Segeln lernen auf Hiddensee: F.C. Delius „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“

Der Autor F.C. Delius schrieb die Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ im Jahr 1995 frei nach einer wahren Begebenheit. rororo-TB 155 Seiten.

In einem Satz

Ein Kellner unternimmt zu DDR-Zeiten eine Reise von Hiddensee nach Syrakus und zurück.

Hiddensee

Die Insel Hiddensee liegt wenige Kilometer westlich der Insel Rügen, von ihr getrennt durch den Vitter Bodden und den Schaproder Bodden. Die Insel erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung auf knapp 17 Kilometern Länge. Ein Jachthafen befindet sich in Neuendorf im Osten der Insel, also Rügen zugewandt. Wer von hier aus auf die offene Ostsee segeln möchte, hat zwei Wege zur Wahl.

Die „Nordroute“ führt zwischen den Sandhaken Bug (Rügen) und Bessin (Hiddensee) hindurch. Um sie mit einem Segelboot zu fahren, sind sehr komplizierte Windverhältnisse notwendig. Günstiger ist die „Südroute“. Um die geht es hier.

Der Held

Die Hauptfigur heißt Paul Gompitz. Er ist Kellner an der Ostsee. Zunächst auf Schiffen, die zwischen Rostock, Rügen und Dänemark verkehren, später auf küstennahen Ausflugsschiffen oder in Lokalitäten an Land. Er verdient während der Sommermonate so gut, dass er in den Wintermonaten nicht arbeiten braucht. Außerdem hat er sich 4000 Westmark angespart.

Viele seiner Kollegen an Bord der Ausflugsschiffe erzählen von ihren Reisen in andere Länder. Gompitz leidet ein wenig darunter, dass er nichts dergleichen zu erzählen hat. Er liest gerne das Buch „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume, und eines Tages im Jahre 1981 beschließt er, den Reisebericht Seumes nachzufahren. Seine touristischen Ausreiseanträge werden abgelehnt. Also plant er seine Flucht mit dem Segelboot. Er macht auf Rügen den Segelschein, kauft eine Jolle und findet einen Liegeplatz in Neuendorf. Er bildet sich ständig weiter, sowohl was Segeltechnik betrifft als auch was Reiseziele betrifft. Und schließlich wartet er auf eine Gelegenheit, los zu segeln. Er weiß, dass diese Gelegenheiten selten sind. Während der Sommersaison würde er im Hafen zu sehr auffallen, wenn er sein Boot fertig macht. Im Winter ebenso. Und der Wind muss stimmen. Die perfekte Gelegenheit kommt am 8. Juni 1988.

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Die Südroute

Paul sitzt in Rostock beim Frühstück. Er hört wie jeden Tag den Seewetterbericht. Was er hört, elektrisiert ihn: Wind von Nordost, das ist gut. Der Wind füllt den Bodden mit Wasser. Besser noch: Der Wind kommt nicht von einem skandinavischen Hoch, sondern einem ostwärts drehenden Tief. Das bedeutet richtiges Mistwetter, eine diesige Nacht. Und dieses Wetter bleibt für 24 Stunden stabil. Er fährt von Rostock über Stralsund nach Neuendorf, wo er gegen 20 Uhr ankommt. Ein Angler am Hafen verunsichert ihn. So kann er erst gegen Mitternacht losfahren.

Die Route führt zunächst von Neuendorf nach Süden. Der Wind ist abgeflaut und hat auf Nord gedreht. Das Wasser ist flach, Gompitz kann die Schwerter seiner Jolle nicht ausfahren. Um nicht entdeckt zu werden, muss er dicht ans Land heran, er stakt mit dem Paddel. Bei der Orientierung hilft das Leuchtfeuer des Dornbusch ganz im Norden der Insel. Er passiert die Insel Gänsewerder. Nach Süden hin ist die Orientierung schwieriger. Die Bojen, welche die Stralsunder Ausfahrt markieren, werden nur beleuchtet, wenn ein Schiff erwartet wird. Irgendwann kommt die erleuchtete Stralsunder Werft in Sicht und dient als Fixpunkt im Süden.

Er ist aus dem Flachgewässern raus, nach 100 Minuten Fahrt erreicht er den Gellen, die Südspitze von Hiddensee. Nun beginnen die schwierigen Wendemanöver zunächst nach Westen und dann nach Norden. Plötzlich sind beide Orientierungspunkte weg. Der Parower Haken verdeckt Stralsund, die Dünen auf dem Gellen verdecken die Sicht auf den Dornbusch im Norden. Nun muss Gompitz aufpassen, dass er nicht auf die Insel Bock prallt. Er dreht nach Norden, die Schwerter rucken hoch, er ist auf der Sandbank, die der Insel Bock vorgelagert ist.

Dann ist er auf der offenen See, fährt der ost-westlich verlaufenden Küste entlang, hat Glück, dass vor Zingst und Darßer Ort kein Küstenboot patrouilliert, und ist auf dem Weg nach Dänemark.

Der Rest der Geschichte

In Dänemark wird Gompitz verhört, der BRD überstellt. Nach kurzen Verhören wird er freigelassen. Er arbeitet an mehreren Orten als Kellner. Schließlich fährt er über Wien weiter nach Italien. Hier saugt er das Leben ebenso in sich auf wie die historischen Stätten. Die Italiener, denen er seine Geschichte erzählt, sind überwältigt davon, was ein Mann auf sich nimmt, um ihr Land zu sehen.

Stets geplagt von seiner Sehnsucht nach Rostock und seiner Frau Helga reist er im Herbst wieder zurück. Er erntet Unverständnis mit seinem Wunsch, in die DDR zurück zu reisen. An der Grenze wird er von zwei „Knochenbrechertypen“ verhaftet, von der Stasi verhört, ins Gefängnis gesteckt, von Zellengenossen ebenfalls verhört, und eines Tages erfährt er, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Bemerkungen

Als erstes gefiel mir die Perspektive: Paul Gompitz ist der Held, der einzige Handelnde. Der Autor bleibt streng an ihm „kleben“. Und gleichzeitig bleibt Gompitz an seiner Geschichte kleben, die er stur, zielstrebig, verträumt, schlagfertig, geheimnisvoll weiter verfolgt. Nur aufgeben kam für ihn nie in Frage, ebenso wenig wie eingeschüchtert zu werden. So ergibt sich eine kompakte und schöne Geschichte. Ein wenig ist es auch eine Liebesgeschichte, denn die Rückkehr hat auch viel mit Gompitz‘ Frau Helga zu tun.

Lesenswert.

