastiges Instrumentalstück. „You tell me why“ ist ein Countrysong, brav gemacht, aber doch schaurig-schön. Der Sänger hadert mit einem Freund, der ein Unglück schön reden will. („Du sagst mir, dass alle guten Dinge sterben, du fragst mich, warum ich mich aufrege, du sagst mir, dass ich vergessen werde“). „You Know I Know You Know“ folgt wie ein schwungvoller Antwortsong. „Born to Be with you“ ist ein einfaches happy-endiges Stück, aber man honoriert das anspruchsvolle Gitarrenspiel. Und „A Child Should Be a Fish“ ist nochmal ein nettes Gitarren-Instrumental zum Ausklang.

Insgesamt hörenswert, vor allem die A-Seite mit 3 Super-Gitarrenstücken. Aber Kottkes Gesang ist manchmal zuviel des Guten.

Hut_mit_Eiswürfeln

Ein Eiswürfel 1 Ein Eiswürfel 2 Zwei Eiswürfel Noch ein Eiswürfel Schmelzwasser am Hut

Irgendwo in Russland um 1820. Puschkin. Dubrowski.

Dubrowski Cover-AusschnittDubrowski Skizze aus dem BuchinnernNun habe ich mich also zum ersten Mal an einen „großen Russen“ gewagt. „Dubrowski“ ist eine Novelle von Alexander Puschkin und mit 124 Seiten eher kurz. Ich habe die Ausgabe von 1949 mit einigen schönen Skizzen. Die Handlung spielt auf den Landgütern des feudalen Russland um 1820.  Der moderne Leser muss sich zunächst daran gewöhnen, dass die Landgüter der damaligen Zeit die Infrastruktur von Dörfern haben.

  • Das Setup

Der reiche Trojekurow lebt auf einem seiner „Dörfer-Landgüter“ in Pokrowskoje, wo er regelmäßig Gesellschaften gibt, die sich ebenso regelmäßig der Trunkenheit hingeben (heute würde man sagen: ausschweifende Parties). Er ist mit seinem Nachbarn Dubrowski befreundet, obgleich dieser ärmer ist (will heißen: sein „Dorf-Landgut“ Kistenjowka ist nicht ganz so groß). Während der gemeinsamen Jagd kommt es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden. Die Situation eskaliert über Monate hinweg.

  • Die Geschichte

Mit juristischen Winkelzügen gelingt es Trojekurow, Dubrowski enteignen zu lassen. Die Leibeigenen von Dubrowski schreiben einen alarmierenden Brief an Dubrowskis Sohn Wladimir, 23 Jahre alt, der als Kadett in Petersburg Dienst tut. Er reist an. Nach der Beerdigung des alten Dubrowski nehmen Beamte des Trojekurow das „Dörfchen-Landgut“ Kistenjowka in Besitz. Aus Verzweiflung brennt Wladimir Dubrowski das Beamtengebäude von Kistenjowka nieder, ein Teil des Dorfes fängt ebenfalls Feuer. Der junge Dubrowski und einige Menschen aus seinem Gesinde verschwinden spurlos.

In der Zeit nach der Katastrophe entstehen Gerüchte über eine Räuberbande, die Besitztümer ausraubt, jedoch Großmut gegenüber den Armen zeigt. Dubrowksi wird als das Oberhaupt vermutet.

Trojekurow engagiert für seine Kinder Maria (auch genannt Mascha) und Sascha einen französischen Hauslehrer Monsieur Deforges. Deforges muss die im Hause übliche Mutprobe für Neulinge über sich ergehen lassen. Er wird mit einem Bären in ein Zimmer gesteckt. Doch statt sich – wie von Trojekurow erwartet – ängstlich in eine Ecke zu verkriechen, erschießt er den Bären mit seiner Pistole. Er rechtfertigt sich damit, die Pistole immer bei sich zu tragen, um sich Beleidigungen zu erwehren, für die er in seiner Stellung nicht zum Duell heraus fordern kann. Seither ist Deforges bei Herrn und Tochter Trojekurow hoch angesehen.

