Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.

 

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4-jähriges Blogjubiläum

Nun hat mir WordPress zum 4-jährigen Bestehen meines Blogs gratuliert. Ich hab mich gefreut. Ein großes Danke an alle, die diesen Blog gesucht, gefunden, gelesen, kommentiert, mit Likes versehen haben und ihm folgen.

Und hier kommen die originellsten Suchbegriffe, die zu diesem Blog führten:

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 der beste war mein Opa, auch Namensgeber dieses Blogs

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 Schön für die Passagiere, die hoffentlich auch überleben

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das ist nett von Pamela

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ich kenne keine, es dürften aber meist abgetakelte Rhein-Witze sein

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In der Ecke liegt ein SuB für mögliche neue Beiträge. Ich geh dann mal suchen…

 

 

 

Cartagena im 18 Jahrhundert – „Von der Liebe und anderen Dämonen“ von Gabriel Garcia Marquez

Gabriel Garcia Marquez erhielt im Jahr 1982 den Nobelpreis. Im Jahr 1994 veröffentlichte er den Roman „Del Amor y otros demonios“. Die deutsche Übersetzung von Dagmar Ploetz ist betitelt „Von der Liebe und anderen Dämonen“, Hardcover, Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten.

  • Ort und Zeit

Der Leser reist mit diesem Buch in die Stadt Cartagena im heutigen Kolumbien. Cartagena war eine der wichtigsten Städte im Vizekönigreich Neu-Granada. Die Handlung ist in der Zeit der spanischen Vizekönige angesiedelt und beginnt an einem Tag im Dezember. Das Jahr ist unklar, irgendwann im 18. Jahrhundert. Die wichtigste Rolle im Leben der Stadt spielte der Hafen.

  • Im Hafen

Sechs Monate lang ist er voller spanischer Schiffe. Dann füllt sich die Stadt mit Leben, sechs weitere Monate ist die Stadt verschlafen und erwartet die Rückkehr der Schiffe (S. 26). Doch der Hafen hat seine besten Tage hinter sich. Vor allen Dingen Havanna und die englischen Antillen sind eine Konkurrenz. Eingeführt werden Sklaven und Mehl, für beides gibt es Importkontingente, ausgeführt wird Zucker.

Sobald die Galeonenflotte im April „mit berstenden Segeln“ (S.77) in den Hafen einfährt, verwandelt sich die Stadt. Marionettenspieler, Feuerschlucker und Händler, Feuerwerke machen die Stadt zu einer farbenfrohen Kulisse.

In der Nähe des Hafens befindet sich das Sklavenviertel Getsemani. Hier beginnt der Roman mit einer dramatischen turbulenten Marktszene. Auf dem Markt werden Sklaven verkauft. Ein tollwütiger Hund rennt durch die Menge und beißt vier Personen, darunter Sierva Maria. Eigentlich ist es kein Biss, sondern eine kleine Kratzwunde am Knöchel. Aus dem Biss in Verbindung mit komplizierten Verhältnissen von Macht und Schwäche entsteht nun ein schwermütiges Drama.

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  • Weiteres Personal

Sierva Maria ist 12 Jahre alt und die einzige Tochter des Marques von Casalduero, eines Großgrundbesitzers mit Stadtwohnung in Cartagena. Der Marques fühlt sich in seiner zweiten Ehe am Ende seines Lebens und ergibt sich freudlos in sein Schicksal. Seine erste Frau starb durch einen Blitzschlag, der sie traf, während sie in einem Orangenhain musizierte. Mit ihr verlor der Marques auch seinen Glauben.

Nun ist er zweiter Ehe mit Bernarda verheiratet. Sierva Maria ist beider einziges Kind. Es wächst abseits der Stadt auf, in der Zuckermühle von Mahates. Der Ort liegt im Landesinnern unweit des Rio Grande de la Magdalena. Über diesen Fluss wird der gesamte Handel mit dem Landesinnern abgewickelt (S. 69).

Bernarda vergnügt sich allerorts außerehelich, berauscht sich mit gegorenem Honig, zypriotischem Cannabis und philippinischem Opium. Sierva Maria gerät bei ihr in Vergessenheit.  Das Kind jedoch weigert sich, zu verwahrlosen. Es spielt mit den Sklaven, lernt auf diese Weise deren Sprache Yoruba sowie einige deren Geister kennen. Mit den Sitten und Gebräuchen der Sklaven geht sie ebenfalls unbefangen um.

  • Handlung

Nach dem Hundebiss wird jede kleine Krankheit oder Schwäche des Kindes als Symptom von Tollwut interpretiert.  Ärzte, Quacksalber und Scharlatane geben Ratschläge zur Genesung oder verabreichen Rezepturen, die nichts bewirken.

In Cartagena gibt es natürlich auch einen Bischof, kein Mann von himmlischen Visionen, sondern einer, dessen Reich von dieser Welt war (S. 116). Er, der erst kurze Zeit im Amt ist, erfährt von der Unruhe um die Tochter des Marquis. Er empfiehlt, Sierva in das Kloster der Clarissinen einzuliefern.

