Quer durch den Hunsrück: Hildegard von Bingen

  • Das Buch

Es geht um den Roman „Hildegard von Bingen“ von Edgar Noske. Der Autor schrieb eine Reihe von regionalen Romanen, die in Köln oder der Eifel angesiedelt sind. Der hier vorliegende ist von 1999, Lizenzausgabe von 2003, TB 320 Seiten, der Anhang enthält ein Glossar. Im Vorsatz heißt es: „Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind … unverzichtbar, selbst wenn sie zu Lasten der einen oder anderen historischen Genauigkeit gehen“. Der Leser – der zu diesem Zeitpunkt der Lektüre noch keiner war –  hätte hellhörig werden können.

  • In einem Satz

30 Jahre alte Leiche stiftet Verwirrung

  • Die Geschichte

… beginnt im Kloster Rupertsberg im Rheingau. Über die Weinhänge legt sich ein schwüler Herbst. Es ist September des Jahres 1177, das Brot schimmelt schneller als es gegessen werden kann, und schwüle Tage erschweren alten Menschen das Atmen. Zu diesen alten Menschen gehört Hildegard, die Klostervorsteherin. Sie ist 75, arbeitsam, allgemein sehr beliebt, und weiß, dass sie noch 2 Jahre leben wird. An einem Tag in besagtem Herbst trifft ein Gast ein: Der Klosterschreiber Wibert. Hildegard hat ihn sich als Schreiber für ihre letzten beiden Lebensjahre gewünscht.

2 Monate später, November: Der „Strom“ (so wird im Buch der Rhein genannt) führt Hochwasser. Seit Tagen peitscht böiger Wind kalten Regen über den Rupertsberg. Die Feuchtigkeit setzt sich in den Mauern fest. Plötzlich entsteht unter den Nonnen erschrockene Unruhe. Der Dauerregen hat an Fuße einer Mauer ein Skelett freigespült.

Hildegard ist sofort klar, wer der Tote ist: ein abgestürzter Bauarbeiter aus der Zeit des Klosterbaus. Aber Wibert hinterfragt die Geschichte. Nach langem Hickhack fasst Hildegard das Vertrauen, die Geschichte zu dem Toten zu erzählen. Von jetzt an wird es Wiberts Aufgabe sein – so Hildegard -, eine zweite Biographie zu verfassen, durch welche die Welt erfahren soll, wie Hildegard wirklich war. Jahre zuvor hat ein anderer Schreiber, Vilmar, eine Lebensgeschichte verfasst, in der Hildegard als Unfehlbare dargestellt wird. Jetzt will sie das nicht mehr. Dem Leser ist klar: Sie ist verantwortlich für den Tod des Gefundenen.

Der Leser wundert sich hier über hohe Reflektionsniveau der Protagonistin. Sie ist sich ihrer Wirkung durch die Jahrhunderte bewusst und will diese Wirkung durch eine Biographie brechen. Es ist nur ein Gefühl, dass hier irgendwas nicht zusammen passt. Also erstmal hören, welche Geschichte zu dem Toten gehört. Diese Geschichte beginnt im Jahre 1147.

  • Von Disibodenberg nach Trier

Am Zusammenfluss von Glan und Nahe befindet sich ein Hügel. Darauf steht das Kloster Disibodenberg. Dessen Abt heißt Kuno, ein kleinwüchsiger und schmächtiger Mann. Hildegard lebt mit einigen anderen Nonnen in der Frauenklause von Disibodenberg. Die ist nun zu klein, und Hildegard wünscht, ein eigenes Kloster zu gründen. Kuno verweigert ihr den Wunsch. Immerhin prosperiert das Kloster durch Hildegards zunehmende Berühmtheit (der Leser wird über den Zusammenhang im Unklaren gelassen). Hildegard aber verfolgt ihre Idee eines eigenen Klosters hartnäckig weiter.

Sie möchte Kuno umgehen und sich eine Erlaubnis des Papstes besorgen. Chronistenpflicht: Es handelt sich um Eugen III. Der war kurz nach seinem Amtsantritt aus Rom verjagt worden und residiert nun vom „Reisethron“ aus. Er sucht sich hier und dort Gastgeber, die ihn für einige Zeit beherbergen. Im fraglichen Winter ist das der Bischof von Trier. Und damit es allen nicht zu langweilig wird, wird eben eine Synode einberufen. Abt Kuno verweigert Hildegard die Reise nach Trier. Sie jedoch entwischt in einer verschneiten Februarnacht 1147 und macht sich mit wenigen Vertrauten und einigen Maultieren auf den Weg.

Es ist Februar, der Schnee ist tief. Die Reise soll zunächst zu einem Quartier im dem kleinen Weiler Hahnenbach führen. Doch die kleine Gruppe kommt nicht soweit. Der tiefe Schnee und zaudernde Begleiter bremsen. In einer Höhle, irgendwo im Hunsrück hält die kleine Gruppe Nachtquartier. Am nächsten Tag geht es weiter zur Burg Tronecken. Der dortige Graf nimmt sie gefangen und fordert von Kuno Lösegeld. Auf Burg Tronecken treffen sie auf einen weiteren Gast (einen freiwilligen), Graf Jerome von Carcassonne. Der französische Graf – o la la man ahnt es – bringt nun die Geschichte der Frauen ordentlich durcheinander.

Wieder gelingt es, zu entwischen. Trier: Papst Eugen verweigert Hildegard die Klostergründung. Jerome jedoch klärt den Papst auf, dass Kuno den Grafen von Tronecken für die Gefangennahme bezahlt hat. Eugen ändert nun seine Meinung.