Es ist mal wieder Gesellschaft bei Trojekurow. Auch ein gewisser Anton Pafnutjitsch Spitzyn kommt. Es stellt sich heraus, dass er bei dem Prozess um die Enteignung Dubrowskis zugunsten seines jetzigen Gastgebers ausgesagt hat. Er ist betrübt, weil er pleite ist, verschweigt dies aber ebenso wie seine Angst vor Dubrowski. Er schläft in einem Zimmer mit Deforges und hat einen Alptraum.

  • Pause. Rückblende

In einer Rückblende wird nun von der Anreise Deforges erzählt. Deforges wartete in einer Poststation auf eine Kutsche, die ihn zu seinem neuen Arbeitgeber Trojekurow bringt. Es kam – als Offizier verkleidet – Dubrowksi und bot dem echten Deforges 10.000 Rubel an, falls er im Gegenzug seine Papiere aushändigen würde. Das entsprach mehr als dem dreifachen des ohnehin großzügigen Jahressalärs als Lehrer. Also willigt der echte Deforges ein und reist zurück. Dubrowski konnte nun in die Rolle des Hauslehreres schlüpfen.

  • Weiter in der Geschichte

Eines Tages offenbart sich der Hauslehrer gegenüber Maria, dass er in Wirklichkeit Dubrowski sei und das Gut verlassen müsse. Er leistet einen Schwur, Maria stets aus Schwierigkeiten zu helfen. Kurz darauf taucht der Polizeihauptmann auf und möchte ihn festnehmen. Dubrowski aber ist bereits über alle Berge. Im folgenden Sommer handelt Trojekurow mit einem anderen Nachbarn, dem alten Fürsten Werejiski, aus, dass dieser Maria (auch genannt Mascha) heiratet. Maria ist todunglücklich über diese Zwangsehe und wendet sich an Dubrowski. Dieser bittet Maria, den „Mut zu einer grausamen Auseinandersetzung“ zu haben. Sie zögert diese Auseinandersetzung jedoch zu lange hinaus. Als es soweit ist, beschließt der Fürst, die Hochzeit auf den kommenden Tag vorzuziehen. Sie möchte Dubrowski durch ein vereinbartes Zeichen um Hilfe bitten, das Überbringen dieses Zeichens geht jedoch schief. Als Dubrowski dann von der Hochzeit erfährt, überfällt er mit seinen Leuten den Tross mit der Hochzeitskutsche. Nochmal zu spät: Die Trauung hat bereits statt gefunden. Traurig fügt sich Dubrowski in das Schicksal.

Zum Ende der Novelle wird seine Räuberbande von einer Militäreinheit entdeckt und überfallen, die strategische Kühnheit Dubrowskis führt die Räuberbande zum Sieg. Reich geworden sollen die Räuber nun ein neues Leben anfangen. Dubrowksi selbst soll sich – Gerüchten zufolge – ins Ausland abgesetzt haben.

  • Gedanken dazu

Die Novelle entstand in den 1820er Jahren. Sie erschien erstmals 1841 – laut Vorwort „in einer von der Zensur verkürzten Fassung“. Das Motiv des edlen Räubers ist aus der Romantik gut bekannt, und auch Puschkins Dubrowksi überschlägt sich vor lauter Edelmut. Er verschont das Haus seines Feindes aus Liebe zu dessen Tochter. Der Text ist nicht immer leicht lesbar. Figuren werden oft namenlos eingeführt und zunächst ausführlich beschrieben. Später werden sie wie selbstverständlich mit ihrem Namen genannt. Deswegen musste ich ein paar Mal zurückblättern. Wenn man das mal verstanden hat, macht die Lektüre Spass. Empfehlenswert.

Ein schwerer Traum Nach der Katastrophe Der Heimkehrer begrüßt seinen todkranken Vater Das Geschacher um das Gut

Antwerpen – Toulouse – Cadiz und dann raus aufs Meer bis Dakar: Das Totenschiff

Das Totenschiff CoverDer Roman „Das Totenschiff“ von dem geheimnisumwitterten Schriftsteller B. Traven hat 227 Seiten. Das Buch spielt im Jahr 1926 und handelt in drei Teilen von den sehr speziellen Erlebnissen des amerikanischen Matrosen Gales. Er ist der Ich-Erzähler und hat im Buch keinen Vornamen.Teil 1 spielt an Land.