Dessen Äbtissin sucht in jedem alltäglichen Phänomen das Geheimnisvolle. Aus Gründen, die in der Klostergeschichte liegen, ist sie feindselig gegenüber dem Bischof eingestellt und nicht gewillt, ihm einen Gefallen zu tun. Und so sieht sie alles Geheimnisvolle (also alles Alltägliche) als Beleg dafür an, dass Sierva besessen ist.

Einziger Vertrauter des Bischofs ist sein Bibliothekar und Vorleser, Cayetano Delaura. Er erzählt dem Bischof seinen Traum von einem eingesperrten Mädchen, dessen Erscheinung der Siervas entsprach. Der Bischof ist verblüfft und überträgt Delaura das weitere Schicksal des Mädchens. Zur Mitte des Buches tritt also Delaura in das Leben des Mädchens, indem er sie im Kloster aufsucht.

  • Sonnenfinsternis

Die klerikalen Herren sitzen auf der Veranda und blicken aufs Meer. Gleich wird der „Zauber einer falschen Nacht“ beginnen. Sie halten sich rußgeschwärzte Gläser vor ihre Augen. „Pelikane hingen mit ausgebreiteten Flügeln reglos in der Luft, wie im Flug gestorben“ (S.137). Es wird dunkel, alle Sterne leuchten gleichzeitig auf, Hühner kehren auf ihre Stangen zurück. Die Nonnen betrachten die Sonnenfinsternis kniend. Zwölf Minuten später ist „der Zauber der falschen Nacht“ vergangen. Delaura besucht Sierva Maria im Kloster, das aber erst mal von der Sonnenfinsternis genesen muss.

Neben Delaura gewinnt Sierva Maria zwei weitere Freunde: Ein Armenpater aus Getsemani an. Dieser wird leblos aufgefunden, Ursache unklar. Und Martina Labore. Sie sitzt seit Jahren im Klostergefängnis ohne Aussicht auf Begnadigung, weil sie zwei Nonnen ermordet hat.

Am Ende plant Sierva Maria mit Delaura ihre Flucht. Zwölf Meilen südlich der Zuckermühle Mahates liegt das Dorf San Basilio del Palenque, ein von entlaufenen Sklaven gegründeter Ort. Delaura wird jedoch verhaftet, des Missbrauchs von Sierva Maria angeklagt und verurteilt. Wenige Tage später ist Martina aus dem Gefängnis geflohen. Sierva Maria wird beschuldigt, ihr zur Flucht verholfen zu haben. Zur Strafe wird sie nun einem Ritual des Exorzismus unterworfen. Danach weigert sie sich tagelang zu essen und stirbt.

  • Bemerkungen

Ich tat mir mit dem Buch schwer.

Im Prolog beschreibt Marquez, wie bei Ausgrabungen im Jahr 1945 der Leichnam eines Mädchens mit wallendem Haar gefunden wird. Dieser Fund inspirierte den Autor zu dem Roman. So ist schon zu Beginn für den Leser klar, dass die Geschichte ein unglückliches Ende nimmt. Dies ist eine Konstellation, die mich nicht immer zum Lesen motiviert.

Diese Geschichte ist voller Dramatik, zuerst wird jemand für krank erklärt, dann für besessen, und schließlich wie eine Kriminelle behandelt, eine klassische Intrigengeschichte um Macht und Wahrheit also. Warum gerade ein 12jähriges Mädchen derart zwischen Macht und Lügen zerrieben wird, überzeugt mich erzählerisch nicht. Andererseits ist das Buch wegen der dichten und oft klaustrophobischen Atmosphäre, die es beschreibt, durchaus lesenswert. Der Leser braucht allerdings die passende Stimmung dazu.

 

 

Segeln lernen auf Hiddensee: F.C. Delius „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“

Der Autor F.C. Delius schrieb die Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ im Jahr 1995 frei nach einer wahren Begebenheit. rororo-TB 155 Seiten.

In einem Satz

Ein Kellner unternimmt zu DDR-Zeiten eine Reise von Hiddensee nach Syrakus und zurück.

Hiddensee

Die Insel Hiddensee liegt wenige Kilometer westlich der Insel Rügen, von ihr getrennt durch den Vitter Bodden und den Schaproder Bodden. Die Insel erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung auf knapp 17 Kilometern Länge. Ein Jachthafen befindet sich in Neuendorf im Osten der Insel, also Rügen zugewandt. Wer von hier aus auf die offene Ostsee segeln möchte, hat zwei Wege zur Wahl.

Die „Nordroute“ führt zwischen den Sandhaken Bug (Rügen) und Bessin (Hiddensee) hindurch. Um sie mit einem Segelboot zu fahren, sind sehr komplizierte Windverhältnisse notwendig. Günstiger ist die „Südroute“. Um die geht es hier.