1814: Eine Gruppenreise in Südfrankreich zu Schiff und zu Fuß

Heute geht es um eine illustre Reisegruppe, die sich auf den Weg von Port-Ferrajo nach Lyon begibt. Der Reiseleiter ist in der Organisation solcher Events nicht ganz unerfahren. Dennoch bleibt in den Gesichtern der Reiseteilnehmer eine gewisse Skepsis, auch weil der Reiseleiter weiß, dass es für diese Reise „kein historisches Beispiel“ (S. 85) gibt.

  • Teil 1 der Reise: Auf See

Der erste Teil der Reise geht übers Mittelmeer und beginnt in Port-Ferrajo. Ungefähr 1000 Personen besteigen eine Brigg sowie sechs kleinere Schiffe. Außerdem sind noch 3 oder 4 Pferde an Bord. Es ist eine klare Nacht mit Mondlicht und Windstille. Wir haben den 26.02.1814. Nach Mitternacht kommt Wind auf, das Schiff bekommt Fahrt. Am Morgen wird Capraia sichtbar, eine kleine Insel nördlich von Elba. Sie liegt gewissermaßen an der Rennstrecke aller Schiffe die den italienischen Hafen Livorno anlaufen.

Ein französisches Schiff kreuzt, man hält ein Schwätzchen von Reling zu Reling und fährt weiter Richtung Genua. Dort wird ein wenig geballert. Engländer zeigen dem König von Sardinien neuartige Artilleriegeschosse.  Die Vorführung wird anlässlich der Vorbeifahrt der Reisegesellschaft kurz unterbrochen, um niemanden zu verletzen. In der darauf folgenden Nacht sind alle guter Stimmung, „lustig gehen Lichtsignale von Schiff zu Schiff“ (S. 93), und am nächsten Morgen kommt Kap Antibes in Sicht. Eine kleine Gruppe von zwanzig Teilnehmern erforscht die Gegend. Sie gehen Richtung Cannes, wo sie beim Küstenschutz Bescheid sagen wollen, dass sie eingetroffen seien. Zwar kommen sie unangemeldet und wollen keinen Ärger, werden aber trotzdem erstmal gefangen genommen.

Der Reiseleiter sitz derweil am Strand und spricht mit einigen armen Bauern aus dem Weiler Valauris. Die kamen einfach mal schauen, wer sich am Strand so rumtreibt. In der Umgebung wird noch ein Fährmann aufgetrieben und zum Reiseleiter gebracht. Der Reiseleiter fragt den Fährmann nach der Stimmung in Frankreich. Sinngemäß antwortet er, ja, man kenne den Reiseleiter, möge ihn irgendwie auch. Aber alles in allem sei man von dessen früheren Veranstaltungen noch etwas ermüdet. Und diese Ermüdung könne noch ein wenig anhalten. Folglich überkommt auch den Reiseleiter eine „tiefe Müdigkeit, die er nur schwer abschütteln kann.“ (S. 103)

  • Das Buch

Der Leser hat es mit Sicherheit schon bemerkt. Es geht um die „Herrschaft der Hundert Tage“, hier dargestellt anhand eines Buches von Friedrich Sieburg. Das Buch ist nach dem Reiseleiter betitelt und heißt „Napoleon“. In der Buchklub-Ausgabe (Jahr unbekannt) breitet Sieburg die Geschichte auf 433 Seiten aus. Die Reise von Elba nach Lyon macht etwa ein Drittel des Buches aus, von S. 71 – 208.

  • Teil 2 der Reise: zu Fuß durch Provence und Dauphiné

In Cannes herrscht nächtliches Treiben. Man kauft für viel Geld Lasttiere und Nahrungsmittel und reist weiter nach Grasse. Der dortige Bürgermeister meint, man habe an der Reisegruppe keinen Bedarf. Also zieht man weiter, nur einige Bewohner aus Grasse bringen den Reisenden „Früchte, Wein und vor allem Veilchen“ (S. 104).

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In der Zwischenzeit wird auch eine Nachricht an den Militärpräfekt von Marseille abgesetzt. Sie wird über mehrere Stationen befördert und in jeder Station ein wenig abgeschwächt, bis sie in Marseille noch einmal heruntergespielt wird. Von „Truppen aus Elba gelandet“ bis „ein paar Leute, denen es auf Elba zu langweilig wurde.“

Indes wird der Marsch schwierig. „In Grasse hört die Fahrstraße auf, ein steiler holpriger Pfad führt bis nach Digne“ (S.110). Der Inhalt des Packwagens wird auf Maultiere umgeladen, wer reitet, muss absteigen. Die Gruppe ist endlos auseinander gezogen. Es schneit in dicken Flocken.

Über das Bergdörfchen Seranon und Castellane erreichen sie Digne, dann weiter nach Sisteron. In den nächsten Ortschaften zeigen die Bewohner freundlichere Gesichter, man ist in der Dauphiné. In Gap wird man mit Laternen und Trommelwirbel begrüßt. Am folgenden Morgen werden ein paar Leute nach La Mure geschickt, um die Lage zu erkunden. Im nahen Grenoble steht ein Regiment, das die Reisenden feindselig empfangen möchte. Die Bevölkerung von Grenoble ist jedoch auch feindselig gegenüber dem Regiment. Der Reiseleiter lässt Flyer – „Flugblätter und Aufrufe“ (S. 114) verteilen. Dann läßt er sich „einen Eimer Wein kommen“ (S.115), eine bei Reisegruppen seit jeher beliebte Darreichungsform von Getränken.

  • Teil 3 der Reise: Erste Souvenirs

Kurz vor Laffraye verengt sich die Straße, die Lage wird brisant. Und die Nachrichten über diese Brisanz sind nun auch in Paris angekommen. Der Präfekt in Marseille sieht ein, dass er mit seiner optimistischen Beurteilung der Reisegruppe „vergriffen hat“. In Paris werden eifrige Aktivitäten gestartet, im Parlament, seinen Ausschüssen und in der Gesellschaft. Derweil gewinnt Napoleon die Schlacht um Grenoble alleine mit seiner Rhetorik und ohne einen Schuss abzufeuern.

Die Stellmacher (also die Kutschenbauer) und Zimmerleute Grenobles stehen der Gruppe bei. Sie bringen das Stadttor mit einem Rammbock zum Einsturz. Anschließend überreichen sie Teile des Stadttores.

Auf dem weiteren Weg nach Lyon und dortselbst wird dann schon viel verhandelt, verwaltet, organisiert und Dekrete verfasst. Davon, und von den folgenden Ereignissen handelt der Rest des Buches.

  • Bemerkungen

Was das Buch selbst betrifft, bin ich etwas ratlos. Bis zum Einmarsch in Paris ist es interessant aufgebaut.