Das neue Kloster soll in Rupertsberg bei Bingen gebaut werden. Erstmal muss das Grundstück erworben werden. Kuno hat das spitz gekriegt und schickt seinen Adlatus hin, um das Grundstück zu kaufen, Preis fast egal. Der Adlatus mißversteht den Auftrag, kauft das Land und verkauft es sofort für den doppelten Preis an die Klostergründer weiter. Kuno ist sauer.

Die Bauarbeiten gehen langsam voran, weil Kuno keine Mittel zur Verfügung stellt. Eines Tages sieht Hildegard, wie Ricardis und Jerome eng beieinander stehen. Im Eifersucht-Wortgefecht strauchelt Jerome und stürzt zu Tode. Das ergibt dann 30 Jahre später die Leiche vom Romananfang.

Der Bau geht weiter. Hildegard hat weiter ihre Visionen. So wird sie gewahr, dass Kuno Leben endlich ist. Diese überwältigende Nachricht übermittelt sie einem Vertrauten, ihrem Biographen Vilmar. Der versteht die Nachricht als Auftrag zum Mord an Kuno. Schwäche und Phantasielosigkeit verleiten Vilmar aber lediglich dazu, Kuno ein Glas Wasser zu verabreichen. Die Vereinnahme des Getränkes begleitet Vilmar mit den Worten, dass es sich um Gift handele. Kuno erschreckt sich zu Tode und lebt ab.

Dies alles vermittelte also Hildegard dem Schreiber Wibert, 2 Jahre vor ihrem Tode.

Finis

  • Bemerkungen

Ich hatte mir mehr versprochen, mehr Spannung, mehr Zeitkolorit, mehr historische Fakten, mehr Dramatik. Zwei Unfälle passieren, und alle fühlen sich schuldig, das ist für einen Mittelalterkrimi wie ich finde zu wenig. Über das Wirken der Hauptfigur erfährt man wenig außer dass sie viel unterwegs ist und Bauarbeiten beaufsichtigt. Außerdem habe ich den Eindruck, dass der Autor sich wenig mit Leben und Kultur der Zeit befasst hat. Aber dafür gibt es ja aktuelle Bezüge: Das Wort „Staatsraison“ aus Hildegards Mund, der Satz „Eher wird ein Pole Papst als dass Hildegard in Trier ankommt“ und einige mehr sind gewiss nicht zeitgenössisch, verwirren und ergeben keinen erzählerischen Sinn.

 

 

Karte 44: Die amerikanische Wüste im deutschen Schlager der 70er Jahre

Wie ich auf dieses Thema kam Ich habe mir alte Platten angehört. Schlagersammlungen. In den 70ern gab es regelmäßig Platten, auf denen die aktuellen Schlager zusammengefasst wurden. Diese wurden dann zugunsten der Deutschen Sporthilfe oder der Aktion Vergissmeinnicht verkauft (2 Mark aus dem Erlös gingen dann an die jeweilige Organisation).

  • Arizona

Auf der Platte xxx findet sich der Schlager Arizona Man von Mary Roos. Der Komponist Giorgio Moroder schuf hier den ersten deutschsprachigen Song, in dem ein Synthesizer verwendet wurde, und das auch in einer eingängigen Melodie. Im Text von Michael Holm begehrt sie einen Herrn aus Arizona, den sie jedoch wegen ihrer Eltern nicht treffen darf. Nunja, 1970 eben. Nachdem der Text durch ist, darf sich Moroder nochmal am Synthesizer austoben. Wenn Mary Roos – oder andere Sängerinnen –  das Lied heute noch ziemlich ironiefrei zum besten geben, wirkt es etwas peinlich.

  • New Mexico

Also weiter nach Albuquerque. Das liegt in New Mexico. Auf dem Marktplatz dort lebte jahrelang ein Mann. Er ist der Ansicht, dass die Menschen zu traurig sind und möchte sie erheitern. Deswegen schnitzt er Puppen und spielt mit ihnen Geschichten für die Menschen, mal traurige, mal frohe, und „nicht immer endet ein Spiel im Glück“. Der „Puppenspieler von Mexico“ ist also eigentlich aus New Mexico, und auf diesem Schleichweg wäre Roberto Blanco mitten in der amerikanischen Immigration-Problematik gelandet. Ich unterstelle ihm keine Absicht.

Aber es ist Anlass, mir das Original anzuhören. Auch der „Young New Mexican Puppeteer“ von Tom Jones spielt in Albuquerque. Auch er sieht, dass mit den Menschen was nicht stimmt, dass sie mit angstvollen Gesichtern („frowns and worries in theier faces“) umherlaufen. Dann erfindet er einige Figuren aus Holz und spielt den Menschen Geschichten vor, um ihnen ihre Angst zu nehmen.

Und welche Figuren er schnitzt! Abe Lincoln lehrt ihnen Bürgerrechte, Martin Luther King zeigt, wie sie friedlich kämpfen. Und tatsächlich kommen die Menschen von überall her. Sie verlieren ihre Angst, indem sie über Bürgerrechte aufgeklärt werden. Das macht auch ihn berühmt und bringt ihn auf die ganz große Bühne. Wow, ein interessanter, politischer Text.