Der Held

Die Hauptfigur heißt Paul Gompitz. Er ist Kellner an der Ostsee. Zunächst auf Schiffen, die zwischen Rostock, Rügen und Dänemark verkehren, später auf küstennahen Ausflugsschiffen oder in Lokalitäten an Land. Er verdient während der Sommermonate so gut, dass er in den Wintermonaten nicht arbeiten braucht. Außerdem hat er sich 4000 Westmark angespart.

Viele seiner Kollegen an Bord der Ausflugsschiffe erzählen von ihren Reisen in andere Länder. Gompitz leidet ein wenig darunter, dass er nichts dergleichen zu erzählen hat. Er liest gerne das Buch „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume, und eines Tages im Jahre 1981 beschließt er, den Reisebericht Seumes nachzufahren. Seine touristischen Ausreiseanträge werden abgelehnt. Also plant er seine Flucht mit dem Segelboot. Er macht auf Rügen den Segelschein, kauft eine Jolle und findet einen Liegeplatz in Neuendorf. Er bildet sich ständig weiter, sowohl was Segeltechnik betrifft als auch was Reiseziele betrifft. Und schließlich wartet er auf eine Gelegenheit, los zu segeln. Er weiß, dass diese Gelegenheiten selten sind. Während der Sommersaison würde er im Hafen zu sehr auffallen, wenn er sein Boot fertig macht. Im Winter ebenso. Und der Wind muss stimmen. Die perfekte Gelegenheit kommt am 8. Juni 1988.

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Die Südroute

Paul sitzt in Rostock beim Frühstück. Er hört wie jeden Tag den Seewetterbericht. Was er hört, elektrisiert ihn: Wind von Nordost, das ist gut. Der Wind füllt den Bodden mit Wasser. Besser noch: Der Wind kommt nicht von einem skandinavischen Hoch, sondern einem ostwärts drehenden Tief. Das bedeutet richtiges Mistwetter, eine diesige Nacht. Und dieses Wetter bleibt für 24 Stunden stabil. Er fährt von Rostock über Stralsund nach Neuendorf, wo er gegen 20 Uhr ankommt. Ein Angler am Hafen verunsichert ihn. So kann er erst gegen Mitternacht losfahren.

Die Route führt zunächst von Neuendorf nach Süden. Der Wind ist abgeflaut und hat auf Nord gedreht. Das Wasser ist flach, Gompitz kann die Schwerter seiner Jolle nicht ausfahren. Um nicht entdeckt zu werden, muss er dicht ans Land heran, er stakt mit dem Paddel. Bei der Orientierung hilft das Leuchtfeuer des Dornbusch ganz im Norden der Insel. Er passiert die Insel Gänsewerder. Nach Süden hin ist die Orientierung schwieriger. Die Bojen, welche die Stralsunder Ausfahrt markieren, werden nur beleuchtet, wenn ein Schiff erwartet wird. Irgendwann kommt die erleuchtete Stralsunder Werft in Sicht und dient als Fixpunkt im Süden.

Er ist aus dem Flachgewässern raus, nach 100 Minuten Fahrt erreicht er den Gellen, die Südspitze von Hiddensee. Nun beginnen die schwierigen Wendemanöver zunächst nach Westen und dann nach Norden. Plötzlich sind beide Orientierungspunkte weg. Der Parower Haken verdeckt Stralsund, die Dünen auf dem Gellen verdecken die Sicht auf den Dornbusch im Norden. Nun muss Gompitz aufpassen, dass er nicht auf die Insel Bock prallt. Er dreht nach Norden, die Schwerter rucken hoch, er ist auf der Sandbank, die der Insel Bock vorgelagert ist.

Dann ist er auf der offenen See, fährt der ost-westlich verlaufenden Küste entlang, hat Glück, dass vor Zingst und Darßer Ort kein Küstenboot patrouilliert, und ist auf dem Weg nach Dänemark.

Der Rest der Geschichte

In Dänemark wird Gompitz verhört, der BRD überstellt. Nach kurzen Verhören wird er freigelassen. Er arbeitet an mehreren Orten als Kellner. Schließlich fährt er über Wien weiter nach Italien. Hier saugt er das Leben ebenso in sich auf wie die historischen Stätten. Die Italiener, denen er seine Geschichte erzählt, sind überwältigt davon, was ein Mann auf sich nimmt, um ihr Land zu sehen.

Stets geplagt von seiner Sehnsucht nach Rostock und seiner Frau Helga reist er im Herbst wieder zurück. Er erntet Unverständnis mit seinem Wunsch, in die DDR zurück zu reisen. An der Grenze wird er von zwei „Knochenbrechertypen“ verhaftet, von der Stasi verhört, ins Gefängnis gesteckt, von Zellengenossen ebenfalls verhört, und eines Tages erfährt er, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Bemerkungen

Als erstes gefiel mir die Perspektive: Paul Gompitz ist der Held, der einzige Handelnde. Der Autor bleibt streng an ihm „kleben“. Und gleichzeitig bleibt Gompitz an seiner Geschichte kleben, die er stur, zielstrebig, verträumt, schlagfertig, geheimnisvoll weiter verfolgt. Nur aufgeben kam für ihn nie in Frage, ebenso wenig wie eingeschüchtert zu werden. So ergibt sich eine kompakte und schöne Geschichte. Ein wenig ist es auch eine Liebesgeschichte, denn die Rückkehr hat auch viel mit Gompitz‘ Frau Helga zu tun.