Der Reisebericht wird immer wieder unterbrochen. Sieburg lässt Napoleon sich erinnern, an bestimmte Ereignisse in der Vergangenheit und an bestimmte Personen. Ganz besonders arbeitet man sich an Michel Ney ab. In diesen rückblendenden Schilderungen wird so die Geschichte entfaltet, die zum Aufenthalt auf Elba führte. Auf diese Weise wird auch ein Teil des Weltbildes Napoleons enthüllt, nicht immer zum Vorteil des Beschriebenen. Es bleibt jedoch unklar, welche Ansichten belegt / belegbar sind.

Es liest sich teils wie ein historischer Roman, teils ist es eine essayistische Zusammenfassung der Ereignisse. Nach Lyon springt der Autor ziemlich unmotiviert nach Wien und Paris und wieder zurück. Die Ereignisse danach bis Waterloo sind wieder recht geradlinig erzählt.

Beachtenswert ist besonders das 23-seitige Nachwort, das den Versuch darstellt, die Napoleon-Literatur zusammen zu fassen.

  • Nachklang

Der Weg, den Napoleon nahm, ist heute  als „Route Napoleon“ touristisch erschlossen, mit eigener Website.

 

 

 

Ein enttäuschender Esoterik-Trip: „Mondfels“ von Anne Sievers

  • Das Buch

Der Roman „Mondfels“ erschien 1994. Die Autorin Anne Sievers heißt eigentlich Eva Völler; Anne Sievers ist eines ihrer vielen Pseudonyme. Ich habe das TB 324 Seiten. Auf das Buch wurde ich durch den Rückseitentext aufmerksam. Es dreht sich um eine Geschichte, die zwischen München und New York wechselt. Das klang spannend, und so war am Ende meine Enttäuschung über das Buch umso größer.

  • In einem Satz

Eine junge Frau mit übersinnlichen Anwandlungen klärt den Mord an ihrem Bruder auf.

  • Die Personen

Verschwunden: Paddy Donner (heißt eigentlich Patrick). Er ist Journalist und kommt von einem Aufenthalt in New York nicht zurück.

Noch da: Paddys Schwester Penny, die eigentlich Penelope heißt. Penny verdient ihr Geld als Model. Sie hat knallrote Haare und ist als Model für Zähne weltweit gefragt. Außerdem hat sie keine Wohnung in München, sondern wohnt bei ihrem Bruder.

Wieder da: Paddys bester Freund Ben Röder. Ben ist groß und dick und verlor bei einem Autounfall Frau, Mutter und Kind. Seither kann er seinen Beruf als Polizist nicht mehr ausüben und gründete eine Detektei, die aber noch auf der Suche nach dem ersten Kunden ist.

  • Der Beginn

Penny kam von einem Shooting in Kalifornien zurück in Paddys Wohnung und stellte fest, dass ihr Bruder verschwunden ist. Ben kam auch in Paddys Wohnung, zufällig zur gleichen Zeit, weil er auch über Paddy besorgt ist. Penny und Ben beraten, wie sie Paddys Verschwinden aufklären können. Dazu fahren sie zu Bens Vater, wo sie erstmal ihre Geschichten der letzten Jahre austauschen. Penny wußte das mit Bens Unfall nicht (obwohl ihr Bruder Bens bester Freund ist). Zum Gespräch gibt es Steaks, Bier und später übernachtet Penny im Gästezimmer.

Bevor sich der Leser der Langeweile ergibt, schläft Penny ein und hat eine Art Wachtraum von einem Ritual. Ben hört sie schreien, weckt und schüttelt sie. Ben und der Leser ahnen, dass da irgendwas Zwielichtiges dräut.

  • Was tun?

Erste Frage von Penny und Ben: Woran arbeitete Paddy zuletzt? Die Spur führt in eine Bibliothek, wo die Angestellte Annette Ben flirtfreudig Auskunft gibt. Die ausgeliehenen Bücher lassen auf eine Recherche über Schwarze Messen schließen. Von Annette erfahren sie auch von einem Esoterik-Laden vor den Toren Münchens. Und Annette trägt im Schlaumeiermodus noch ein bisschen was über Schwarze Messen vor. Sie fahren dorthin und erfahren einiges über die Wicca. (referatsmäßig vorgetragen von der Besitzerin des Esoterik-Ladens). Und Penny kauft den „Hexenhammer“.

Zwischendurch hat Penny immer mal wieder so eine Art Wachtraum.

Später findet die Haushälterin von Bens Vater Penny weinend auf dem Boden liegen. Eine Passage aus dem „Hexenhammer“ fand sie derart grausam, dass sie zusammen brach. Außerdem träumt sie mal wieder, diesmal dass ihr Bruder tot sei.

Im Esoterik-Laden werden die beiden zu einer nächtlichen Veranstaltung eingeladen, dem Alraunen-Ziehen. Kostet 300 Mark pro Person. Dabei zottelt ein schwarzer Hund eine Wurzel aus dem Erdreich (die für solche Veranstaltungen vorher dort vergraben wird). Außerdem fällt Penny und Ben ein, dass Paddy in der Nacht zum 1. Mai verschwand, der Hexennacht also (wenn man jemanden vermisst, dann fragt man sich sowas früher, denkt der Leser hier).

Inzwischen darf Annette, die Bibliotheksangestellte im Schlaumeiermodus, nochmal ran: Wenn das Verschwinden etwas mit der Esoterik-Sekte zu tun habe, dann fand ein eventuelles Verbrechen auf keinen Fall in einer der bekannten Locations (die heißen in diesem Milieu „Kraftorte“) statt. Das wäre zu offensichtlich. Anette zählt also die Orte auf, an die auf keinen Fall einen Bezug zur Handlung haben. Diese Locations findet der Leser hier:

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  • Übersinnliches

Die Teilnehmer fahren im Konvoi zu der Stelle, wo das Alraunenziehen statt findet. Der erforderliche schwarze Hund ist in Gestalt eines blinden Pudels dabei. Vom Parkplatz aus verdrücken sich Ben und Penny ins Gebüsch und haben Sex. Als sie zum Wagen zurück kehren, steht nur noch das Auto der Esoladenbesitzerin da. Penny und Ben machen sich schließlich auf die Suche nach der Frau. Sie finden sie inmitten einer Art Schwarzer Messe. Heißt: zwei nackte Albinos tanzen im Wald rum und machen komische Geräusche.