Gales hat auf dem Frachter „Tuscaloosa“ angeheuert. Ein Landgang in Antwerpen, eine Hafenhure, und schwupps: Er versäumt das Auslaufen seines Schiffes. Ohne Papiere, Geld und Gepäck beginnt für ihn eine Odyssee durch Europa. Die fehlenden Papiere sorgen dafür, dass er überall als Staatenloser angesehen wird. Folglich wird er aus jedem Land in das nächste abgeschoben. Die Polizei Antwerpens zeigt ihm, wie er nach Rotterdam kommt, die niederländische Polizei setzt ihn in einen Zug nach Paris, der dortige amerikanische Konsul glaubt ihm seine Geschichte nicht. Gales muss mit dem Zug weiter über Limoges nach Toulouse. Dort wird er wegen „Eisenbahnbetruges“ (so hieß wohl Schwarzfahren früher) verhaftet. Da er mitbekommen hat, dass Amerikaner schlecht angesehen sind, gibt er sich als Deutscher aus. Er sitzt seine Strafe ab und zieht weiter. Eine Bauernfamilie gibt ihm Unterschlupf. Es entstehen amüsante Dialoge. So muss er seinen Gastgebern in Frankreich einmal von Deutschland erzählen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Er sagt, er sei aus Südfalen, „da, wo die Hochöfen sind, in denen Königsberger Klopse geschmolzen werden“. Später will er weiter nach Spanien. Kurz vor der Grenze wird er einer französischen Festungsbesatzung inhaftiert und zum Tode verurteilt.

Er wird von einem französischen Offizier verhört. Seiner Schlagfertigkeit verdankt er es, dass er nach Spanien abgeschoben wird. Gales wird aufgegriffen und mit einer Menge Wein und Käse wieder aufgepäppelt. Von Barcelona aus fährt er später kurz nach Marseille, weil er dachte, dass dort amerikanische Schiffe liegen. Dem war aber nicht so. Enttäuscht geht er wieder zurück nach Spanien, wo er faulenzend zwischen Cadiz und Sevilla pendelt.

Beim Angeln („Angeln ist gelebte Philosophie“) bemerkt er ein altes Schiff, die „Yorikke“. Sie schrammt am Kai entlang. Sie wurde schon häufig umbenannt und umgeflaggt. Die Mannschaft ist schlecht ernährt. Der Kapitän „ein Esel. Die Yorikke war viel intelligenter als ihr Kapitän.“ Die Mannschaft entdeckt Gales und überredet ihn, mitzufahren. Nach Liverpool.

Ende Teil 1

Teil 2 spielt auf See an Bord der „Yorikke“.

Die Fahrt auf der „Yorikke“ beginnt konfliktreich. Gales gibt sich nun nicht mehr als Deutscher aus, sondern als Ägypter. Gales nennt sich nun Pippip, wird als Kohlenzieher eingeteilt, erfährt, dass das Schiff nicht nach Liverpool fährt, zumindest nicht jetzt, und Heuer bekommt er erstmal auch nicht. Der Kohlenzieher – er wird auch Kohlenschlepp genannt – muss dem Heizer die Kohle bringen. Mit den Kohlen hält der Heizer die neun Feuer im Schiff auf Flamme. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, 12-Stunden-Schichten als Kohlenzieher, direkt anschließend 4 Stunden Wache und wieder eine lange Schicht als Kohlenzieher. Die Körper der Matrosen sind gezeichnet, die Arme voller Brandwunden, Hautfetzen hängen herab. Die Matrosen waschen sich mit Asche und Sand. Mehrere Kapitel lang beschreibt Traven, wie sein Körper immer mehr zerschunden wird. Er beobachtet seine Kollegen bei ihrer Arbeit, an der sie langsam zerbrechen. Einige sind bereits Toten gleich.