Lesenswert.

1814: Eine Gruppenreise in Südfrankreich zu Schiff und zu Fuß

Heute geht es um eine illustre Reisegruppe, die sich auf den Weg von Port-Ferrajo nach Lyon begibt. Der Reiseleiter ist in der Organisation solcher Events nicht ganz unerfahren. Dennoch bleibt in den Gesichtern der Reiseteilnehmer eine gewisse Skepsis, auch weil der Reiseleiter weiß, dass es für diese Reise „kein historisches Beispiel“ (S. 85) gibt.

  • Teil 1 der Reise: Auf See

Der erste Teil der Reise geht übers Mittelmeer und beginnt in Port-Ferrajo. Ungefähr 1000 Personen besteigen eine Brigg sowie sechs kleinere Schiffe. Außerdem sind noch 3 oder 4 Pferde an Bord. Es ist eine klare Nacht mit Mondlicht und Windstille. Wir haben den 26.02.1814. Nach Mitternacht kommt Wind auf, das Schiff bekommt Fahrt. Am Morgen wird Capraia sichtbar, eine kleine Insel nördlich von Elba. Sie liegt gewissermaßen an der Rennstrecke aller Schiffe die den italienischen Hafen Livorno anlaufen.

Ein französisches Schiff kreuzt, man hält ein Schwätzchen von Reling zu Reling und fährt weiter Richtung Genua. Dort wird ein wenig geballert. Engländer zeigen dem König von Sardinien neuartige Artilleriegeschosse.  Die Vorführung wird anlässlich der Vorbeifahrt der Reisegesellschaft kurz unterbrochen, um niemanden zu verletzen. In der darauf folgenden Nacht sind alle guter Stimmung, „lustig gehen Lichtsignale von Schiff zu Schiff“ (S. 93), und am nächsten Morgen kommt Kap Antibes in Sicht. Eine kleine Gruppe von zwanzig Teilnehmern erforscht die Gegend. Sie gehen Richtung Cannes, wo sie beim Küstenschutz Bescheid sagen wollen, dass sie eingetroffen seien. Zwar kommen sie unangemeldet und wollen keinen Ärger, werden aber trotzdem erstmal gefangen genommen.

Der Reiseleiter sitz derweil am Strand und spricht mit einigen armen Bauern aus dem Weiler Valauris. Die kamen einfach mal schauen, wer sich am Strand so rumtreibt. In der Umgebung wird noch ein Fährmann aufgetrieben und zum Reiseleiter gebracht. Der Reiseleiter fragt den Fährmann nach der Stimmung in Frankreich. Sinngemäß antwortet er, ja, man kenne den Reiseleiter, möge ihn irgendwie auch. Aber alles in allem sei man von dessen früheren Veranstaltungen noch etwas ermüdet. Und diese Ermüdung könne noch ein wenig anhalten. Folglich überkommt auch den Reiseleiter eine „tiefe Müdigkeit, die er nur schwer abschütteln kann.“ (S. 103)

  • Das Buch

Der Leser hat es mit Sicherheit schon bemerkt. Es geht um die „Herrschaft der Hundert Tage“, hier dargestellt anhand eines Buches von Friedrich Sieburg. Das Buch ist nach dem Reiseleiter betitelt und heißt „Napoleon“. In der Buchklub-Ausgabe (Jahr unbekannt) breitet Sieburg die Geschichte auf 433 Seiten aus. Die Reise von Elba nach Lyon macht etwa ein Drittel des Buches aus, von S. 71 – 208.

  • Teil 2 der Reise: zu Fuß durch Provence und Dauphiné

In Cannes herrscht nächtliches Treiben. Man kauft für viel Geld Lasttiere und Nahrungsmittel und reist weiter nach Grasse. Der dortige Bürgermeister meint, man habe an der Reisegruppe keinen Bedarf. Also zieht man weiter, nur einige Bewohner aus Grasse bringen den Reisenden „Früchte, Wein und vor allem Veilchen“ (S. 104).

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In der Zwischenzeit wird auch eine Nachricht an den Militärpräfekt von Marseille abgesetzt. Sie wird über mehrere Stationen befördert und in jeder Station ein wenig abgeschwächt, bis sie in Marseille noch einmal heruntergespielt wird. Von „Truppen aus Elba gelandet“ bis „ein paar Leute, denen es auf Elba zu langweilig wurde.“

Indes wird der Marsch schwierig. „In Grasse hört die Fahrstraße auf, ein steiler holpriger Pfad führt bis nach Digne“ (S.110). Der Inhalt des Packwagens wird auf Maultiere umgeladen, wer reitet, muss absteigen. Die Gruppe ist endlos auseinander gezogen. Es schneit in dicken Flocken.