Penny und Ben werden entdeckt und fliehen. Der schwarze Hund (also der blinde Pudel) holt die beiden ein und verbeißt sich in Bens Wade. Dann suchen sie noch eine zeitlang den Autoschlüssel. Schlußendlich aber  gelingt die Flucht. Die Autorin erwähnt ausdrücklich, dass die beiden ihre Flucht mit 60 Metern Vorsprung beginnen. Mit Wadenbeißerpudel und kurzzeitig verlegtem Autoschlüssel bei 60 Metern Vorsprung ist diese Flucht wohl die einzige echte übernatürliche Angelegenheit im ganzen Buch.

Rückfahrt. Nächster Morgen. Ben muss sich um einen Klienten kümmern (Ja, tatsächlich will jemand Tipps zur Sicherung seines Anwesens haben, bezahlt, und hat sonst mit der Geschichte nichts zu tun)

Nun wird Annette ermordet, später auch Paddys Freundin Uschi. Sie konnte kurz zuvor Ben noch erzählen, dass Paddy eine Reise nach Cornwall buchte. Und dort wohl auch hinfuhr.

Derweil sitzt Penny bei Bens Vater und spielt mit ihm und seiner Haushälterin Memory. Der Mörder von Annette und Uschi taucht auch hier auf. Penny handelt mit ihm aus, dass sie mit kommt, sofern den beiden anderen nichts getan wird. Bens Vater und die Haushälterin werden von Ben auch gleich darauf entdeckt. Nur Penny ist verschwunden.

In der Zwischenzeit ist das Buch richtig spannend geworden. Am Schluss werden alle gerettet und die Sektenmitglieder wegen diverser Morde festgenommen.

  • Bemerkungen

positiv: Das Buch mutiert auf den letzten 50 Seiten zu einem spannenden Thriller.

negativ: Die Autorin lässt kein Klischee aus, und sie ist beim Aufbau der Geschichte sehr unaufmerksam. Einige Zusammenhänge sind erklärungsbedürfitg, werden jedoch nicht schlüssig erklärt. (Penny erfährt erst jetzt vom Schicksal des besten Freundes ihres Bruders, Penny fällt erst nach Tagen ein, wann sie das letzte Lebenszeichen von ihrem Bruder bekam; Penny sieht ihrem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich und fällt im Eso-Laden und der Bibliothek sofort als Paddys Schwester auf, was erst am Ende thematisiert wird). All das sind Dinge, die den Handlungsablauf nicht glaubwürdig machen.

Und die Handlung spielt entgegen meiner Erwartung ausschließlich in München, alle anderen handlungsrelevanten Orte werden dem Leser ausschließlich in Berichten erläutert.

Enttäuschend.

Eine ungewöhnlicher Road Trip 2015: „Deutschland, Deine Götter“ von Gideon Böss

  • Das Buch

Das Buch „Deutschland, Deine Götter“ des Schriftstellers und Journalisten Gideon Böss hat mich zuerst wegen des Covers fasziniert: Eine Deutschlandkarte in sympathischen Farben mit einigen Bildchen darauf. Der Untertitel „Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“ deutet auf zwei spannende Themen hin: Reisen und „Glaubensgebäude“. Tropen Sachbuch, 2015, Hardcover.

Auf 398 eng bedruckten Seiten reist der Autor in 26 Kapiteln zu den Kirchen, Tempeln und Hexenhäusern der Republik. Jedes Kapitel steht für eine andere Kirche, Religion oder Glaubensrichtung. Alle Kapitel sind ungefähr gleich lang, und so stehen alle Glaubensrichtungen gleichwertig nebeneinander. Böss beschreibt jede Begegnung in zwei Schwerpunkten: In einem essayistischen Teil erzählt Böss von den Reisen zu denMenschen (oft Führungskräften) und den Gebäuden. Außerdem erklärt Böss die Besonderheiten und Geschichte jeder der Religionen. Das Thema klingt nach einem schwerfälligen Buch, doch wer nun einen schweren Text erwartet, wird angenehm überrascht.

  • Eine Reise…

Böss, Deutschlandreise

StepMap Böss, Deutschlandreise

Gideon Böss beschreibt seine Reisen ausführlich. Er reist in erster Linie mit dem Zug. Er beschäftigt sich mit Kopfbahnhöfen (Stuttgart und Frankfurt am Main), die den Charme haben, dass sie hektisches Gedrängel garantieren, auch dann, wenn kaum etwas los ist (S. 334). Er erlebt das Konzept Klimaanlage, das Bahnfahrer bei 31 Grad zum Frieren bringt (S. 155). Er lernt das schöne Wort „Bedarfsbahnhof“, fährt durch Orte in Brandenburg, die nach Isolation und Verlorenheit klingen. Oder nach Bad Camberg, eine Kleinstadt, die inmitten von Kleinstdörfern wie eine Metropole wirkt (S. 61). Er fährt auf dem Weg nach Bad Pyrmont durch Niedersachsen, das so aussieht, „als ob Gott nichts mehr eingefallen wäre“ (S. 126).

Schließlich geht es in die westfälische Provinz nach Hamm, wo ICE geteilt werden und die Busse nach 5 Minuten die beschauliche Innenstadt verlassen. 40 Minuten später gibt es die Haltestelle „Hindutempel“. In Butzbach kommt der Autor nicht umhin, sich mit der Bahnhofspolitik der Bahn zu befassen. Das Bahnhofsgebäude jedenfalls ist verlassen (vielleicht verflucht oder es leben wilde Tiere darin). Produkt (Bahnfahrt) und Marketing (Info-Point) befinden sich an unterschiedlichen Orten innerhalb der Stadt. In Lorsbach schließlich verpasst Böss den letzten Bus des Tages (um 15 Uhr), und die beworbene Nummer des Ruftaxis bietet nur „keinen Anschluss“.

Auf dem Weg in das Städtchen Weißenburg in Brandenburg laden Alleen zum Fahren auf dem Mittelstreifen ein, weil kein Verkehr herrscht. Dafür gibt es wieder Wölfe. Natürliche Feinde haben sie nicht, die wenigen Menschen sind alt und sitzen an Bushaltestellen. Ähnliches – bis auf die Wölfe – gilt für Wurzbach.

