Karte xxx: Frau Knef reist umher und will nicht

Um es vorweg zunehmen: Ich mag an ihr einiges und einiges nicht. Ihre Lieder aus dem 60ern sind kraftvoll und voller großstädtischer Dynamik, optimistisch. Sie sind Berlinlastig. Aber sie reist viel umher. Aber wo sie auch ist, will sie nicht sein und zurück nach Berlin. Dabei geht es weniger um Heimweh als ein Zurück in turbulentes, ereignisreiches und treibendes Leben.

  • Kein Venedig

Sie ist direkt: Sie braucht kein Venedig, keine Gondeln und Palmen. Und auch sonst ist der Raum um das Mittelmeer herum, sei es per Flugzeug (in schwindelnden Höhen)oder Schiff (keine Häfen an südlichen Meeren) erkundet, nicht so das Wahre.

  • Keine deutschen Großstädte

Sie hat Heimweh – also doch, nach dem Kurfürstendamm. Egal, ob in Frankfurt, München, Hamburg oder Wien, da ist nicht das Tamtam, der Trubel, den sie liebt.

  • … und keine europäischen

Und schließlich ist es auch in Paris schön, oder im Mai in Rom, wenn alles grün (wobei die Pinien ja ohne sie grün sind, aber gut) oder beim Wein an einem Abend in Wien (auweia, da ist der Pfälzer in mir sauer). Aber Berlin bleibt doch Berlin.

 

In einem Satz

Adliger auf Brautschau wird mehrerer Morde verdächtigt

Orte:

Epsom

HAfen

 

Muskau trifft in London ein. Gasthaus, erste Leiche (Frau, die auf dem gleichen Schiff überfuhr)

 

Wirtshaus (Clarendon Hotel)

 

In den Straßen der Stadt wird er von einem gut gekleideten Herrn angesprochen, der sich ihm als Diener in England anbietet.

Mit diesem gewinnt die Geschichte nun an Fahrt:

Muskau erfährt, dass er auf die Bälle der Lady Lieven, Gattin des österreichischen Botschafters, geladen werden muss. Muskau wird dort vorstellig, jedoch abgewiesen. Also in die ärmeren Viertel, nach Whitechapel. Dort jedoch müssen sie vor bettelnden Kindern und käuflichen Mädchen fliehen.

Muskau hat alsokeinen Erfolg gehabt, und seine Reisekasse ist leer. Er will bei Baron Rothschild um einen Kredit nachfragen.

Baron empfängt. Er bietet eine Wette.

Rothschild führt Muskau in die Gesellschaft ein. Er will das Theater besuchen. Auf der Lutschfahrt dorthin macht sich eine gewisse Lady Wyse an ihn heran, er verweist sie des Gefährtes und nimmt seinen Platz im Theater ein. Lady Wyse springt aus Verzweiflung in den Serpentine River, wird jedoch gerettet.

Im Theater macht sich zunächst eine „Gay Lady“ an Muskau heran; er weist sie empört ab. Später macht sich ein Freudenmädchen an Muskau heran. Er stößt sie weg, am nächsten Morgen ist das Freudenmädchen tot.

Rothschild zieht Muskau aus dem Verkehr indem er ihn zu Besuch nach Epsom bittet.

Anfahrt: Newington, Lambeth, Landstraße Richtung Brighton. Muskau in schwerem Reisewegen, da er weiter zur Küste wollte.

Muskau flirtet mit einer schönen jungen Frau. Später wird diese ermordet in einem der Pferdeställe gefunden. Muskau wird von königlichen Wachen nach London expediert. Er gibt seine Beobachtungen zur Protokoll, es wird keine Anklage gegen ihn erhoben, er darf jedoch England nicht verlassen.

Er geht wieder mal zu Lady Lieven, diesmal wird er zu einer Gesellschaft ins Ballhaus in der King Street geladen. Dort macht er die Bekanntschaft eines Journalschreibers namens Charles Dickens. Und er wird von einem Konstabler abgeführt und in die London Morgue gefahren. Dort liegt Gay Lady Sarah Myrtle, die er ebenfalls bei dem tragischen Theaterbesuch weg geschickt hat.