Über das Bergdörfchen Seranon und Castellane erreichen sie Digne, dann weiter nach Sisteron. In den nächsten Ortschaften zeigen die Bewohner freundlichere Gesichter, man ist in der Dauphiné. In Gap wird man mit Laternen und Trommelwirbel begrüßt. Am folgenden Morgen werden ein paar Leute nach La Mure geschickt, um die Lage zu erkunden. Im nahen Grenoble steht ein Regiment, das die Reisenden feindselig empfangen möchte. Die Bevölkerung von Grenoble ist jedoch auch feindselig gegenüber dem Regiment. Der Reiseleiter lässt Flyer – „Flugblätter und Aufrufe“ (S. 114) verteilen. Dann läßt er sich „einen Eimer Wein kommen“ (S.115), eine bei Reisegruppen seit jeher beliebte Darreichungsform von Getränken.

  • Teil 3 der Reise: Erste Souvenirs

Kurz vor Laffraye verengt sich die Straße, die Lage wird brisant. Und die Nachrichten über diese Brisanz sind nun auch in Paris angekommen. Der Präfekt in Marseille sieht ein, dass er mit seiner optimistischen Beurteilung der Reisegruppe „vergriffen hat“. In Paris werden eifrige Aktivitäten gestartet, im Parlament, seinen Ausschüssen und in der Gesellschaft. Derweil gewinnt Napoleon die Schlacht um Grenoble alleine mit seiner Rhetorik und ohne einen Schuss abzufeuern.

Die Stellmacher (also die Kutschenbauer) und Zimmerleute Grenobles stehen der Gruppe bei. Sie bringen das Stadttor mit einem Rammbock zum Einsturz. Anschließend überreichen sie Teile des Stadttores.

Auf dem weiteren Weg nach Lyon und dortselbst wird dann schon viel verhandelt, verwaltet, organisiert und Dekrete verfasst. Davon, und von den folgenden Ereignissen handelt der Rest des Buches.

  • Bemerkungen

Was das Buch selbst betrifft, bin ich etwas ratlos. Bis zum Einmarsch in Paris ist es interessant aufgebaut.

Der Reisebericht wird immer wieder unterbrochen. Sieburg lässt Napoleon sich erinnern, an bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit und an bestimmte Personen. Ganz besonders arbeitet man sich an Michel Ney ab. In diesen rückblendenden Schilderungen wird so die Geschichte entfaltet, die zum Aufenthalt auf Elba führte. Auf diese Weise wird auch ein Teil des Weltbildes Napoleons enthüllt, nicht immer zum Vorteil des Beschriebenen. Es bleibt jedoch unklar, welche Ansichten belegt / belegbar sind.

Es liest sich teils wie ein historischer Roman, teils ist es eine essayistische Zusammenfassung der Ereignisse. Nach Lyon springt der Autor ziemlich unmotiviert nach Wien und Paris und wieder zurück. Die Ereignisse danach bis Waterloo sind wieder recht geradlinig erzählt.

Beachtenswert ist besonders das 23-seitige Nachwort, das den Versuch darstellt, die Napoleon-Literatur zusammen zu fassen.

  • Nachklang

Der Weg, den Napoleon nahm, ist heute  als „Route Napoleon“ touristisch erschlossen, mit eigener Website.

 

 

 

Ein enttäuschender Esoterik-Trip: „Mondfels“ von Anne Sievers

  • Das Buch

Der Roman „Mondfels“ erschien 1994. Die Autorin Anne Sievers heißt eigentlich Eva Völler; Anne Sievers ist eines ihrer vielen Pseudonyme. Ich habe das TB 324 Seiten. Auf das Buch wurde ich durch den Rückseitentext aufmerksam. Es dreht sich um eine Geschichte, die zwischen München und New York wechselt. Das klang spannend, und so war am Ende meine Enttäuschung über das Buch umso größer.

  • In einem Satz

Eine junge Frau mit übersinnlichen Anwandlungen klärt den Mord an ihrem Bruder auf.

  • Die Personen

Verschwunden: Paddy Donner (heißt eigentlich Patrick). Er ist Journalist und kommt von einem Aufenthalt in New York nicht zurück.

Noch da: Paddys Schwester Penny, die eigentlich Penelope heißt. Penny verdient ihr Geld als Model. Sie hat knallrote Haare und ist als Model für Zähne weltweit gefragt. Außerdem hat sie keine Wohnung in München, sondern wohnt bei ihrem Bruder.

Wieder da: Paddys bester Freund Ben Röder. Ben ist groß und dick und verlor bei einem Autounfall Frau, Mutter und Kind. Seither kann er seinen Beruf als Polizist nicht mehr ausüben und gründete eine Detektei, die aber noch auf der Suche nach dem ersten Kunden ist.