Doch das Buch ist kein „Road-Movie“. So etwa in der Mitte des Buches landet Böss in Wittenberg, einem verschlafenen Nest mit ICE-Anschluss (S. 240). Zwar kommt die Reise  dorthin bei dem Thema des Buches nicht unerwartet, doch die Überraschung folgt augenzwinkernd auf dem Fuß: Böss trifft sich dort mit dem katholischen Pfarrer. Und so kommen wir zum eigentlichen Thema des Buches:

  • … zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Die Katholische Kirche ist sozusagen der Platzhirsch. Sie hat die meisten Mitglieder und ist verantwortlich für einige der imposantesten Sehenswürdigkeiten des Landes. Und sie bekommt auch nicht mehr Text eingeräumt als die anderen. Natürlich kommt das Thema auf die Managementfehler des Unternehmens Kirche im 16. Jahrhundert. Geographisch führt dieser Weg nach Worms. Heute ziemlich bedeutungslos, war es zur Zeit Luthers einmal geschichtsträchtig. Ein paar Separatisten gründeten was eigenes und kamen damit durch. Die Unterschiede zwischen den beiden Kirchen erklärt Böss in wenigen pointierten Sätzen, die Unterschiede im Verständnis des Abendmahls zum Beispiel anhand einer Handvoll Konfetti.

Überhaupt: Die großen Kirchen haben im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Kontinuität im Abspalten entwickelt.

Auf katholischer Seite gibt es noch die Piusbrüder, eine Abspaltung aufgrund des 2. Vatikanischen Konziles und die „Johannische Kirche“. Die Baptisten und die Quäker sind Abspaltungen der Anglikanischen Kirche (oder zumindest Produkte eines gewissen Machtvauums im 17. Jahrhundert). Baptisten sind heute nach der Katholischen Kirche die größte Kirche in den USA, Quäker brachten es 1947 immerhin zum Friedensnobelpreis.

Dann gibt es ein paar Gruppen, die einen christlichen Kontext nicht verleugnen, zum Beispiel die „Mandäer“ mit ihrer „Hauptstadt“ Nürnberg (taufen im Jordan, erklären aber jeden andern Fluss zum Jordan, was das Reisen billiger und einfacher macht). Oder die Mormonen (Jesu Versuch, es mit einem zweiten Anlauf in Amerika zu versuchen und besser zu machen), die Heilsarmee und die Zeugen Jehovas (viele terminlich zu konkrete Prophezeiungen, aber eine beeindruckende Druckerei im Taunus).

Die Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten werden erklärt, wobei erstere sich von den Sunniten abgespalten haben. Und auch in dieser Provenienz gibt es weitere Gruppen: Lahore-Ahmadiyya, eine Abspaltung der Ahmadiyya. Die von Abdul Baha gegründeten Bahai besucht Böss in ihrem Europazentrum in Hessen und die Aleviten in Frankfurt.

Dann gibt es verschiedene spirituelle Konstrukte ohne persönlichen Gott. Die „Kirche des Fliegenden Spahettimonster“ (hat 150 Mitglieder – oder 100.000, wenn man die Facebook-Likes mitzählt), die „Raelisten“ (verstehen die Weltgeschichte als Interaktion zwischen Aliens und dem Leben auf der Erde) und den Hexenkult „Wicca“, der je nach Blickwinkel seit 1950 oder seit 40.000 Jahren existiert.

In Butzbach treffen wir einen Angehörigen des „Heidentums“, worunter die germanisch-keltischen Naturreligionen zu verstehen sind. Es geht also um Barden, Ovaten und Druiden. Und schließlich die „Osho“, die Überbleibsel der „Baghwan-Religion“ sind.

In Hamm besucht der Autor schließlich den größten Hindu-Tempel Deutschlands, und tatsächlich gelingt es, ein wenig Ordnung in die vielfältige Götterwelt zu bringen.

  • Bemerkungen

Das Buch lohnt sich alleine schon als geschriebenes Road-Movie. Es gibt jedenfalls eine Menge einsamer Gegenden in Deutschland. Doch noch wichtiger scheint mir etwas anderes:

Böss macht schwierige Themen greifbar, und er erzählt unterhaltsam. Er beobachtet jede Gruppe, hört zu, stellt Fragen, läßt die Antworten der Gläubigen stehen. Jede Gruppe steht so gleichberechtigt neben jeder anderen, was auch für die Seitenzahl gilt, die Böss jeder Gruppe widmet.

Er hat bei aller Distanz Sympathie mit den Menschen. Die Lektüre hat mich oft zum Lachen gebracht. Böss schreibt humorvoll, aber ohne billige Gags, die sich bei dem Thema manchmal anbieten würden. Böss akzeptiert Ansichten. Und er vermeidet es, Stellung zu beziehen, um die eine oder andere Gruppe glaubwürdiger darzustellen als die anderen. Er will den Leser nicht in eine bestimmte Richtung lenken.

Das alles ist bei diesem Thema nicht einfach. Gideon Böss gelingt es. So stelle ich mir gute journalistische Arbeit vor. Lesenswert.

Verschmitztes Italien: Mario Adorf „Der Dieb von Trastevere“

  • Das Buch

Der Schauspieler Mario Adolf trat hin und wieder auch als Autor von Kurzgeschichten in Erscheinung. Eine schöne Sammlung von 11 Kurzgeschichten und einer essayistischen Einleitung veröffentlichte er 1994 unter dem Titel „Der Dieb von Trastevere“. Ich habe das Taschenbuch von btb mit 176 Seiten.

  • Der Kontext

Der Untertitel „Geschichten aus Italien“ gibt das Thema vor. Der Leser reist auf unterhaltsame Weise durch das Land und lernt Menschen kennen, die in originellen oder anstrengenden Situationen ihre wahren Gesichter zeigen. Die Erzählungen sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben, der auf Reisen mit Einheimischen spricht und sich die Geschichten erzählen lässt. Die einzige Ausnahme ist die bemerkenswerte Erzählung „Schweigen“. Dazu später.

  • Rom

Die Einleitung mit dem Titel „alle Wege führen nach..“ handelt von Rom. Sie ist biographisch interessant, denn Adorf beschreibt seinen beruflichen Schritt von Deutschland nach Italien und seine erste, vom Scheitern geprägten, Gehversuche im italienischen Filmgeschäft. Origineller Höhepunkt ist die Weigerung der Behörden, ihm die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

Der Dieb von Trastevere

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  • Venedig

„Der Photograph von San Marco“ entführt den Leser nach Venedig. Es ist Juli 1902. Die Photographie steckt noch in den Kinderschuhen. Auf dem Markusplatz teilen sich zwei Photographen das Revier und fotographieren Touristen: Baghetto und Zago.

In den Tagen vor dem 14. Juli 1902 streiten die Venezianer heftig um Mängel an der Statik des Campanile. Er sei einsturzgefährdet, hieß es. Baghetto baut jeden Morgen sein Stativ auf und richtet es auf den Campanile aus. Er hofft, den Einsturz des Turmes dokumentieren zu können. Das bleibt Zago zwar nicht verborgen, aber er läßt sich in seinem Gewerbe, Touristen zu fotographieren, durch die Gerüchte nicht stören.