 

Nun benötigt Muskau ein Alibi für die Stunden nach dem Theaterbesuch. Lady Wyse bietet es als Gegenleistung für ein Schäferstündchen an. Muskau fährt nach Chatham und trotz dringlicher anonymer Warnung – nun ja- besiegelt er das Geschäft. Lady Wyse hat ihren Teil des Deals und Moskau ist erleichtert. Ein Spaziergang mit Rothschild durch den Hyde Park jedoch offenbart ihm den wahren Charakter von Lady Wyse, die sich im Hafenviertel feil bietet und somit nicht glaubwürdig ist.

Inzwischen hat sich Muskaus Anwesenheit und Absicht in London herumgesprochen. Derweil nimmt Muskau selbst von seinen Absichten mehr und mehr Abstand, schlicht mangels erwartbarem Erfolg.

Henriette Sontag, eine berühmte Sängerin lädt ihn ein, an einem Musikpicknick auf einem Boot teilzunehmen. Flußaufwärts nahe Windsor besteigt man ein Ruderboot. Frau Sontag bestärkt Muskau in seinen Plänen, eine Dame für eine Mitgiftheirat zu finden.

 

Bemerkungen

Ein wenig mehr über Gärten hätte ich schon gerne erfahren, und über die Entwicklung der Gartenbaukunst. Aber es ist ja kein Sachbuch. Als Roman nett und leicht lesbar. Besonders gefiel mir das Spiel mit Figuren, die Muskau traf. Der Autor bedient sich einer kreativen Freiheit, mit der Zeit zu spielen. Dickens war in der fraglichen Zeit zu jung, um Moskau zu treffen. Nebenbei taucht Bettina von Arnim auf Dienstreise (Stoff für Romane suchen) auf, der Diener erinnert sehr an Sherlock Holmes, und heißt auch so.

 

 

Ein Hausbootkrimi – M.M. Kaye „Death in Kashmir“

 

  • Der Anfang

Janet und Sarah, zwei junge Engländerinnen befinden sich auf einer Skifreizeit. Sie sitzen in einer eingeschneiten Hütte und unterhalten sich übers Skifahren, den Schnee und ihre Jobs. Das klingt recht harmlos, wäre da nicht der Anlass für das Gespräch: Sara sah und verjagte eine dunkle Gestalt, die vor Janets Hütte stand. Und der Job: Beide sind beim britischen Geheimdienst beschäftigt. Und die 3 Todesfälle, über die Janet berichtet: Ihre Auftraggeberin Mrs Matthews, eine hochrangige Agentin; ein Bote des Geheimdienstes, der auf dem Weg zur Skihütte aus dem Zug fiel; und der Ersatzbote, der von einem Jagdausflug nicht zurück kehrte.

Einige Tage später ist auch Janet tot, sie kehrte von einem Skiausflug nicht mehr zurück. Die Behörden lassen es wie Unfälle aussehen, doch an einigen Details wird Sarah schnell klar, dass es sich um Morde handelte.

  • Das Buch

So jagt der Leser durch die ersten 100 Seiten des Buches „Death in Kashmir“ von M.M.Kaye. Die deutsche Übersetzung von Ursula Kupsch-Langhein trägt den Titel „Vollmond über Kaschmir“. Damit gibt sie zwar den Titel des Originals nicht gerade sinnvoll wieder, die Übersetzung ist aber an manchen Textstellen nicht ohne Humor. Ort der Handlung bis dahin: ein bei Engländern beliebtes Skigebiet in Kaschmir. Eine Reisegruppe verlebt dort einige Tage, es ist die letzte Skifreizeit des Skiclubs. Am folgenden Sommer werden sich die Engländer als Kolonialmacht zurück ziehen. Wir sind also im Jahr 1946.

Nach diesen 100 Seiten weiß der Leser, dass Sarah – qua Ableben aller anderen wichtig erscheinenden Figuren – die Hautperson des Roman ist. Und um zur Ruhe zu kommen, fährt die ganze Reisegruppe ins Tal nach Rawalpindi. Dort verlebt Sarah erstmal einige schöne Monate in der englischen Gesellschaft, bis es im Mai wieder zurück geht, nach Srinagar.