  • Nevada

Die Reise geht nach Westen, Las Vegas ruft. Oder Roberto Blanco nochmal. Las Vegas ist schuldig, er träumt und kann nicht schlafen. Denn „was ich verlier, schenkt mir ein neues Spiel im nächsten Augenblick“. Aha, denkt der mathematisch orientierte Hörer, da hat wohl einer das Goldene System entdeckt. Oder zumindest ein gutes Risikomanagement. Denn „irgendeinmal gewinnt man jedes Spiel“. Wo immer das gilt, am Spieltisch eher nicht. Zwar kommen ihm Zweifel, denn „Wunder geschehn selten auf dieser Welt.“

Oha, da hat wohl einer dem Puppenspieler von Mexiko nicht zugehört.

Wieder schlägt das Original ganz andere Töne an. Tony Christie gelang 1971 der Durchbruch mit der Komposition von Murray / Callander, bevor er ein Jahr später auch nach dem Weg nach Amarillo gefragt hat und nicht nach Reno wollte. Der Spieler bei Christie ist schon zu Beginn des Liedes pleite. „What a mess I’m in“. Er blickt zurück, vor einem Jahr begann er zum Zeitvertreib, und seitdem ist er süchtig und verliert alles, und kann sich dennoch nicht losreißen („I can never go“). Und sein Traum dreht sich nicht um Rosen, sondern darum, eines Tages alles niederzubrennen.

  • …und Kalifornien

Wir fahren weiter „auf der Straße nach San Fernando“. Das wäre von Las Vegas aus der Highway 15. San Fernando ist ein Vorort von Los Angeles, Michael Holm ist da unterwegs und nimmt eine Anhalterin mit. Sie bittet ihn, sie bis nach Mendocino mitzunehmen. Die Anhalterin steigt irgendwo wieder aus, der Sänger kann sich nicht lösen, und sucht sie. Er geht von Haus zu Haus in Mendocino. Das kann man dort schonmal machen.

Mendocino ist eine Art Künstlerkolonie nördlich von San Francisco und hat gerade mal 850 Einwohner. Er findet sie nicht. Träumt weiter, und fährt jeden Tag nach Mendocino, um wieder nach ihr zu fragen. Wahrscheinlich hat er an einem Haus nicht geklingelt. An welchem wohl?

Die Lösung ist im Original des Sir Douglas Quintetts zu hören: Da wird nicht vorher lange durch die Gegend gefahren. Sir Douglas bittet ein Mädchen, in seinem Liebesnest direkt am Fluss zu bleiben (Der Fluss, der bei Mendocino ins Meer mündet, heißt übrigens Big River, auch wenn er seinem Namen spottet).

Schnell sprechende Jungs mit roten Augen haben ihr zwar den Kopf verdreht, und er wundert sich drüber, aber dann lieben sie sich im Park, am Wegesrand.

Michael Holm fährt derweil noch im Kreis rum und putzt Klinken.

 

Was hab ich gelernt: Gleich dreimal sind die Originale deutlicher als die deutschen Coverversionen. In den populären Melodien verstecken sich deutliche Aussagen. Die Originale sind in psychologischer (Las Vegas), erotischer (Mendocino) und politischer (Albuquerque) Hinsicht den deutschen Versionen meilenweit voraus.
oder wie es in USA erklärt heißt: Wer unbedingt meint, von einem Hollywood-Film aus auf die Amerikaner oder das Wesen der USA schließen zu müssen, soll es doch bitte wenigstens auf der Grundlage des Originals tun und nicht mit Hilfe der deutschen Synchronisation.

USA erklärt

Vielleicht nehme ich diese Musik aber auch zu ernst.

In den Bayous – „Joshua“ von Shirley Ann Grau

Die – bei uns eher unbekannte – Autorin Shirley Ann Grau erhielt 1965 den Pulitzer-Preis für den Roman „The Keepers of The House“. Bereits zuvor erschien ihr Erzählungsband „Der dunkle Prinz“, aus dem die Kurzgeschichte „Joshua“ entnommen ist. Die Handlung ist im Jahr 1942 angesiedelt.

  • Wo geht’s hin?

Ort der Story ist das Mississippi-Delta südlich von New Orleans. Bayous prägen das Bild. Was sind Bayous? Das Wort stammt aus der Sprache der Coctaw in Louisiana. Bayous sind stehende oder leicht fließende Gewässer, oft Altwasserarme neben großen Flüssen, manchmal laufen sie weit ins Meer hinaus (also Priele). In anderen Gegenden heißen sie „Creek“, in Louisiana gibt es die Bezeichnung „Bayou“. Nach dem „Lousiana Purchase“ breitete sich der Begriff von Louisiana aus über die gesamten Südstaaten aus.

Bayous wurden oft besungen, berühmt sind Lieder von Roy Orbison (Blue Bayou) und Hank Williams (Jambalaya). In beiden Songs spielen Piroggen eine Rolle, das sind kleine, wellentaugliche Fischerboote. Beide Lieder spielen ebenfalls in der Gegend südlich von New Orleans – Jambalaya weiter westlich bei Thibaudoux. Und so schließt sich der Kreis zu der heutigen Kurzgeschichte „Joshua“.

  • Worum geht’s?