Die „Yorikke“ legt in Marokko an, sie wird mit Kisten voll Pflaumenmus beladen. Gales öffnet eine Kiste und stellt fest, dass in den Musgläsern Munition versteckt ist. Nach und nach findet er heraus, dass das Schiff zum Waffenschmuggel dient. Er freundet sich mit seinem Kohlenzieher-Kollegen an. Stanislaw Koslowski ist in Posen geboren, dann jahrzehntelang auf Schiffen gefahren. Nach dem Weltkrieg wurde Posen polnisch, jedoch hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, zu „optieren“, also aus freien Stücken die deutsche Staatsangehörigkeit zu behalten. Stanislaw war zu dieser Zeit auf See. Als er später einen Pass haben möchte, bekommt er von den deutschen Behörden keinen, da er in ihren Augen Pole ist, von den polnischen Behörden keinen, da er in deren Augen  Deutscher ist. Auf einer deutschen Behörde bekommt er schließlich einen Pass als „Staatenloser“. Damit kann er auf keinem guten Schiff anheuern, da er hierfür eine Staatsangehörigkeit benötigt. Also kam er auf die „Yorikke“. Auf ihr fahren viele Seeleute ohne Pass, die für alle Länder als Tote gelten, und deren Tod niemand bemerken oder betrauern würde. Sie können in keinem Hafen abmustern, denn dazu wären Papiere nötig, die ein Heimatland ausweisen. Das weiß auch der Skipper und enthält den Seeleuten die Heuer vor.

Das Schiff fährt weiter nach Tripolis und dann nach Dakar, wo die Mannschaft tatsächlich an Land gehen darf.

Ende Teil 2

Der kurze Teil 3 spielt an Bord der „Empress of Madagascar“

Stanislaw und Gales wollen auf der „Empress of Madagascar“ anheuern, weil sie neu aussieht. Sie erkundigen sich auf anderen Schiffen nach ihr und schnell wird klar, dass das Schiff für einen Versicherungsbetrug benutzt werden soll. Damit wird den beiden klar, dass sie doch besser  nicht auf die „Empress“ gehen. Sie werden jedoch „shanghait“ und landen als Heizer auf dem Schiff. Nach kurzer Zeit läuft die „Empress“ auf ein Riff auf. Teile der Mannschaft – besonders die Offiziere – gehen in die Rettungsboote, ein anderer Teil bleibt an Deck. Eine große Welle reißt die „Empress“ vom Riff los. Stanislaw beginnt zu halluzinieren und springt ins Meer, wo er ertrinkt. Gales gehört zu den wenigen, die gerettet werden.

Ende Teil 3

Teil 1 ist amüsant und satirisch geschrieben, Teil 2 ist dramatischer und tragischer. Er stellt die Grausamkeit des Schiffes anschaulich dar, die schrecklichen Arbeitsbedingungen, Betrug, aber auch Freundschaft. Wie schon erwähnt, spielt die Handlung im Jahre 1926, der vergangene Erste Weltkrieg ist allgegenwärtig. Die Inflation wird ebenso thematisiert wie die Bildung der Nationalstaaten, die das Phänomen der Staatenlosigkeit nach sich zog. In dem kurzen Teil 3 sinkt das Schiff in einer bildhaften und dramatischen Schilderung.

Eine interessante Fußnote des damaligen Zeitgeistes sind die Anmerkungen Gales‘ über Spanien. Er erlebt dort zum ersten Mal in seinem Leben eine riesige Demonstration. Ursache war der Wunsch der Regierung, ein neues Meldegesetz einzuführen. Der Roman ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur, reicht jedoch weit darüber hinaus. Er ist von politischen und sozialkritischen Noten durchsetzt, die stimmig in die Handlung und die Personen eingebaut wurden.

Grenoble. Ummauerte Welt

„Ummauerte Welt“ ist ein Roman von Pierre Magnan. Es gibt immer wieder Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb sie nicht bekannter sind. Dieses gehört unzweifelhaft dazu.

Die Geschichte spielt in dem Dorf Chalvine unweit von Grenoble und beginnt ca. 1948. Die Handlung dehnt sich über zwei Jahre. Sie wird nur an wenigen Stellen und nur kurz verlagert, einmal nach Paris, einmal an den Col de Thule und schließlich nach Cannes und nach Annecy.