  • Srinagar

Die politische Situation Kaschmirs ist geprägt von den englischen Kolonialherren. Es gehört nicht zum Vizekönigreich Indien, es wird von einem Maharadscha regiert

Überhaupt: Srinagar. Dieses „merkwürdige Konglomerat aus altem und neuem Indien“,  am und über dem Fluss Jelhum gelegen, beschirmt von einem gekrümmten Ausläufer der Berge und in der Nähe einer herrlichen Seenkette. Der Fluss, der bis dahin durch die engen Gebirgsschluchten tobte, verbreiterte sich hier zu einem sanften Strom, der … von Weiden und Chenarbäumen umsäumt, heiter dahinfloss (S. 140).

Hier sucht Sarah das Hausboot, das die ermordete Janet gemietet hatte. Es heißt „Waterwitch“. Sie findet es in Chota Nagin, einem kleine Nebensee des großen Dal Lake. Hausboote sind hier überhaupt eine übliche Form der Unterkunft. Sarah hat Janets – bereits bezahlten – Pachtvertrag in Händen, so dass es für sie kein Problem ist, das Boot zu übernehmen.

  • Das Hausboot

Damit jedoch beginnen die Verwicklungen. Andere Briten in Srinagar beginnen, Sarah auszufragen, und die gute Sarah weiß irgendwann nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, wem gab sie welche Antworten, welche davon brachten sie selbst in Gefahr, und wem darf sie trauen. Immerhin sind da noch 4 unaufgeklärte Morde. Und so kann Sarah die potentielle Bedrohlichkeit der Situation nicht jederzeit ausblenden. Vor allen Dingen dann nicht, wenn das Hausboot knarzt, sie Schritte zu hören glaubt, oder es ganz allgemein Nacht ist. Oder Sturm.

Das ist das eigentlich spannende an dem Buch: Die enge Atmosphäre auf der Waterwitch. Auf einem Hausboot ist es niemals völlig still.

Aber welche Geräusche kommen von den Wellen, welche verursacht ein Sturm, welche Sarahs Hund und welche ein möglicher Einbrecher? Und dann ist manchmal schon jemand auf dem Boot, ein einheimischer Diener, oder Henry. Der wird nämlich zu Sarahs Vertrautem. Und mit ihm gleicht sie die Geschichten ab, die sie erzählte. Mit ihm geht sie auf eine Party.

 

 

 

 

 

Quer durch den Hunsrück: Hildegard von Bingen

  • Das Buch

Es geht um den Roman „Hildegard von Bingen“ von Edgar Noske. Der Autor schrieb eine Reihe von regionalen Romanen, die in Köln oder der Eifel angesiedelt sind. Der hier vorliegende ist von 1999, Lizenzausgabe von 2003, TB 320 Seiten, der Anhang enthält ein Glossar. Im Vorsatz heißt es: „Anspielungen auf Ereignisse des aktuellen Zeitgeschehens sind … unverzichtbar, selbst wenn sie zu Lasten der einen oder anderen historischen Genauigkeit gehen“. Der Leser – der zu diesem Zeitpunkt der Lektüre noch keiner war –  hätte hellhörig werden können.

  • In einem Satz

30 Jahre alte Leiche stiftet Verwirrung

  • Die Geschichte

… beginnt im Kloster Rupertsberg im Rheingau. Über die Weinhänge legt sich ein schwüler Herbst. Es ist September des Jahres 1177, das Brot schimmelt schneller als es gegessen werden kann, und schwüle Tage erschweren alten Menschen das Atmen. Zu diesen alten Menschen gehört Hildegard, die Klostervorsteherin. Sie ist 75, arbeitsam, allgemein sehr beliebt, und weiß, dass sie noch 2 Jahre leben wird. An einem Tag in besagtem Herbst trifft ein Gast ein: Der Klosterschreiber Wibert. Hildegard hat ihn sich als Schreiber für ihre letzten beiden Lebensjahre gewünscht.

2 Monate später, November: Der „Strom“ (so wird im Buch der Rhein genannt) führt Hochwasser. Seit Tagen peitscht böiger Wind kalten Regen über den Rupertsberg. Die Feuchtigkeit setzt sich in den Mauern fest. Plötzlich entsteht unter den Nonnen erschrockene Unruhe. Der Dauerregen hat an Fuße einer Mauer ein Skelett freigespült.