Schließlich, am Morgen des 14. Juli, eskaliert die Situation. Keine Tauben auf dem Platz, der Dogenpalast wird abgesperrt, die Kellner drängen die Touristen, ihre Speisen zu beenden. Schließlich stürzt mit Donnerrollen der Turm in sich zusammen. Baghetto hat tatsächlich im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Beim Versuch, die Kamera vor der folgenden Staubwolke zu schützen, wird seine Kamera zerstört. Er konnte fast alle Bilder retten, nur das des Einsturzes selbst bleibt verschollen.

Am gleichen Tag erscheint ein Extrablatt der Zeitung über den Einsturz. Darin: ein Foto vom Einsturz selbst, Fotograph: Zago. Baghetto entlarvt das Foto als Fälschung aus Fotomontage und Retusche. Er stellt eine bessere Fälschung her und konfrontiert Zago mit ihr.

Im Streit um den Wiederaufbau des Campanile steht Baghetto auf der Seite derer, die den Platz leer lassen wollen. Doch diejenigen, die den Campanile wieder aufbauen wollen, setzen sich durch. Baghetto dokumentiert den leeren Platz, Zago nur den aufgebauten Campanile. Und so kam es, dass die Geschichte des Einsturzes in den Annalen Venedigs fast nie erwähnt wird.

  • Ponza

Die Erzählung „Der Besuch“ spielt auf der kleinen Insel Ponza im Tyrrhenischen Meer. Der Papst höchstpersönlich – heißt es – werde bei einer Reise nach Capri und Ischia kurz Station auf Ponza machen. Die Bewohner sind in heller Aufregung. Die Inselkirche hat keine Glocke (Lösung: elektrisches Glockenspiel mit Big-Ben-Melodie), es gibt kein Papamobil (Lösung: eine Telefonzelle wird auf einen Lieferwagen montiert und kurzerhand als „kugelsicher“ erklärt) und vieles mehr.

Wegen schlechten Wetters kann der Papst nicht per Schiff reisen. Er nimmt einen Hubschrauber, und selbst der kann wegen des Sturmes nicht landen. Immerhin kreiste er zweimal über der Landestelle, und jeder konnte eine weiß behandschuhte Hand erkennen, die segnend aus dem Helikopter heraus gehalten wurde.  Alle fallen auf die Knie und bekreuzigen sich.

  • Triest

Die Erzählung „Rizinus“ spielt am Theater in Triest. Sie könnte aber an jedem stationären Theater der Welt spielen. Es ist eine „ganz normale“ Intrige in der Theaterwelt. Sie wirft jedoch auch ein Licht auf die manchmal sehr sensible Beziehung zwischen Italienern und Deutschen.

  • Ardore

In Ardore, westlich von Locri spielt die Erzählung „Die zwei Tode des armen Barabas“. Barabas ist eine Art Dorftrottel, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Jeder in Ardore macht sich über ihn lustig. Eines Tages erkrankt Barabas. Ein Hernie (ein Eingeweidebruch) wölbt sich immer stärker aus seinem Bauch heraus. Zwei Assistenzärzte wollten ihm Gutes tun, doch die Operation führt Tage später zu Barabas Tod. Ganz Ardore versammelt sich zur fröhlichsten Beerdigung aller Zeiten.

  • Salice

In Salice in Kalabrien ist der Erzähler mit dem  Besitzer einer Zitrusfruchtplantage befreundet. DerPlantagenbesitzer muss seine Ware stets zu einem Drittel des üblichen Preises an seinen Hausmafioso verkaufen. Gegenleistung: er muss keine Angst um sein Eigentum haben. Nun steht die Hochzeit der Tochter dieses Hausmafioso an. Die Freunde werden zu der Hochzeit eingeladen. In die Enttäuschung über das Hochzeitsgeschenk (eine Kristallbowle mit 12 Gläsern) mischt sich eine Drohung an den Erzähler.

  • Taormina

Diese Erzählung „Schweigen“ beginnt in Taormina auf Sizilien, wo das Mädchen Annamaria lebt. Ihre Eltern schicken es nach Florenz ins Internat. Später studiert sie und lernt Enrico kennen, den Juniorchef eines Schuhgeschäftes. Tochter Enrica wird geboren. Der Schuhladen expandiert, italienweit werden 40 Filialen eröffnet. Annamaria ist immer häufiger alleine in Taormina. Sie gibt Gesellschaften, aus denen später Pokerrunden werden. Annamaria verliert viel. Enrico kauft sich ein Imperium zusammen, inclusive Gerbereien, Landhaus und Zweitfrau in Venezuela. Annamaria muss ihn schließlich um Geld bitten und erfährt alles. Irgendwann erleidet Enrico einen Schlaganfall, wird bettlägerig. Annamaria pflegt ihn und nutzt dies, um ihn zu erpressen. (Jeder Löffel Brei für eine Ziffer eines Bankkontos). Bald kennt sie alle Konten und verspielt alles. Nach Jahren geht es Enrico besser, und schließlich verrät er seiner Tochter die Nummern seiner Konten in Luzern. Mit diesem Wissen geht sie einem Lebemann auf den Leim, der den Rest verspielt.

  • Rom

Natürlich sind da auch noch ein paar Geschichten aus Adorfs Leben in Rom, und seinen Erlebnissen in der Filmindustrie.

  • Bemerkungen

„Schweigen“ halte ich für das bemerkenswerteste Stück des Bandes. Adorf erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang einer Familie auf 20 Seiten, wo jeder andere eine Romantrilogie draus gemacht hätte. Auch sonst erzählt er Geschichten um Leben, Verrat und Tod mit Humor, Charme und einer großen Liebe zu den Menschen mit ihren Schwächen. Gehört in die Reisebibliothek.

Mit dem Roller durch Tel Aviv – „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann

Der Kriminalroman „Tote Kameraden“ von Katharina Höftmann erschien 2015, Aufbau-Verlag, Taschenbuch 281 Seiten.

  • Die Hauptfigur

Die Hauptfigur des Romans ist der ermittelnde Kriminalkommissar Assaf Rosenthal. Als ehemaliger Soldat hat er die Angewohnheit, sich über Verantwortlichkeiten hinweg zu setzen.

Bei den Ermittlungen unterstützen ihn sein Assistent Yossi  und seine Sekretärin Zipi. Assaf wohnt in einem Apartment am Dizengoff-Platz. Der Kommissar ist – wenn er keinen Dienstwagen benutzt – in der Stadt mit seinem weißen Motorroller unterwegs (bei dem vielen Verkehr ein sinnvolles Verkehrsmittel)

Mit diesem Roller fährt er auch zum ersten Tatort: ins Hotel Florida in der Allenby-Street. In einem Zimmer liegt die Leiche einer unbekannten Frau in der Badewanne.