  • Der Beginn

Penny kam von einem Shooting in Kalifornien zurück in Paddys Wohnung und stellte fest, dass ihr Bruder verschwunden ist. Ben kam auch in Paddys Wohnung, zufällig zur gleichen Zeit, weil er auch über Paddy besorgt ist. Penny und Ben beraten, wie sie Paddys Verschwinden aufklären können. Dazu fahren sie zu Bens Vater, wo sie erstmal ihre Geschichten der letzten Jahre austauschen. Penny wußte das mit Bens Unfall nicht (obwohl ihr Bruder Bens bester Freund ist). Zum Gespräch gibt es Steaks, Bier und später übernachtet Penny im Gästezimmer.

Bevor sich der Leser der Langeweile ergibt, schläft Penny ein und hat eine Art Wachtraum von einem Ritual. Ben hört sie schreien, weckt und schüttelt sie. Ben und der Leser ahnen, dass da irgendwas Zwielichtiges dräut.

  • Was tun?

Erste Frage von Penny und Ben: Woran arbeitete Paddy zuletzt? Die Spur führt in eine Bibliothek, wo die Angestellte Annette Ben flirtfreudig Auskunft gibt. Die ausgeliehenen Bücher lassen auf eine Recherche über Schwarze Messen schließen. Von Annette erfahren sie auch von einem Esoterik-Laden vor den Toren Münchens. Und Annette trägt im Schlaumeiermodus noch ein bisschen was über Schwarze Messen vor. Sie fahren dorthin und erfahren einiges über die Wicca. (referatsmäßig vorgetragen von der Besitzerin des Esoterik-Ladens). Und Penny kauft den „Hexenhammer“.

Zwischendurch hat Penny immer mal wieder so eine Art Wachtraum.

Später findet die Haushälterin von Bens Vater Penny weinend auf dem Boden liegen. Eine Passage aus dem „Hexenhammer“ fand sie derart grausam, dass sie zusammen brach. Außerdem träumt sie mal wieder, diesmal dass ihr Bruder tot sei.

Im Esoterik-Laden werden die beiden zu einer nächtlichen Veranstaltung eingeladen, dem Alraunen-Ziehen. Kostet 300 Mark pro Person. Dabei zottelt ein schwarzer Hund eine Wurzel aus dem Erdreich (die für solche Veranstaltungen vorher dort vergraben wird). Außerdem fällt Penny und Ben ein, dass Paddy in der Nacht zum 1. Mai verschwand, der Hexennacht also (wenn man jemanden vermisst, dann fragt man sich sowas früher, denkt der Leser hier).

Inzwischen darf Annette, die Bibliotheksangestellte im Schlaumeiermodus, nochmal ran: Wenn das Verschwinden etwas mit der Esoterik-Sekte zu tun habe, dann fand ein eventuelles Verbrechen auf keinen Fall in einer der bekannten Locations (die heißen in diesem Milieu „Kraftorte“) statt. Das wäre zu offensichtlich. Anette zählt also die Orte auf, an die auf keinen Fall einen Bezug zur Handlung haben. Diese Locations findet der Leser hier:

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  • Übersinnliches

Die Teilnehmer fahren im Konvoi zu der Stelle, wo das Alraunenziehen statt findet. Der erforderliche schwarze Hund ist in Gestalt eines blinden Pudels dabei. Vom Parkplatz aus verdrücken sich Ben und Penny ins Gebüsch und haben Sex. Als sie zum Wagen zurück kehren, steht nur noch das Auto der Esoladenbesitzerin da. Penny und Ben machen sich schließlich auf die Suche nach der Frau. Sie finden sie inmitten einer Art Schwarzer Messe. Heißt: zwei nackte Albinos tanzen im Wald rum und machen komische Geräusche.

Penny und Ben werden entdeckt und fliehen. Der schwarze Hund (also der blinde Pudel) holt die beiden ein und verbeißt sich in Bens Wade. Dann suchen sie noch eine zeitlang den Autoschlüssel. Schlußendlich aber  gelingt die Flucht. Die Autorin erwähnt ausdrücklich, dass die beiden ihre Flucht mit 60 Metern Vorsprung beginnen. Mit Wadenbeißerpudel und kurzzeitig verlegtem Autoschlüssel bei 60 Metern Vorsprung ist diese Flucht wohl die einzige echte übernatürliche Angelegenheit im ganzen Buch.

Rückfahrt. Nächster Morgen. Ben muss sich um einen Klienten kümmern (Ja, tatsächlich will jemand Tipps zur Sicherung seines Anwesens haben, bezahlt, und hat sonst mit der Geschichte nichts zu tun)

Nun wird Annette ermordet, später auch Paddys Freundin Uschi. Sie konnte kurz zuvor Ben noch erzählen, dass Paddy eine Reise nach Cornwall buchte. Und dort wohl auch hinfuhr.

Derweil sitzt Penny bei Bens Vater und spielt mit ihm und seiner Haushälterin Memory. Der Mörder von Annette und Uschi taucht auch hier auf. Penny handelt mit ihm aus, dass sie mit kommt, sofern den beiden anderen nichts getan wird. Bens Vater und die Haushälterin werden von Ben auch gleich darauf entdeckt. Nur Penny ist verschwunden.