Hildegard ist sofort klar, wer der Tote ist: ein abgestürzter Bauarbeiter aus der Zeit des Klosterbaus. Aber Wibert hinterfragt die Geschichte. Nach langem Hickhack fasst Hildegard das Vertrauen, die Geschichte zu dem Toten zu erzählen. Von jetzt an wird es Wiberts Aufgabe sein – so Hildegard -, eine zweite Biographie zu verfassen, durch welche die Welt erfahren soll, wie Hildegard wirklich war. Jahre zuvor hat ein anderer Schreiber, Vilmar, eine Lebensgeschichte verfasst, in der Hildegard als Unfehlbare dargestellt wird. Jetzt will sie das nicht mehr. Dem Leser ist klar: Sie ist verantwortlich für den Tod des Gefundenen.

Der Leser wundert sich hier über hohe Reflektionsniveau der Protagonistin. Sie ist sich ihrer Wirkung durch die Jahrhunderte bewusst und will diese Wirkung durch eine Biographie brechen. Es ist nur ein Gefühl, dass hier irgendwas nicht zusammen passt. Also erstmal hören, welche Geschichte zu dem Toten gehört. Diese Geschichte beginnt im Jahre 1147.

  • Von Disibodenberg nach Trier

Am Zusammenfluss von Glan und Nahe befindet sich ein Hügel. Darauf steht das Kloster Disibodenberg. Dessen Abt heißt Kuno, ein kleinwüchsiger und schmächtiger Mann. Hildegard lebt mit einigen anderen Nonnen in der Frauenklause von Disibodenberg. Die ist nun zu klein, und Hildegard wünscht, ein eigenes Kloster zu gründen. Kuno verweigert ihr den Wunsch. Immerhin prosperiert das Kloster durch Hildegards zunehmende Berühmtheit (der Leser wird über den Zusammenhang im Unklaren gelassen). Hildegard aber verfolgt ihre Idee eines eigenen Klosters hartnäckig weiter.

Sie möchte Kuno umgehen und sich eine Erlaubnis des Papstes besorgen. Chronistenpflicht: Es handelt sich um Eugen III. Der war kurz nach seinem Amtsantritt aus Rom verjagt worden und residiert nun vom „Reisethron“ aus. Er sucht sich hier und dort Gastgeber, die ihn für einige Zeit beherbergen. Im fraglichen Winter ist das der Bischof von Trier. Und damit es allen nicht zu langweilig wird, wird eben eine Synode einberufen. Abt Kuno verweigert Hildegard die Reise nach Trier. Sie jedoch entwischt in einer verschneiten Februarnacht 1147 und macht sich mit wenigen Vertrauten und einigen Maultieren auf den Weg.

Es ist Februar, der Schnee ist tief. Die Reise soll zunächst zu einem Quartier im dem kleinen Weiler Hahnenbach führen. Doch die kleine Gruppe kommt nicht soweit. Der tiefe Schnee und zaudernde Begleiter bremsen. In einer Höhle, irgendwo im Hunsrück hält die kleine Gruppe Nachtquartier. Am nächsten Tag geht es weiter zur Burg Tronecken. Der dortige Graf nimmt sie gefangen und fordert von Kuno Lösegeld. Auf Burg Tronecken treffen sie auf einen weiteren Gast (einen freiwilligen), Graf Jerome von Carcassonne. Der französische Graf – o la la man ahnt es – bringt nun die Geschichte der Frauen ordentlich durcheinander.

Wieder gelingt es, zu entwischen. Trier: Papst Eugen verweigert Hildegard die Klostergründung. Jerome jedoch klärt den Papst auf, dass Kuno den Grafen von Tronecken für die Gefangennahme bezahlt hat. Eugen ändert nun seine Meinung.

Das neue Kloster soll in Rupertsberg bei Bingen gebaut werden. Erstmal muss das Grundstück erworben werden. Kuno hat das spitz gekriegt und schickt seinen Adlatus hin, um das Grundstück zu kaufen, Preis fast egal. Der Adlatus mißversteht den Auftrag, kauft das Land und verkauft es sofort für den doppelten Preis an die Klostergründer weiter. Kuno ist sauer.