Zwei Männer begegnen sich in einer Kleinbahn auf dem Weg von Grenoble in das Dorf  Chalvine in den französischen Alpen. Robert Chatelier wird den Direktorenposten der nahe gelegenen Aluminiumhütte übernehmen. Marcel Verseau, ein in den Weltschmerz verliebter 25-jähriger Physikstudent, fährt in das Hotel seines Vaters, um dort Ferien zu machen. Sie reden fast nichts, und sie begegnen sich im Verlaufe der Geschichte immer wieder.

Chatelier fährt einige Tage später nach Paris. Er trifft Devallons, den Vorstand des Konzerns, zu dem die Hütte gehört. Chatelier stellt ihm eine neue Geschäftsidee vor. Wenig später ist eine Konferenz mit Devallons, Chatelier und vier Finanzchefs von anderen Konzernen. Sie sollen zur Ausbeutung der Geschäftsidee und zur Stärkung Frankreichs ein Gemeinschaftsunternehmen gründen. Lavillat, einer der Teilnehmer des Treffens, erpresst Chatelier, das Geschäft mit ihm alleine zu machen. In die Enge getrieben ermordet Chatelier Lavillat, indem er einen Bootsunfall vortäuscht. Eine kurze leidenschaftliche Affäre mit Devallons vergnügungssüchtiger Tochter Claude hilft ihm über die Gewissensbisse hinweg.  Claude durchschaut jedoch schnell, dass Chateliers Version des Bootsunfalls falsch ist.

In der Zwischenzeit weist Marcel Verseau gegen den Wunsch seiner Eltern die Avancen seiner Jugendliebe Josette von sich und zieht sich zu Studien in eine Almhütte zurück.

Chatelier versucht, für sein Vorhaben einige Studienfreunde wieder zu finden, die er für besonders zuverlässig hält. Er findet zwei von ihnen, Gambois und Corbieres. Kriegswirren hatten Corbieres nach Wladikawkas verschlagen. Nun schlägt er sich mit zwei Begleitern über Italien nach Frankreich durch. An der Berggrenze zwischen Italien und Frankreich, beim Col de Thule, verunglücken seine Begleiter tödlich. Nun wird auch Corbieres von Gewissensbissen geplagt.

Er und Gambois treffen sich bei Chatelier. Der Konzernchef Devallons weiht alle drei in das Projekt ein: Im Tal bei Chalvine wurde Yttrium gefunden. Chatelier hat ein Verfahren entwickelt, um mittels Yttrium Energie zu gewinnen.

Chatelier, Gambois und Corbieres vertiefen sich in das Projekt, indem sie sich in die Fabrik in Chalvine zurück ziehen. Bald darauf dringt der Journalist Massot in die Fabrik ein und belauscht die drei bei einer Unterhaltung mit Devallons. Sie stellen Massot zur Rede und fordern von ihm Diskretion über das Gehörte. Massot weigert sich, und ist auch nicht gegen gute Bezahlung bereit, das Projekt geheim zu halten. Ohne Wissen der anderen manipuliert nun Gambois Massots Auto, worauf dieser tödlich verunglückt.

Gambois geht zur Beichte in die Kirche, wo er unerwarteter weise Corbieres trifft. Dieser offenbart Gambois, dass er für den Geheimdienst der U.S.S.R. arbeitet und die neue Technologie ausspähen soll. Trotzdem wäre er bereit, aus Freundschaft zu Frankreich und Chatelier, für diesen zu sterben.

Die drei fahren mit ihrer Entwicklung, einer Apparatur zur Erzeugung von Energie auf der Basis von Yttrium, für einen Test ins nahe gelegene Gebirge. Das Ergebnis ist dem Anschein nach enttäuschend, denn es schmilzt ein wenig Schnee, sonst nichts.

Chatelier und Marcel begegnen sich erneut. Nun weiht Chatelier auch Marcel in sein geheimes Projekt ein. Dieser ist bereit, mitzuarbeiten. Die beiden arbeiten immer enger zusammen, was den Argwohn der beiden anderen Freunde erregt. Am Silvesterabend besucht Josette Marcel in seiner Hütte. Sie wird schwanger. Marcel versucht erfolglos, sie zu einer Abtreibung zu überreden.