Joshua ist ein etwa 10 Jahre alter Junge. Er lebt in einer kleinen Siedlung ganz im Süden, in einem der letzten Häuser vor der Mündung des Mississippi. Sein Vater ernährt die Familie vom Fischen. Es ist Winter, es regnet seit Tagen ohne Unterbrechung. Joshuas Vater trinkt, die Eltern streiten sich. Joshua benötigt dringend einen Mantel, die Familie dringend was zu essen. Die Mutter bedrängt den Vater, endlich wieder zum Fischen rauszufahren. Er aber, und andere im Ort haben Angst. Ursache der Angst ist der Krieg, der nun auch hierhin zu kommen scheint. 10 Tage zuvor waren mehrere Fischerboote von Granaten getroffen worden. Kurz darauf waren Explosionen von der Flussmüdung her zu hören. Man vermutet, dass ein deutsches U-Boot in die Mündung reingefahren ist und dabei zerstört wurde.

Aber die Menschen haben immer noch Angst vor einem weiteren U-Boot. Halb im Streit und halb scherzend sagt Joshuas Vater zu seinem Sohn, dass er doch einfach rausfahren solle. Die Mutter will es verbieten (es regnet und er hat keinen Mantel). Der Junge geht trotzdem, bastelt sich aus einer Plane ein Regencape und streunt in der Gegend umher. Zwei Tage lang sucht er tagsüber im Bootshafen nach Verbündeten. Schließlich schließen sich ihm zwei weitere 10-jährige Jungs an. Zunächst hat Joshua Angst, doch dann fahren sie hinaus.

  • Und jetzt ab in die Bayous

Sie fahren zu dritt im Boot los. Joshua besteht darauf, bis zum Fluss zu fahren. Henry ist dagegen, aber Henry hat am Tag zuvor Joshuas Angst gesehen. Laso muss Joshua hinaus fahren. Und dann liegt er vor ihnen: Der Fluss in seiner vollen Breite, durch einen Streifen Schilfgras gegen seine volle Gewalt abgeschirmt, gelbbraun, Schlammbänke, abgestorbene Bäume, unterwaschene Bäume. „Chenieres“ treibe um sie herum, kleine Rindenstücke von Wassereichen. Die Pirogge hebt und senkt sich, klatscht aus Wasser. Enten steigen auf. Sie versuchen, näher heran zu kommen, um sie zu schießen. Es misslingt.

 

Schließlich sieht Joshua an einer kleinen Erhebung im Sumpf etwas Blaues. Er fährt näher, steigt aus und watet an die Stelle. Es ist ein Leiche. Offensichtlich ist es ein Soldat, der vor kurzem hier gefallen ist. Joshua immt ihm zwei Knöpfe ab und zieht ihm die Jacke aus, eine Lederjacke. Er nimmt sie quasi als Trophäe mit nach Hause.

  • Bemerkungen

Es ist die Geschichte eines Jungen, der sich von seinem Vater emanzipiert. Als alle Angst haben, ignoriert er die Angst und unternimmt das, was sich kein Erwachsener traut. Und eine Jacke als Belohnung hat er auch gleich gewonnen. Das Thema hat Potenzial ohne Frage. Aber 1942 in Louisiana gab es eine Menge Ansätze, wie ein Junge dieses Thema hätte erleben können, und ein Erzähler hätte viele Ansätze gefunden (Weltwirtschaftskrise, Rassismus, Krieg – in Lousiana fanden 1941 und danach die größten Manöver der Army statt) Da muss es nicht gerade eine uniformierte Leiche und einer erfundenen U-Boot-Explosion sein.

Es ist eine jener Naturbeschreibungen, die eine schlechte Geschichte gerade noch retten. Es fällt Graus besonders eindringliche Schilderung der Bayous auf, und die stakende Fahrt der Jungen durch regen, Nacht und Kälte.

Deutschen U-Boote am Mississippi gab es 1942 tatsächlich. Allerdings wurde dort keines versenkt, sondern 70 Meilen weiter draußen im Golf von Mexico.

Die Middle Passage 1830. „Die Überfahrt“ von Charles Johnson

Charles Johnson (geb. 1948) ist ein amerikanischer Karikaturist und Schriftsteller. 1990 schrieb er den Roman „Middle Passage“. Im gleichen Jahr erhielt er den National Book Award.

Die Übersetzung von Martin Hielscher heißt „Die Überfahrt“. Suhrkamp TB, 255 Seiten. Es ist übrigens eine wundervolle Übersetzung, denn das Buch steckt voller Spott, Ironie und Humor, die der Übersetzer ins Deutsche transportiert hat.

  • In einem Satz

Mann flieht vor Frau und Gläubigern auf ein Segelschiff.

  • Die Middle Passage

Die Middle Passage ist eine Schiffsroute zwischen der Karibik und Afrika. Über 200 Jahre lang wurde sie von Schiffen befahren, die Sklaven aus Afrika in die Karibik verfrachteten. Die Segler nutzten die Süd-Ost-Passatwinde, um vor allem in den Sommermonaten zügig den Atlantik zu überqueren.

Das Buch spielt im Sommer des Jahres 1830. Der Handel mit Sklaven ist in der Neuen Welt verboten. Jedoch nicht die Sklaverei selbst. Und so fahren immer noch Schiffe auf der Middle Passage hin und her und transportieren Sklaven, die sie nun in die Neue Welt einschmuggeln.

  • wie geht’s los

Die Hauptfigur des Buches ist der schwarze Gelegenheitsarbeiter Rutherford Calhoun. Er lebt in Makanda im Süden von Illinois. Dort rückt ihm eine schwarze Lehrerin namens Isadora derart auf die Pelle, dass es ihm zuviel wird. Rutherford flieht nach New Orleans. In New Orleans schlägt er sich als Tagedieb durch und häuft in kurzer Zeit eine Menge Schulden an. Sein Hauptgläubiger ist ein Mann namens „Papa Zeringue“. „Papa“ ist die schwarze Unterweltgröße der Stadt und hat seine Finger in so ziemlich allen legalen und illegalen Geschäften.