Die Bauarbeiten gehen langsam voran, weil Kuno keine Mittel zur Verfügung stellt. Eines Tages sieht Hildegard, wie Ricardis und Jerome eng beieinander stehen. Im Eifersucht-Wortgefecht strauchelt Jerome und stürzt zu Tode. Das ergibt dann 30 Jahre später die Leiche vom Romananfang.

Der Bau geht weiter. Hildegard hat weiter ihre Visionen. So wird sie gewahr, dass Kuno Leben endlich ist. Diese überwältigende Nachricht übermittelt sie einem Vertrauten, ihrem Biographen Vilmar. Der versteht die Nachricht als Auftrag zum Mord an Kuno. Schwäche und Phantasielosigkeit verleiten Vilmar aber lediglich dazu, Kuno ein Glas Wasser zu verabreichen. Die Vereinnahme des Getränkes begleitet Vilmar mit den Worten, dass es sich um Gift handele. Kuno erschreckt sich zu Tode und lebt ab.

Dies alles vermittelte also Hildegard dem Schreiber Wibert, 2 Jahre vor ihrem Tode.

Finis

  • Bemerkungen

Ich hatte mir mehr versprochen, mehr Spannung, mehr Zeitkolorit, mehr historische Fakten, mehr Dramatik. Zwei Unfälle passieren, und alle fühlen sich schuldig, das ist für einen Mittelalterkrimi wie ich finde zu wenig. Über das Wirken der Hauptfigur erfährt man wenig außer dass sie viel unterwegs ist und Bauarbeiten beaufsichtigt. Außerdem habe ich den Eindruck, dass der Autor sich wenig mit Leben und Kultur der Zeit befasst hat. Aber dafür gibt es ja aktuelle Bezüge: Das Wort „Staatsraison“ aus Hildegards Mund, der Satz „Eher wird ein Pole Papst als dass Hildegard in Trier ankommt“ und einige mehr sind gewiss nicht zeitgenössisch, verwirren und ergeben keinen erzählerischen Sinn.

 

 

Karte 44: Die amerikanische Wüste im deutschen Schlager der 70er Jahre

Wie ich auf dieses Thema kam Ich habe mir alte Platten angehört. Schlagersammlungen. In den 70ern gab es regelmäßig Platten, auf denen die aktuellen Schlager zusammengefasst wurden. Diese wurden dann zugunsten der Deutschen Sporthilfe oder der Aktion Vergissmeinnicht verkauft (2 Mark aus dem Erlös gingen dann an die jeweilige Organisation).

  • Arizona

Auf der Platte xxx findet sich der Schlager Arizona Man von Mary Roos. Der Komponist Giorgio Moroder schuf hier den ersten deutschsprachigen Song, in dem ein Synthesizer verwendet wurde, und das auch in einer eingängigen Melodie. Im Text von Michael Holm begehrt sie einen Herrn aus Arizona, den sie jedoch wegen ihrer Eltern nicht treffen darf. Nunja, 1970 eben. Nachdem der Text durch ist, darf sich Moroder nochmal am Synthesizer austoben. Wenn Mary Roos – oder andere Sängerinnen –  das Lied heute noch ziemlich ironiefrei zum besten geben, wirkt es etwas peinlich.

  • New Mexico

Also weiter nach Albuquerque. Das liegt in New Mexico. Auf dem Marktplatz dort lebte jahrelang ein Mann. Er ist der Ansicht, dass die Menschen zu traurig sind und möchte sie erheitern. Deswegen schnitzt er Puppen und spielt mit ihnen Geschichten für die Menschen, mal traurige, mal frohe, und „nicht immer endet ein Spiel im Glück“. Der „Puppenspieler von Mexico“ ist also eigentlich aus New Mexico, und auf diesem Schleichweg wäre Roberto Blanco mitten in der amerikanischen Immigration-Problematik gelandet. Ich unterstelle ihm keine Absicht.

Aber es ist Anlass, mir das Original anzuhören. Auch der „Young New Mexican Puppeteer“ von Tom Jones spielt in Albuquerque. Auch er sieht, dass mit den Menschen was nicht stimmt, dass sie mit angstvollen Gesichtern („frowns and worries in theier faces“) umherlaufen. Dann erfindet er einige Figuren aus Holz und spielt den Menschen Geschichten vor, um ihnen ihre Angst zu nehmen.