Derweilen urlaubt Claude in Cannes und läßt das Leben der dortigen Schickeria an sich vorüberziehen. Nach dreimonatiger Ehe mit einem Schönling entschließt sie sich dazu, zu Chatelier zurück zu kehren. Sie trifft in Chalvine ein, herbergt im Hotel der Verseaus, und versucht Chatelier näher zu kommen. Der ist jedoch nach wie vor in sein Projekt vertieft, und so wird sie immer eifersüchtiger auf sein Projekt. Eines Abends fährt sie zur Fabrik. Sie sieht, wie ein Wagen – mit Marcel am Steuer – die Fabrik verläßt. Ihm folgt ein weiterer Wagen – mit Chatelier, Corbieres und Gambois. Sie fährt den beiden Wagen hinterher. Marcel hat sich inzwischen völlig mit dem Projekt identifiziert. Er hat eine neue Apparatur bei sich und möchte sie in einer Felsspalte zur Explosion bringen.

Man erfährt, dass bereits das erste Experiment erfolgreich war, denn es wurde ein Hase dematerialisiert, und im felsigen Untergrund entstand ein schmaler Riss. Auch das neue Experiment gelingt, Marcel jedoch stirbt dabei. Noch am Ort des Experiments stellt Claude Chatelier zur Rede, während des Wortgefechts zieht sie einen Revolver und erschießt Chatelier. Corbieres möchte den Tod seines Freundes ehrenvoller darstellen und beschwört Claude, der Polizei zu berichten, dass er – Corbieres – Chatelier erschossen habe und sich anschließend selbst richtete. Darauf erschießt er sich. Claude sagt der Polizei die Wahrheit und bekommt drei Jahre Gefängnis. Das Kind von Marcel und Josette kommt zur Welt.

Eine dramatische Geschichte um Schuld und Sühne. Drei Männer ziehen ein Projekt durch.  Jeder der drei hat den Tod eines  anderen Menschen zu verantworten, um das Projekt voran zu bringen. Auch der zunächst unbeteiligte Marcel geht unter Preisgabe seiner Liebe in der Arbeit auf. Der Titel resultiert daraus, dass die Handelnden bei ihren Experimenten an die Mauern stossen, die die materielle Welt umgrenzen.

Sie empfinden ihre Schuld ganz unterschiedlich. Für Chatelier spielt sie während der Geschichte keine Rolle mehr, im Todeskampf flüstert er den Namen des Opfers. Über Corbieres schwebt permanent der Tod. Er weiß, dass ihn im Falle seiner Enttarnung die Todesstrafe erwartet. Er richtet sich selbst zur Ehrenrettung Chateliers. Gambois überlebt als einziger unbeschadet.

Alles ist mit ironischem Tonfall und einer gut lesbaren Leichtigkeit erzählt. Charmante Charakterisierungen der Personen und Verständnis für deren sehr unterschiedliches Handeln, machen die Lektüre zu einem spannenden Vergnügen.

Gestrandet. Überleben in North Kimberley

Bertram Cover„Flug in die Hölle“ von Hans Bertram hat 219 Seiten. Ich habe die Ausgabe mit dem „farbigen Schutzumschlag“. Vor einem feuerroten Himmel stürzt ein einmotoriges Flugzeug, nach links geneigt, in einer Abwärtsbewegung einer schwarzen Silhouette am Boden zu. Die Pinselstriche an den Tragflächen zeugen von der Geschwindigkeit, mit der sich die Maschine senkt. So dramatisch wie das Cover ist das ganze Buch. Es handelt von einer wahren Geschichte.