Inzwischen hat Isadora ihren Geliebten bis nach New Orleans gestalkt, „Papa“ aufgesucht und vorgeschlagen, Rutherfords Schulden zu begleichen, sofern er sie heiratet. Eines Tages lässt „Papa“ also Rutherford zu sich holen und macht ihm genau dieses Angebot.

Rutherford ist starr vor Schreck. Erstmal läuft er in die nächste Hafenkneipe, um sich zu betrinken. Neben ihm betrinkt sich gerade ein Schiffskoch namens Squibb. Der hat seinen letzten Tag an Land, bevor er auf die „Republic“ zurück kehrt. In der Nacht schleicht sich auch Rutherford auf das Schiff und versteckt sich unter den Segeln.

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  • Das Schiff

Die „Republic“ ist ein Sklaventransporter auf dem Weg nach Senegambia. Sie transportiert Heu, Whiskey und ein paar andere Sachen. In Senegambia wird der Kapitän (er heißt Ebenezer Falcon) die Fracht gegen 40 Sklaven, gute Felle, Elfenbein, Ochsen, Schafe, Ziegen, Bienenwachs und Gold tauschen. Ebenezer Falcon ist übrigens Kapitän aufgrund seiner Fähigkeit, Geldgeber auf zu treiben, nicht aufgrund seiner Fähigkeiten als Seemann.

  • Hinfahrt

Die Überfahrt ist ein großes Besäufnis. Zunächst von den anderen unbemerkt, gelingt es Rutherford, das Vertrauen des Kapitäns zu gewinnen. In seiner Kajüte entdeckt Rutherford Kisten, die alle möglichen Schätze aus fernen Ländern bergen. Er vermutet, dass der Kapitän eine Art „Dauerauftrag“ hat, seinen Geldgebern wertvolle Objekte mitzubringen, von denen sonst niemand wissen darf.

In Senegambia angekommen, wird das Schiff beladen. Anschließend geht es zurück. Die Stimmung an Bord ist schlecht.

  • Rückfahrt

Das Schiff gerät in einen gewaltigen Sturm. Zunächst wird das Schiff herumgewirbelt, dann taucht es in eine Rinne, die sich zwischen zwei Wellenbergen bildet, die Wellen türmen sich weiter auf, halten stand „als hätte Moses das Rote Meer geteilt“….Die Sonne blieb stehen…Mein Herz setzte aus“ (S. 105). Als die beiden Wellenberge über das Schiff hereinbrechen, spülen sie Menschen und Ladung ins Meer. In der folgenden Nacht beginnt die Mannschaft damit, eine Meuterei zu planen. Es kommt aber nicht dazu: Am Vorabend der geplanten Meuterei meutern statt dessen die Sklaven. Sie lynchen einen Teil der Besatzung. Nur der Kapitän wird eingesperrt, sowie 4 Mann der Besatzung, die sollen das Schiff über das Meer steuern.

  • Die Ökonomie

Falcon ist inzwischen dem Wahnsinn verfallen. Er eröffnet Rutherford, dass das Schiff von drei Geldgebern aus New Orleans finanziert wurde. Ein Baumwollpflanzer aus Georgia sowie 2 Spekulanten aus New Orleans, einer davon Papa Zeringue. Dann erschießt sich der Kapitän. Das Schiff wird eher ziellos in Richtung Karibik gesteuert. Unsachgemäßes Rumfummeln an einer der Bordkanonen führt zu einer gewaltigen Explosion. Das Schiff sinkt. Rutherford schnappt sich das Logbuch, findet sich ansonsten mit seinem Tod ab und wird doch noch – fast bewusstlos – an Bord eines anderen Schiffes gehoben. Der Kapitän des Schiffes stellt dem Geretteten den Eigner vor, der ebenfalls an Bord ist: „Papa Zeringue“.  Rutherford konnte das Logbuch der „Republic“ retten und trägt es immer noch bei sich. Damit erpresst er nun Papa.

  • Happy End

Mit dem Wissen aus dem Logbuch kauft er nun seinerseits Isadora frei, die Zeringue zur Ehe versprochen ist. Papa Zeringue windet sich. Er wußte angeblich nichts von den Sklaven. Er wollte eigentlich nur seine Geschäfte „diversifizieren“, Felle, Reis, Butter importieren, und hatte angeblich keine Ahnung davon, dass der Kapitän auch Sklaven an Bord nahm. Das Logbuch sagt was anderes. Rutherford beschließt, nach Süd-Illinois zurück zu kehren, dort eine Familie samt Farm zu gründen. Da kommt ihm Isadora gerade recht.

Papa lässt ihn und Isadora gehen, Rutherford adoptiert drei Kindersklaven, die das Schiffsunglück ebenfalls überlebt haben, und nimmt auch diese mit sich in sein neues Leben an Land.

  • Bemerkungen

Einerseits laviert der Roman zwischen Abenteuergeschichte und der umrahmenden Love Story hin und her. Andererseits handelt er davon, wie ein naiver Mann durch die Ereignisse auf See erwachsen wird und Verantwortung übernimmt. Etliche wundervolle Beschreibungen, oft voll humorvoller Ironie und manchmal bissig geschrieben machen das Buch zum Lesevergnügen.

Johnson schrieb noch eine Reihe weiterer Romane und Erzählungen. Meines Wissens ist „Die Überfahrt“ sein einziges Werk, das ins Deutsche übersetzt ist. Schade eigentlich.