  • 1. Tatort

Das Hotel stellt sich als billige Absteige heraus. Merkwürdig: das Zimmer war seit Monaten nicht vermietet. Während Spusi und Gerichtsmediziner ihrer Arbeit nachgehen, fährt Assaf zu dem Besitzer des Hotels, einem Georgier in Herzliya. Der ist zwar unsympathisch, großprotzig und arrogant, aber wenig verdächtig, und die unbekannte Tote kennt auch er nicht. Auf dem Rückweg zum Auto wird Yossi von einer Ducati beinahe umgefahren. In Ermangelung weiterer Spuren findet Assaf heraus, dass es in Israel 4 Ducatis gibt, eine ist auf den Bruder des Hotelbesitzers zugelassen, eine weitere auf einen Beduinen in Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

In der Zwischenzeit fand die Gerichtsmedizinerin heraus, dass die immer noch unbekannte Frau Selbstmord begangen hat (zuviel Betäubungsmittel genommen vor dem Bad). Trotzdem gibt es einige Merkwürdigkeiten: Vor allem dass es so überhaupt keine Hinweise auf Identität der Selbstmörderin gibt.

Jetzt ist Zeit, sich den Schauplatz näher anzusehen:

  • Tel Aviv

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Die Stadt liegt direkt am Meer, das sich „in tosenden Bewegungen aufbäumte“ (S. 23) Und wie in vielen Städten, die direkt am Meer liegen, weht stets ein leichter Wind, die Luft schmeckt nach Salz. Aber Tel Aviv ist auch auf atemberaubende Weise anders: Die Stadt ist laut und lebendig. Es herrscht zu jeder Zeit ein Verkehr, den man von anderen Städten nur zu Feierabendzeiten kennt (S. 33). Das ewige Lärmen von Bussen, Autos, Menschen und Hunden ebbt nur zum Samstag hin ab. Aus den Läden dröhnt Trance-Musik. Mondäne Clubs und chice Restaurants prägen das Nachtleben.

Man durchquert die Stadt in Nord-Süd-Richtung, entweder an der Strandpromenade. Parallel zum Meer verläuft die Herbert-Samuel-Straße, eine beliebte Schnellstraße durch die Stadt. Oder weiter östlich über den Ayalon-Highway.

Etwas außerhalb der Stadt fährt man durch eine hügelige, „Toskana-artige“ Landschaft mit Weinbergen.

  • Weiter

Weiter geht es im Cafe Europa am Rotschild Boulevard. Eigentlich ging Assaf dort hin, um eine Frau aufzureißen, dann aber trifft er Tama, mit der er vor Monaten eine kurze Affäre hatte. Sie reden über Berufliches. Tama hat zusammen mit einem Kollegen auf eine Informantin aus der Armee – Michelle Ami – gewartet, die aber nicht zum vereinbarten Treffen erschien. Die Informantin wollte Militärgeheimnisse an die beiden Journalisten weiter geben. Später dämmert es Assaf, dass die Informantin auch die unbekannte Tote sein könnte. Was sich dann auch als wahr herausstellt.

Weil es sich aber um Selbstmord handelt, wird der Fall abgeschlossen. Assaf wird einer Einheit zugeordnet, die sich um organisierte Kriminalität kümmert. Ihm wird die Kollegin Anat als Partnerin zugeordnet. Organisierte Kriminalität sind im konkreten Fall mehrere Mafia-Familien, die sich gegenseitig bekriegen. Die neue Aufgabe von Assaf ist es, herauszufinden, woher die Mafia-Gangs ihre Waffen beziehen. Besonders der Sprengstoff ist der gleiche, der auch bei der Armee verwendet wird. Bei den Ermittlungen stößt Assaf auch auf eine Beduinen-Gang aus Beer-Sheva mit Namen Khaldi.

Dann wird ein wenig ziellos hin und her ermittelt. Assaf und Kollege besuchen dafür zunächst einen Stripclub auf der Allenby-Road. Später beobachten sie ein Restaurant in der Dizengoff-Straße. Ergebnis der Observation: Ein kleiner Mafioso spricht mit ein paar anderen Männern in einem kleinen Auto. Das Nummernschild ist gestohlen. Klingt unspektakulär.

  • 2. Tatort

Ein weiterer Mord geschieht, diesmal im Azraeli-Center, von wo aus das Opfer auf die Ayalon gestoßen wurde. Das Opfer diente in der gleichen Militäreinheit, der auch Michelle Ami angehörte. Und er hatte Spielschulden bei einer Online-Poker-Seite. Diese wird von den Nanikashvilys betrieben.

So langsam entdeckt der Kommissar also Verbindungen zwischen den Fällen. Aber da er immer noch in Mafia-Angelegenheiten ermitteln muss, geht es erstmal nach Ashdod zum Hafen. Dort soll ein Container für die Khaldi-Familie ankommen. Mehr Infos gibt es nicht, also hängen sie sich an den Wagen der Khadils dran. Im Hafen von Ashdod läuft die Sache aus dem Ruder. Eine Unaufmerksamkeit, und Assaf und Anat werden bemerkt, Anat wird angeschossen.

Der Container mit den Waren enthält zur Enttäuschung aller Kosmetikprodukte. Auf den Überwachungskameras jedoch ist einer der Beteiligten der Schießerei deutlich zu erkennen: es ist ein Mitglied der Nanikashvily-Familie.

In weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass die Familie Khadil aus der Wüste in die Stadt „expandieren“ will und in Tel Aviv Ansprüche stellt. Außerdem tritt die Gerichtsmedizinerin nochmals auf den Plan. Sie hat bei einem Review ihrer Unterlagen einige Rechenfehler bemerkt. Demnach hat Michelle Ami gar keinen Suizid begangen, sondern wurde ermordet.

Die inzwischen aufgetauchten geheimen Unterlagen von Michelle Ami zeigen Geo-Koordinaten. Diese Koordinaten sind die Stellen, an denen die Grenze zu Ägypten kontrolliert wird. Michelle Ami fand heraus, dass es in der Grenzüberwachung ein paar tote Winkel gibt. An diesen Stellen gehen die Khaldis ihrer Schmugglertätigkeit nach.

Assaf ermittelt weiter im persönlichen Umfeld von Michelle. In der Armeeeinheit, in der beide Opfer gedient haben, wurden Waffen gestohlen.  Der getötete Armeeoffizier hatte Michelles Unterlagen entdeckt. Er selbst versorgte die Khaldis mit Waffen und Sprengstoff aus Armeebeständen und tötete Michelle Ami, weil er seine Geschäftsgrundlage in Gefahr sah.