Der Autor wollte ursprünglich mit seinem Wasserflugzeug in mehreren Etappen um die Erde fliegen. Er startete mit seinem Begleiter Klausmann von Bira aus – das liegt auf Sulawesi -mit dem Ziel Port Darwin in Nordaustralien. Als er während des Nachtfluges die Orientierung verliert und das Benzin knapp wird, wassert er in einer Bucht. Er vermutet, in Melville Island angekommen zu sein, und so gehen die beiden nach Westen, wo sie die Hafenstadt Port Cockburn vermuten. Die Mücken sind von Anfang eine eine höllische Qual, später kommen die Hitze und der Durst dazu. Sie basteln sich aus Benzin, Watte und einem Magneten ein Feuerzeug. Als sie eine kleine Bucht durchschwimmen, fliehen sie in Panik vor Krokodilen. Dabei verlieren sie ihr Gepäck. Die Tabakdose darin wird später zu ihrem Auffinden führen. Ohne Gepäck gehen sie zurück zum Flugzeug und bauen einen Schwimmer des Wasserflugzeugs zu einem Segelboot um. Damit fahren die beiden die Küste entlang. Später gehen sie an Land weiter.

Nachdem sie mehrere Tage marschiert sind, steigt Bertram auf einen Hügel, um sich zu orientieren. Er bemerkt, dass er nicht auf einer Insel ist, sondern in der Provinz Kimberley, deren einzige Siedlung Wyndham 200 Meilen östlich liegt. Also wieder in die andere Richtung laufen, wieder mit dem Boot zurück, das Boot ist zu schwach für den Wellengang. Sie stranden an einer Höhle am Cape Bernier, in der sie Trinkwasser zur Verfügung haben. Dort werden sie von einem Eingeborenen entdeckt. Ein System von Rauchzeichen signalisiert seinen Stammesgenossen, dass er die beiden Flieger gefunden hat. Ein Eingeborener hatte der Drysdale River Missionsstation die gefundene Tabakdose übergeben. Daraus schlossen die Missionare, dass Bertram und Klausmann noch leben, denn die Dose wurde in einem Gebiet gefunden, indem keine Suchaktionen statt fanden. Die Flieger waren für tot erklärt worden, weil niemand damit rechnete, dass sie so weit nach Südwesten fliegen würden.

Eine großartige spannende Erzählung über das Überleben und darüber, niemals aufzugeben. Manches Leiden, wie das unter Durst und Hitze, lassen sich nur erahnen. Die Kreativität, mit der Bertram und Klausmann immer wieder nach neuen Ideen suchen, voran zu kommen, macht das Buch ebenso lesenswert, wie der ständige Kampf gegen Enttäuschungen, wenn sie übersehen werden oder zurück müssen, weil der Weg nicht weiter führt. Eindrucksvoll sind die Stellen, wo das Überleben in der Wildnis einen besonderen Erfindungsreichtum erzwingt, wie die ständige Suche nach Wasser, oder wenn die beiden mit einer Eisensäge den Schwimmer des Wasserflugzeuges zu einem Boot umbauen. Besondere Beachtung schenkt Bertram seinen Zahnschmeren, die er sich von Klausmann mit Hilfe einer Sicherheitsnadel weg operieren läßt. Die „einfache und sichere Behandlung“ empfiehlt er weiter. Schön ist auch auch das erste Fest mit den Eingeborenen,  wo diese ein erlegtes Känguruh zerlegen und zubereiten.

Bis zum Ende von Teil 1, der den Titel „Ein Kampf in dreiundfünfzig Tagen“ trägt, verschlingt der Leser das Buch mit seinen vielen Wendungen zwischen Hoffen und Verzwiflung, zwischen Angst und Durchhalten, und blättert immer weiter, bis die Rettung da ist. Zum Ende wird die zarte Freundschaft zwischen Bertram und den Eingeborenen erzählt, und so kommt der Leser von der Spannung wieder runter. Im zweiten Teil „Richtung Heimat“ holt Bertram im September 1932 sein gestrandetes Flugzeug ab und fliegt nach Hause, wo er im Sommer 1933 ankommt. Nachdem er in Wynsdale einen sensationslüsternen Reporter kennen gelernt hat, beschließt Bertram zunächst, über die Abenteuer zu schweigen. Später jedoch schreibt er seine Ereignisse dennoch nieder, weil er Werbung für die Anerkennung der Eingeborenen machen möchte.

Zurecht ein Klassiker.