 

4-jähriges Blogjubiläum

Nun hat mir WordPress zum 4-jährigen Bestehen meines Blogs gratuliert. Ich hab mich gefreut. Ein großes Danke an alle, die diesen Blog gesucht, gefunden, gelesen, kommentiert, mit Likes versehen haben und ihm folgen.

Und hier kommen die originellsten Suchbegriffe, die zu diesem Blog führten:

  • wer waren die alten gelehrten

 der beste war mein Opa, auch Namensgeber dieses Blogs

  • dosen uberleben flug

 Schön für die Passagiere, die hoffentlich auch überleben

  • schwerer traum

 dass diese Suche zu diesem Blog führt, ist immerhin ein Anfang

  • m*c2

  dass diese Suche zu diesem Blog führt, ist ein Kompliment, keine Frage

  • karte von amarna liegt zwischen theben

  Aha, Zwischen Theben liegt die Karte? Antikes Geo-Caching

  • wie weit muss ein kapitän von der nordsee bis nach hamburg über die elbe fahren

  Vermutlich so weit wie sein Schiff

  • herren portwein

  und damen sherry, alles klar

  • klopse rasputin

 kennt jemand das Rezept 

  • cicero kotz senator voll

das war bestimmt ein Altphilologe

  • wie weit ist das meer von antwerpen

da dämmert Lyrisches

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 da muss einer drauf kommen

  • pamela dankbar

das ist nett von Pamela

  • mosel witze

ich kenne keine, es dürften aber meist abgetakelte Rhein-Witze sein

  • erzaehlungen die in birmingham spielen

In der Ecke liegt ein SuB für mögliche neue Beiträge. Ich geh dann mal suchen…

 

 

 

Cartagena im 18 Jahrhundert – „Von der Liebe und anderen Dämonen“ von Gabriel Garcia Marquez

Gabriel Garcia Marquez erhielt im Jahr 1982 den Nobelpreis. Im Jahr 1994 veröffentlichte er den Roman „Del Amor y otros demonios“. Die deutsche Übersetzung von Dagmar Ploetz ist betitelt „Von der Liebe und anderen Dämonen“, Hardcover, Kiepenheuer und Witsch, 224 Seiten.

  • Ort und Zeit

Der Leser reist mit diesem Buch in die Stadt Cartagena im heutigen Kolumbien. Cartagena war eine der wichtigsten Städte im Vizekönigreich Neu-Granada. Die Handlung ist in der Zeit der spanischen Vizekönige angesiedelt und beginnt an einem Tag im Dezember. Das Jahr ist unklar, irgendwann im 18. Jahrhundert. Die wichtigste Rolle im Leben der Stadt spielte der Hafen.

  • Im Hafen

Sechs Monate lang ist er voller spanischer Schiffe. Dann füllt sich die Stadt mit Leben, sechs weitere Monate ist die Stadt verschlafen und erwartet die Rückkehr der Schiffe (S. 26). Doch der Hafen hat seine besten Tage hinter sich. Vor allen Dingen Havanna und die englischen Antillen sind eine Konkurrenz. Eingeführt werden Sklaven und Mehl, für beides gibt es Importkontingente, ausgeführt wird Zucker.

Sobald die Galeonenflotte im April „mit berstenden Segeln“ (S.77) in den Hafen einfährt, verwandelt sich die Stadt. Marionettenspieler, Feuerschlucker und Händler, Feuerwerke machen die Stadt zu einer farbenfrohen Kulisse.

In der Nähe des Hafens befindet sich das Sklavenviertel Getsemani. Hier beginnt der Roman mit einer dramatischen turbulenten Marktszene. Auf dem Markt werden Sklaven verkauft. Ein tollwütiger Hund rennt durch die Menge und beißt vier Personen, darunter Sierva Maria. Eigentlich ist es kein Biss, sondern eine kleine Kratzwunde am Knöchel. Aus dem Biss in Verbindung mit komplizierten Verhältnissen von Macht und Schwäche entsteht nun ein schwermütiges Drama.

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  • Weiteres Personal

Sierva Maria ist 12 Jahre alt und die einzige Tochter des Marques von Casalduero, eines Großgrundbesitzers mit Stadtwohnung in Cartagena. Der Marques fühlt sich in seiner zweiten Ehe am Ende seines Lebens und ergibt sich freudlos in sein Schicksal. Seine erste Frau starb durch einen Blitzschlag, der sie traf, während sie in einem Orangenhain musizierte. Mit ihr verlor der Marques auch seinen Glauben.

Nun ist er zweiter Ehe mit Bernarda verheiratet. Sierva Maria ist beider einziges Kind. Es wächst abseits der Stadt auf, in der Zuckermühle von Mahates. Der Ort liegt im Landesinnern unweit des Rio Grande de la Magdalena. Über diesen Fluss wird der gesamte Handel mit dem Landesinnern abgewickelt (S. 69).

Bernarda vergnügt sich allerorts außerehelich, berauscht sich mit gegorenem Honig, zypriotischem Cannabis und philippinischem Opium. Sierva Maria gerät bei ihr in Vergessenheit.  Das Kind jedoch weigert sich, zu verwahrlosen. Es spielt mit den Sklaven, lernt auf diese Weise deren Sprache Yoruba sowie einige deren Geister kennen. Mit den Sitten und Gebräuchen der Sklaven geht sie ebenfalls unbefangen um.