In einem turbulenten Finale begegnet Assaf Michelles Ex-Freund. Er ist der Schlüssel zur Lösung des zweiten Mordes.

  • Bemerkungen

Ein spannender gradlinig erzählter Krimi mit ein paar Überraschungen, ein wenig Action an den richtigen Stellen und vor einer modernen Kulisse. Lesenswert.

„Schäumende Träume“ aus Fielden’s „Is this the Vine You Ordered, Sir?“

  • Das Buch

Zum Jahreswechsel geht es wieder mal um das Buch „Is This The Vine You Ordered, Sir?“ von Christopher Fielden. Erstveröffentlichung 1989. Deutsch von Daniela Brechbühl „Der Weinbetrug – Etiketten und Inhalt“, Rüschlikon, Hardcover, 254 kurzweilige Seiten. Das Buch beschäftigt sich auf den Seiten 90 – 104 unter der Kapitelüberschrift „Schäumende Träume“ mit der Geschichte des Schaumweines.

  • London

Diese Geschichte beginnt in London. Die dortigen Weinhändler wollten die guten importierten Weine „vor den sonst üblichen Mißbräuchen dieser Stadt … schützen“ (S. 91). Was benötigte man, um Schaumwein herzustellen? Da war zunächst der Wein. Es wurden Weine aus Sillery oder Ay importiert, ihnen wurden Gewürze und Melasse beigegeben, und sie wurden in Flaschen gefüllt. So gelagert, begannen die Weine erneut zu gären und entwickelten Kohlensäure. Als nächstes traten zwei Londoner Erfindungen in die Welt der Weinherstellung ein: 1662 wurden in England gute Glasflaschen patentiert, hinzu kamen Drahtkörbchen zur Sicherung der Korken.

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  • der französische Markt

Das neue Produkt begeisterte auch die Menschen im Herkunftsland der Weine, vor allem weil es am Hofe Ludwigs XIV. – unter der gesellschaftlichen Führung von Mme de Mailly – schnell beliebt wurde. Also versuchten sich französische Winzer daran, schäumende Weine herzustellen. Doch den Wein in Flaschen abzufüllen war eine Sache, eine andere war es, ihn in den Flaschen zum Gären zu bringen. Überliefert sind eine Reihe von Versuchen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Einige Händler verloren über die Hälfte ihrer eingelagerten Flaschen, weil sie unter dem hohen Druck explodierten (die Flaschen, nicht die Händler). Insgesamt war also das Leben in den Weinkellern recht kurzweilig. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es stabile und kontrollierte Produktionsmethoden.

  • Nachahmer und Etikettenschwindel

Im Laufe der Zeit traten zwei Probleme auf, die bei jedem hochpreisigen Produkt irgendwann mal auftreten: Das Problem der Nachahmung und das Problem des Etikettenschwindels.

Da gab es so etwas wie Briefkastenfirmen. Winzer aus anderen Regionen als der Champagne stellten Schaumweine her und verkauften sie von einer Lieferadresse innerhalb der Champagne. Ohne diese Adresse wäre der Champagner auf dem englischen Markt nicht verkaufbar gewesen. Schließlich gingen auch die großen Champagnerhersteller dazu über, billige Weine aus Saumur, dem Midi und Nordafrika zu  „importieren“ und darauf Champagner herzustellen. Konsequenz: die einheimischen Winzer konnten ihren Wein nicht mehr an die Champagnerhäuser verkaufen. Das führte im Jahr 1911 zu den Champagner-Unruhen.

  • die Champagner-Unruhen 1911

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Am 17. Januar 1911 schüttete ein aufgebrachter Mob eine Ladung Wein aus dem Midi in die Marne und plünderte Weinkeller in Damery. Am nächsten Tag verschob sich der Aufstand nach Hautevilles. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen, und am 10. Februar 1911 erließ die Regierung ein Gesetz, das besagte, dass Champagner ausschließlich von Trauben und Wein aus der Region hergestellt werden durfte. Die Region umfasste jedoch nun bedauerlicherweise zwar einige Gemeinden in Aisne, aber keine in Aube. Winzer aus Aube attackierten also Kellereien in Damery, Dizy und Ay. Die Armee wurde zu Hilfe gerufen. Am 12. April 1911 schließlich fand die „Schlacht bei Ay“ statt.  Es gab auf keiner Seite (Reiterschwadron und Weinbauern) Tote, jedoch etliche zerstörte Weinkeller. Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, dass Schaumweine aus Aube ebenfalls Champagner heißen durften, jedoch mit dem Zusatz „Deuxieme Zone“.

Als kleiner Nebeneffekt wurde den Weinbauern zugestanden, Roséwein aus einem Verschnitt weißer und roter Trauben zu erzeugen. Eine Regelung, die für kein anderes Weinbaugebiet gilt. Immerhin untergrub diese Vorschrift die Geschäftsgrundlage des Dorfes Fismes. Fismes war berühmt für seine Holunderbüsche. Deren Früchte wurden zur Färbung des Champagners verwendet.

  • Und heute?

Heute wenden die großen Marken mehr als 10% ihres Umsatzes für Marketing auf. Im Umfeld der großen Marken betreiben die regionalen Kooperativen ihr Tagesgeschäft. Das besteht darin, „Vin sur Latte“ zu verkaufen, unetikettierten Flaschenwein zur Nachreife. So kann es durchaus sein, dass zwei konkurrierende Marken das gleiche Getränk in ihren Flaschen haben, ein Umstand, der aus nahe liegenden Gründen selten thematisiert wird, außer in diesem Buch, S. 99.

Schließlich hat Fielden für die Leser noch einen besonderen Tipp parat. In vielen Ländern gibt es die Angewohnheit, jeden Schaumwein Champan, Champagna, Champagne oder so ähnlich zu nennen. Als Faustregel kann man festhalten: Wer Champagne bestellt, der schaut, ob das Produkt aus Frankreich stammt. Wenn ja, dann handelt es sich um echten Champagner, wenn nein, dann kann es sich „um irgendetwas handeln – vom Himbeergeist bis zum großartigen Wein“ (S. 104).

  • Bemerkungen

Einen Kritikpunkt habe ich: Im bereits besprochenen Kapitel über Portwein ist die Rede davon, dass ab 1678 der Export von Wein nach England verboten war (weshalb sich die Briten den portugiesischen Beschaffungsmarkt sicherten). Mit dem  vermuteten Zusammenhang zu dem Produkt Champagner wird der Leser alleine gelassen.

Ansonsten aber: Auf jeden Fall nett zu lesen, essayistisch und unterhaltsam. A votre santé.