In der Zwischenzeit ist das Buch richtig spannend geworden. Am Schluss werden alle gerettet und die Sektenmitglieder wegen diverser Morde festgenommen.

  • Bemerkungen

positiv: Das Buch mutiert auf den letzten 50 Seiten zu einem spannenden Thriller.

negativ: Die Autorin lässt kein Klischee aus, und sie ist beim Aufbau der Geschichte sehr unaufmerksam. Einige Zusammenhänge sind erklärungsbedürfitg, werden jedoch nicht schlüssig erklärt. (Penny erfährt erst jetzt vom Schicksal des besten Freundes ihres Bruders, Penny fällt erst nach Tagen ein, wann sie das letzte Lebenszeichen von ihrem Bruder bekam; Penny sieht ihrem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich und fällt im Eso-Laden und der Bibliothek sofort als Paddys Schwester auf, was erst am Ende thematisiert wird). All das sind Dinge, die den Handlungsablauf nicht glaubwürdig machen.

Und die Handlung spielt entgegen meiner Erwartung ausschließlich in München, alle anderen handlungsrelevanten Orte werden dem Leser ausschließlich in Berichten erläutert.

Enttäuschend.

Eine ungewöhnlicher Road Trip 2015: „Deutschland, Deine Götter“ von Gideon Böss

  • Das Buch

Das Buch „Deutschland, Deine Götter“ des Schriftstellers und Journalisten Gideon Böss hat mich zuerst wegen des Covers fasziniert: Eine Deutschlandkarte in sympathischen Farben mit einigen Bildchen darauf. Der Untertitel „Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“ deutet auf zwei spannende Themen hin: Reisen und „Glaubensgebäude“. Tropen Sachbuch, 2015, Hardcover.

Auf 398 eng bedruckten Seiten reist der Autor in 26 Kapiteln zu den Kirchen, Tempeln und Hexenhäusern der Republik. Jedes Kapitel steht für eine andere Kirche, Religion oder Glaubensrichtung. Alle Kapitel sind ungefähr gleich lang, und so stehen alle Glaubensrichtungen gleichwertig nebeneinander. Böss beschreibt jede Begegnung in zwei Schwerpunkten: In einem essayistischen Teil erzählt Böss von den Reisen zu denMenschen (oft Führungskräften) und den Gebäuden. Außerdem erklärt Böss die Besonderheiten und Geschichte jeder der Religionen. Das Thema klingt nach einem schwerfälligen Buch, doch wer nun einen schweren Text erwartet, wird angenehm überrascht.

  • Eine Reise…

Böss, Deutschlandreise

StepMap Böss, Deutschlandreise

Gideon Böss beschreibt seine Reisen ausführlich. Er reist in erster Linie mit dem Zug. Er beschäftigt sich mit Kopfbahnhöfen (Stuttgart und Frankfurt am Main), die den Charme haben, dass sie hektisches Gedrängel garantieren, auch dann, wenn kaum etwas los ist (S. 334). Er erlebt das Konzept Klimaanlage, das Bahnfahrer bei 31 Grad zum Frieren bringt (S. 155). Er lernt das schöne Wort „Bedarfsbahnhof“, fährt durch Orte in Brandenburg, die nach Isolation und Verlorenheit klingen. Oder nach Bad Camberg, eine Kleinstadt, die inmitten von Kleinstdörfern wie eine Metropole wirkt (S. 61). Er fährt auf dem Weg nach Bad Pyrmont durch Niedersachsen, das so aussieht, „als ob Gott nichts mehr eingefallen wäre“ (S. 126).

Schließlich geht es in die westfälische Provinz nach Hamm, wo ICE geteilt werden und die Busse nach 5 Minuten die beschauliche Innenstadt verlassen. 40 Minuten später gibt es die Haltestelle „Hindutempel“. In Butzbach kommt der Autor nicht umhin, sich mit der Bahnhofspolitik der Bahn zu befassen. Das Bahnhofsgebäude jedenfalls ist verlassen (vielleicht verflucht oder es leben wilde Tiere darin). Produkt (Bahnfahrt) und Marketing (Info-Point) befinden sich an unterschiedlichen Orten innerhalb der Stadt. In Lorsbach schließlich verpasst Böss den letzten Bus des Tages (um 15 Uhr), und die beworbene Nummer des Ruftaxis bietet nur „keinen Anschluss“.

Auf dem Weg in das Städtchen Weißenburg in Brandenburg laden Alleen zum Fahren auf dem Mittelstreifen ein, weil kein Verkehr herrscht. Dafür gibt es wieder Wölfe. Natürliche Feinde haben sie nicht, die wenigen Menschen sind alt und sitzen an Bushaltestellen. Ähnliches – bis auf die Wölfe – gilt für Wurzbach.