  • Handlung

Nach dem Hundebiss wird jede kleine Krankheit oder Schwäche des Kindes als Symptom von Tollwut interpretiert.  Ärzte, Quacksalber und Scharlatane geben Ratschläge zur Genesung oder verabreichen Rezepturen, die nichts bewirken.

In Cartagena gibt es natürlich auch einen Bischof, kein Mann von himmlischen Visionen, sondern einer, dessen Reich von dieser Welt war (S. 116). Er, der erst kurze Zeit im Amt ist, erfährt von der Unruhe um die Tochter des Marquis. Er empfiehlt, Sierva in das Kloster der Clarissinen einzuliefern.

Dessen Äbtissin sucht in jedem alltäglichen Phänomen das Geheimnisvolle. Aus Gründen, die in der Klostergeschichte liegen, ist sie feindselig gegenüber dem Bischof eingestellt und nicht gewillt, ihm einen Gefallen zu tun. Und so sieht sie alles Geheimnisvolle (also alles Alltägliche) als Beleg dafür an, dass Sierva besessen ist.

Einziger Vertrauter des Bischofs ist sein Bibliothekar und Vorleser, Cayetano Delaura. Er erzählt dem Bischof seinen Traum von einem eingesperrten Mädchen, dessen Erscheinung der Siervas entsprach. Der Bischof ist verblüfft und überträgt Delaura das weitere Schicksal des Mädchens. Zur Mitte des Buches tritt also Delaura in das Leben des Mädchens, indem er sie im Kloster aufsucht.

  • Sonnenfinsternis

Die klerikalen Herren sitzen auf der Veranda und blicken aufs Meer. Gleich wird der „Zauber einer falschen Nacht“ beginnen. Sie halten sich rußgeschwärzte Gläser vor ihre Augen. „Pelikane hingen mit ausgebreiteten Flügeln reglos in der Luft, wie im Flug gestorben“ (S.137). Es wird dunkel, alle Sterne leuchten gleichzeitig auf, Hühner kehren auf ihre Stangen zurück. Die Nonnen betrachten die Sonnenfinsternis kniend. Zwölf Minuten später ist „der Zauber der falschen Nacht“ vergangen. Delaura besucht Sierva Maria im Kloster, das aber erst mal von der Sonnenfinsternis genesen muss.

Neben Delaura gewinnt Sierva Maria zwei weitere Freunde: Ein Armenpater aus Getsemani an. Dieser wird leblos aufgefunden, Ursache unklar. Und Martina Labore. Sie sitzt seit Jahren im Klostergefängnis ohne Aussicht auf Begnadigung, weil sie zwei Nonnen ermordet hat.

Am Ende plant Sierva Maria mit Delaura ihre Flucht. Zwölf Meilen südlich der Zuckermühle Mahates liegt das Dorf San Basilio del Palenque, ein von entlaufenen Sklaven gegründeter Ort. Delaura wird jedoch verhaftet, des Missbrauchs von Sierva Maria angeklagt und verurteilt. Wenige Tage später ist Martina aus dem Gefängnis geflohen. Sierva Maria wird beschuldigt, ihr zur Flucht verholfen zu haben. Zur Strafe wird sie nun einem Ritual des Exorzismus unterworfen. Danach weigert sie sich tagelang zu essen und stirbt.

  • Bemerkungen

Ich tat mir mit dem Buch schwer.

Im Prolog beschreibt Marquez, wie bei Ausgrabungen im Jahr 1945 der Leichnam eines Mädchens mit wallendem Haar gefunden wird. Dieser Fund inspirierte den Autor zu dem Roman. So ist schon zu Beginn für den Leser klar, dass die Geschichte ein unglückliches Ende nimmt. Dies ist eine Konstellation, die mich nicht immer zum Lesen motiviert.

Diese Geschichte ist voller Dramatik, zuerst wird jemand für krank erklärt, dann für besessen, und schließlich wie eine Kriminelle behandelt, eine klassische Intrigengeschichte um Macht und Wahrheit also. Warum gerade ein 12jähriges Mädchen derart zwischen Macht und Lügen zerrieben wird, überzeugt mich erzählerisch nicht. Andererseits ist das Buch wegen der dichten und oft klaustrophobischen Atmosphäre, die es beschreibt, durchaus lesenswert. Der Leser braucht allerdings die passende Stimmung dazu.

 

 

Segeln lernen auf Hiddensee: F.C. Delius „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“

Der Autor F.C. Delius schrieb die Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ im Jahr 1995 frei nach einer wahren Begebenheit. rororo-TB 155 Seiten.

In einem Satz

Ein Kellner unternimmt zu DDR-Zeiten eine Reise von Hiddensee nach Syrakus und zurück.

Hiddensee

Die Insel Hiddensee liegt wenige Kilometer westlich der Insel Rügen, von ihr getrennt durch den Vitter Bodden und den Schaproder Bodden. Die Insel erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung auf knapp 17 Kilometern Länge. Ein Jachthafen befindet sich in Neuendorf im Osten der Insel, also Rügen zugewandt. Wer von hier aus auf die offene Ostsee segeln möchte, hat zwei Wege zur Wahl.

Die „Nordroute“ führt zwischen den Sandhaken Bug (Rügen) und Bessin (Hiddensee) hindurch. Um sie mit einem Segelboot zu fahren, sind sehr komplizierte Windverhältnisse notwendig. Günstiger ist die „Südroute“. Um die geht es hier.