Und welche Figuren er schnitzt! Abe Lincoln lehrt ihnen Bürgerrechte, Martin Luther King zeigt, wie sie friedlich kämpfen. Und tatsächlich kommen die Menschen von überall her. Sie verlieren ihre Angst, indem sie über Bürgerrechte aufgeklärt werden. Das macht auch ihn berühmt und bringt ihn auf die ganz große Bühne. Wow, ein interessanter, politischer Text.

  • Nevada

Die Reise geht nach Westen, Las Vegas ruft. Oder Roberto Blanco nochmal. Las Vegas ist schuldig, er träumt und kann nicht schlafen. Denn „was ich verlier, schenkt mir ein neues Spiel im nächsten Augenblick“. Aha, denkt der mathematisch orientierte Hörer, da hat wohl einer das Goldene System entdeckt. Oder zumindest ein gutes Risikomanagement. Denn „irgendeinmal gewinnt man jedes Spiel“. Wo immer das gilt, am Spieltisch eher nicht. Zwar kommen ihm Zweifel, denn „Wunder geschehn selten auf dieser Welt.“

Oha, da hat wohl einer dem Puppenspieler von Mexiko nicht zugehört.

Wieder schlägt das Original ganz andere Töne an. Tony Christie gelang 1971 der Durchbruch mit der Komposition von Murray / Callander, bevor er ein Jahr später auch nach dem Weg nach Amarillo gefragt hat und nicht nach Reno wollte. Der Spieler bei Christie ist schon zu Beginn des Liedes pleite. „What a mess I’m in“. Er blickt zurück, vor einem Jahr begann er zum Zeitvertreib, und seitdem ist er süchtig und verliert alles, und kann sich dennoch nicht losreißen („I can never go“). Und sein Traum dreht sich nicht um Rosen, sondern darum, eines Tages alles niederzubrennen.

  • …und Kalifornien

Wir fahren weiter „auf der Straße nach San Fernando“. Das wäre von Las Vegas aus der Highway 15. San Fernando ist ein Vorort von Los Angeles, Michael Holm ist da unterwegs und nimmt eine Anhalterin mit. Sie bittet ihn, sie bis nach Mendocino mitzunehmen. Die Anhalterin steigt irgendwo wieder aus, der Sänger kann sich nicht lösen, und sucht sie. Er geht von Haus zu Haus in Mendocino. Das kann man dort schonmal machen.

Mendocino ist eine Art Künstlerkolonie nördlich von San Francisco und hat gerade mal 850 Einwohner. Er findet sie nicht. Träumt weiter, und fährt jeden Tag nach Mendocino, um wieder nach ihr zu fragen. Wahrscheinlich hat er an einem Haus nicht geklingelt. An welchem wohl?

Die Lösung ist im Original des Sir Douglas Quintetts zu hören: Da wird nicht vorher lange durch die Gegend gefahren. Sir Douglas bittet ein Mädchen, in seinem Liebesnest direkt am Fluss zu bleiben (Der Fluss, der bei Mendocino ins Meer mündet, heißt übrigens Big River, auch wenn er seinem Namen spottet).

Schnell sprechende Jungs mit roten Augen haben ihr zwar den Kopf verdreht, und er wundert sich drüber, aber dann lieben sie sich im Park, am Wegesrand.

Michael Holm fährt derweil noch im Kreis rum und putzt Klinken.

 

Was hab ich gelernt: Gleich dreimal sind die Originale deutlicher als die deutschen Coverversionen. In den populären Melodien verstecken sich deutliche Aussagen. Die Originale sind in psychologischer (Las Vegas), erotischer (Mendocino) und politischer (Albuquerque) Hinsicht den deutschen Versionen meilenweit voraus.
oder wie es in USA erklärt heißt: Wer unbedingt meint, von einem Hollywood-Film aus auf die Amerikaner oder das Wesen der USA schließen zu müssen, soll es doch bitte wenigstens auf der Grundlage des Originals tun und nicht mit Hilfe der deutschen Synchronisation.

USA erklärt

Vielleicht nehme ich diese Musik aber auch zu ernst.