Doch das Buch ist kein „Road-Movie“. So etwa in der Mitte des Buches landet Böss in Wittenberg, einem verschlafenen Nest mit ICE-Anschluss (S. 240). Zwar kommt die Reise  dorthin bei dem Thema des Buches nicht unerwartet, doch die Überraschung folgt augenzwinkernd auf dem Fuß: Böss trifft sich dort mit dem katholischen Pfarrer. Und so kommen wir zum eigentlichen Thema des Buches:

  • … zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Die Katholische Kirche ist sozusagen der Platzhirsch. Sie hat die meisten Mitglieder und ist verantwortlich für einige der imposantesten Sehenswürdigkeiten des Landes. Und sie bekommt auch nicht mehr Text eingeräumt als die anderen. Natürlich kommt das Thema auf die Managementfehler des Unternehmens Kirche im 16. Jahrhundert. Geographisch führt dieser Weg nach Worms. Heute ziemlich bedeutungslos, war es zur Zeit Luthers einmal geschichtsträchtig. Ein paar Separatisten gründeten was eigenes und kamen damit durch. Die Unterschiede zwischen den beiden Kirchen erklärt Böss in wenigen pointierten Sätzen, die Unterschiede im Verständnis des Abendmahls zum Beispiel anhand einer Handvoll Konfetti.

Überhaupt: Die großen Kirchen haben im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Kontinuität im Abspalten entwickelt.

Auf katholischer Seite gibt es noch die Piusbrüder, eine Abspaltung aufgrund des 2. Vatikanischen Konziles und die „Johannische Kirche“. Die Baptisten und die Quäker sind Abspaltungen der Anglikanischen Kirche (oder zumindest Produkte eines gewissen Machtvauums im 17. Jahrhundert). Baptisten sind heute nach der Katholischen Kirche die größte Kirche in den USA, Quäker brachten es 1947 immerhin zum Friedensnobelpreis.

Dann gibt es ein paar Gruppen, die einen christlichen Kontext nicht verleugnen, zum Beispiel die „Mandäer“ mit ihrer „Hauptstadt“ Nürnberg (taufen im Jordan, erklären aber jeden andern Fluss zum Jordan, was das Reisen billiger und einfacher macht). Oder die Mormonen (Jesu Versuch, es mit einem zweiten Anlauf in Amerika zu versuchen und besser zu machen), die Heilsarmee und die Zeugen Jehovas (viele terminlich zu konkrete Prophezeiungen, aber eine beeindruckende Druckerei im Taunus).

Die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten werden erklärt, wobei erstere sich von den Sunniten abgespalten haben. Und auch in dieser Provenienz gibt es weitere Gruppen: Lahore-Ahmadiyya, eine Abspaltung der Ahmadiyya. Die von Abdul Baha gegründeten Bahai besucht Böss in ihrem Europazentrum in Hessen und die Aleviten in Frankfurt.

Dann gibt es verschiedene spirituelle Konstrukte ohne persönlichen Gott. Die „Kirche des Fliegenden Spahettimonster“ (hat 150 Mitglieder – oder 100.000, wenn man die Facebook-Likes mitzählt), die „Raelisten“ (verstehen die Weltgeschichte als Interaktion zwischen Aliens und dem Leben auf der Erde) und den Hexenkult „Wicca“, der je nach Blickwinkel seit 1950 oder seit 40.000 Jahren existiert.

In Butzbach treffen wir einen Angehörigen des „Heidentums“, worunter die germanisch-keltischen Naturreligionen zu verstehen sind. Es geht also um Barden, Ovaten und Druiden. Und schließlich die „Osho“, die Überbleibsel der „Baghwan-Religion“ sind.

In Hamm besucht der Autor schließlich den größten Hindu-Tempel Deutschlands, und tatsächlich gelingt es, ein wenig Ordnung in die vielfältige Götterwelt zu bringen.

  • Bemerkungen

Das Buch lohnt sich alleine schon als geschriebenes Road-Movie. Es gibt jedenfalls eine Menge einsamer Gegenden in Deutschland. Doch noch wichtiger scheint mir etwas anderes:

Böss macht schwierige Themen greifbar, und er erzählt unterhaltsam. Er beobachtet jede Gruppe, hört zu, stellt Fragen, läßt die Antworten der Gläubigen stehen. Jede Gruppe steht so gleichberechtigt neben jeder anderen, was auch für die Seitenzahl gilt, die Böss jeder Gruppe widmet.

Er hat bei aller Distanz Sympathie mit den Menschen. Die Lektüre hat mich oft zum Lachen gebracht. Böss schreibt humorvoll, aber ohne billige Gags, die sich bei dem Thema manchmal anbieten würden. Böss akzeptiert Ansichten. Und er vermeidet es, Stellung zu beziehen, um die eine oder andere Gruppe glaubwürdiger darzustellen als die anderen. Er will den Leser nicht in eine bestimmte Richtung lenken.

Das alles ist bei diesem Thema nicht einfach. Gideon Böss gelingt es. So stelle ich mir gute journalistische Arbeit vor. Lesenswert.