Der Held

Die Hauptfigur heißt Paul Gompitz. Er ist Kellner an der Ostsee. Zunächst auf Schiffen, die zwischen Rostock, Rügen und Dänemark verkehren, später auf küstennahen Ausflugsschiffen oder in Lokalitäten an Land. Er verdient während der Sommermonate so gut, dass er in den Wintermonaten nicht arbeiten braucht. Außerdem hat er sich 4000 Westmark angespart.

Viele seiner Kollegen an Bord der Ausflugsschiffe erzählen von ihren Reisen in andere Länder. Gompitz leidet ein wenig darunter, dass er nichts dergleichen zu erzählen hat. Er liest gerne das Buch „Spaziergang nach Syrakus“ von Johann Gottfried Seume, und eines Tages im Jahre 1981 beschließt er, den Reisebericht Seumes nachzufahren. Seine touristischen Ausreiseanträge werden abgelehnt. Also plant er seine Flucht mit dem Segelboot. Er macht auf Rügen den Segelschein, kauft eine Jolle und findet einen Liegeplatz in Neuendorf. Er bildet sich ständig weiter, sowohl was Segeltechnik betrifft als auch was Reiseziele betrifft. Und schließlich wartet er auf eine Gelegenheit, los zu segeln. Er weiß, dass diese Gelegenheiten selten sind. Während der Sommersaison würde er im Hafen zu sehr auffallen, wenn er sein Boot fertig macht. Im Winter ebenso. Und der Wind muss stimmen. Die perfekte Gelegenheit kommt am 8. Juni 1988.

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Die Südroute

Paul sitzt in Rostock beim Frühstück. Er hört wie jeden Tag den Seewetterbericht. Was er hört, elektrisiert ihn: Wind von Nordost, das ist gut. Der Wind füllt den Bodden mit Wasser. Besser noch: Der Wind kommt nicht von einem skandinavischen Hoch, sondern einem ostwärts drehenden Tief. Das bedeutet richtiges Mistwetter, eine diesige Nacht. Und dieses Wetter bleibt für 24 Stunden stabil. Er fährt von Rostock über Stralsund nach Neuendorf, wo er gegen 20 Uhr ankommt. Ein Angler am Hafen verunsichert ihn. So kann er erst gegen Mitternacht losfahren.

Die Route führt zunächst von Neuendorf nach Süden. Der Wind ist abgeflaut und hat auf Nord gedreht. Das Wasser ist flach, Gompitz kann die Schwerter seiner Jolle nicht ausfahren. Um nicht entdeckt zu werden, muss er dicht ans Land heran, er stakt mit dem Paddel. Bei der Orientierung hilft das Leuchtfeuer des Dornbusch ganz im Norden der Insel. Er passiert die Insel Gänsewerder. Nach Süden hin ist die Orientierung schwieriger. Die Bojen, welche die Stralsunder Ausfahrt markieren, werden nur beleuchtet, wenn ein Schiff erwartet wird. Irgendwann kommt die erleuchtete Stralsunder Werft in Sicht und dient als Fixpunkt im Süden.

Er ist aus dem Flachgewässern raus, nach 100 Minuten Fahrt erreicht er den Gellen, die Südspitze von Hiddensee. Nun beginnen die schwierigen Wendemanöver zunächst nach Westen und dann nach Norden. Plötzlich sind beide Orientierungspunkte weg. Der Parower Haken verdeckt Stralsund, die Dünen auf dem Gellen verdecken die Sicht auf den Dornbusch im Norden. Nun muss Gompitz aufpassen, dass er nicht auf die Insel Bock prallt. Er dreht nach Norden, die Schwerter rucken hoch, er ist auf der Sandbank, die der Insel Bock vorgelagert ist.

Dann ist er auf der offenen See, fährt der ost-westlich verlaufenden Küste entlang, hat Glück, dass vor Zingst und Darßer Ort kein Küstenboot patrouilliert, und ist auf dem Weg nach Dänemark.

Der Rest der Geschichte

In Dänemark wird Gompitz verhört, der BRD überstellt. Nach kurzen Verhören wird er freigelassen. Er arbeitet an mehreren Orten als Kellner. Schließlich fährt er über Wien weiter nach Italien. Hier saugt er das Leben ebenso in sich auf wie die historischen Stätten. Die Italiener, denen er seine Geschichte erzählt, sind überwältigt davon, was ein Mann auf sich nimmt, um ihr Land zu sehen.

Stets geplagt von seiner Sehnsucht nach Rostock und seiner Frau Helga reist er im Herbst wieder zurück. Er erntet Unverständnis mit seinem Wunsch, in die DDR zurück zu reisen. An der Grenze wird er von zwei „Knochenbrechertypen“ verhaftet, von der Stasi verhört, ins Gefängnis gesteckt, von Zellengenossen ebenfalls verhört, und eines Tages erfährt er, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Bemerkungen

Als erstes gefiel mir die Perspektive: Paul Gompitz ist der Held, der einzige Handelnde. Der Autor bleibt streng an ihm „kleben“. Und gleichzeitig bleibt Gompitz an seiner Geschichte kleben, die er stur, zielstrebig, verträumt, schlagfertig, geheimnisvoll weiter verfolgt. Nur aufgeben kam für ihn nie in Frage, ebenso wenig wie eingeschüchtert zu werden. So ergibt sich eine kompakte und schöne Geschichte. Ein wenig ist es auch eine Liebesgeschichte, denn die Rückkehr hat auch viel mit Gompitz‘ Frau Helga zu tun.

Lesenswert.